Praxisreport Betriebsübergabe Nachfolgersuche im Handwerk: Wenn auch früh kümmern nicht hilft

Vor über zehn Jahren hat herwig* Danzer, Chef der Möbel­macher in Unterkrumbach, bereits kommuniziert, dass er auf Nachfolgersuche ist und eine Übernehmerin oder einen Übernehmer sucht. Interessenten gab es viele, doch bislang hat es einfach noch nicht gepasst. Ein Besuch bei einem Unternehmer, der darum kämpft, dass sein mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnetes Geschäftsmodell weiterbesteht.

Ute und herwig Danzer, Inhaber der Möbelmacher im fränkischen Unterkrumbach.
Weiterhin auf Nachfolgersuche: Ute und herwig Danzer, Inhaber der Möbelmacher im fränkischen Unterkrumbach. - © Stephan Minx

Das beschauliche Sittenbachtal, wenige Kilometer nördlich von Hersbruck im Nürnberger Land gelegen, präsentiert sich an diesem idealen Sommertag im Juli von seiner besten Seite. Wo, wenn nicht hier, ist der ideale Ort für einen Schreinerbetrieb, bei dem sich die Kunden ihre Massivholzküchen und -möbel aus dem Holz der umliegenden Wälder gestalten lassen können.

Ursprünglich hatte herwig Danzer in den achtziger Jahren mit der Fertigung von Holzspielzeug und einzelnen Möbelstücken nur sein Lehramtsstudium der Politik, Germanistik und Soziologie finanzieren wollen. Doch dann lernte er beim Drachenfliegen den fünf Jahre älteren Schreinermeister Gunther Münzenberg kennen. Sie freundeten sich an und stellten wenig später fest, dass beide sich ­außerhalb ihrer bisherigen beruflichen Pläne eine Zukunft vorstellen konnten: Gunther, weil er bei seinem aktuellen Arbeit­geber im Messebau einfach nicht seine Berufung sah – und herwig, der wegen der damaligen Abschaffung des Schulfachs Sozialkunde erst gar keine Chance hatte, in seinem eigentlich angestrebten Wunschberuf zu arbeiten.

Echte Nachhaltigkeit ohne Kompromisse

Was also tun, um die wenig motivierenden Zukunftschancen zu verbessern? Da herwig nicht nur viel Spaß und Freude an seinem „Nebenjob“ hatte, sondern auf seinem Atari-Computer sogar über eine Kundendatei verfügte, gründeten die beiden Freunde 1988 ihr eigenes Unter­nehmen: Unter dem Claim Die Möbelmacher – Alles Gute zum Einrichten“ wollten sie für ihre Kunden ausschließlich wohngesunde Materialien zu Möbeln und Küchen verarbeiten. Wie genau das für die damalige Zeit sehr innovative Geschäftsmodell tatsächlich gelebt wird, lässt sich erst beim Ortstermin an diesem sonnigen Julitag so richtig erkennen. Obwohl ich den Betrieb seit fast 30 Jahren kenne, verstehe ich erst beim Rundgang vollends, wie viele Puzzleteile für ein funktionierendes Nachhaltigkeitskonzept ineinandergreifen müssen.

Da ist zunächst das Holz, das von den örtlichen Forstbetrieben in ganzen Stämmen auf dem Betriebshof angeliefert, entrindet und anschließend mit einer mobilen Säge zu Brettern verarbeitet wird. Zwei bis vier Jahre, erzählt herwig Danzer, muss das Holz anschließend im riesigen Holzlager abliegen, bevor daraus dann Massivholzmöbel gebaut werden können. Um die individuellen Wünsche der Kunden bestmöglich zu berücksichtigen, suchen sich die Mitarbeiter im Lager das passende Rohmaterial. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die nach Danzers Aussage viel Erfahrung und Gespür für das Material und die Kunden erfordert: „Die einen bevorzugen eher ebenmäßige Oberflächen, die anderen entscheiden sich bewusst für Naturmerkmale wie kontrastierendes Kernholz und Astlöcher.“

Möbelunikate mit eigener Geschichte schaffen

In der Werkstatt, die auch als schönste Werkstatt Deutschlands ausgezeichnet wurde, dürfen die Kunden nicht nur persönlich erleben, wie ihre Traumküche oder das Möbelstück entsteht, sondern können ihre schadstofffreien Lieblings­stücke jederzeit auch zum Ausbessern, Aufhübschen oder Umbauen vorbeibringen. Hat der Kunde keine Verwendung mehr dafür, suchen die Möbelmacher im von herwig Danzer unterhaltsam aufbereiteten Newsletter, auf der Website oder bei Social Media nach neuen Abnehmern: „Unser Ziel ist es, den Kunden einen lebenslangen Service rund um die von uns gefertigten Möbel zu bieten.“

Beim Schlendern durch die Ausstellung und das zur Inspiration der Kunden komplett eingerichtete Musterhaus wird der Unterschied zu den klassischen Möbelhäusern greifbar: Jedes Stück hat eine eigene Geschichte und bietet nutzwertige Features, die sich deutlich von der Massenware unterscheiden. Die Liebe zum Detail hat natürlich ihren Preis: Nicht nur für die Kunden, die eine gewisse Zahlungsbereitschaft mitbringen müssen. Sondern auch für den Unternehmer, schließlich gilt es, das nachhaltige Geschäftsmodell jeden Tag ohne Kompromisse, aber mit Leidenschaft und Überzeugung zu leben.

Die beiden Freunde haben das 28 Jahre mit den üblichen Höhen und Tiefen des Unternehmerlebens geschafft. Als Gunther 2016 – wie schon lange verabredet – mit Ende fünfzig in den Ruhestand ging, war das gleich in mehrfacher Hinsicht ein großer Einschnitt. Einerseits musste herwig Danzer seinen ehemaligen Geschäftspartner auszahlen, andererseits brauchte er drei neue Vollzeitkräfte, um das Arbeitspensum des langjährigen GmbH-Mitgeschäftsführers abzudecken.

Das gelang zwar mit der Zeit ganz ordentlich, zeigte aber auch, dass es wohl eine Herausforderung werden würde, einen Nachfolger für das anspruchsvolle Geschäftsmodell zu finden. Da seine Tochter beruflich andere Pläne hatte, kommunizierte herwig Danzer schon vor mehr als zehn Jahren über die Nachfolgebörse Nexxt-Change, dass sie einen ­Käufer und Übernehmer für die Möbelmacher suchen.

Eine Nachfolgersuche mit vielen Interessenten mit Dollarzeichen in den Augen

Über 70 Anfragen gingen im Laufe der Zeit ein, schließlich ist der Betrieb über seine Website, den Newsletter und Blog sowie zahlreiche Auszeichnungen und TV-Berichte weit über das Nürnberger Land hinaus bekannt. Für ihr Geschäftsmodell erhielten die Möbelmacher sogar den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2025 in der Kategorie Wohnen und Einrichtung. Das brachte zwar viel Ruhm und Medienpräsenz, aber leider nicht die gewünschten Nachfolgekandidaten. Während wir uns in einer der Musterküchen unterhalten, bereitet der in zahlreichen Kochshows erprobte und ausgebildete Ernährungsexperte nebenbei das Mittag­essen zu – und erzählt launig von seinen über die Nachfolgebörse gewonnenen ­Interessenten.

Die meisten, so Danzer, hätten vor allem Dollarzeichen in den Augen: „Die wollen kaufen und dann die Gewinne rausziehen, der Rest interessiert sie nicht.“ Besonders amüsiert hat er sich über die vielen Fußballer, denen wohl ihre Berater gesagt haben, dass sie ins Handwerk investieren sollten. Natürlich wäre es auch denkbar, dass ein Investor die Möbelmacher kauft und einen eigenen Geschäftsführer einsetzt, doch das müsste dann jemand sein, der Nachhaltigkeit und Regionalität ohne Kompromisse lebt: „Wir brauchen jemanden, der hier vor Ort die Möbel verkauft oder anderweitig den nötigen Umsatz generiert“, skizziert der Unternehmer das Anforderungsprofil. Ich nicke wissend, schließlich habe ich jetzt vollends verstanden, was es bedeutet, ein nachhaltiger Möbelmacher zu sein.

Ukraine-Krieg lässt die Nachfrage nach hochwertigen Möbeln einbrechen

Als ich ihn frage, warum er sich beim Thema Nachfolgersuche so stresst, schließlich sei er doch auch erst 63, verweist er auf die angespannte wirtschaftliche Lage: „Während Corona hatten wir zwar die besten Jahre der Möbelmacher, doch das war viel vorgezogener Konsum. Seit die Russen die Ukraine überfallen haben, ist die Stimmung gekippt und die Nachfrage nach hochwertigen Möbeln eingebrochen.“

Nach zwei wirtschaftlich richtig schlechten Jahren, der Kündigung des Betriebsleiters und dem Unfall eines Meisters zogen herwig und Ute Danzer auf Anraten ihres Steuerberaters Anfang des Jahres schließlich schweren Herzens die Reißleine. Sie beschlossen die Auflösung der GmbH und kündigten ihren Mitarbeitern, die zu jeder Zeit vollends über die wirtschaftliche Situation informiert waren, zum 30. September 2026.

Da bin ich dann doch ein bisschen sprachlos. Sind es denn nicht genau die Werte der Möbelmacher, die die Kunden von einem Unternehmen heute erwarten und die in jedem Businessplan stehen sollten? herwig Danzer verweist darauf, dass sie mit ihren Küchen und Möbeln im Luxussegment tätig sind und eben nicht zu den Handwerkern gehören, die man zwingend braucht. Laut Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hat das Umweltbewusstsein beim Möbelkauf sogar zugenommen: 73 Prozent der von PwC befragten Möbelinteressenten gaben an, dass der Aspekt der Nach­haltigkeit für sie beim Kauf eine wichtige Rolle spielt.

Chance für die Nachfolgersuche: Attraktive Pachtlösung statt Kauf

Also alles gut für einen zukünftigen neuen Möbelmacher? Der in der Branche bestens vernetzte Unternehmer kennt diese Studien und weiß, dass es in der Theorie aktuell deutlich anders aussieht als in der Praxis: „Es braucht vielleicht wirklich ein moderneres Marketingkonzept und eine etwas andere Positionierung, um neue Kundengruppen zu erschließen.“

Während das Team bis zum 30. September 2026 noch alle bestehenden Aufträge in der bewährten Möbelmacher-Qualität fertigstellt, hat das Unternehmerpaar Zeit, eventuell doch noch einen Nachfolger zu finden und Alternativen zu prüfen. Ein vielversprechender Kontakt zu zwei jungen Schreinermeistern brachte leider keine Lösung, weil sie kurz vor meinem Besuch abgesprungen sind.

herwig Danzer wäre es am liebsten, wenn sich eine Schreinermeisterin fände, die den Nachhaltigkeitsgedanken weiterlebt, aber auch neue Impulse und Vermarktungskonzepte einbringt. Nachdem seit Kurzem alle Kredite abbezahlt sind, kann er potenziellen Übernehmern bei der Nachfolgersuche jetzt sogar eine attraktive Pachtlösung nahe an den Grundkosten anbieten. In der ehrlichen Hoffnung, dass die Nachfolge­rsuche doch noch zu einem guten Ende führt, verabschiede ich mich am frühen Nachmittag von herwig Danzer und danke ihm herzlich für das offene Gespräch.

Zukunftswunsch der Möbelmacher: Die Idee soll nach der Nachfolgersuche weiterleben

Auf dem Weg zum Auto treffe ich Ute Danzer. Sie weiß, wie sehr ihr Mann es sich wünscht, dass die Möbelmacher und ihr wirklich einzigartiges Konzept weiterbestehen. Sie selbst ist optimistisch, dass sich in Sachen Nachfolgersuche eine gute Lösung findet. So gab es bereits Gespräche mit einem gemeinnützigen Sozialträger über eine inklusive Werkstatt im Rahmen der Möbelmacher-Philosophie. Was auch immer die Zukunft bringen mag: Ohne die Möbel­macher und ihr Engagement für Umwelt und Region würde nicht nur dem malerischen Sittenbachtal, sondern auch dem gesamten Handwerk ein vorbildliches Unternehmen fehlen.

* eingetragener Künstlername

Zugehörige Themenseiten:
Geschäftsideen, Nachfolge, Nachhaltigkeit, Risikomanagement und Zukunftsperspektiven im Handwerk