Interview mit Peter Hertweck Betriebsnachfolge: Welche große Rolle digitale Technologien spielen

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Digitalisierung, Nachfolge, Wachstum und Zukunftsperspektiven im Handwerk

Geschäftsmodelle mit neuem Know-how zu verbinden, darin sieht Peter Hertweck, Unternehmensberater für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Geschäftsführer des Peter-Hertweck-Forums, den Weg, um die Nachfolge auch in Handwerksbetrieben zu regeln. Im Interview mit handwerk magazin stellt Hertweck einige Beispiele vor.

Peter Hertweck, Geschäftsführer des Peter-Hertweck-Forum. – © Peter-Hertweck-Forum

Im Mittelstand vollzieht sich derzeit in vielen Unternehmen die Machtübergabe an eine jüngere Generation. Beim Nachfolger-Forum 2021 wird dabei auch über Technologien diskutiert – wie kommen diese bei der Nachfolge ins Spiel?


Peter Hertweck: Gut eine halbe Million Unternehmen stehen zur Übergabe an und 40 Prozent davon werden keinen Nachfolger finden. Das hat auch damit zu tun, dass die bisherigen Geschäftsmodelle so keine Perspektive mehr haben. Derartige Businessmodelle mit neuem Know-how zu verbinden, bietet stattdessen neue Chancen für den Fortbestand und Unternehmensverkauf. Zum Beispiel lässt sich eine eigene Gründung mit dem Eintritt ins Familienunternehmen gewinnbringend vereinen, wenn es gelingt, Innovationen auf einst Bewährtem aufzubauen. Darin liegt immer wieder eine Chance für den Verkauf eines Unternehmens. Deshalb gilt es auch darüber nachzudenken.

Wie und welche Technologien können dabei helfen, die mittelständischen Betriebe voran zu bringen? Wie zählen diese zu einer nachhaltigen Geschäftsentwicklung dazu?


Innovationen brauchen Mut, Know-how und die passende Finanzierung. Deshalb brauchen wir in der Führung alle drei Attribute. Inspiriert von der Idee des offenen Quellcodes, veröffentlichte zum Beispiel Goldcorp, ein Bergbauunternehmen aus dem kanadischen Vancouver, sämtliche Daten über deren Untersuchungen von Goldvorkommen. Im Internet schrieben sie einen Wettbewerb aus und versprachen denjenigen, die die besten Vermutungen und Vorschläge zur Exploration neuer Vorkommen abgaben, ein Preisgeld von insgesamt 575.000 Dollar. Der Unternehmenswert vervielfachte sich dadurch von 100 Millionen auf 18 Milliarden Dollar. Dass solche partizipativen Wege auch bei Kleinunternehmen funktionieren, zeigen die Neupositionierung von Tante-Emma-Läden: Durch die Veränderung des Sortiments und Angebots wurden diese wieder attraktiv und wettbewerbsfähig. Und durch die Beteiligung der Bürger am Unternehmen konnte die Finanzierung sichergestellt werden.

Welche hiesigen Vorzeigebeispiele gibt es?

Nehmen Sie das Engelhorn Maßatelier in Mannheim. Die verbinden das Schuster-Handwerk mit Informationstechnologie und schaffen so eine rasche und kostengünstige Alternative zum traditionellen Maßschuh. Durch einen dreidimensionalen Fuß-Scan erstellen die Leisten, aus denen der Maßschuh bei Risch schließlich hergestellt wird. Auf diese Weise entstehen lebenslang haltbare Schuhe zu sensationellen Kosten und Preisen. Dadurch erschließt sich Engelhorn einen erweiterten Absatzmarkt.

Auch China soll auf dem Forum eine Perspektive für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) bieten. Inwiefern?

Herausragende Leistungen entstehen immer dann, wenn die passenden Ressourcen zusammenkommen und gemeinsam entwickelt werden. Als ein solcher Partner und – das zeigen wir auf unserem Nachfolger-Forum – verstehen sich chinesische Unternehmen. Dass das auch in kleineren Unternehmen möglich ist, zeigt Peter Jordan mit seinem Unternehmen Vital Office: Als Möbelhersteller produziert und vermarktet er mehr als ein Jahrzehnt Produkte in Deutschland und in China. Außerdem bieten chinesische Investoren weitere Chancen für den Verkauf eines Unternehmens.

Welchen Tipp haben Sie an Betriebschefs, die die Nachfolge jetzt klären müssen – auf was sollen Sie achten?

Veränderungen gab es zu allen Zeiten, noch nie aber in der heutigen Geschwindigkeit. 1998 war Kodak Weltmarktführer im Fotopapier und wenige Jahre danach pleite, obwohl das Traditionsunternehmen selbst die erste Digitalkamera erfunden hatte. Auf die KMU sehe ich eine riesige Bombe zufliegen, wenn sie an ihren Geschäftsmodellen festhalten und dabei transformations- und modernisierungsresistent bleiben und sich Neuem verschließen. Amazon hat die einstigen geduldigen Kunden verdorben und zu „Jetzt-und-sofort“-Erwartern gemacht. Wichtig ist es daher, diesen Kundenbedürfnissen zu folgen und das eigene Geschäftsmodell danach auszurichten.