Interview mit ICA-Chef Frane Maroević Bargeld: Was würde das Ende von Banknoten, Scheinen und Münzen fürs Handwerk bedeuten?

Wenn das Bargeld erst Geschichte ist, dann ... ja, was ist dann? Bedeutet das, dass wir beim Zahlungsverkehr abhängig sind von (überwiegend) amerikanischen Unternehmen? Dass wir vom Zahlungssystem ausgeschlossen werden können? Im Gespräch mit handwerk magazin erläutert Frane Maroević, Generaldirektor der International Currency Association (ICA), welche Folgen ein Ende des Bargelds hätte – für die Gesellschaft und für kleine und mittelständische Betriebe. Und er zeigt die Risiken auf.

Bargeld ist wichtig. Beispielsweise auch, weil es die Überwachung von Menschen durch Unternehmen und Staaten begrenzt.
Bargeld ist wichtig. Laut Frane Maroević beispielsweise auch, weil es die Überwachung von Menschen durch Unternehmen und Staaten begrenzt. - © cosmic edge-KI - stock.adobe.com
Kartenzahlung, Mobile Payment, digitale Kassen – bargeldloses Bezahlen ist längst Realität in vielen Betrieben im Handwerk. Doch es gibt Vorbehalte – sowohl auf Seiten der Unternehmer als auch auf Seiten der Kunden. Was das Handwerk über das Ende des Bargelds denkt, möchten wir in einer Kurzumfrage gerne wissen. Nehmen Sie bitte teil! Die Umfrage ist anonym und dauert keine Minute.

Wie bewerten Sie den Rückgang der Nutzung von Bargeld?

Frane Maroević: Die Zunahme digitaler Zahlungen ist unbestritten. Entscheidend ist, was daraus folgt. Ein einseitiger Rückbau von Bargeld schwächt die Ausfallsicherheit – also die Redundanz: ein zweites, analoges System, wenn digital ausfällt, erschwert Teilhabe und verengt die Datensouveränität.

Ist der Rückgang der Bargeldzahlung „natürlich“?

Das Bild vom „natürlichen“ Rückgang ist irreführend. Hinter dem Vorstoß zu bargeldlosen Zahlungen steht eine mächtige Digitalzahlungsindustrie. Sie möchte die Nutzung von Bargeld verringern und die Kontrolle über die Zahlungssysteme erlangen. Und das hat Folgen für Gebühren, Daten und Marktregeln. Sobald die Marktkontrolle erreicht ist, können diese Unternehmen die Bedingungen diktieren. Nicht ohne Grund meldeten die drei größten digitalen Zahlungssysteme allein im Jahr 2024 Gewinne von annähernd 30 Milliarden US-Dollar.

Die Entwicklung ist in weiten Teilen das Ergebnis gezielter Strategien großer Zahlungsanbieter. Sie sitzen meist im Ausland und haben ein rein kommerzielles Interesse, Bargeld aus dem Alltag zu verdrängen. Sie bieten subventionierte Terminals an, betreiben Lobbyarbeit für gesetzliche Änderungen und reduzieren parallel den Zugang zu Bargeld. Wer diese Zusammenhänge ausblendet, übersieht den Kern: Bargeld wird nicht „von selbst“ weniger, sondern es wird systematisch zurückgedrängt.

Wie kann die Digitalzahlungsindustrie den Zugang zu Bargeld reduzieren?

Das geschieht weniger über einzelne Instrumente als vielmehr über eine Kombination aus subventionierten Terminals, Einstiegsrabatten oder Konditionsmodellen zugunsten kartengestützter Zahlungen. An der Kasse wirkt das erst mal attraktiv, bis die Abhängigkeit, bei der Gebühren und Bedingungen leichter durchgesetzt werden können, zum Tragen kommt. Unsere Position ist daher klar: Eine robuste Zahlungsordnung braucht Koexistenz. Wer Versorgung mit Bargeld sichert, verhindert Abhängigkeiten – technisch, wirtschaftlich und sozial. Das ist besonders für das Handwerk relevant, wo Betriebssicherheit, Kundennähe und kalkulierbare Kosten keine Theorie sind, sondern Alltag.

Welche Vorteile hat Bargeld, die digitale Mittel nicht vollständig ersetzen können?

Bargeld ermöglicht sofortige Zahlungen ohne Zwischeninstanzen. Es ist unabhängig von technischen Störungen oder Netzwerkausfällen und gewährleistet Inklusion für all jene, die keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu digitalen Diensten haben. Und auch für jene, die bewusst auf digitale Abhängigkeit verzichten möchten. Hinzu kommt der menschliche Moment am Point of Sale: Für den Kauf eines Brotes braucht es kein Konto, kein Passwort, kein Gerät. Im Handwerk ist die Zahlung oft der letzte persönliche Kontakt, ein Ort für Vertrauen, Reklamationskultur, Kulanz. Digitale Wege können effizient sein, aber sie sind nicht neutral: Sie erzeugen Datenspuren, Gebühren und Abhängigkeiten. Bargeld ergänzt das System dort, wo Kontrolle, Einfachheit und Nähe zählen – und genau diese Mischung schätzen viele Kundinnen und Kunden.

Umfrage: Wie beurteilen Sie ein mögliches Ende des Bargelds?

Wie kann Bargeld mit digitalen Zahlungssystemen koexistieren?

Durch „Payment Choice“. Wo digital Vorteile bringt, sollte es verfügbar sein. Gleichzeitig muss Bargeld verlässlich nutzbar und verfügbar bleiben. Und zwar sowohl organisatorisch (Ein- und Auszahlungspunkte), als auch logistisch (Versorgung) und rechtlich (Akzeptanzrahmen). Für Kleinunternehmen heißt das: Kunden und Kundinnen nicht kanalisieren, sondern Optionen bieten. Für den Staat: Infrastruktur neutral sichern, Gebührenstrukturen überwachen, Ausfälle gedanklich mitplanen. Koexistenz ist keine Ideologie, sondern ein betriebswirtschaftliches Prinzip: Sie verteilt Risiken, begrenzt Kostenhebel Dritter und stärkt Vertrauen, weil Kundinnen und Kunden selbst entscheiden, mit Daten oder ohne Datenspur zu zahlen.

Was bedeutet eine bargeldarme bzw. bargeldlose Gesellschaft für die Souveränität?

Bargeldlosigkeit bedeutet, nationale und persönliche Zahlungsfähigkeit in die Hände privater, häufig ausländischer Konzerne zu legen. Das heißt: Zugang, Gebühren, Regeln und sogar die Datennutzung werden nicht mehr im eigenen Land entschieden, sondern in den Vorstandsetagen globaler Plattformunternehmen. Bargeld ist das einzige Zahlungsmittel, das unter öffentlicher Kontrolle steht. Es wird von einer Zentralbank ausgegeben und ist für alle verfügbar. Wer diese Option abschafft, gibt ein Stück wirtschaftlicher und politischer Souveränität ab. Für den Einzelnen bedeutet das: weniger Wahlfreiheit, weniger Privatsphäre, mehr Abhängigkeit. Für Staaten: ein Kontrollverlust über einen Teil ihrer kritischen Infrastruktur.

Welche Risiken birgt eine volle Abhängigkeit von digitalen Systemen?

Wir sprechen hier nicht von theoretischen Szenarien. Wir haben Ausfälle, Störungen und Zahlungssperren in vielen Ländern schon erlebt. Digitale Systeme haben immer einen „Single Point of Failure“: Ein technischer Defekt, ein Cyberangriff oder eine Netzstörung können landesweit Kassen lahmlegen. Hinzu kommt: Gebühren, Vertragsbedingungen und technische Standards werden extern festgelegt. Und wer die Datenströme kontrolliert, steuert indirekt auch die Kundenbeziehungen. Bargeld eliminiert dieses Klumpenrisiko: Es ist dezentral, unabhängig und jederzeit einsatzbereit, auch dann, wenn digitale Netze versagen.

Welche Gruppen wären von einem Bargeld-Aus besonders betroffen?

Bargeld ist für Inklusion unverzichtbar. Es bleibt das einzige vollständig zugängliche, universell akzeptierte Zahlungsmittel, das weder einen Ausweis noch eine Bonitätsprüfung oder Technologie erfordert. Bargeld ist verständlich, anonym und sofort wirksam. Es verlangt keine Verträge, Passwörter oder Hardware. Das reduziert Reibung im Alltag und schützt vor versehentlicher Exklusion. Daher ist es für vulnerable oder marginalisierte Gruppen besonders wichtig. Dazu gehören Ältere, Einkommensschwächere, neu Zugewanderte, Menschen ohne Konto oder mit eingeschränktem Zugang zu Geräten und Netzen.

Betroffen sind aber auch digitale Nutzer, sobald Infrastruktur ausfällt – das ist kein Randthema. Im ländlichen Raum spielt zudem die Netzqualität eine Rolle. Für uns als ICA ist klar: Wer heute bezahlen will, muss es ohne Hürden können – unabhängig von Einkommen, Technikaffinität oder Aufenthaltsstatus. Für kleine Betriebe hat das handfeste Vorteile im Alltag: weniger Abbrüche an der Kasse, weniger Erklärungen, mehr Kundennähe. Digitale Verfahren bleiben wichtig, aber sie ersetzen diese Eigenschaften nicht in jeder Situation.

Sollte der Zugang zu Bargeld gesetzlich garantiert werden?

Ja, die ICA befürwortet nachdrücklich eine gesetzliche Garantie. Ohne eine solche ist der Rückbau der Bargeldinfrastruktur nur eine Frage der Zeit, getrieben von Kostenoptimierung und Geschäftsinteressen. Sobald Filialen und Geldautomaten verschwinden, kehren sie in der Regel nicht zurück. Und wenn Händler keine rechtliche Verpflichtung mehr haben, Bargeld anzunehmen, schwindet die Akzeptanz oft schnell und unwiderruflich. Deshalb ist eine gesetzliche Sicherung kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für Versorgungssicherheit und Wahlfreiheit.

Wie sollten Zentralbanken und Regierungen dieses Spannungsfeld managen?

Sie müssen die Risiken einer bargeldlosen Gesellschaft erkennen und ein „duales Ökosystem“ fördern. Dieses sollte die digitale Innovation unterstützen und gleichzeitig eine robuste Bargeldinfrastruktur bewahren. Dazu gehören:

  • verlässliche Cash-Cycle-Infrastruktur

  • Transparenz und Aufsicht bei Gebühren- und Marktmachtfragen in privaten Netzen

  • Interoperabilität und Ausfallvorsorge

Wichtig ist Technologieoffenheit: keine Bevorzugung einzelner Geschäftsmodelle, sondern ein Regime, das Wettbewerb zulässt, Transparenz schafft und Redundanz als Qualitätsmerkmal begreift. So entsteht ein Zahlungsökosystem, das effizient ist – und krisenfest.

Wie sieht ein ausgewogenes Zahlungssystem der Zukunft aus?

Hybrid, offen und widerstandsfähig. Digitale Verfahren bringen Tempo, Daten und Bequemlichkeit. Bargeld liefert Resilienz, Inklusion und Vertrauensschutz. Ein gutes System kombiniert beides. So entstehen keine marktbeherrschenden Strukturen, Kosten bleiben im Rahmen und Nutzer haben eine echte Wahl. Für Handwerk und Handel bedeutet das: betriebliche Kontrollhoheit und kalkulierbare Abläufe. Für Bürgerinnen und Bürger: Zahloptionen mit und ohne Datenspur. Und für Staaten: Souveränität, die nicht an private Netze delegiert wird.

Über die ICA:

Die ICA vereint Unternehmen entlang der gesamten Bargeld-Wertschöpfungskette und bringt deren Expertise in Politik, Öffentlichkeit und Wirtschaft ein. Dabei liegt ihr Fokus nicht auf Nostalgie, sondern auf Systemqualität: Bargeld ist öffentliches Geld und ergänzt private, digitale Systeme um Resilienz, Inklusion und den Schutz der Privatsphäre. Die ICA fördert Best Practices, unterstützt den Dialog zwischen Zentralbanken, Regulierern und Marktakteuren und stellt belastbare Fakten bereit. Kurz: Sie setzt sich dafür ein, dass Zahlungsökosysteme ausgewogen bleiben. Die Folge sind Wahlfreiheit für Bürgerinnen und Bürger und betriebliche Handlungsfähigkeit für Unternehmen, insbesondere für kleine und mittlere Betriebe. Eines ihrer Hauptziele ist es, als globale Fürsprecherin für Bargeld zu agieren. Dabei arbeitet sie mit Industrie, Regierungen und anderen Interessengruppen zusammen. Ihr Ziel: Bargeld als eine zugängliche, verlässliche und widerstandsfähige Zahlungsoption zu erhalten.

Über Frane Maroević:

Frane Maroević ist Generaldirektor der ICA, der International Currency Association. Maroević bringt über 30 Jahre Erfahrung in den Bereichen Journalismus, Medienentwicklung und Pressefreiheit in diese Rolle ein. Zuvor war er als Geschäftsführer des International Press Institute tätig und entwickelte seine Leidenschaft für den Journalismus unter anderem beim BBC World Service in London. Im Nachkriegs-Bosnien und Herzegowina arbeitete er an der Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der Medienregulierung und verwaltete die Geberunterstützung für unabhängige Medien.

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