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Das Wirtschafts-Blog von Olaf Deininger Chefsache: Warum die Schwellenländer gerade in die Krise rutschen

Was macht die Wirtschaft? Wohin geht die Entwicklung? Wer sind die Treiber? Der aktuelle Wirtschafts-Blog von handwerk-magazin-Chefredakteur Olaf Deininger liefert Antworten und analysiert Hintergründe. Aktuell: Warum die Schwellenländer gerade in die Krise rutschen.

Themenseiten: TS Zukunftsperspektiven im Handwerk, Themenseite Digitalisierungsgrad der Gewerke und TS Konjunktur

Türkei, Argentinien, Venezuela, Brasilien, Russland, Südafrika, Indien und Indonesien: Die Schwellenländer rutschen ab. Sie leiden unter dem Wertverfall ihrer Währungen, einer galoppierenden Inflation, rückläufigen Börsenwerten und dem schwindendem Vertrauen der Anleger.

04.09.2018: Warum die Schwellenländer gerade in die Krise rutschen

Noch vor zehn Jahren galten diese Volkswirtschaften mit interessanten Wachstumsraten im Bruttosozialprodukt und den Wechselkursen ihrer Währungen als sicherer Tipp für Anleger. Doch das war einmal. Wie wir in den letzten Monaten immer deutlicher sehen.

Die Ursachen für diese Entwicklungen sind beinahe überall die gleichen: hohe Staatsverschuldung, zu viel Geld im Umlauf, Importüberschuss, instabile politische Verhältnisse, kaum Demokratie, geringe Rechtssicherheit, Willkür, mitunter Korruption, keine funktionierende Wirtschaft- und Sozialpolitik.

Das geht immer eine Weile gut. Meistens deshalb, weil die Märkte glauben, dass wirtschaftliches Wachstum ganz von selbst stabile Verhältnisse produziert. Etwa eine Mittelschicht entstehen lässt, die Unterschiede in einer Gesellschaft dämpft. Oder eine Wirtschafts- und Sozialpolitik entstehen lässt, die auf Vollbeschäftigung zielt. Dieser Ansatz nennt sich Konvergenztheorie. Sie besagt:

"industrialisierte Länder, die anfänglich unterschiedlich strukturiert sind, gleichen technischen und wirtschaftlichen Sachzwängen ausgesetzt und müssen daher ähnliche Lösungswege einschlagen: Die Wirtschaftsordnungen werden sich daher immer ähnlicher."

Doch jetzt sehen wir: So ist das nicht unbedingt. Zumindest dann nicht, wenn es in den entsprechenden Ländern mit der Demokratie und mit dem Rechtsstaat hapert. Denn oft steigt den Oligarchen ihr schneller Wachstumserfolg in den Kopf. Denn werden immer mehr Prestigeprojekte mit immer mehr gepumptem Geld finanziert. So lange, bis es nicht mehr geht. Genau das erleben wir gerade in der Türkei und den anderen Schwellenländern .

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14.08.2018: Warum die Türkei-Krise absehbar war

Nachdem der Wert der türkischen Lira am letzten Freitag um 15 Prozent einbrach, verlor sie am Montag noch einmal deutlich: Ein neuer Tiefpunkt einer bereits länger andauernden Talfahrt, die eigentlich nur sehr wenig mit Trumps Strafzöllen zu tun hat.

Um es vorweg zu nehmen: Die am Montag in Kraft getretenen und noch einmal verschärften neuen Strafzölle der USA auf Aluminium, Eisen und Stahl aus der Türkei sind es nicht. Sie sind bestenfalls der Auslöser dafür, dass sich die Talfahrt der türkischen Lira noch einmal beschleunigte.

"Große Wirkung, geringer Betrag", kommentierte Claus Kleber im heute journal die aktuelle Entwicklung: Denn laut der Nachrichtensendung macht der Wert des von der Türkei in die USA exportierten Stahls, Eisens und Aluminiums gerade einmal 0,7 Prozent der Gesamtexporte aus. Und das seien nur rund 980 Millionen Euro. Die Zölle darauf, vermeldete das ZDF süffisant, entsprächen gerade einmal der Summe, die Erdogan für seinen Präsidentenpalast ausgegeben hatte.

Das jetzige Problem zeichnete sich eigentlich schon lange ab. Nachdem Erdogan die Türkei 2002 vor einem Staatsbankrott rettete, führte er eine straffe und exportorientierte Wirtschaftspolitik ein. Um die Wirtschaft anzukurbeln und ein günstiges Investitionsklima zu schaffen, senkte er ab 2004 die Zinsen stark und begann die Geldmenge zu erhöhen. Einfach gesagt: Er druckte Geld.

Am Anfang ging das auf: Die Türkei konnte eine eigene Industrie aufbauen, den Anteil der Landwirtschaft an der Wertschöpfung reduzieren und den Tourismus voranbringen. Die Exporte stiegen und Devisen flossen ins Land. Erdogan konnte auch die Inflation von teilweise dreistelligen Prozentwerten in den 1990er-Jahren auf sieben Prozent reduzieren. Das Wirtschaftswachstum stieg bis auf knapp zehn Prozent im Jahr 2004.

Doch um seine Prestige-Projekte wie Brücken und Tunnels zu finanzieren, brauchte er weiter billiges Geld. Also ließ er den Zins niedrig und erhöhte weiter die Geldmenge. Dem Magazin Focus sagte am Montag der renommierte spanische Volkswirt, Fondsmanager und Autor Daniel Lacalle, dass die Entwicklung ein Beleg für die völlige Fehleinschätzung jener Experten sei, die behaupten, ein Land könne unbegrenzt viel Geld schöpfen, ohne dass es Risiken oder schlussendlich einen Zahlungsausfall gäbe. „ Die Geldmenge der Türkei hat sich in den vergangenen sieben Jahren verdreifacht“, so der Experte. Zuletzt war die Geldmenge auf den Rekordwert von 511,9 Milliarden Lira (65,5 Mrd. Euro) nach oben geschossen.

Doch mit der steigenden Geldmenge verlor die Lira zunehmend an Wert. Damit setzte ein Teufelskreis ein: Die Inflation kam zurück und beträgt heute rund 16 Prozent. Mit dem Wertverlust der Lira gegenüber Dollar und Euro stiegen die Schuldendienste der Devisendarlehen des Staates und vieler türkischer Unternehmen im Ausland stark an. Investoren zogen sich aus der Türkei zurück. Türkische Staatsanleihen stufte Moody's in diesem Jahr auf "Ramschniveau" herab. Mittlerweile muss die Türkei ihre Anleihen mit knapp 13 Prozent verzinsen, um Abnehmer zu finden.

Hinzukam, dass der Tourismus angesichts antidemokratischer und autokratischer Tendenzen in der Türkei schrumpfte. In den ersten neun Monaten des Jahres 2016 ging die Zahl der ausländischen Touristen um ein Drittel zurück. Die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus reduzierten sich von 24,9 Milliarden US-Dollar (Januar bis September 2015) auf 17,3 Milliarden Dollar (Januar bis September 2016). Damit fließen immer weniger der dringend benötigten Devisen in die Türkei.

Am Montag pumpte die türkische Zentralbank dann noch einmal Geld in den Markt. Erdogan erklärte, er werde den Zins als Mittel gegen die Inflation weiter niedrig halten. Die Folge: Der Kurs zeigt sich weiter im Sinkflug. Die Krise der Türkei ist also hausgemacht. Und: Die Rezepte von Erogan greifen nicht. Trump ist diesmal nur der Katalysator.

Neben sicherheitspolitischen Überlegungen (Türkei ist Nato-Mitglied) sind Europa und Deutschland auch wirtschaftlich von dieser Entwicklung betroffen: Hauptsächlich französische, spanische und italienische Banken sind in der Türkei investiert, also Gläubiger. Deutschland exportiert jährlich Waren im Wert von 21,5 Milliarden Euro in die Türkei. Das sind ca. 1,7 Prozenz unserer Gesamtexporten. Wichtigstes Exportland sind die USA, allerdings weit unterhalb der EU-Länder zusammengenommen.

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03.08.2018: Warum wir weniger arbeiten sollten, um mehr zu tun

Beim jährlichen Presse-Dinner setzt sich der Software-Hersteller und Fachverlag Haufe Lexware gerne mit Querdenkern auseinander. Diesmal mit dem jungen holländischen Philosophen Rutger Bregman, der unser Verständnis von Arbeit neu denken möchte.

Letzte Woche fand das Presse-Dinner statt, zu dem Haufe-Lexware einmal im Jahr in ein Münchner Lokal uns und etliche Kollegen aus der Computer- und Fachpresse einlädt. Das ist nicht nur ein nettes Abendessen, bei dem man auf eine entspannte Haufe-Geschäftsführung und viele nette Kollegen trifft. Haufe-Holding-Geschäftsführer Markus Reithwiesner gibt auch einen Einblick in das, was ihn in den letzten Monaten jenseits des Tagesgeschäfts und der Konzernsteuerung beschäftigt. Das lässt auch immer ein wenig in seine weltanschaulichen Ansichten blicken.

Im letzten Jahr präsentierten die Leute von Haufe Tim Leberecht (timleberecht.de). Einen Querdenker, der in seinem kleinen Vortrag der Runde erläuterte, warum wir angesichts einer zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung unseres beruflichen Alltags die „Romantik“ wieder neu entdecken müssten. Richtig! Gemeint ist die Romantik der Dichter Hölderlin und Novalis oder der Künstler Caspar David Friedrich und William Turner.

Einerseits sollten wir Menschen gar nicht erst mit Maschinen und Algorithmen konkurrieren, so Leberecht. Denn die können beispielsweise künftig – trotz heutiger Kinderkrankheiten – einfach besser und sicherer Autofahren, Daten von A nach B schieben, die Steuer ausrechnen, Ziegelsteinwände mauern und Autos zusammensetzen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, was wir Menschen wirklich besser als Maschinen können. Gedichte schreiben etwa. Oder Bilder malen.

Das klingt lustig. Und man kann natürlich einwenden, dass kein Haus mit einem Gedicht hergestellt werden kann. Was Tim Leberecht aber meint, ist, dass keine Maschine ein tolles Haus entwerfen kann. Oder einen Bauhaus-Freischwinger (der geniale Stuhl des Tischlers Marcel Breuer) entwerfen kann. Oder die einzigartige Positionierung eines Unternehmens erfinden. Oder das Design eines iPhones. Alles, was für das Geschäft wirklich wichtig ist, liegt in der Kreativität der Menschen, sagte Leberecht damals. Den Rest können wir getrost den Maschinen überlassen. Das klappt aber nur, wenn wir wieder zu der Arbeitsweise der Romantiker finden.

Ich fand diesen Ansatz damals so anregend für das Handwerk (und finde das noch), dass wir Tim Leberecht im Podiumsgespräch bei der Eröffnung der Internationalen Handwerksmesse in München im März dieses Jahres präsentieren konnten.

Letzte Woche überraschte nun Haufe-Chef Markus Reithwiesner mit einer kleinen Rede über den 1988 geborenen niederländischen Philosophen Rutger Bregman (rutgerbregman.com). In seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Utopien für Realisten“ heißt es in der Unterzeile: „ Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen“. Bregman ist ein spannender Zeitgenosse. Hier einige seiner Kernpunkte. Auf der Website des inzwischen eingestellten Magazins Neon schreibt Linus Günther (Headline: „Weniger arbeiten, um mehr zu tun“) über ihn:

Auf die Frage, wie viele Stunden er denn pro Woche arbeite, antwortet Bregman: "Ich glaube null", denn all seine Arbeit sei intrinsisch motiviert, als würde er spielen und nicht arbeiten. Und das sei seine Idealvorstellung für die gesamte Gesellschaft. Wenn jeder nur das machen würde, was ihm Spaß macht, würden wir sehen, wie viel Arbeit am Ende wirklich noch anfällt, die keiner machen will. Er glaubt, das wäre gar nicht so viel.

Im Klappentext zu seinem Buch wird Bregman mit dem Satz zitiert: „ Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“ Im Interview mit der Süddeutschen sagte er: „Jede zivilisatorische Errungenschaft war irgendwann eine utopische Fantasie", was die Kollegen sofort als Headline gesetzt haben. 

Ich bin jetzt nicht unbedingt ein Freund des bedingungslosen Grundeinkommens. Aber finde es klasse, wenn sich Geschäftsführer nicht nur mit kurzfristigen Zielen und Microverbesserungen der Geschäftsabläufe beschäftigen, sondern sich diesen gesellschaftlichen Fragen stellen. Denn mit solchen Überlegungen können wir die Wirtschaft weiterentwickeln und unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Und außerdem noch eine bessere Lebensqualität für alle schaffen und eine größere gesellschaftliche Gerechtigkeit herstellen.

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25.07.2018: Warum Facebook ein Problem von uns allen ist

Vorbereitung für ein Telefon-Interview mit Sygne Dorenburg , Sales Manager bei Facebook für KMUs, am morgigen Donnerstag. Es soll um kleine und mittlere Firmen gehen und deren Chancen durch Facebook. Wir verhandeln über die Fragen. Dabei sind mir einige Dinge über diese Plattform klargeworden.

Die PR-Agentur, die das Interview angeboten hatte, wollte die Fragen vorab. Ich hatte letzte Woche einen kleinen Katalog von Fragen geschickt, allerdings auch klar gemacht, dass ich jederzeit weitere Fragen, die sich spontan im Gespräch ergeben, stellen werde.

Facebook hätte am liebsten nur Business-Fragen, erklärten sie mir. Doch es geht mir auch um die gesellschaftliche Verantwortung der Plattform. Der Sprecher von Facebook versuchte mich davon abzubringen. Ich machte deutlich: Entweder wir sprechen über alle relevanten Themen. Oder wir lassen es ganz sein. Facebook stimmte dann zu.

Ich habe im Augenblick den Eindruck, dass sich Facebook gerne als reine technische Plattform sieht, die lediglich Funktionalitäten von Social Media zur Verfügung stellt und ansonsten mit den damit verbreiteten Inhalten nichts zu tun haben möchte. Ähnlich wie ein Kneipenwirt, der ja auch für die Gespräche an seiner Bar oder an den Tischen nicht verantwortlich ist. Das scheint plausibel. Scheint!

Kürzlich wurde nun Facebook-Chef Mark Zuckerberg gefragt, ob er etwa gegen Holocaust-Leugner auf seiner Plattform etwas unternehmen möchte, oder ob jeder jedes krude und falsche Zeug behaupten könne. Er sagte: Man werde keine Posts löschen. Auch keine offensichtlich oder objektiv falschen Posts. Auch die von Holocaust-Leugnern nicht. Was man tun werde: Der Algorithmus werde so eingestellt, dass diese Posts immer weniger Nutzern angezeigt würden.

Mit anderen Worten: Immer mehr Menschen sehen nur das, was sie selbst glauben. Falsche, krude, bösartige, rassistische, nazistische Standpunkte bestätigen sich damit immer stärker gegenseitig. Einfach gesagt: Hate-Speaker bestätigen sich gegenseitig. Und natürlich auch: Schönredner bestätigen sich ebenfalls gegenseitig. Die Filterblase wird immer enger und bestätigt die Menschen - im Guten wie im Schlechten. Und: Die Chance auf Widerspruch besteht immer weniger.

Das ist aus meiner Sicht ein Problem. Und zwar keines, was sich sich sozusagen nur auf dem Firmengelände von Facebook abspielen würde - und damit nur ein Facebook-Problem wäre. Es ist ein gesellschaftliches Problem! Warum?

Facebook kommt im Augenblick in Deutschland auf rund 27 Millionen Nutzer. Das sind knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung und knapp zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung. Weltweit kommt Google auf 2 Milliarden Nutzer. Die Weltbevölkerung liegt bei 7,6 Milliarden Menschen.

Bei diesen gigantischen Nutzerzahlen ist Facebook ein Teil unseres öffentlichen Raumes. Und so wie wir unseren nicht virtuellen öffentlichen Raum regulieren, etwa durch die Straßenverkehrsordnung oder durch Verordnungen, die regeln, wie lange Wahlkampfplakate aufgehängt werden dürfen, sollten wir auch diesen neuen, digitalen öffentlichen Raum regulieren. Die Presse kann man ebenfalls zu unserem öffentlichen gesellschaftlichen Raum zählen. Aus diesem Grund gibt es etwa ein Pressegesetz, das unter anderem festlegt, dass jedes Presseerzeugnis (man spricht hier bewußt nicht von Presseprodukt) eine verantwortliche natürliche Person haben muss (also keine Firma, keine Stiftung, sondern ein Mensch).

Was will ich damit sagen? Eine Plattform, auf der ein Viertel der Weltbevölkerung miteinander kommuniziert, ist keine Privatangelegenheit mehr. Vor allem dann, wenn die technischen Prinzipien, die dahinter stehen, darüber bestimmen, wie wir die Welt sehen und was wir für richtig und falsch halten. Es ist Sache von uns allen. Darum ist Facebook ein Problem von uns allen, ein Teil von uns allen, von unserer Gesellschaft - und muss deshalb dringend reguliert werden. Das kann nicht mehr den persönlichen Fähigkeiten oder Unfähigeiten von Mark Zuckerberg überlassen werden. Denn es besteht die Befürchtung, dass das technische Prinzip, das dahinter steht, die Menschen eher trennt, spaltet, entzweit, Vorurteile aufbaut und verstärkt und am Ende Solidarität und Zusammenhalt vernichtet.

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18.07.2018: Warum die Handwerksorganisation die Plattform-Revolution ernst nehmen sollte

Ich hatte es im Beitrag vom Samstag über die Pläne der DATEV bereits angedeutet, dass ich das Thema Plattform-Geschäft noch einmal aus Sicht des Handwerks genauer unter die Lupe nehmen werde. Hier will ich noch einmal definieren, was da gerade im Markt passiert.

DATEV-Vorstandschef Dr. Robert Mayr hatte es in der Rede auf der Pressekonferenz vergangenen Freitag bereits sehr gut auf den Punkt gebracht: „Wir sehen, dass diese sogenannte Plattform-Ökonomie in allen Branchen um sich greift.“ Das gilt aus meiner Sicht auch für das Handwerk.

Online-Plattformen bündeln Nachfrage und vermitteln sie an die Leistungsersteller weiter. Ein Beispiel: Manche Malerbetriebe, die vor etwa drei oder vier Jahren als erste erkannten, dass sich immer mehr Kunden für fugenlose Bäder interessierten und die Teile ihrer Website auf diese beiden Suchbegriffe hin optimiert haben, machten die Erfahrung, dass sich auf einmal Interessenten aus der gesamten Bundesrepublik bei ihnen meldeten. Es gab noch wenige Betriebe, die diese beiden Begriffe auf ihre Websites integriert hatten, also landeten Interessenten aus Flensburg oder aus Dresden auf der Website eines Betriebs in Reutlingen - oder umgekehrt. Hier fand also eine Bündelung von Nachfrage statt. Das ist grundsätzlich die Funktionsweise von Plattform-Business.

Nur dass es eben nicht mehr die einzelnen Betriebe sind, die diese Nachfrage auf sich ziehen, sondern große Plattformen - wie etwa der Badrenovierer Banovo oder der Heizungsbauer Thermondo (rund 60.000 Angebote in den ersten zwölf Monaten). Diese Plattformen können für ihre Dienstleistung mehr Mittel in Content-Marketing und Suchmaschinenoptimierung stecken, als einzelne Betriebe. Deshalb werden sie im Suchmaschinenranking meist auch besser abschneiden als der Betrieb. Eine Ausnahme gibt es: Sucht der Kunde bewusst mit einem Ortsnahmen (etwa: „Badrenovierung Freising“), hat der Betrieb noch große Chancen, vom Kunden gefunden zu werden.  

Was diese Entwicklung hin zum Plattform-Geschäft nun für die Betriebe bedeutet, lässt Vorstand Mayr ebenfalls durchblicken: „Was für den Kunden (von Online-Plattformen – Anm. des Autors) ein echter Mehrwert ist, bedeutet für den eigentlichen Leistungsersteller: Er verliert den direkten Kundenkontakt, verschwindet hinter der Plattform und wird auswechselbar.“ Das ist das, was vielen Betrieben blühen könnte, wenn die unzähligen Handwerks-Plattformen reüssieren. Die Plattform-Revolution marginalisiert die Betriebe, weil die Firmen den Markt- und Kundenzugang sowie die Hoheit über Kunden- und Auftragsdaten verlieren und zu simplen Produktionsfaktoren werden.

Wir sehen heute, wie Amazon dem Buchhandel zugesetzt hat. Oder etliche Reiseplattformen den Reisebüros. Oder: Würden Sie heute noch eine Videothek eröffnen? Aus diesem Grund plädiere ich dafür, dass die Handwerksorganisationen dringend darüber nachdenken, wie man den Handwerksbetrieben den Sprung in diese Plattform-Ökonomie ermöglicht.  

Erste, eher zaghafte Versuche gibt es schon: Der Fachverband der Tischler NRW ist – oder war – auf dem richtigen Weg. Denn die Website mehr-stauraum.de ist eigentlich genau die richtige Maßnahme, um Betriebe an der Plattform-Ökonomie teilhaben zu lassen: Eine starke Plattform sammelt die Menschen ein, die auf der Suche sind nach einem Dienstleister, der Einbaumöbel realisiert, und dabei den Begriff „Stauraum“ in Google eingeben. Ganz so, wie ich das oben am Beispiel der Suchbegriffe „Fugenlose Bäder“ oder „Fugenloses Bad“ erklärt habe.

Das Problem bei mehr-stauraum.de: die Landing-Page (so nennt man eine Seite, die Suchmaschinenreichweite, also die Leute, die nach etwas Bestimmtem suchen, einsammelt) wurde nicht weiterentwickelt, nicht suchmaschinenoptimiert, und wenn Sie heute „Stauraum“ bei Google eingeben, dann erscheint mehr-stauraum.de der NRW-Tischler gar nicht unter den ersten drei Seiten. „Stauraum“ ist ein wichtiges Keyword, das sich jetzt der Händler stauraum-shop.de, das Magazin Schöner Wohnen und Ikea unter den Nagel gerissen haben. Allerdings – und das gibt Hoffnung: Sucht man nach „Mehr Stauraum“, ist die NRW-Site gleich der erste Treffer. Hier wäre allerdings noch das Snippet zu optimieren.

Und noch ein anderer Aspekt dieses Themas: Weshalb gibt es eigentlich kein europäisches oder deutsches Google? Kein europäisches Facebook? Oder kein europäisches Amazon? Ganz einfach: Weil sich die europäischen Verlagsmanager viel zu lange gegenseitig darin bestätigt haben, dass das Internet überschätzt werde, man nicht jedem Hype hinterherlaufen sollte, es so schlimm schon nicht kommen werde und die Menschen auch weiterhin brav Gedrucktes kaufen und in die Läden strömen.

Das hat sich im Nachhinein alles als nicht richtig herausgestellt. Beim Plattform-Thema sollte es den Betrieben und der Handwerksorganisation nicht ähnlich ergehen.

  • Eine umfassende Analyse der Hintergründe der Plattform-Ökonmie finden Sie in unserer Juni-Ausgabe . Alle Trends und aktuellen Entwicklungen zum Thema erfahren Sie auf unserer Themenseite " Plattform Business "

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14.07.2018: Die DATEV steigt ins Plattform-Geschäft ein

Wenn alles wie geplant läuft, läutet die Jahrespressekonferenz der DATEV am gestrigen Freitag in Nürnberg wahrscheinlich eine neue Epoche in die Geschichte der Genossenschaft ein.

Denn dort stellte der Vorstandsvorsitzende Dr. Robert Mayr ein Projekt vor, das mit mit dem bisherigen Selbstverständnis der DATEV kaum möglich gewesen wäre. Doch eigentlich besteht das Projekt aus vier Einzelprojekten, die sich ergänzen sollen:

1. eine umfassende Online-Plattform inklusive App für die Organisation von privaten Finanzen – natürlich inkl. sämtlicher steuerlicher Aspekte. Zielgruppe - und das ist die erste Sensation: private Steuerbürger. Damit verlässt die DATEV ihr jahrzehntelang gepflegtes Dogma, ausschließlich im Business-to-Business-Markt aktiv zu sein.

2. eine Integrationsplattform, die für die neuen Consumer-Kunden alle finanziellen Partner einbinden können. Einfach gesagt: mit der oben beschriebenen Lösung sollen Kunden künftig in der Lage sein, auch die Transaktionen bei ihren unterschiedlichen Banken organisieren zu können. Kunden brauchen dann nicht mehr ihre Volksbank- oder Sparkassen-App starten, wenn sie eine Überweisung machen möchten. Das kann man künftig von der DATEV-App aus machen, die - logisch - bestimmte Transaktionen gleich für die Steuererklärung festhält. Beispiel: Werden etwa die Kosten für eine Weiterbildung überwiesen, merkt sich die Anwendung diesen Betrag gleich unter Werbekosten für die Einkommensteuererklärung oder für den Lohnsteuerjahresausgleich vor.

3. eine Plattform, die Steuerberatern neue Kunden generiert. Natürlich soll die Steuerbürgerplattform all jeden Nutzern, die keine Lust haben, ihre Steuererklärung selbst zu erstellen, den geeigneten Steuerberater vermitteln. Dabei werden dann nur solche Berater berücksichtigt, die bereits DATEV-Kunden sind und die - wenn der Nutzer dies wünscht - in der Nähe und gut zu erreichen sind. Doch nicht nur das.

4. eine Funktion zur Bewertung von Steuerberatern. Weiteres Kriterium neben DATEV-Zugehörigkeit und regionaler Nähe sollen auch Kunden- oder Mandanten-Bewertungen über Steuerberatern sein. Der Nutzer kann sich anzeigen lassen, wie zufrieden die Mandanten mit dem jeweiligen Steuerberater sind. Damit schafft die DATEV ein weiteres, diesmal vom Kunden selbst getriebenes Qualitätssicherungs-System. Sie sorgt damit auch für eine steigende Kundenorientierung der Kanzleien und Steuerberaterbüros sowie erhöht den Innovationsdruck auf die Berater.

Zur steigenden Relevanz der Plattform-Ökonomie für alle Branchen erklärte DATEV-Chef Mayr auf der Pressekonferenz: „ Was für den Kunden ein echter Mehrwert ist, bedeutet für den eigentlichen Leistungsersteller: Er verliert den direkten Kundenkontakt, verschwindet hinter der Plattform und wird auswechselbar. Wir sehen, dass diese sogenannte Plattformökonomie in allen Branchen um sich greift, auch vor der Steuerberatung macht sie nicht halt.“ Wer die gesame Rede lesen möchte: Hier geht es zur Quelle: https://www.datev.de/web/de/m/presse/im-fokus/aktuelle-themen/jahrespressekonferenz/dr-robert-mayr-vorsitznder-des-vorstands-datev-eg.html

Auch am Handwerk gehen diese Entwicklungen natürlich nicht vorbei. Das sehen wir etwa an Projekten wie der Heizungs-Installations-Plattform Thermondo (thermondo.de) oder am Badsanierungs-Portal Banovo (banovo.de). Dazu in Kürze mehr.

  • Eine umfassende Analyse der Hintergründe der Plattform-Ökonmie finden Sie in unserer Juni-Ausgabe . Alle Trends und aktuellen Entwicklungen zum Thema erfahren Sie auf unserer Themenseite " Plattform Business "

PS: Zu unserem gemeinsamen Projekt "DATEV Smart Transfer" zusammen mit Würth und DATEV erfahren Sie auf unserer Website in Kürze mehr.

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11.07.2018: Der Handelsstreit zwischen USA und China eskaliert

Nachdem die USA vergangenen Samstag die Sonderzölle auf eine Reihe von Produkten aus China in Kraft gesetzt haben, das Riesenreich darauf ebenfalls mit erhöhten Zöllen auf bestimmte US-Waren reagiert hat, legt US-Präsident Trump heute nach: Eine neue Liste definiert weitere Produkte, die in zwei Monaten mit Extrazöllen belegt werden sollen.

Neue alte Freunde: China braucht neue wirtschaftliche Verbündete. Denn seit Trump keine Eskalation im Handelskrieg scheut, sieht sich das Riesenreich zunehmend unter Druck. So warb Chinas Premier Li Kegiang beim Staatsbesuch Anfang der Woche in Berlin um die deutsche und die europäische Wirtschaft.

Deutsche Firmen unterzeichneten in Berlin rund 22 Abkommen mit chinesischen Unternehmen, darunter Kooperationsvereinbarungen für autonomes Fahren und die Entwicklung einer Plattform für das Internet der Dinge.

Eigentlich eine gute Gelegenheit, um mit China über die weitere Lockerungen der Bedingungen für Investitionen im Reich der Mitte zu sprechen. Denn bislang müssen westliche Unternehmen, die in China eigene Kapazitäten aufbauen wollten, stets eine chinesische Firma mit als Gesellschafter aufnehmen. Zwar wurde dieser Joint-Venture-Zwang gelockert, doch erst in 2020 soll die Senkung der Beteiligungsgrenzen für Nutzfahrzeuge kommen. Ab 2022 dann die Verringerung der Grenzen für PKWs und die Aufhebung der Beschränkung auf zwei Joint Venture Partner. Nach einer fünfjährigen Übergangsfrist sollen sämtliche Beteiligungsbeschränkungen entfallen.

Wohl im Gegenzug will der chinesische Konzern CATL für einen dreistelligen Milllionenbetrag die größte Akkufabrik Europas im thüringischen Erfurt bauen. Mitinvestor und erster Kunde ist BMW. Die Bayern wollen sich günstige Konditionen sichern und Akkus im Wert von 1,5 Milliarden Euro abnehmen, die in Deutschland in Automobile verbaut werden sollen.

Das zeigt auch, wie sehr wiederum die deutsche Automobilindustrie unter Druck steht: Denn hätte sie eigenes Know How, um Speicherzellen für Elektroautos zu bauen, würde BMW kaum den Bau des chinesischen CATL-Werk in Erfurt unterstützen.

  • Lieferanten der Automobilindustrie sollten als Risiko-Streuung über Diversifikation nachdenken. Tipps dazu auf unserer Themenseite Wachstum

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05.07.2018: Der IWF warnt vor einer Immobilienblase in Deutschland

In Deutschlands Großstädten seien die Haus- und Wohnungspreise schneller gestiegen, als dies durch Nachfrage und Fundamentaldaten erklärt werden könne, sagen die Experten des Internationalen Währungsfonds.

Die allgemeine bundesweite Preisentwicklung gäbe zwar keinen Anlass für Alarm, sagt der IWF. Doch für München, Hamburg, Frankfurt, Hannover, Stuttgart und Düsseldorf hätten sich die Kaufpreise ungewöhnlich stark erhöht - sowohl "im Verhältnis zu anderen Kennzahlen wie Einkommen oder Mieten, als auch im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten." Das veröffentlichte der Spiegel heute früh (IWF-Warnung: In deutschen Großstädten drohen Preisblasen) und zitierte damit den jährlichen IWF-Bericht zur Bundesrepublik, der heute veröffentlicht wurde und dem SPIEGEL vorab vorlag.

Am stärksten überbewertet seien die Preise laut IWF in München, wo im Jahr 2017 rund 46 Prozent über dem Niveau lag, das man aufgrund von Fundamentaldaten erwartet hätte. In Hannover, Hamburg und Frankfurt läge die Abweichung 25 bis 30 Prozent. In Stuttgart und Düsseldorf gebe es eine Überbewertung von 10 bis 15 Prozent, "allerdings scheine dieser Trend im vergangenen Jahr unterbrochen worden zu sein", schreibt der Spiegel.

Der Deutsche Welle veröffentlichte heute unter der Headline IWF: Mögliche Immobilienblase ein Risiko für deutsche Wirtschaft eine entsprechende Einschätzung der Bundesbank, wonach "das deutsche Finanzsystem einen Rückgang der Immobilienpreise um bis zu 30 Prozent verkraften" könne: "Die Kapitalausstattung der Banken sei dafür ausreichend, selbst wenn zeitgleich die Arbeitslosenquote auf acht Prozent hochschnellen sollte. Die Bundesbank hält 15 bis 30 Prozent der Wohnimmobilien - vor allem in Ballungsgebieten - für überbewertet."

Diese Entwicklung liefert Grund für Investoren und Anleger sich die individuelle lokale Standortentwicklung von Immobilien genau anzusehen und sich nicht auf eine automatische Wertsteigerung des Standortes allgemein zu verlassen.

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04.07.2018: Trauerarbeit und die neue deutsche Krankheit

Spiegel Chefredakteur Klaus Brinkbäumer schreibt über Innovationsfeindlichkeit als die neue deutsche Krankheit in Politik, Wirtschaft und im Fußball. Ein absolut lesenswerter Text.

Am Abend der entscheidenden Niederlage der deutschen Mannschaft und dem Ausscheiden des Teams aus dem Weltmeisterschaftsturnier dachte ich noch: Das wird morgen Staatstrauer geben. Doch einige Tage später musste ich feststellen: Nicht nur das. Denn mitten in die noch laufende Trauerarbeit krachte letzten Samstag der SPIEGEL mit einer beachtenswerten Titelgeschichte. Headline: „Fußball, Politik, Wirtschaft: Es war einmal ein starkes Land“. Illustriert wurde das Stück mit den verlaufenden Farben der Deutschlandfahne. Im Leitartikel auf Seite 6 fasst Chefredakteur Klaus Brinkbäumer die Thesen zusammen. Sein Fazit - das treffender nicht sein könnte - möchte ich Ihnen deshalb nicht vorenthalten:

„Die diversen deutschen Krisen verbindet die Tatsache, dass die Welt noch vor wenigen Jahren mit Ehrfurcht, zumindest mit Respekt auf Deutschland blickte: Angela Merkel war die Chefin Europas, deutsche Autos waren begehrt, der deutsche Fußball schien eine stabile Symbiose von Seriosität und Kreativität gefunden zu haben. Wenn es nun eine deutsche Krankheit zu beklagen gibt, dann diese: der sture Glaube an Bewährtes, an Strukturen, die einst funktionierten; die Verweigerung von Einschnitten und Veränderung. Es ist der Versuch, einen nicht konservierbaren Status quo irgendwie bitte, bitte doch zu konservieren; es ist die wütende Ablenkung durch aufgeblasene Konflikte um Identität und Abgrenzung. Es ist der Irrtum, dass Fortschritt ohne Störungen funktioniere. Den Deutschen scheint Innovationslust und Abenteuergier abhandengekommen zu sein – und ein wenig sogar ihr Fleiß und ihre Genauigkeit.“  

Wie wahr. Eine ausländische Tageszeitung - ich kann leider nicht mehr sagen welche - tröstete uns angesichts der Selbstdiagnose des SPIEGELS einige Tage später mit dem Satz (sinngemäß): "Ihr Deutschen, seid nicht so theatralisch". Auch wieder wahr.

Nachtrag: Wie recht Kollege Brinkbäumer hat, wenn er schreibt, dass die "wütende Ablenkung durch aufgeblasene Konflikte um Identität und Abgrenzung" ein Krankheitssymptom sei, sehen wir hier bei handwerk magazin ganz aktuell: Wegen einer jungen Frau mit einem Kopftuch - genauer einer Hidschab - auf unserem aktuellen Juli-Titelbild wirft uns die AfD Mittelsachsen vor, frauenfeindlich und diskriminierend zu sein. Hier unser Bericht: https://www.handwerk-magazin.de/afd-erregt-sich-ueber-juli-titelbild-von-handwerk-magazin/150/12/374118

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02.07.2018: EZB erreicht Inflationsziel und will bei Anleihepolitik bleiben

Vergangenen Freitag veröffentlichte das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg die aktuelle Entwicklung der Inflation bei den Verbaucherpreisen: Demnach wird die „jährliche Inflation im Euroraum im Juni 2018 auf 2,0 Prozent geschätzt, gegenüber 1,9 Prozent im Mai“. Damit übertrifft die Entwicklung leicht die Ziele der EZB.

Die Gründe für den Anstieg der Inflation liegen überwiegend in der Entwicklung der Energiepreise und hier hauptsächlich beim Öl: „Im Hinblick auf die Hauptkomponenten der Inflation im Euroraum wird erwartet, dass Energie im Juni die höchste jährliche Rate aufweist (8,0%, gegenüber 6,1% im Mai), gefolgt von Lebensmitteln, Alkohol und Tabak (2,8%, gegenüber 2,5% im Mai), Dienstleistungen (1,3%, gegenüber 1,6% im Mai) und Industriegütern ohne Energie (0,4%, gegenüber 0,3% im Mai)“, heißt es in der Pressemeldung.

Mit dem Wert von 2,0 Prozent wurde der von der Europäischen Zentralbank (EZB) im Euroraum angestrebte Wert von 1,9 Prozent leicht übertroffen. Die EZB gibt sich zuversichtlich, dass die Inflation auf diesem Niveau bleibt und kündigte im Juni das Ende ihrer Anleihekäufe (inzwischen mehr als zwei Billionen Euro) zum Jahresende an. Die Zinsen im Euro-Raum sollen aber bis mindestens „über den Sommer“ 2019 auf dem jetzigen Rekordtief verharren. Das scheint mittlerweile überholt.

Zum Hintergrund: Rund 2 Prozent Inflation sind für die EZB ein Zeichen für "stabile Preise", deshalb strebt sie diesen Wert an. Die Niedrigzinsen sollen für ein günstiges Investitionsklima sorgen. Mit den Anleihekäufen entschuldet die EZB die europäischen Staaten - auch die Bundesrepublik.

In einem am Samstag veröffentlichten Kommentar auf finanztreff.de (http://www.finanztreff.de/news/die-ezb-und-ihr-schlechtes-timing-ist-das-absicht/13185318) plädiert Clemens Schmale, Finanzmarktanalyst bei GodmodeTrader.de, für eine Fortsetzung der Anleihekäufe und legt dar, weshalb die Bunderepublik einerseits besonders davon profitiere, die hochverschuldeten Euro-Staaten im Süden andererseits nicht so stark:

„Bis Ende 2018 wird die EZB fast 2,2 Billionen Euro an Schulden vom Markt genommen haben. Allein auf Deutschland entfallen gut 500 Mrd. Das entspricht knapp 25 % aller ausstehenden Schulden der Bundesrepublik. Slowenien und die Slowakei haben noch mehr profitiert. Hier gehören der Notenbank dann 28,4 % bzw. 26,5 % der Schulden. Länder mit überdurchschnittlich hoher Verschuldung, z.B. Italien, profitieren weniger. Hier hält die Notenbank am Ende „nur“ 15 % der Schulden.

Länder wie Deutschland werden bei dem Programm begünstigt, weil sie einen hohen Anteil am Kapital der Notenbank haben. Nach dem Kapitalschlüssel entscheidet sich wie viel gekauft werden muss. Gleichzeitig ist die Verschuldung unterdurchschnittlich. Dadurch wird von der Notenbank ein überproportional hoher Anteil an den Schulden gehalten. Für hochverschuldete Länder hilft das QE Programm, ist aber am Ende nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Portugal ist mit 130 % seiner Wirtschaftsleistung verschuldet. 19 Prozentpunkte hält die Notenbank. Das lässt für Privatinvestoren immer noch über 110 %. Es ändert das Gesamtbild kaum."

Sein Fazit: "Die Zinsen werden frühestens im zweiten Halbjahr 2019 steigen. Das ist für die hochverschuldeten Staaten ein Lichtblick, aber vermutlich nicht genug. Die Wirtschaft beginnt sich gerade abzuschwächen. Robustes Wachstum hat im vergangenen Jahr die Verschuldung fast überall sinken oder stagnieren lassen. Langsameres Wachstum wird das erschweren. (... ) Die geldpolitische Wende kommt in einer kritischen Phase. Sie fällt in den Abschwung hinein."

Am gestrigen Sonntag veröffentlichten die Deutschen Wirtschafts Nachrichten eine Meldung (https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2018/07/01/ezb-kauf-aus-gewinnen-von-omt-programm-staatsanleihen/) , wonach die EZB auch weiter Anleihen kaufen wird:

„Die EZB hat ein Ende ihres umstrittenen Kaufprogramms von Staatsanleihen der Euro-Länder zum Ende des laufenden Jahrs in Aussicht gestellt. Trotzdem wird sie auf unabsehbare Zukunft weiterhin Staatsanleihen kaufen, indem sie Gewinne aus den bestehenden und zur Reife gelangenden Anleihen in neue Papiere investiert. Laut Notenbank-Direktor Benoit Coeure werden das 2019 immerhin rund 15 Milliarden Euro pro Monat sein.“

Damit drüfte Wachstumsförderung angesichts erster Anzeichen für eine sich abkühlende Konjunktur oberstes Ziel der europäischen Geldpolitik bleiben.

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01.07.2018: Trumps Embargo gegen den Iran treibt den Ölpreis

Um mehr als drei Prozent stieg der Preis für Rohöl diese Woche. Experten gehen davon aus, dass dies nur der Beginn weiterer Preiserhöhungen sein wird.

Rund 2,8 Millionen Barrel (159 Liter) Rohöl fördert der Iran jeden Tag. Diese Menge sei nicht durch freie Förderkapazitäten, die bei etwa rund einer Million Barrel pro Tag liegen, aufzufangen, sagt Carsten Fritsch, Commodity-Analyst bei der Commerzbank, im Deutschlandfunk. Hinzukämen Angebotsausfälle von Venezuela und Libyen. Besonders im nordafrikanischen Libyen dürfte der Kampf um die Vermarktungsrechte an Schärfe gewinnen. Das alles treibe den Ölpreis weiter.

Zwar will Trump dafür sorgen, dass Saudi Arabien und die Golfmonarchien ihre Fördermengen anheben, doch die OPEC kann kaum mehr als eine Million Barrel pro Tag zusätzlich liefern. Und diese Menge reicht nicht aus, um die Fördermenge des Iran auszugleichen. Weiter will Trump auf Fracking setzen, das bei steigenden Ölpreisen wirtschaftlich wieder attraktiv wird.

Der Barrel für Brent-Rohöl liegt im Augenblick bei rund 76 Dollar. Am Donnerstag war der US-Ölpreis mit 74,03 Dollar auf den höchsten Stand seit dreieinhalb Jahren gestiegen. Nordseeöl nähert sich unterdessen der 80-Dollar-Marke. Commodity-Analyst Fritsch kann sich Barrel-Preise im dreistelligen Bereich vorstellen. Ein solcher Ölpreisschock würde die Inflation nach oben drücken, die Zinsen treiben und die Konjunktur drücken. Fritsch spricht von einer "schweren Belastung der Weltwirtschaft".

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30.06.2018: Zeitenwende? Zeitenwende! Deshalb dieser Blog

Hätte man mir letzten Sommer gesagt, dass wir uns ein knappes Jahr später in einem mehr oder weniger offenen Handelskrieg mit den USA befinden, hätte ich nur ungläubig den Kopf geschüttelt. Gleiches gilt, wenn man mir gesagt hätte, dass Europa oder gar die Union wegen der Flüchtlingsfrage auf der Kippe stehen. Beide Themen drücken auf den DAX, den Euro-Kurs und die Geldmärkte. Und während wir Extrazölle auf Harley-Davidson-Motorräder und Erdnussbutter erwägen, hebt die us-amerikanische Notenbank den Leitzins schrittweise vierteljährlich an und die deutschen Wirtschaftsinstitute diagnostizieren eine Konjunkturwende für die deutsche Industrie.

Die Wirtschaft wird immer komplexer und unübersichtlicher. Vielleicht auch unberechenbarer. Es scheint: die Gewissheiten der Vergangenheit gelten immer weniger. Damit entstehen eine Menge Fragen: Was bewirkt die Zinswende? Kommt die Konjunkturwende beim Handwerk an? Und wenn ja, wann? Was bedeutet die Rückkehr der Inflation? Frisst die europäische Schuldenkrise Ihre Altersvorsorge?

Weil diese und andere Fragen immer drängender werden, will ich ab sofort mehrmals die Woche den Versuch machen, das aktuelle Wirtschaftsgeschehen zu analysieren und einzuordnen. Dazu zählen Entwicklungen in der Wirtschaft, auf den Geld- und Aktienmärkten und natürlich auch in der Wirtschaftspolitik. Und das selbstverständlich aus der Sicht des unternehmerischen Mittelstandes.

Es geht aber auch um Hintergründe: Welche Treiber und welche dahinterstehenden Interessen bestimmen die wirtschaftliche Entwicklung? Was bedeutet das für Sie und ihr Unternehmen? Denn auch Sie und Ihr Unternehmen sind von den makroökonomischen Entwicklungen betroffen. Das zeigt sich besonders im Geld-, Aktien- und Rentenmarkt sowie bei Fragen der Altersvorsorge und der Geldanlage. Damit wird die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung zur Chefsache.

Schreiben Sie mir gerne, wenn Sie Anregungen haben, eigene Beobachtungen beisteuern möchten oder etwa zu anderen Bewertungen kommen. Ich freue mich auf Ihr Feedback.

Olaf Deininger
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