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Interview "Nicht mehr nur den Daten folgen"

Tim Leberecht, bekannter Autor und Berater, ist dieses Jahr einer der Diskutanten bei der Eröffnungsveranstaltung der Internationalen Handwerksmesse in München. Er ist einer der scharfsinnigsten Vordenker für einen neuen Humanismus in Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Automatisierung und Künstlicher Intelligenz.

Tim Leberecht ist der Meinung, dass menschliche Eigenschaften und Emotionen in der Arbeitswelt kultiviert werden müssen. Denn er ist davon überzeugt, dass Technisierung und Digitalisierung uns wieder stärker zu Fragen der Motivation bringen.

Ein Interview mit Tim Leberecht

Es schneit an diesem kalten Samstagvormittag in Berlin Mitte. Tim Leberecht kommt fröstelnd in der Lobby des Hotels Titanic an. Er ist seit gestern erst aus einem warmen Texas zurück und ist die Strecke von seiner Wohnung ins Hotel durchs Schneegestöber gelaufen.

Herr Leberecht, was ist Business-Romantik?

Tim Leberecht: Es ist zunächst eine Antwort auf die Entzauberung, die überall stattfindet. Studien sagen uns, dass immer mehr Mitarbeiter nicht mehr voll engagiert sind, dass die psychischen Krankheiten zugenommen haben. Dadurch schöpfen wir unser menschliches Potenzial immer weniger aus. Ein zweites Phänomen ist eine Entzauberung der Arbeit durch die Digitalisierung, durch die Algorithmisierung, durch digitale Technologien, die Effizienzzwänge noch einmal skaliert haben. Das führt dazu, dass wir uns zunehmend im Wettbewerb mit smarten Maschinen sehen.

Wie sollten wir damit umgehen?

Wir sollten nicht in Konkurrenz zu den Maschinen treten. Denn sie sind immer effizienter als wir. Die Antwort ist eigentlich: Menschlicher werden! Und das bedeutet, unsere emotionalen Innenwelten abzuspiegeln. Wie man die Arbeit macht, sollte wieder mehr in den Vordergrund treten, und nicht nur die Frage, was man macht. Und hier kann man zehren von dem Gedankengut der romantischen Bewegung, die in Deutschland vor 200 Jahren sehr prominent stattfand. Dazu gibt es sehr interessante Parallelen. Die Romantiker wandten sich damals gegen die Aufklärung mit ihrem reduktionistischen, sehr rationalen und sehr mechanischen Menschenbild. Demgegenüber setzten die Romantiker auf eine Entgrenzung des Menschen, stellten eine Emotionalisierung und eine Subjektivierung dagegen. Und genau das sehe ich als den Pfad für die Umbruchphase, in der wir jetzt sind. Das sind genau die Werte, die wir stärker in die Arbeitswelt holen müssen: Etwa, dass auch die subjektive Wahrheit wieder gilt. Gerade dann, wenn immer mehr wirtschaftliche Erfolge auf Disruption beruhen. Oder dass Menschen, die sich als romantisch bezeichnen, sich in der Arbeitswelt die Freiheit herausnehmen, nicht nur den Daten zu folgen, sondern mehr auf ihre Intuition hören. Oder dass wir die ganzen Gefühle und Emotionen, die wir lange Zeit aus der Arbeitswelt ausgeklammert haben, wieder in die Arbeitswelt holen.

Studien behaupten, dass die „Generation Z“ kaum noch Interesse an einer Selbstverwirklichung im Beruf habe. 

Kann ich nicht bestätigen. Denn andere Studien belegen, dass unter den Millennials rund 60 Prozent Gründer sein wollen. Diese Start-up-Welt ist ja sehr attraktiv geworden. Das scheint der neue Pfad der Selbstverwirklichung zu sein. Er hat sich weg von der Karriere im Unternehmen entwickelt, hin zur Eigengründung und zur Unabhängigkeit. Das trifft auch auf die „Generation Z“ zu.

Man muss die richtige Balance finden

Wenn sich viele Menschen wieder nach einer emotionaleren, wärmeren Arbeitswelt sehnen, wie kann man so etwas schaffen?

Man braucht Gründer und Geschäftsführer, die mit dem Herzen dabei sind, die an die Seele des Unternehmens glauben und die Firma nicht nur als Maschine sehen, sondern als einen Organismus, als einen Garten, in dem sie die Gärtner sind. 

Damit entstehen ganz neue Fragen, etwa nach Identität und Werten.

Genau: Wer sind wir? Wofür stehen wir? Wie behandeln wir Mitarbeiter und Kunden? Was haben wir für Werte? Kunden folgen einem Unternehmen nicht nur ausschließlich wegen der Qualität der Produkte, sondern vor allem auch wegen seines Charakters. 

Wo finden wir diese Haltung?

Man findet sie oft bei familiengeführten Unternehmen. Sie ist auch stark im Unternehmerbegriff verwurzelt. Denn viele sehen, dass sie eine Balance finden müssen zwischen Effizienzzwängen, Umsatz und Gewinnorientierung auf der einen Seite und einer sinnstiftenden Kultur auf der anderen.

Wie könnten die ersten Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel aussehen?

Nicht an den vermeintlich unwichtigen Sachen sparen, wie etwa der Weihnachtsfeier, einem gemeinsamen Ausflug oder ganz allgemein Begegnungen zwischen Menschen auf der Arbeit ermöglichen.

Mehr tun als eigentlich notwendig ist

Ist Leidenschaft für den Beruf wichtig? Müssen Unternehmer begeistert sein, um andere zu begeistern?

„Für etwas brennen“ ist eine schöne deutsche Formulierung. Das ist total wichtig. Denn man „brennt“ nur, wenn man von etwas überzeugt ist, und von seiner positiven Wirkung auf andere und auf die Gesellschaft, wenn man im Kern davon überzeugt ist, dass das eigene Tun sinnvoll ist. Rituale sind außerdem wichtig, insbesondere dann, wenn sie keinem funktionalen Zweck dienen. Alles, was in der Wirtschaft und Arbeitswelt geschieht, muss ja sonst immer zweckdienlich sein. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen zweckdienlich und sinnvoll. Sinnvoll ist emotional bereichernd, inspirierend. Es tut unserer Seele gut, nicht nur unserem Geldbeutel.

In einem Vortrag berichten Sie vom Joghurt-Hersteller Chobani, der überraschend, ohne äußeren oder inneren Druck Mitarbeiteranteile ausgab.

Romantik bedeutet, mehr zu tun, als notwendig ist. Das ist eigentlich ein Verstoß gegen das wirtschaftliche Gesetz. Großzügigkeit bricht dieses Prinzip auf: Man gibt mehr, als man bekommt oder bekommen soll. Deshalb war diese Aktion sehr sinnvoll. Denn sie war nicht philanthropisch in dem Sinne, dass das Unternehmen etwas zurückgibt, aus dem was es erwirtschaftet hat, sondern eben ein Geschenk, eine Überraschung. Und das löst Freude aus. Denn man fühlt sich als Teil einer Organisation, wo solche Gesten überraschend geschehen können.

Die meisten Mitarbeiter wollen wirksam sein. Laut Studien sei das sogar mitunter wichtiger als Geld.

Wirksamkeit und Autonomie, also selbstständig Entscheidungen treffen zu können, sind die beiden zentralen Aspekte für Mitarbeiterzufriedenheit. Außerdem müssen wir darüber nachdenken, ob wir andere Indikatoren für Erfolg und Wirksamkeit brauchen. Man müsste konsequenterweise eigentlich im Innenleben einer Firma abbilden, wie wichtig jemand etwa für das Betriebsklima ist. Oder ob jemand einen Beitrag für die Motivation anderer leistet.

Vielen Dank für das Gespräch.

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