Ruhestandsplanung Altersvorsorge von Unternehmern: Betriebsverkauf und Immobilien reichen nicht – welche Strategie wirklich trägt

Knapp die Hälfte der Unternehmer im Handwerk ist mit ihrer voraussichtlichen Altersversorgung unzufrieden. Und viele setzen auf den Betriebsverkauf oder Immobilien – doch beides birgt Risiken. Warum die Rente oft nicht reicht, was eine gute Altersvorsorge von Unternehmern im Handwerk ausmacht und welche Strategien tatsächlich helfen.

Für die Altersvorsorge ist der Betrieb meist nicht genug.
Für die Altersvorsorge von Unternehmern ist der Betrieb meist nicht genug. - © obsuronata - stock.adobe.com

Mini-Altersvorsorge von Unternehmern mit kleineren Betrieben – ein strukturelles Problem!

Selbstständige Handwerker können nach 18 Beitragsjahren aus der gesetzlichen Rente aussteigen. Und genau das tun viele: Laut einer Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) entscheidet sich nach der Befreiung nur etwa ein Viertel der Handwerker, weiterhin freiwillig in die Rentenversicherung einzuzahlen.

Wer ein zulassungsfreies Handwerk oder ein handwerksähnliches Gewerbe betreibt, ist von vornherein nicht pflichtversichert – und fällt damit komplett durchs Raster der gesetzlichen Absicherung. Eine private Altersvorsorge von Unternehmern ist daher ein Muss.

Rentenlücke ist in Deutschland besonders hoch

Gleichzeitig gehört, laut einer aktuellen Analyse von DataPuls, Deutschland zu den Ländern mit der größten Rentenlücke in Europa: Die durchschnittliche gesetzliche Altersrente beträgt 19.138 Euro pro Jahr – während die geschätzten jährlichen Lebenshaltungskosten eines über 60-Jährigen bei 28.663 Euro liegen. Das Rentendefizit beläuft sich im Schnitt somit auf 33 Prozent.

„Es wird oft nicht lange genug und zu wenig eingezahlt", fasst Prof. Dr. Kilian Bizer, Direktor des ifh Göttingen ein Kernproblem der Altersvorsorge von Unternehmern zusammen. Die Folge: Allein die gesetzliche Rente reicht für eine auskömmliche Altersabsicherung meist nicht aus. Das bestätigt auch die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) ausdrücklich. Dabei gehe es nicht nur um die Altersrente: „Wer keine Pflichtbeiträge mehr zahlt, verliert nach spätestens zwei Jahren auch den Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente. Ein Risiko, das viele Handwerker unterschätzen“, warnt Katja Braubach, Rentenexpertin der DRV, und sie rät, das Risiko für die volle oder teilweise Erwerbsminderung privat abzusichern.

Der größte Fehler bei der Altersvorsorge von Unternehmern

"Der größte Fehler", weiß Alexandra Huhle, Certified Financial Planner bei Müller & Veith Investment in Wiehl, "ist gar nicht erst anzufangen." Sie erlebe in ihrer Beraterpraxis, dass sich Unternehmer oft erst mit 50+ Gedanken um ihre Altersvorsorge machen. "Meist gibt es einen Anlass, ein Bekannter verstirbt und hat seinen Nachlass nicht geregelt, oder jemand aus dem Bekanntenkreis kommt plötzlich in finanzielle Nöte. Das ist dann der Moment, der auch das Umfeld zum Nachdenken bringt", erzählt sie. Und Huhle hat auch gleich einen Tipp für Unternehmer: "Wer aus der gesetzlichen Rente fällt, sollte gleich anfangen mit der Altersvorsorge, so wie er es für richtig hält – optimieren kann man später."

Was Unternehmer im Handwerk wirklich für die Altersvorsorge tun

„Die Realität der Altersvorsorge von Unternehmern im Handwerk ist stark von der Betriebsgröße abhängig“, sagt Jeannette Peters von JPeters Consult. Sie ist Strategieberaterin und Expertin für Betriebsnachfolge im Handwerk. Kleinere Betriebe – oft Einzelunternehmen mit wenigen Mitarbeitenden – wirtschaften häufig nach dem Prinzip: „Es ist alles meins, es reicht, ich lege mir ein bisschen was zurück." Eine systematische Vorsorgestrategie fehlt. Peters weiß aus ihrer langjährigen Beratertätigkeit: „Diese Einzelunternehmer bauen ihren Betrieb voll funktionsfähig auf und können dann ganz gut davon leben. Aber oft fehlt ihnen der Impuls oder der Anlass, systematisch vorzusorgen."

Ab einer Betriebsgröße von etwa 20 Mitarbeitenden ändere sich das Bild. Hier gebe es häufiger Kapitalgesellschaftsstrukturen, die Inhaber sind als Geschäftsführer angestellt und profitieren von sozialversicherungsrechtlichen Vorteilen. „Ab dieser Größe sorgen die Inhaber meist besser vor", fasst Peters zusammen. Die Vorsorge verteile sich dann zu etwa zwei Dritteln auf private Absicherung und zu einem Drittel auf die gesetzliche Rente.

Auch eine ifh-Studie von 2019 bestätigt: „Es gibt einen klaren positiven Zusammenhang zwischen der Betriebsgröße und dem Umfang der privaten Vorsorge“, erklärt Bizer. Das hänge auch mit den monetären Möglichkeiten zusammen: „Soloselbstständige, deren Zahl sich infolge der Deregulierung der Handwerksordnung 2004 zwischen 1995 und 2010 verdreifacht hat, erzielen im Durchschnitt weniger Einkommen als abhängig Beschäftigte. Ihnen fehlt schlicht die finanzielle Basis für Rücklagen“, erklärt der Professor.

Die Immobilie: Warum sie zur Altersvorsorge von Unternehmern im Handwerk nicht ausreicht

Immobilien haben unter Unternehmern, speziell im Handwerk, traditionell einen hohen Stellenwert als Altersvorsorge. Selbstgenutzte Wohnimmobilien und Betriebsimmobilien gelten als solide Wertanlage. Peters bestätigt: „Das begegnet mir in der Praxis oft. Die Immobilie ist ein traditioneller Wert. Viele Handwerker schützen ihre Betriebsimmobilien gezielt – etwa durch Übertragung auf den Ehepartner, um sie vor dem steuerlichen Zugriff oder vor einer Betriebsveräußerung für sich zu bewahren.“

Doch die Immobilie als alleinige Vorsorgestrategie hat Tücken. Die ifh-Studie zeigt: Auch wer Immobilien und Lebensversicherungen hat, erreicht oft nicht die Beiträge, die nötig wären, um die Lücke der gesetzlichen Rente vollständig zu schließen. Hinzu kommen Risiken, die in der Praxis häufig übersehen werden: Was passiert bei einer Trennung, wenn die Betriebsimmobilie auf den Ehepartner übertragen wurde? Hier liegt emotionaler Sprengstoff. Ebenso, wenn der Ehepartner deutlich jünger ist und die Immobilie beim Betriebsverkauf nicht mit veräußert wird. Und was, wenn die Immobilienpreise – wie in den vergangenen Jahren geschehen – schwanken? Bei Soloselbstständigen gelinge der Vermögensaufbau über Immobilien ohnehin deutlich seltener als Selbstständigen mit Angestellten oder im Angestelltenstatus.

Der Betrieb als Altersvorsorge im Handwerk: Die große Illusion

Viele Unternehmer betrachten ihren Betrieb als wichtigsten Baustein der Altersvorsorge. Die Idee: Jahrzehntelang aufbauen, dann gewinnbringend verkaufen und vom Erlös im Alter leben. Doch Peters ist hier unmissverständlich: „Den Betriebsverkauf als Altersvorsorge einzuplanen halte ich für grundsätzlich unrealistisch und riskant."

Die Gründe sind vielfältig:

  • Erstens überschätzen Betriebsinhaber regelmäßig den Wert ihres Unternehmens. „Der ideelle Wert ist hoch, der materielle meist kleiner als gedacht“, weiß Peters. Maschinen sind nach zehn oder 15 Jahren veraltet, ebenso das Inventar und ob die erfahrenen Mitarbeiter vom Käufer wertgeschätzt werden, ist auch nicht garantiert.

  • Zweitens sei die seriöse Bewertung eines Handwerksbetriebs – etwa durch die Handwerkskammern – noch lange nicht identisch mit dem tatsächlich erzielbaren Kaufpreis.

  • Drittens plane man die Altersvorsorge typischerweise 35 Jahre im Voraus. „Es ist völlig unrealistisch, 35 Jahre vor dem Verkauf eine Summe X für die Altersvorsorge zu berechnen", macht Peters klar.

Das ifh Göttingen unterstreicht diese Einschätzung mit Blick auf den demografischen Wandel: „In den kommenden Jahren wird eine steigende Zahl von Betrieben zur Übergabe anstehen. Doch nicht alle werden erfolgreich übergeben werden können – Konsolidierungsprozesse, gerade in Ostdeutschland, sind absehbar. Der Mitarbeiterstamm stellt dabei häufig den interessantesten Gegenwert für potenzielle Übernehmer dar, nicht Maschinen oder Inventar“, sagt Professor Bizer.

Die Steuern im Blick bei der Altersvorsorge von Unternehmern

Auch die Übergabe an die eigenen Kinder ist kein Selbstläufer – schon gar nicht für die Altersvorsorge. Denn selbst eine Schenkung ist rechtlich ein Veräußerungsvorgang, der vertraglich geregelt werden muss – und meist eine Steuerpflicht nach sich zieht. Kinder haben oft nicht das Kapital, den Betrieb abzulösen – sie brauchen Bankfinanzierungen und Fördermittel, etwa über die KfW oder die Bürgschaftsbanken der Länder. Und dann gibt es noch einen Fakt zu bedenken – Peters weist auf die unbequeme Wahrheit hin: „75 Prozent der Übergaben scheitern nicht an steuerlichen oder finanziellen Problemen, sondern an den Familiendynamiken."

Das Timing-Problem: Zu spät beraten, zu spät gehandelt

Ein besonders gravierendes Problem der Altersvorsorge von Selbstständigen ist das Timing. Beratungsangebote – ob von Verbänden, der Deutschen Rentenversicherung oder den Handwerkskammern – werden laut Experten kaum genutzt oder erst kurz vor dem Ruhestand in Anspruch genommen. Die ifh-Daten zeigen, dass die Inanspruchnahme von Rentenberatungen über die gesamte Erwerbsphase hinweg auf einem konstant niedrigen Niveau verharrt. „Ein spürbarer Anstieg ist erst unmittelbar vor oder nach dem Renteneintritt zu verzeichnen – zu einem Zeitpunkt, an dem Kurskorrekturen kaum noch möglich sind“, sagt Bizer.

Auch Peters bestätigt: Zwei Drittel derjenigen, die sie um Beratung zur Betriebsnachfolge bitten, kommen zu spät – „weit in den 60ern". Idealerweise beginne die Nachfolgeplanung mit Übernahme des Betriebs: „Weil die erfolgreiche Nachfolge und Übergabe eine Frage gelungener, kontinuierlicher Unternehmensentwicklung ist", erklärt sie.

Altersvorsorge – so geht gute Planung:

Wie also sieht sie aus, die ideale Vorsorge fürs Alter? Die Empfehlungen der Experten sind eindeutig:

  1. Früh und kontinuierlich vorsorgen. Die Deutsche Rentenversicherung rät, sich vor einer Befreiung von der Pflichtversicherung individuell beraten zu lassen – und dabei nicht nur die Altersrente, sondern auch das Risiko einer Erwerbsminderung im Blick zu behalten. Wer sich befreien lässt, kann zwar freiwillige Beiträge zahlen, verliert aber sonst den Schutz der Erwerbsminderungsrente. Dieses Risiko muss privat abgesichert werden. Tipp von Expertin Katja Braubach: Beachten Sie bei der Vorsorge sowohl das Risiko der Langlebigkeit als auch das Risiko einer Krankheit und somit des vorzeitigen Ende des Erwerbslebens.

  2. Breit streuen. Peters rät ausdrücklich davon ab, sich auf eine einzige Säule zu verlassen: „Breit streuen und nicht darauf vertrauen, dass die eine optimale Lösung existiert." Die Mischung aus gesetzlicher Rente, privater Vorsorge – ob Versicherungen, Immobilien oder Kapitalmarktanlagen – und dem Betriebswert als möglichem „Add-on" biete die beste Absicherung. Auch Prof. Bizer sieht Potenzial in neueren Ansätzen wie dem kontinuierlichen Investieren am Aktienmarkt über ETFs, das gerade jüngeren Handwerkern einen niedrigschwelligen Zugang zur Vorsorge ermöglicht.

    Vermögensberaterin Alexandra Huhle rät: "Setzen Sie auf eine Basisrente, deren Beiträge Sie steuerlich absetzten können. Sie bleibt Ihnen auch in einer möglichen Krise, da sie nicht für die finanzielle Unterstützung Ihres Betriebs genutzt werden kann. Die durch die Steuer freigewordenen Mittel können zum Aufbau eines Altersvorsorgedepots genutzt werden. Hier ist auch ein Rückgriff möglich, falls der Betrieb im Lauf der Zeit eine Finanzspritze braucht. Und auch eine Rentenpolice macht aus steuerlicher Sicht und zur Absicherung des Langlebigkeitsrisikos Sinn."

  3. Den Betrieb nicht als Rentenersatz betrachten. „Ich würde den Wert des Unternehmens immer als einen dynamischen sehen", sagt Peters. Ihr wichtigster Rat: „Sich unabhängig machen vom Betrieb. Gut damit zu leben, gut davon zu leben, aber nicht darauf angewiesen zu sein, irgendwann von dem Verkauf leben zu müssen." Der Verkaufserlös sollte als Zusatz betrachtet werden – nicht als tragende Säule.

  4. Das Unternehmen kontinuierlich entwickeln. Wer seinen Betrieb digitalisiert, wettbewerbsfähig hält und frühzeitig Strukturen schafft, die unabhängig von der eigenen Person funktionieren, steigert nicht nur den Unternehmenswert, sondern erhöht auch die Chancen auf eine erfolgreiche Übergabe. „Die unternehmerische Aufgabe ist es, den Betrieb erfolgreich immer weiterzuentwickeln – dann steigt er auch im Wert", so Peters.

Die Altersvorsorge von Unternehmern – auf der Agenda der Politik

Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem ein Großteil der Unternehmer nicht verpflichtend für das Alter vorsorgen muss. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) setzt sich deshalb für die Einführung einer Vorsorgepflicht für alle Selbstständigen ein. Auch Katja Braubach von der DRV Bund sagt: Viele Selbstständige sorgen individuell nur unzureichend vor und sind dann im Alter von Armut betroffen. Eine Versicherungspflicht für Selbstständige steht daher schon lange auf der politischen Agenda.“ Tatsächlich läuft die politische Diskussion darüber seit Jahren – eine Umsetzung steht bislang aus.

Fazit:

Die Altersvorsorge für Unternehmer im Handwerk ist ein strukturelles Problem, das sich durch guten Willen allein nicht lösen lässt. Wer sich ausschließlich auf den Betriebsverkauf oder eine einzelne Immobilie verlässt, geht ein erhebliches Risiko ein. Die Formel für eine solide Absicherung ist nicht neu, aber sie wird im Handwerk zu selten konsequent umgesetzt:früh beginnen, breit streuen, den Betrieb als Bonus betrachten – nicht als Rettungsanker. Und vor allem: sich rechtzeitig beraten lassen, nicht erst, wenn der Ruhestand vor der Tür steht.
 

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