Datenmanagement ab 2027 Digitaler Produktpass (DPP): Ohne strukturierte, vergleichbare und digital nutzbare Daten geht bald nichts mehr

Digitaler Produktpass zwingt zum radikalen Umdenken – auch das Handwerk. Wer künftig Produkte verkauft, muss auch ihre Daten liefern – und zwar von Anfang an. Wie sich Handwerkschefs heute schon für 2027 und die Folgejahre, wenn der digitale Produktpass nach Vorgaben der EU-Ökodesign-Verordnung Schritt für Schritt in Kraft tritt, vorbereiten können.

Digitaler Produktpass der Edelschuhmarke Stefano Bemer aus Florenz. Die Italiener haben den Produktpass für ihre handgefertigten Herrenschuhe bereits umgesetzt. - © Stefano Bemer

Es beginnt wie immer: ein Gespräch, ein Raum, eine Idee. Der Kunde beschreibt, was er sich vorstellt, der Handwerker skizziert, kalkuliert grob, denkt in Materialien, Maßen, Erfahrung. Ein Prozess, der seit Generationen funktioniert. Doch genau dieser Moment, der Kern handwerklicher Arbeit, steht vor einer grundlegenden Veränderung. Denn künftig reicht die Skizze nicht mehr – sie muss von Anfang an von Daten begleitet werden: Ein digitaler Produktpass, genauer der Digitale Produktpass, kurz DPP, steht vor der Tür. Und mit ihm eine neue Realität, die tief in die Werkstätten hineinwirkt.

„Der Digitale Produktpass kommt nicht für Branchen, sondern für Produkte“, sagt Thomas Rödding, CEO der DPP-Agentur Narravero, und macht gleich klar, warum sich viele Betriebe noch in falscher Sicherheit wiegen. „Wer Produkte unter eigenem Namen in Verkehr bringt, rutscht in die Hersteller- und damit in die Pflichtlogik.“ Damit wird aus dem klassischen Handwerksbetrieb, der fertigt und montiert, plötzlich ein Akteur im regulatorischen System der EU – mit allen Konsequenzen, die bislang eher Industrieunternehmen kannten.

Produktspezifische EU-Vorgaben fehlen noch

Was politisch lange abstrakt und weit genug weg klang, bekommt inzwischen konkrete Konturen. Die EU setzt mit der Ökodesign-Verordnung von 2024 den Rahmen, die eigentliche Dynamik entsteht aber durch die für das Handwerk noch ausstehenden sogenannten delegierten Rechtsakte, die einzelne Produktgruppen verpflichtend erfassen.

Der Fahrplan steht aber bereits: Los geht’s 2027 mit Batterien, dann folgen im Laufe der Jahre Möbel, Bauprodukte und Metallkomponente. Aber auch wenn die exakten Vorgaben für den DPP noch fehlen – für Textilien und Schuhe werden sie für Mitte 2027 erwartet – , müssen Vorarbeiten aus Zeitgründen bereits angegangen werden: „Handwerksbetriebe sollten jetzt beginnen, ihre Lieferantenbeziehungen und Datenprozesse vorzubereiten – Datenmanagement wird zur zentralen Aufgabe“, empfiehlt Rödding dringend.

Denn gerade Daten waren im Handwerk bisher immer ein Nebenprodukt, kein zentraler Rohstoff. Künftig kehrt sich dieses Verhältnis um. In letzter Konsequenz bedeutet die Einführung des Digitalen Produktpasses vor allem eins: Wer seine Materialien nicht digital beschreiben kann, wird seine Produkte kaum noch in Verkehr bringen können. Mit ein paar schnellen Angaben zu den wichtigsten Materialkomponenten ist es dabei nicht getan. „Der Handwerker braucht für jedes einzelne Bauteil detaillierte Materialdaten – von der Spanplatte bis zum Klebstoff“, erklärt Johann Quatmann, Geschäftsführer des Verbands Tischler.NRW, der 3.200 Betriebe und 46 Innungen vertritt. Aber auch damit ist es noch nicht getan. Die Daten müssen aus der gesamten Lieferkette kommen – strukturiert, vergleichbar und digital nutzbar.

Digitalisierte Daten müssen bereits vor Auftragserteilung vorliegen

Besonders deutlich wird der Bruch mit bisherigen Betriebsabläufen dort, wo es bislang vor allem auf Schnelligkeit und Erfahrung ankam: im Verkauf. „Der Produktpass zwingt Handwerksbetriebe, schon vor Auftragserteilung eine vollständige detaillierte Planung durchzuführen, um dem Kunden vor seiner Kaufentscheidung Informationen zum Carbon Footprint und zu den verwendeten Materialien liefern zu können“, sagt Quatmann. Was früher erst nach der Auftragserteilung detailliert geplant wurde, muss damit künftig schon vorher fertig sein.

So sieht der digitale Produktpass von Stefano Bemer aus. - © Stefano Bemer

Schwer trifft das gerade die individuelle Fertigung. Jeder Schrank, jedes Fenster, jedes Einzelstück wird mit dem Produktpass zur datentechnischen Herausforderung, noch bevor klar ist, ob es überhaupt zur Produktion kommt – schließlich führt nicht jede Anfrage auch zu einem Auftrag. Was zum einen die Frage aufwirft, wie der Mehraufwand finanziert werden soll und zum anderen dazu führt, dass dem Handwerk eine fundamentale Aufgabenerweiterung bevorsteht.

Digitaler Produktpass: Die IT rückt ins Zentrum des Betriebs

Die Zeiten von Papier, Excel und ganz viel Erfahrung legt die EU im Büro ad acta: „Betriebe sollten Daten möglichst automatisiert erzeugen und verarbeiten – manuelles Zusammenstellen wird auf Dauer nicht funktionieren“, rät Rödding. Die IT rückt vom Rand ins Zentrum des Betriebs. Stücklisten, CAD-Systeme, Materialdatenbanken: Sie müssen nicht nur vorhanden sein, sondern miteinander auch kommunizieren können. Und sie müssen Daten aufnehmen, die von außen kommen. Denn der Produktpass ist nicht nur ein internes Projekt, er ist ein Netzwerk.

Das heißt: Auch Zulieferer und Partnerbetriebe stehen in der Pflicht. Erfüllen sie diese nicht, sind Konsequenzen unausweichlich. „Wenn notwendige Daten fehlen, müssen Betriebe aktiv werden – durch Lieferantenwechsel, vertragliche Anforderungen oder eigene Datenerhebung“, so Rödding. Das verändert die Spielregeln im Markt. Lieferanten, die keine strukturierten Daten liefern, geraten unter Druck. Gleichzeitig wächst die Eigenverantwortung der Betriebe, diese Daten auch einzufordern und zu integrieren.

Fahrplan: Digitaler Produktpass wird schrittweise eingeführt
  • 2026: Mitte des Jahres geht ein zentrales EU-Register für den DDP an den Start.

  • 2027: Ab 18. Februar 2027 ist ein verpflichtender Digitaler Produktpass für Produkte mit Batterien vorgesehen (siehe EU-Batterieverordnung, die bereits am 18. August 2024 eingeführt wurde).

  • 2027: Mitte des Jahres 2027 sollen auch Textilien und Schuhe folgen.

  • 2028: Ein digitaler Produktpass wird ab Mitte 2028 auch für Bauprodukte eingeführt. Allerdings sind Betriebe der Baubranche aufgrund der Bauprodukteverordnung nicht zur Erstellung eines Produktpasses verpflichtet. Durch das Zusammenfügen von Bauprodukten wird laut Michel Durieux, Hauptabteilungsleiter Wirtschaft beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB), ein neues Produkt erstellt. Die Verpflichtung zur Erstellung eines digitalen Produktpasses sei für diesen Fall aus der Verordnung gestrichen worden. "Das entspricht der Forderung des Zentralverbands", so der ZDB-Experte. Mehr zum digitalen Pass für Bauprodukte lesen Sie hier.

  • bis 2030: Viele weitere Produktgruppen folgen – u. a. elektronische und elektrische Geräte, Waschmittel, Chemikalien und Reifen. Zudem die insbesondere fürs Handwerk relevanten Produktgruppen Möbel, Eisen und Stahl.

Digitaler Produktpass dient auch der Kundenbeziehung

Jemand, der diese Arbeit bereits bewältigt hat, ist Tommaso Melani, Schuhmacher in Florenz. Er leitet die Edel-Marke Stefano Bemer und hat mit Unterstützung von Narravero einen Produktpass für seine handgefertigten Herrenschuhe angefertigt, der seine Kunden über jeden einzelnen Produktionsschritt informiert und sie nach dem Kauf mit Pflegetipps versorgt, die mit dem eigenen Online-Shop verlinkt sind. Der DPP, technologisch und physisch per NFC-Chip oder QR-Code mit dem Produkt verbunden, erfüllt bei Stefano Bemer mehr als nur die gesetzliche Vorgabe.

Durch die Verknüpfung der ERP-Software mit der DPP-Plattform werden neue Pässe automatisch erzeugt, Mitarbeitenden stehen alle relevanten Informationen auf dem Smartphone zur Verfügung und dank der digitalen Fortschrittsdokumentation werden Produktionsfehler vermieden. Dem Käufer bietet der Pass zudem ein Produkterlebnis, das sein Vertrauen in die Marke erhöht: Produktionsstand, Fertigungsschritte und Fotos aus der Werkstatt, alles per App einsehbar.

Thomas Rödding, CEO der Agentur Narravero, hilft beim Erstellen des digitalen Produktpasses. - © Thomas Rödding

Systeme, die miteinander kommunizieren und arbeiten

Gedacht ist der digitale Produktpass dabei nicht als statisches Dokument, sondern als lebendiges System. „Der Produktpass besteht aus einem Datensatz mit rollenbasiertem Zugang – Pflege einmal, Zugriff differenziert“, beschreibt Rödding das Prinzip. Das bedeutet: Ein Kunde sieht andere Informationen als ein Recycler, ein Handwerker andere als eine Behörde. Doch alle greifen auf denselben Datensatz zu – über Jahre, möglicherweise Jahrzehnte hinweg. Gerade im Handwerk, wo Produkte oft sehr lange genutzt werden, entsteht damit eine neue Form von Verantwortung: nicht nur für das Produkt, sondern auch für dessen Daten.

Für Quatmann liegt hier der entscheidende Punkt. „Das Handwerk braucht Datenräume – ohne einheitliche Datenstandards und funktionierende Plattformen ist der digitale Produktpass organisatorisch nicht beherrschbar.“ Es geht um gemeinsame Standards, um Schnittstellen, um die Möglichkeit, dass Systeme miteinander arbeiten können. Ohne diese Grundlage würde jeder Betrieb seine eigene Lösung bauen müssen – ein unmöglicher Aufwand.

Daten als Grundlage des eigenen Geschäfts

Von EU-Seite aus gesehen ist der Zweck des DPP klar: Transparenz schaffen, Kreisläufe schließen, nachhaltige Entscheidungen ermöglichen. Doch im handwerklichen Alltag stehen dem kleine Stückzahlen, individuelle Fertigung und heterogene Prozesse entgegen. Datenräume für das Handwerk, derzeit nur in ersten Forschungsansätzen vorhanden, würden diesen Konflikt lösen, indem sie die Möglichkeit schaffen, unterschiedliche Daten auf einer einzigen Plattform zusammenzuführen und lesbar zu machen.

Die eigentliche Herausforderung bleibt aber auch mit Datenräumen die gleiche: Aus dem Handwerker, der bislang vor allem mit physischem Material gearbeitet hat, wird jemand, der auch mit Daten umgehen muss. Nicht als Zusatzaufgabe, sondern als neue Grundlage seines Geschäfts.

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