Interview zu Umfrageergebnissen Jörg Mosler über Mitarbeiterzufriedenheit: „Für viele ist die Arbeit zu chaotisch, zu stressig, zu schlecht organisiert“

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Wer ist mit seinem Arbeitsplatz zufrieden? Wer will wechseln? Diesen Fragen gingen wir gemeinsam mit Mitarbeitergewinnungsexperte Jörg Mosler in einer Online-Befragung auf den Grund. Im Gespräch erklärt er seine wichtigsten Erkenntnisse. Eines vorweg: Geld ist nicht der entscheidende Faktor.

Jörg Mosler über Dinge, die Betriebe bei der Mitarbeitersuche kommunizieren sollten.Jörg Mosler über Dinge, die Betriebe bei der Mitarbeitersuche kommunizieren sollten.
„Faktoren wie Spaß bei der Arbeit und tolle Kollegen werden extrem unterschätzt“: Jörg Mosler über Dinge, die Betriebe bei der Mitarbeitersuche kommunizieren sollten. – © Stephan Minx
handwerk magazin: Im Juni und Juli 2022 führten wir mit Ihnen gemeinsam eine Online-Befragung durch, die sich speziell mit der Mitarbeiterzufriedenheit im Handwerk beschäftigte. Was war für Sie das spannendste Ergebnis?

Jörg Mosler: Definitiv, dass Geld bei Weitem nicht der wichtigste Faktor für Mitarbeiter ist. Der finanzielle Aspekt gehört logischerweise dazu, aber er wird abgehängt von den Themen Organisation und Stress. Mit fast 60 Prozent ist das bei denjenigen, die grundsätzlich wechselbereit sind, der Topgrund, seinen Arbeitgeber zu wechseln. Die angestellten Handwerker sagen sich: „Da, wo ich jetzt arbeite, ist es mir einfach zu chaotisch, zu stressig und zu schlecht organisiert. Das nervt mich – und ich hätte es gerne anders!“

Wie viele der befragten Mitarbeiter sind denn grundsätzlich wechselwillig?

Das ist für mich einer der positivsten Aspekte der Umfrageergebnisse: Mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter sagen, dass sie sich in ihrem Unternehmen wohlfühlen. Alle anderen sind wechselbereit – knapp 35 Prozent davon grundsätzlich, also wenn sich eine Gelegenheit ergibt, knapp sieben Prozent sind sogar aktiv auf der Suche. Ein sehr spannendes Verhältnis.

Entspricht dieses Verhältnis Ihren Vermutungen vor der Befragung?

Der Wert entspricht relativ genau dem Paretoprinzip – also 80 zu 20 Prozent. Und das habe ich auch durchaus so erwartet, da dieses Verhältnis von aktiv zu nicht aktiv Suchenden auch aus anderen Studien immer wieder abzulesen ist.

Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für die Mitarbeitersuche?

Die wichtigste Schlussfolgerung betrifft die Art und Weise der Mitarbeitersuche: Die Möglichkeiten der klassischen Stellenanzeige sind begrenzt! Egal ob Unternehmerinnen und Unternehmer online oder offline auf der Suche sind – den Großteil der wechselbereiten Hand­werker erreicht man nicht mehr via Zeitungs- oder Online-Stellenanzeige. Hier schauen ja nur die knapp sieben Prozent aktiv Suchenden rein. Besser ist es, sowohl online als auch offline auf reichweitenstarke Aktionen zu setzen. Auf diesem Weg erreichen Arbeitgeber nämlich auch die Gruppe der knapp 35 Prozent, die bei einer passenden Gelegenheit wechseln – auch wenn das mehr Aufwand bedeutet.

Schauen wir mal auf die andere Seite – also Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter halten möchten. Wie können Chefinnen und Chefs verhindern, dass aus den knapp 35 Prozent „grundsätzlich Wechselwilligen“ Abgänge werden?

Der Hauptansatz der Handwerkschefs muss dort sein, wo laut Befragung am heftigsten der Schuh drückt – beim Thema Prozesse, Struktur und Organisation. Vieles vom aktuellen betrieblichen Chaos lässt sich durch gezielten Einsatz digitaler Tools beheben. Auch das Thema Wertschätzung ist ein Punkt. Es ist ja eigentlich nicht schwierig und auch nicht teuer, seinen Arbeitnehmern ein gutes Gefühl im Unternehmen zu vermitteln, aber es braucht Zeit und gute Kommunikation. Daran sollten Firmenchefs arbeiten.

Kommen wir zu den absolut loyalen Mitarbeitern: Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, keinen Arbeitgeberwechsel zu planen. Spielt hier auch die aktuelle Unsicherheit aufgrund zahlreicher Krisen wie Corona und Ukraine-Krieg eine zentrale Rolle?

Ich glaube nicht, dass die aktuellen Krisen einen großen Einfluss haben. Die meisten Arbeitnehmer sind grundsätzlich eher sicherheitsorientiert. „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ – dieser Spruch ist gerade im Handwerk immer noch aktuell. Dazu passt, dass in der Befragung als Topgrund zum Verbleib im Betrieb mit 58 Prozent die Aussage „Ich möchte eigentlich nicht wieder von vorne anfangen“ genannt wurde. Man möchte sich seinen Status nicht wieder neu erarbeiten müssen. Auch arbeitsrechtliche Aspekte wie die Vertragsgestaltung mit langer Kündigungsfrist spielen für den Verbleib eine große Rolle.

Vita Jörg Mosler

Jörg Moslers Berufsweg begann als typische Handwerkerkarriere: Ausbildung, Meisterprüfung, Betriebswirt, Übernahme des Familienunternehmens mit 23 Jahren. Heute ist er international gebuchter Vortragsredner und Bestsellerautor. Als Experte für die Mitarbeitergewinnung im Handwerk unterstützt Jörg Mosler Handwerksunternehmen bei allen Fragen zur Anziehung von Mitarbeitern und Talenten. Darüber hinaus betreibt er den Podcast „Workers Cast“ (handwerk-magazin.de/workerscast) und ist zudem aktiver Blogger.

Neben der Arbeitsplatzsicherheit wurden auch die Aspekte „tolle Kollegen“ und „gute Beziehung zum Chef“ als Gründe genannt, im Betrieb zu bleiben. Wie entscheidend sind die sogenannten „weichen“ Faktoren?

Die Unterscheidung zwischen „weichen“ und „harten“ Faktoren hasse ich ehrlich gesagt, um mal dieses krasse Wort zu verwenden. Es gibt einfach Faktoren. Punkt. Was wir definitiv festhalten können: Faktoren wie „Spaß bei der Arbeit“, „tolle Kollegen“ und „gute Beziehung zum Chef“ werden extrem unterschätzt, sowohl innerhalb des Unternehmens als auch in der Außenwirkung. Das ist das, was das Handwerk ausmacht: Eine tolle Gruppe, in der es Spaß macht, in der man sich gut versteht, in der man auch mal einen Flachs machen kann. Das sind die Komponenten, die Betriebe kommunizieren sollten – auf der Website und in den sozialen Netzwerken. Und dazu kommt: Wechselwillige, die das sehen, melden sich dann vielleicht doch nach ein paar Monaten bei einem solchen Betrieb. Das ist der Weg, über den im Handwerk die meisten Mitarbeiterwechsel stattfinden.

Wie wichtig ist dann überhaupt noch der Faktor Geld?

Ich würde mal Folgendes behaupten: Wenn ein Mitarbeiter wechselt, dann will er sich finanziell auf keinen Fall verschlechtern. Das ist etwas, das Betriebe sicher- und klarstellen müssen. Das hat ja auch viel mit Wertschätzung zu tun. Man möchte einfach nicht unter seinem bisherigen Niveau arbeiten – und das ist auch legitim. Trotzdem ist die Bezahlung kein Hauptgrund für einen Arbeitgeberwechsel im Handwerk. Mit gut 38 Prozent landete dieser Aspekt bei den Wechselwilligen weit hinter schlechter Organisation mit knapp 60 Prozent und mangelnder Wertschätzung mit etwa 42 Prozent.

Neben Sicherheit, Wertschätzung und guter Organisation werden auch flexible Arbeitszeiten immer wichtiger, gerade für die junge Generation. Zeigt sich das ebenfalls in der Befragung?

Zumindest bei den Wechselwilligen spielt der Faktor Arbeitszeit keine herausragende Rolle. Als Hauptgrund für einen Jobwechsel gaben dies nur gut 17 Prozent an. Das liegt natürlich auch daran, dass das Thema „flexible Arbeitszeiten“ im Handwerk gerade erst so richtig durchstartet – beispielsweise mit Unternehmen, die auf eine Vier-Tage-Woche umstellen. Ich glaube aber auch: Der Aspekt „Organisation und Strukturen“ wird das zentrale Thema für die Mitarbeiterzufriedenheit bleiben. Wenn bei einer Vier-Tage-Woche die vier Arbeitstage furchtbar sind, habe ich als Mitarbeiter auch nichts gewonnen. Lieber fünf Tage mit einem tollen Team arbeiten, als vier Tage ohne Spaß schuften. Starre Arbeitszeiten müssen weniger werden, ja. Für mich bleibt aber als Fazit unserer Befragung: Die Hauptprobleme sind Chaos im Betrieb, schlechte Strukturen und eine ineffiziente Organisation. Hier gilt es anzupacken.

Vielen Dank für das Gespräch!