DHI-Tagung im Rahmen der IHM 2022 Gründermangel: Warum es sich trotz allem lohnt, Unternehmer im Handwerk zu sein

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Burnout, Frauen im Handwerk, Internationale Handwerksmesse, Nachfolge und Zukunftsperspektiven im Handwerk

In der Lust, den eigenen Betrieb zu führen, erkennen Wissenschaftler ein Schlüsselthema fürs Handwerk. Bei einer Wissenschaftlichen Tagung auf der Internationalen Handwerksmesse (IHM) sprachen sie über einzelne Hindernisse – und wie sich diese ausräumen lassen.

Detlef Buschfeld, Direktor beim Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk an der Universität Köln, will gezielt Nichtgründer ansprechen.

Einen eigenen Betrieb leiten – davon träumen heute immer weniger Handwerker. Warum das so ist, schiebt Markus Glasl auf ein irreführendes Mantra. „Selbstständig sein wird oft mit ´selbst und ständig´ beschrieben, das ruft Ängste hervor“, erklärte der Geschäftsführer des Ludwig-Fröhler-Instituts für Handwerkswissenschaften (LFI) auf der Wissenschaftlichen Tagung „Selbstständigkeit im Handwerk – Rahmenbedingungen für ein dynamisches Gründungsgeschehen“ während der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München.

Die Angst vor ständiger Arbeit und davor, am Ende womöglich gar zu scheitern, sind demnach ein hausgemachtes Problem – made in Germany. Das zeigt der Global Entrepreneurship Monitor: Während laut Global Entrepreneurship Monitor hierzulande nur 6,9 Prozent den Sprung in die Selbständigkeit wagen, sind es in Kanada 20,1 Prozent. „Wir haben es in Deutschland mit einer mäßig ausgeprägten Selbstständigkeitskultur zu tun“, stellt Glasl fest.

Mehr Gründer für Zukunftsaufgaben gesucht

Die Unlust am Gründen oder an der Betriebsübernahme, hat gravierende Folgen. Allein in den kommenden Jahren suchen einer Studie zufolge 125.000 Betriebe einen Nachfolger. Hinzu kommt, dass heute viele gesellschaftliche Aufgaben anstehen, die nur das Handwerk lösen kann. Bei der Energiewende zum Beispiel gilt es Bestands- und Neubauten mit Photovoltaik-Anlagen und Wärmepumpen auszustatten. Diese wichtige Rolle der Betriebe gilt es zu stärken – darüber diskutierten Wissenschaftler der fünf Institute des Deutschen Handwerksinstituts (DHI). Dazu zählt das LFI, genauso wie auch das FBH, kurz für Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk.

Professor Detlef Buschfeld, Direktor des FBH, präsentierte auf der Tagung eine ungewöhnliche Idee. Sie beginnt mit dem simplen Gedanken: „Wenn es um Selbstständigkeit im Handwerk geht, müssen wir uns vor allen an die Nichtgründer wenden, die sich vor der Selbstständigkeit scheuen.“ Doch das ist natürlich nicht so einfach. Denn wie lassen sich die Fachkräfte, die nicht gründen, erreichen?

Nichtgründer besser erreichen und beraten

Die Handwerker, die sich selbstständig gemacht haben, sind für Seminare und Workshops, die zum Beispiel die Handwerkskammern anbieten, empfänglich. Buschfeld bezeichnet sie als die Gruppe der „Selbstsicheren“, die davon überzeugt ist, eine Gründung zu meistern. Daneben gibt es aber die „Unentschlossenen“, die daran zweifeln, und die „Unsicheren“, die eine hohe Sehnsucht nach Risikoabsicherung haben. Beiden Gruppen denken von sich, es nicht zu schaffen – und sind für die Gründerberatung auch nicht offen.

Bei diesem Dilemma will Buschfeld ansetzen. „Wir müssen diese beiden Gruppen künftig besser, schneller und klarer identifizieren, um ihnen die Chancen einer Selbstständigkeit aufzuzeigen.“ Dem FBH-Direktor schwebt eine Diskussions- und Beteiligungskultur vor, um die Nichtgründer aktiv anzusprechen. „Das könnte etwa eine Art Alumninetzwerk für alle ausgebildeten Handwerker sein“, spinnt der Forscher seine Idee weiter. Im regelmäßigen Turnus sollten sie sich folgender Gretchenfrage stellen: „Warum sind Sie kein Unternehmer?“

Bürokratie als Hindernis

Ein solcher Anstoß, die eigenen Chancen als Betriebsinhaber abzuwägen, kommt natürlich mit einigem Zwang daher. Doch könnte er einiges ins Rollen bringen, so pflichteten die Tagungsteilnehmer bei. Allein weil Verbände, Kammern und Institute akkurater erkennen können, woran es auf dem Weg ins Unternehmertum hapert.

Vieles ist den Wissenschaftlern schon bekannt – allen voran die oftmals als lästig empfundene Verwaltungsarbeit. Professor Martin Burgi, Beratender Direktor beim LFI, stellt dabei exemplarisch die Regelungen heraus, die anfallen, wenn ein Betrieb samt Mitarbeitern übernommen wird. Mit den sensiblen Daten von Kunden und Mitarbeitern umzugehen, ist ebenfalls knifflig. „Die Unklarheiten über den Inhalt sowie den Umgang mit Normen lassen sich häufig durch vorausschauende und sorgfältige Planung ausräumen, bedeuten aber Zeitaufwand und Kosten“, erläutert Burgi.

Ein Bürokratieabbau, etwa über flexiblere Nachweisformen, könnte seiner Ansicht nach die Entscheidung für eine Selbstständigkeit stärken. Doch schildert er auch eine positive Seite der Bürokratie: „Sie schützt vor Wettbewerbern, die keine Angaben machen, und damit einer ungerechten Steuerverteilung.“

Work-Life-Balance ist insbesondere für Frauen wichtig

Ein weiterer Wermutstropfen als Chefin oder Chef im Handwerk ist die Arbeitsbelastung. Kein Wochenende ohne Arbeit, wenig Urlaubstage – dieses Pensum, das Betriebsinhaber – die so gesehen eben doch „selbst“ und „ständig“ sind – oftmals tatsächlich schultern, schreckt viele ab. Glasl empfiehlt den Selbstständigen in spe ein Coaching anzubieten, das anleitet, wie sich der Aufwand im Betriebsalltag im Einklang mit dem Privatleben besser bewältigen lässt.

Diese Work-Life-Balance ist insbesondere für weibliche Gründer und Betriebsnachfolger entscheidend. Den Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) zufolge geht fast jede vierte Gründung im Handwerk auf eine Frau zurück, jeder fünfte Handwerksbetrieb hat eine Chefin. Darüber hinaus sind über 75 Prozent der Handwerksbetriebe Familienbetriebe, die von einem Paar gemeinsam geleitet werden. Soweit, so gut. Der Verband stellt jedoch fest: „Das Entwicklungspotenzial von Frauen ist damit aber noch lange nicht ausgeschöpft.“

Finanzielle Sicherheiten für selbstständige Mütter

Um Frauen stärker zum Gründen zu bringen, hat Professorin Birgit Ester, Leiterin des Instituts für Betriebsführung (itb) die geschlechtsspezifischen Ziele und Motive von Frauen untersucht. Diese haben vor allem mit der speziellen Situation von Handwerkerinnen zu tun. Als Frauen tragen sie häufig die Verantwortung für die Familie. „Da empfinden sie es als riskant, daneben noch einen Betrieb zu führen“, erklärt Ester.

Falls sie es doch wagten, hätten Frauen ein vergleichsweise höheres Sicherheitsbedürfnis. Um diesem entgegen zu kommen, gibt es noch viel zu tun: Grundlegende Sicherheiten, die Angestellte erhalten, wie zum Beispiel finanzielle Hilfen vor und während der Schwangerschaft durch Mutterschutz und Elternzeit, sind selbstständigen Frauen vorenthalten. „Die Politik sollte den Handwerkschefinnen mehr unter die Arme greifen“, plädiert Ester.

Lust auf Verantwortung und Eigenständigkeit machen

Mehr Unterstützung wünschen sich die Wissenschaftler auch seitens der Schulen. Bereits in jungen Jahren sollten Schülerinnen und Schüler über die Vorzüge eines eigenen Unternehmens erfahren. Das sind zum Beispiel das selbstbestimmte und flexible Arbeiten als Betriebschef sowie eine stabile Einkommensquelle. Doch nicht nur die Schulen, sondern auch das Handwerk ist in dem Punkt gefragt, sich interessiert und zugänglich zu zeigen. „Oftmals erhalten Lehrer auf ihre Anfragen in Handwerksbetrieben keine Antwort“, berichtet Glasl.

Im laufenden Betriebsalltag könnten die Handwerkschefs ihren Mitarbeitern Lust auf Verantwortung machen – und in ihnen den Traum von einer Selbstständigkeit wecken. So könnte der Chef seinen Angestellten Perspektiven aufzeigen, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen – und vielleicht später mal den Betrieb zu übernehmen. Damit stellen sie die Weichen für die häufig mühselige Suche nach einem Nachfolger in ihrem eigenen Interesse, indem sie den Fortbestand ihres Betriebs sichern.

Nachfolger-Suche: Auch der Kaufpreis muss stimmen

Um einen Übernahmekandidaten zu finden, muss der Betriebsinhaber allerdings auch auf einen fairen Kaufpreis achten, betont Professor Kilian Bizer, Leiter des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh) an der Universität Göttingen. „Viele Betriebe, die zur Übernahme stehen, setzen den Kaufpreis zu hoch an“, beobachtet er. Dass der Gründungseifer hierzulande weniger ausgeprägt ist, liegt jedoch auch daran, dass der Arbeitsmarkt händeringend nach Fachkräften sucht. Sogenannte Notgründungen als einem Ausweg aus der Arbeitslosigkeit sind laut Bizer damit heute weniger häufig.

Der Wissenschaftler verspricht den Selbstständigen im Handwerk, dass sie ihre Betriebe lange behalten und ein solides Einkommen haben. Im Vergleich zu Top-Manager-Jobs in der Industrie mag dieses geringer sein, doch ist Geld nicht alles, beobachtet Bizer: „Handwerkerstolz als nichtmonetäre Entlohnung ist auch ein Gründungsmotiv.“

Zur Wissenschaftlichen Tagung „Selbstständigkeit im Handwerk – Rahmenbedingungen für ein dynamisches Geschäftsgeschehen“

Ausgangspunkt der Vorträge und Diskussion waren die Ergebnisse des Gemeinschaftsprojekts des Forschungs- und Arbeitsprogramms 2022/21 zur Thematik Selbstständigkeit. Dabei haben sich alle fünf Institute des Deutschen Handwerksinstituts (DHI) gemeinsam in Kooperation mit den Potenzialen, Herausforderungen und Lösungsansätzen beschäftigt. Zum DHI zählen: LFI München, ifh Göttingen, itb Karlsruhe, HPI Hannover und FBH Köln.