Matthias Vickermann im Interview Upcycling und nachhaltige Schuhe: „Man kann nur auf ein Umdenken hoffen“

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Schuhmacher und Unternehmer Matthias Vickermann aus Baden-Baden spricht im Interview über Nachhaltigkeitsstufen im Handwerk, digitale Geschäftsmodelle und die Lust an der Veränderung.

Schuhmacher Matthias Vickermann
Schuhmacher Matthias Vickermann sieht in den Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung große Chancen fürs Handwerk. – © Marcel Heinen
handwerk magazin: Herr Vickermann, Nachhaltigkeit steckt in der DNA des Handwerks. Betrachten Sie sich als besonders nachhaltigen Unternehmer?

Matthias Vickermann: Ja! Ich gebe Ihnen da vollkommen recht: Nachhaltigkeit steckt im Handwerk drin – Dinge werden hergestellt und repariert. Grundsätzlich gibt es aber verschiedene Stufen der Nachhaltigkeit. Vom Handwerk hergestellte Produkte mit einer langen Haltbarkeit wirken natürlich schon mal einer Wegwerf­gesellschaft entgegen. Bei uns beispielsweise ist es die Herstellung von Schuhen, die im Schnitt 20 Jahre halten. Man muss wissen: Gewöhnlich werfen Menschen ihre Schuhe nach einem Dreivierteljahr weg.

Wenn Produkte wie Schuhe dann auch noch reparierbar sind, ist das die nächste Nachhaltigkeitsstufe. Auch in puncto ­Upcycling und der Wiederverwertung sehe ich in der Schuhreparatur eine erhöhte Nachhaltigkeit.

Was ist da schiefgelaufen, dass Schuhe nach einem Dreivierteljahr im Müll landen?

Das ist ja nicht nur bei Schuhen so, sondern bei Kleidung generell. Früher gab es nur Maßschuhe – diese wurden über ­Jahre, Jahrzehnte immer wieder repariert. Deshalb hatte der Schuhmacher auch so gut zu tun. Selbst vor 20 Jahren wurden Produkte noch für die Ewigkeit hergestellt. Heutzutage ist das leider nicht mehr so: Man gibt ihnen eine Lebensdauer von ein, zwei Jahren. Und es ist doch schockierend, dass in Deutschland vollwertige Lederhalbschuhe für fünf oder sechs Euro angeboten werden. Die Menschen machen sich darüber noch nicht genug Gedanken – bei Lebensmitteln ist das ja schon anders.

Rechnen Sie hier mit einem Umdenken der Verbraucher?

Ja, das kann man nur hoffen! Und auch wir müssen für die Zukunft denken: Was ist denn mit der Thematik Lederersatzprodukte? Vor drei Jahren haben wir ­angefangen, Schuhe ohne tierisches Material anzubieten. Noch sind es nicht viele Leute, die nach veganen Schuhen fragen. Doch für mich ist das eine strategische Ausrichtung für unser künftiges Geschäft – ähnlich wie die Digitalisierung. Meine Devise: Das habe ich jetzt schon in der Pipeline. Denn wenn das Umdenken kommt, kommt es flott.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit – zwei wichtige Aufgabenstellungen der Zukunft. Mit Ihrer Plattform Shoedoc, der professionellen Online-Schuhreparatur, treiben Sie diese beiden Themen weiter voran.

Genau. Auch in unserem eigenen Betrieb sehe ich, dass es bei diesen beiden Dingen vorangeht. Die Digitalisierung hat ja schon längst stattgefunden – und jeder muss sie mitmachen. Das geht gar nicht anders. Wir probieren das bei Shoedoc mit der Schuhreparatur-Plattform, bei unserer Maßschuhfirma Vickermann & Stoya haben wir noch einen Online-Shop für Lederwaren, und bei Modum, wo wir beteiligt sind, geht es um den digitalen Maßschuh.

Wie kam es zu Ihrer Idee von Shoedoc?

Wie sagt man so schön: Man kommt dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Manche unserer Maßschuhreparatur-Kunden haben einfach Konfektionsschuhe oder die Highheels der Ehefrau mit ins Paket gepackt und uns geschickt. Nach zwei ­Wochen haben wir das Paket dann auf Rechnung wieder zurückgeschickt. Die Nachfrage stieg. Dann haben wir auf der Homepage ein PDF für den Reparatur­service hinterlegt – somit war dieser Service für jedermann offen. Es kamen noch mehr Aufträge. Für mich war klar, dass wir einen Prozess daraus machen müssen. Und: Es musste eine eigene Shop-­Lösung her. Nach einjähriger Testphase haben wir Shoedoc als eigene GmbH gegründet, die Vickermann & Stoya als Dienstleister für die Reparaturen nutzt .

Wie stark richten Sie Ihr Geschäfts­modell am Kunden aus und wie gehen Sie konkret vor?

Ich gehe immer so vor, dass ich mir vorstelle, ich wäre der Kunde. Was würde mich überhaupt bewegen, die Schuhreparatur online abzuwickeln? Wie hoch muss der Servicegedanke sein? Von uns bekommt der Kunde beispielsweise eine gebrandete Versandbox im Vorfeld zugeschickt – mit Rücksendeauftrag. Bedeutet: Den kompletten Versand übernehmen wir, das macht es dem Kunden sehr einfach. Generell schauen wir, wo wir in jedem kleinen Prozessschritt noch eine Schippe drauflegen können.

Wie fließt das Feedback der Kunden ein?

Ich habe von Anfang an unsere Kunden als die besten Tester eingesetzt. Als wir Shoedoc gegründet haben, lud ich 75 Personen auf eine kostenlose Reparatur ­ihrer Wahl ein. Einzige Bedingung: das Feedback im Anschluss. Und da bekamen wir so viel wunderbare Kritik – darüber freute ich mich dann.

Welche drei Kritikpunkte haben Sie gleich abgestellt?

Erstens: Der Kunde musste zu viele Klicks machen. Zweitens: Wir haben geschaut, dass die Website nicht zu viele Fotos hat, die geladen werden müssen, und dass sie auf mobilen Endgeräten noch sichtbarer wird. Und drittens haben wir uns um die Preisstruktur gekümmert.

Wer bucht Ihre professionelle Schuh­reparatur aktuell?

Von jungen Menschen mit heißgeliebten Sneaker-Sondermodellen von Nike über den klassischen Banker aus Frankfurt mit seinen rahmengenähten Herrenhalbschuhen bis hin zu einigen Kunden aus der Fetischszene.

Letztere schätzen dann die Anonymität des digitalen Prozesses.

Genau. Ich freue mich immer darüber, wenn die Kunden auf uns aufmerksam werden und wir ihnen helfen können.

Zurück zur Nachhaltigkeit: Wo sehen Sie hier die größten Chancen für Handwerksunternehmer wie Sie?

Ich glaube, jeder Handwerker muss sich ein bisschen mehr Gedanken dazu machen, dass er die Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung auf seine Agenda setzt. Wie kann ich mein Geschäfts­modell unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten noch aktiver gestalten?

Veränderung treibt Sie an, oder?

Ja, ich mache mir ständig Gedanken, in welchen Bereichen wir noch besser werden können, damit der Kunde happy ist. Und oft sind es nur Kleinigkeiten. Grundsätzlich macht es mir Spaß, eine Branche zu verändern.

Herr Vickermann, vielen Dank für das Gespräch!

Vita Matthias Vickermann

Schuhmacher Matthias Vickermann
Matthias Vickermann, Schuhmacher und Unternehmer aus Baden-Baden. – © Marcel Heinen

Matthias Vickermann, Jahrgang 1979, hat zunächst als Steuerfachangestellter gearbeitet, bevor er eine zweite Ausbildung zum Maßschuhmacher absolvierte. Er habe sich schon immer zur Handwerkskunst hingezogen gefühlt, erklärt der Unternehmer heute. Gemeinsam mit Martin Stoya legte der gebürtige Westfale im Jahr 2004 den Grundstein für die renommierte Maßschuhmanufaktur Vickermann & Stoya. Mit ihrer Online-Plattform Shoedoc bieten die Handwerksunternehmer Verbrauchern die Möglichkeit, in wenigen Schritten die gewünschte Schuhreparatur, Schuhpflege oder Umarbeitung zu buchen.