Die Baumann-Kolumne "Neues von der Werkbank" Kommentar: Versorgungsengpässe, Corona und Transformation der Wirtschaft – denkt an unsere Belastungsgrenzen!

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Coronavirus, Neues von der Werkbank – Kolumne von Ruth Baumann und Zukunftsperspektiven im Handwerk

Die Transformation der Wirtschaft macht derzeit überall die Runde. Doch warum soll die Wirtschaft transformiert werden, wenn die nötigen Grundlagen hierfür oft seitens der Politik ausgebremst werden? Braucht es diese erneuten Eingriffe in die Märkte überhaupt? Oder wäre vielleicht an anderer Stelle Transformation sehr viel nötiger? Auf alle diese Fragen versucht Kolumnistin Ruth Baumann, unter anderem Präsidentin der Unternehmerfrauen im Handwerk (ufh) Baden-Württemberg, in dieser Folge “Neues von der Werkbank Antworten zu finden.

Ruth Baumann Landesvorsitzende UFH Baden-Württemberg
Ruth Baumann Landesvorsitzende UFH Baden-Württemberg. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. – © privat

Aktuell zwingen uns bedauerlicherweise die jüngsten Ereignisse in der Ukraine dazu, unser Verhältnis zu angestrebten Transformationen neu zu überdenken. Was ist noch leistbar, was ist noch finanzierbar und was ist lediglich „Liebhaberei“? Bei Umgestaltungen ist es in der Regel das Ziel veraltete Strukturen verschwinden zu lassen, um so einen (vermeintlich besseren) Platz für neue zu schaffen. Gerade jetzt machen wir aber die Erfahrung, dass dies nur gelingen kann, wenn die nötigen Vorgänge dafür auch synchron verlaufen.

Ist eine Transformation in der Wirtschaft überhaupt möglich?

Werfen wir einen Blick auf die parlamentarischen Stufen: Kommune-Land-Bund-Europa. Sind die Strukturen schlank, schnell und effizient? Oder aber behindern bzw. widersprechen sie sich mitunter selbst? Ist das Arbeits- und Abstimmungstempo am Puls der Zeit oder bedarf es einer Ertüchtigung? Werden bei hinreichend bekannten Problemen nach effektiven Lösungen gesucht oder müht man sich an neuen, vermeintlichen Herausforderungen endlos ab? Wer verteilt die Prioritäten zwischen Energieversorgung und gendergerechter Sprache? Unsere Betriebe wurden schon vor Jahren auf „Lean Management“, klare Aufgabenzuweisungen, kurze und verständliche Texte sowie eine entsprechende Personalstärke hingewiesen. Der Gedanke, dies auch in die Politik zu übertragen, hat in meinen Augen einen gewissen Charme. Wenn es im Weiteren gelingen würde, den Grad entlastender Digitalisierung in Verwaltungen zu erhöhen, Prozesse zu verschlanken und zu beschleunigen, dann wäre ein weiterer Baustein betrieblicher Erfahrungen „transformiert“.

Bis an die menschliche und unternehmerische Belastungsgrenze

Zu dem hinreichend bekannten Thema Lieferketten finde ich bei der annoncierten Transformation der Wirtschaft noch wenig Ansätze bzw. konkrete Maßnahmen. Der Green Deal huldigt – unbeeindruckt von den aktuellen Entwicklungen – weiterhin der Ökologie, während er bei drohenden Versorgungsengpässen, steigenden Preisen, Anzahl künftiger Arbeitsplätze und der Frage nach neuen Firmenstandorten und Strukturen sich erstaunlich bedeckt hält. Die weltweite Werkbank stößt aktuell in vielerlei Hinsicht an ihre Grenzen. Die Wertigkeit des angestrebten Umbaus zeigt sich auch dadurch, dass man in der Ausgestaltung die Belastungen der Betriebe und deren Mitarbeiter einpreist. Die Auswirkungen der Pandemie sind noch längst nicht gemeistert und man geniert sich auch nicht, uneinsichtig an weiteren festzuhalten. Die Belastungsgrenzen für Mensch und Unternehmen bleiben jedoch außen vor.

Haben wir wichtige Brückentechnologien übersehen?

Die Abkehr von fossilen Brennstoffen ist richtig und gut. Leider haben wir uns nur gegenseitig in den Vorhaben überboten, wo wir überall aussteigen wollen. Es fehlt aber in gewisser Weise der Plan, wo wir jetzt dafür mehr einsteigen wollen. Auch die Erfahrung, dass selbst Windkrafträder in ihrer Steuerung Opfer von Cyberattacken werden können, muss zum Denken anregen. Photovoltaik ist zwar den Kinderschuhen längst entwachsen, aber auch noch nicht so stark, um bei dem ständig wachsenden Energiebedarf die verschiedenen Lücken füllen zu können. Haben wir weitere Brückentechnologien übersehen oder vernachlässigt? Die Dominanz von Strom und Gas scheint immer noch ungebrochen und wird uns aller Voraussicht nach noch einige Jahre begleiten. Genau das ist unsere Achillesferse und unser Nasenring zugleich – der gelebte hohe moralische Anspruch tröstet hierbei nur begrenzt.

Landwirtschaft lebt nicht nur von Moral, sondern auch vom Markt

Achten wir bitte auch auf unsere Landwirtschaft. Diese oft mittelständischen Familienbetriebe sichern unsere Versorgung, nämlich die Versorgung mit Lebensmitteln. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, welcher Schwerpunkt künftig gesetzt werden soll: Landschaftspflege, Energiegewinnung oder die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Gefährden wir mit gut gemeinten Transformationsansätzen die wirtschaftliche Zukunft dieser Betriebe? Unser hoher moralischer Anspruch wird in jedem Fall Auswirkungen auf die Art und Menge der jeweiligen Erzeugnisse haben. Die zu Beginn angesprochene nötige Synchronität ist aktuell in Gefahr. Landwirtschaftliche Produkte leben leider nicht nur von Moral, sondern auch vom Markt. Diese Erkenntnis mag schmerzlich sein, ist aber nun mal Realität.

Transformation braucht Gleichklang

Transformation braucht Gleichklang und zwar zwischen den alten und den neuen Strukturen, zwischen den „Transformierern“ und denen, die dies letztendlich umsetzen sollen. Es gilt das Ziel nicht einfach nur vorzugeben, sondern auch gemeinsam reflektierend den Weg dorthin zu gehen. Viele Dinge können die Akteure des Marktes auch selbst lösen, denn Eingriffe und Steuerungen sind Gefahr und Chancen zugleich.

Über Autorin Ruth Baumann:

Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes „Ja“, das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.

Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Jüngst wurde sie in den Bundesvorstand der CDU gewählt und ist dort als „Handwerk mit Mundwerk und akademischen Grad“ Mittler zwischen unterschiedlichen Welten.