Vom Sattel in die Werkstatt Fahrradreparatur mit System: Wie Brody Bikeservice das Zweirad-Handwerk digitalisiert

Reparieren statt verkaufen – dieses Prinzip bildet den Kern von Brody Bikeservice in Freiburg. Geschäftsführer Markus Bauer, früher Mountainbikeprofi und deutscher Meister, setzt auf ein innovatives Werkstattkonzept und Fahrradreparatur mit smarter Software, klaren Prozessen und einem Team, das Fahrräder liebt. Die eigens entwickelte Lösung „Bike IQ“ kann auch anderen Betrieben helfen.

Das Team bei Brody Bikeservice ist nicht nur technikaffin, sondern auch selbst gerne auf dem Rad unterwegs. Ihr Ziel: Fahrradreparatur mit System.
Das Team bei Brody Bikeservice ist nicht nur technikaffin, sondern auch selbst gerne auf dem Rad unterwegs. - © Lynn Sigel

Markus Bauer war zwölf Jahre Mountainbikeprofi, fuhr Weltcups, wurde 2017 deutscher Meister im Mountainbike-Marathon. Nach einem schweren Sturz und dem Ende seiner Sportkarriere wechselte er die Perspektive – vom Sattel in den Betrieb. Zunächst gründete er eine E-Bike-Marke, doch Lieferengpässe und Produktionsprobleme bremsten das Geschäft aus. Statt Neuräder zu verkaufen, rückte ein anderer Bereich in den Fokus: die Fahrradreparatur.

2022 gründete Bauer gemeinsam mit JobRad-Gründer Ulrich Prediger die Brody Bikeservice GmbH in Freiburg. Zwei Werkstätten, kein Verkauf, dafür klare Ausrichtung auf Reparatur – was in klassischen Fahrradläden oft nur als Nebengeschäft läuft, sollte bei Brody das Zentrum bilden.

Fahrradreparatur als Geschäftsmodell

Heute repariert das Team rund 9.000 Fahrräder pro Jahr – vom Alltagsrad bis zum High-End-E-Bike, vom Leasing-Rad bis zum Lastenrad. Über 20 Mitarbeitende, darunter vier Auszubildende, sorgen für reibungslose Abläufe. Das Versprechen: Mehr als 85 Prozent der online gebuchten Aufträge sind innerhalb von zwei Tagen erledigt. Möglich macht das nicht nur ein engagiertes Team, sondern auch eine eigens entwickelte Softwarelösung.

„Viele Händler machen Reparatur nur mit, weil sie es müssen“, sagt Bauer. „Wir haben daraus ein eigenständiges Geschäftsmodell gemacht – mit eigenen Prozessen, Strukturen und Preisen.“ Dass das funktioniert, zeigt der Erfolg in Freiburg.

Bike IQ: Software aus der Werkstatt für die Werkstatt

Mit der Software „Bike IQ“ hat Brody ein Tool geschaffen, das genau auf den Reparaturbetrieb zugeschnitten ist. Sie ergänzt das bestehende Warenwirtschaftssystem um Funktionen wie Online-Terminvergabe, KI-gestützte Zeitplanung, Echtzeit-Kommunikation mit Kunden und Schnittstellen zu Leasinganbietern. So erkennt das System etwa automatisch, welche Leistungen im Leasingvertrag enthalten sind – und welche nicht.

„Unser Ziel ist, dass sich unsere Mechaniker auf ihr Handwerk konzentrieren können. Die Software übernimmt den Rest“, sagt Bauer. Besonders wichtig: Bike IQ verhindert Überbuchungen und ermöglicht realistische Zeitfenster für jede Reparatur – abgestimmt auf die Fahrleistung, Nutzung und Historie des Rads. Seit Juni steht die Lösung auch anderen Werkstätten zur Verfügung.

Team, Technik, Tempo

Doch nicht nur Software macht den Unterschied. „Wir sind ein junges, fahrradbegeistertes Team“, beschreibt Bauer die Atmosphäre im Betrieb. Viele Mitarbeitende kommen selbst mit dem Rad zur Arbeit, einige sind aktive Biker. Auch in der Kundenberatung macht sich das bemerkbar: „Wir verkaufen nichts, was nicht wirklich nötig ist.“ Statt pauschal Antriebe zu tauschen, wird bei Brody genau geschaut, was sich noch erhalten lässt.

Der Betrieb versteht sich als freie Werkstatt – unabhängig von Herstellern oder Verträgen. Das bringt Vorteile, aber auch Herausforderungen. „Einige große Marken liefern Ersatzteile nur an ihre eigenen Händler“, kritisiert Bauer. Das sei nicht nur unpraktisch, sondern auch wenig kundenfreundlich. „Ein Fahrrad, das nicht repariert werden kann, ist Elektroschrott – und das nach zwei Jahren. Das widerspricht jeder Form von Nachhaltigkeit.“

Ein Praktikant mit Bundesliga-Erfahrung

Für Aufmerksamkeit sorgte Brody Bikeservice im Sommer 2024 auch durch einen besonderen Gast: Christian Streich, langjähriger Trainer des SC Freiburg, absolvierte nach seinem Karriereende ein Praktikum in der Werkstatt. Zwei bis drei Monate lang kam er regelmäßig vorbei, beobachtete die Abläufe, stellte Fragen – und lernte, wie man eine Kette wechselt oder einen Platten flickt.

„Er war einfach einer von uns“, sagt Bauer. Besonders spannend: Streich analysierte das Team wie eine Fußballmannschaft – inklusive Rollenverteilung und „Trainertipps“. Ob der Fußballlehrer allerdings noch eine Zweiradmechaniker-Ausbildung beginnt, darf bezweifelt werden. „Das war nicht das Ziel. Aber er hat viel mitgenommen.“

Mit Ausbildung gegen Fachkräftemangel

Schon im zweiten Jahr stellte Brody vier Auszubildende ein. Der Grund: Wer alles reparieren will, braucht Fachkräfte mit breitem Know-how. Die Vielfalt an Marken, Motoren und Systemen erfordert heute mehr als klassisches Schrauberwissen – gefragt ist mechatronisches Verständnis. Deshalb investiert Brody früh in Ausbildung und Weiterbildung. Bike IQ unterstützt auch hier: Durch intelligente Auftragsverteilung und transparente Prozesse bleibt Zeit für Schulung und Entwicklung.

Langfristig könnte Brody Bikeservice auch außerhalb Freiburgs aktiv werden. Doch Bauer bleibt realistisch. Herstellerabhängigkeiten, unklare Ersatzteilsituationen und komplexe Leasingmodelle machen die Expansion anspruchsvoll. Deshalb liegt der Fokus aktuell auf Bike IQ: Die Software soll anderen Betrieben helfen, effizienter zu arbeiten – und die Fahrradreparatur als eigenständiges Modell zu stärken. Ich glaube, dass sich Verkauf und Reparatur künftig noch stärker trennen werden – wie im Autohandel“, sagt Bauer. „Und wir wollen im Reparaturbereich eine führende Rolle spielen.“

Nachhaltigkeit durch Fahrradreparatur

Für Bauer ist Fahrradreparatur mehr als nur Business. Es geht um Verantwortung. „Reparieren ist nachhaltiger, als ständig neu zu kaufen“, sagt er. Gerade mit Blick auf die Mobilitätswende müsse das Verkehrsmittel Fahrrad verlässlich funktionieren – und das gelinge nur mit professionellem Service. „Wenn mich mein Sohn in 20 Jahren fragt, was ich gemacht habe, will ich sagen: Ich habe geholfen, Fahrräder länger haltbar zu machen.

Zugehörige Themenseiten:
Betrieb des Monats, Digitalisierung, Geschäftsideen und Nachhaltigkeit