Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig und 2,9 Millionen haben einen problematischen Medikamentenkonsum. Kein Wunder also, das sich viele Mitarbeiter so gar nicht auf die Betriebsfeier freuen, weil sie einen Kontrollverlust fürchten. Sozialpädagogin Sandra Retzer erklärt, ab wann Alkohol am Arbeitsplatz problematisch wird und wie Chefs die richtigen Maßnahmen finden.

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Musterbetriebsvereinbarung Suchtprävention in Betrieben ohne Betriebsrat(PDF, 109,42 KB)
Rauchen Sie oder trinken Sie täglich Ihren Morgenkaffee? Die meisten von uns würden sich deshalb nicht als suchtgefährdet bezeichnen oder gar an einen Entzug denken. Doch die Grenze zur Abhängigkeit ist oft schmaler, als wir glauben. Auch vermeintlich harmlose Gewohnheiten können in einen gefährlichen Konsum übergehen – ein Thema, das uns alle angeht.
Alkohol, Nikotin oder Schmerzmittel: Warum Menschen süchtig werden
Beim Konsum eines Suchtmittels, wie zum Beispiel Alkohol oder Nikotin, setzt das Gehirn Botenstoffe frei – besonders das sogenannte „Glückshormon“ Dopamin. Dieses sorgt dafür, dass wir uns entspannt, glücklich und je nach konsumierter Substanz auch energievoll und leistungsstark fühlen. Unser Gehirn speichert diesen Effekt und verbindet ihn mit dem Suchtmittel. Und wer möchte nicht gerne Glücksgefühle erleben? Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper jedoch daran und schüttet beim Konsum des Suchtmittels immer weniger von diesen Botenstoffen aus. Es braucht nun mehr vom konsumierten Suchtmittel, um denselben Effekt zu erzielen. So entsteht der Kreislauf der Abhängigkeit, der es schwer macht, den Konsum einfach wieder zu stoppen.
Definition: Was ist eigentlich ein „Suchtmittel“
Grundsätzlich wird unterschieden zwischen substanzgebundenen Süchten wie etwa Alkohol, Nikotin, Drogen- und Medikamenten- sowie Inhalationsmittelabhängigkeit (Einatmen von Dämpfen und/oder Lösungsmitteln). Oft vergessen – oder als weniger bedrohlich wahrgenommen – sind die substanzungebundenen Verhaltenssüchte wie Glückspielsucht, Kaufsucht, Computerspielsucht, Arbeitssucht (Workaholism) oder auch Sportsucht. Bei der Aufzählung lässt sich gleich auch die größte Schwierigkeit bei der Einordnung als Suchtmittel erkennen. So gelten viele der aufgeführten Substanzen oder Verhaltensweisen als absolut gesellschaftsfähig, wenn sie in Maßen genossen oder ausgeübt werden.
Die Dosis macht das Gift: Wann Alkohol am Arbeitsplatz zum Problem wird
Im Handwerk zählen Verlässlichkeit, Konzentration und körperliche Fitness – Eigenschaften, die durch regelmäßigen Konsum von Suchtmitteln schnell leiden können. Problematisch ist es vor allem dann, wenn ein Mitarbeiter sich schlechter konzentrieren kann oder unzuverlässig wird, so dass die Fehlerquote steigt. Denn gerade im Handwerk führen Fehler oft zu Sicherheitsrisiken, unnötigen Kosten, unzufriedenen Kunden sowie Produktivitätsverlusten.
Wichtig: Chefs sind bei Alkohol am Arbeitsplatz keine Therapeuten, sollten aber handeln
Natürlich ist es als Arbeitgeber nicht Ihre Aufgabe, eine Diagnose zu stellen oder gar zu versuchen, den Mitarbeiter zu therapieren oder ihn in ein suchtfreies Leben zu führen. Allerdings sind Sie als Arbeitgeber und Vorgesetzter einer der ersten Akteure, der eine Negativentwicklung beim Mitarbeiter feststellen und frühzeitig Einfluss nehmen kann. Diesen Vorsprung gilt es zu nutzen, weil es dann vielleicht noch gelingen kann, ein totales Abgleiten in die Sucht zu verhindern.
Diese Merkmale weisen auf eine Alkohol-Sucht hin
Machen Sie bei einem Mitarbeiter folgende Beobachtungen über einen Zeitraum von drei Monaten, sollten Sie handeln. Häufig treten in Kombination starkes Schwitzen, zitternde Hände, verändertes Essverhalten mit einhergehender Gewichtszu- oder abnahme, Konzentrationsschwäche, Trittunsicherheit oder Schwanken sowie feinmotorische Einschränkungen und eine geschwächte Impulskontrolle (spontane Reaktion auf äußere Umstände) auf. Doch Vorsicht: All diese Symptome müssen nicht zwangsläufig auf eine Suchterkrankung hinweisen und können auch andere medizinische Gründe haben. Klar ist jedoch, der Mitarbeiter braucht ihre Unterstützung!
Alkoholsüchtige Mitarbeiter sinnvoll unterstützen – acht Schritte gegen Alkohol am Arbeitsplatz
- Raus aus der Gefahrenzone: Arbeitet der Mitarbeiter mit Materialien oder an Maschinen, die höchste Konzentration erfordern, sollten Chefs den Betroffenen -wo immer es möglich ist - zu seinem eigenen Schutz von den gefährlichen Arbeiten abziehen und an weniger gefahrengeneigten Arbeitsplätzen einsetzen. Dabei kommt es vor allem auf die richtige Kommunikation an. Statt die Arbeitsweise zu kritisieren ist es besser zu erklären, dass der Mitarbeiter woanders für ein sehr wichtigste Projekt gebraucht wird.
- Sichtweise auf die Sucht ändern: Für einen süchtigen Menschen ist nicht der Suchtmittelkonsum das Problem, sondern das Leben um den Konsum. Es gibt immer einen Auslöser (Beispiel: Überforderung, Sorgen, Selbstregulierung) für Suchtverhalten. Die Sucht dient als Ventil, die es dem Mitarbeiter gerade ermöglicht, in dieser Welt weiter zu bestehen und seine Sorgen zu reduzieren. Versuchen Sie, mit dieser rücksichtsvollen Sichtweise in jedes Gespräch zu gehen.
- Verschwiegenheit gewährleisten: Es versteht sich von selbst, dass die Vermutung einer Suchtmittelabhängigkeit vertraulich zu behandeln ist. Sprechen Sie nur mit unmittelbar involvierten Personen über das Thema.
- Fehlverhalten dokumentieren: Sammeln Sie konkrete Situationen, in denen der Mitarbeiter ein für ihn außergewöhnliches Verhalten gezeigt hat. Notieren Sie diese Situationen für sich so genau wie möglich, denn der süchtige Mitarbeiter hat keinen Blick dafür, dass er verändertes Verhalten zeigt und wird dieses deshalb auch nicht eingestehen. Der Fokus ihrer Notizen sollte dabei vor allem darau liegen, wie sich das Verhalten des Mitarbeiters verändert hat.
- Ein offenes Gespräch anbieten: Fordern Sie den Mitarbeiter nicht direkt zu einem Personalgespräch auf, sondern versuchen Sie, das Erstgespräch zur Suchtthematik möglichst unverbindlich zu gestalten. Fragen Sie den Mitarbeiter, wie es ihm gerade geht und machen Sie ihm klar, dass Ihre Tür für Gespräche immer offen steht.
- Niedrigschwellige Angebote schaffen: Einen Süchtigen damit zu konfrontieren, dass es sinnvoll wäre, einen Entzug zu machen, ist nicht zielführend. Der erste Schritt ist, dass der Mitarbeiter Vertrauen fasst in den Gesprächspartner. Eine sofortige Konfrontation mit dem Thema Sucht kann hier kontraproduktiv sein. Überlegen Sie für sich, wer die Position des Gesprächspartners in Ihrem Betrieb übernehmen könnte und denken Sie auch über eine Auslagerung an externe Dienstleister nach. Letzteres ist vor allem dann sinnvoll, wenn über das Arbeitsverhältnis hinaus ein enger persönlicher Kontakt zum jeweiligen Mitarbeiter besteht.
- Klare Grenzen setzen: Zeigt der von Sucht betroffene Mitarbeiter wiederholt ein Verhalten, dass in Ihrem Unternehmen nicht zu tolerieren ist, müssen Sie klar kommunizieren, dass eine Grenze überschritten wurde. Bieten Sie dem Mitarbeiter an, gemeinsam eine Lösung zu entwickeln, damit diese Grenze in Zukunft eingehalten wird.
- Unterstützung von Profis holen: Es ist nicht leicht, eine solche Situation im Unternehmen korrekt zu handhaben. Holen Sie sich daher unbedingt Unterstützung und Rat bei Experten. Das können Krankenkassen sein, betriebliche Sozialarbeiter, Suchtmediziner oder Betriebspsychologen. Auf dem Portal der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) finden Sie ebenfalls weitere Anlaufstellen: suchthilfeverzeichnis.de
Fazit der Expertin
Sucht am Arbeitsplatz ist kein einfaches Thema, aber eines, das Handwerksbetriebe ernst nehmen müssen. Der regelmäßige Konsum von Alkohol oder anderen Suchtmitteln kann schnell zum Risiko werden – für die betroffene Person, das Team und den gesamten Betrieb. Durch ein offenes Auge und eine unterstützende Haltung können Sie als Arbeitgeber frühzeitig eingreifen und Ihren Mitarbeitern die Chance bieten, den Weg aus der Abhängigkeit zu finden.
Über die Autorin:
Sandra Retzer unterstützt als Sozialpädagogin B.A. seit mehr als zwölf Jahren Unternehmen bei der betrieblichen Sozialarbeit. Dabei begleitet sie ihre Klienten bei den unterschiedlichsten Problemfeldern, die – wie etwa die Alkoholsucht eines Mitarbeiters – Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben können. Mehr Informationen finden Sie unter sozialberatung-retzer.de
