Fast ausgestorben, aber nicht vergessen: Reno Jünemann ist einer der letzten Pantoffelmacher Deutschlands – und das in vierter Generation. Seit über 30 Jahren führt er den Berliner Familienbetrieb Pantoffeleck Jünemann GmbH, fertigt rund 15.000 Paar Hausschuhe pro Jahr in Handarbeit und verkauft sie weltweit – dank klugem Online-Marketing und treuer Stammkundschaft.

„Ich bin Pantoffelmacher – eigentlich schon immer“, sagt Jünemann. Der 54-Jährige steht seit 1991 in der Werkstatt, die sein Urgroßvater 1908 in Magdeburg gegründet hat. Seit 1927 ist die Pantoffeleck Jünemann GmbH in Berlin ansässig. Reno Jünemanns Schulweg führte direkt zur Werkstatt – denn die lag gegenüber der Grundschule. Während andere Kinder in den Hort gingen, aß er in der Werkstatt, machte dort Hausaufgaben – und lernte nebenbei das Handwerk. „Ich bin da reingewachsen“, sagt er. Früh war klar: Er wird den Familienbetrieb übernehmen.
Handarbeit statt Industrieproduktion
Heute fertigt Jünemann mit zwei Mitarbeiterinnen rund 15.000 Paar Pantoffeln im Jahr – in Handarbeit. Viele seiner Maschinen sind über 70 Jahre alt. Die älteste Stanze stammt von 1936, eine Durchnähmaschine von 1952. „Warum sollte ich die ersetzen? Die funktionieren – und mehr müssen sie nicht können“, sagt Jünemann. Die Sohlen werden nicht geklebt, sondern mit Pechfaden durchgenäht – eine Technik, die kaum noch jemand beherrscht. Auch die Filzsohle ist ein Alleinstellungsmerkmal: „Unsere Pantoffeln sind leise, langlebig und parketttauglich.“
Dass der Betrieb heute wirtschaftlich funktioniert, verdankt Jünemann einem mutigen Schritt: dem frühen Einstieg ins Online-Geschäft. Bereits 2002 ging sein Webshop online – damals eine Seltenheit im Handwerk. Heute verschickt er Pantoffeln nach Japan, Südafrika, New York oder auf die British Virgin Islands. „Ohne den Versand gäbe es uns wahrscheinlich nicht mehr“, sagt er. Während der Coronapandemie lief der gesamte Verkauf über den Onlineshop – Fördergelder brauchte er keine. „Jeden Tag gingen 50 Pakete raus.“
Kundenbindung durch Qualität und Nähe
In der Werkstatt arbeiten ausschließlich Quereinsteigerinnen. Die wichtigste Voraussetzung: handwerkliches Geschick – und dass es menschlich passt. „Wir sind ein kleines Team. Da muss man sich aufeinander verlassen können“, betont Jünemann. Er sucht aktuell neue Mitarbeitende – gerne mit Erfahrung, aber wichtiger ist: „Sie müssen Lust haben, das zu lernen.“
Die Kundschaft ist bunt gemischt – von Studierenden bis zu Künstlern, Ärzten oder Handwerkern. Das Image des Pantoffels hat sich gewandelt. „Früher galten sie als spießig, heute kaufen junge Leute unsere klassischen Muster, weil sie so retro sind“, erzählt Jünemann. Auch Sonderwünsche erfüllt er gelegentlich: etwa ein Paar aus der alten Jeansjacke eines Kunden – als Erinnerung an wilde Discozeiten.
Pantoffelmacher-Herausforderungen: Materialbeschaffung und Nachfolge
Was ihn manchmal nervt? Nicht der Beruf – sondern die Suche nach passenden Materialien. „Früher konnte ich alles in Deutschland kaufen. Heute muss ich suchen, weil viele Hersteller aufgeben“, sagt er. Der spezielle Filz für die Sohle war zeitweise nur aus Italien zu bekommen. „Das ist die größte Herausforderung: die richtigen Zulieferer zu finden, damit unsere Pantoffeln so bleiben wie sie sind.“
Eine fünfte Generation gibt es bisher nicht. Seine beiden Töchter haben andere Wege eingeschlagen. Ob irgendwann jemand übernimmt – vielleicht ein Schwiegersohn, vielleicht ein externer Nachfolger – ist offen. „Wenn ich mit 70 aufhören kann und der Betrieb lebt weiter, wäre das wunderbar. Wenn nicht – dann habe ich alles versucht.“
Bis dahin: weitermachen wie bisher. „Ich will gar nichts ändern“, sagt Jünemann. Expansionspläne? Fehlanzeige. Stattdessen Handarbeit, Kundennähe und ein Produkt mit Seele. „Ich liebe meinen Pantoffel – und ich bin froh, wenn ich ihn jeden Tag machen darf.“


