Studie zu Insolvenzen Zahlungsfähigkeit: Stark gestiegene Privatinsolvenzen

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Eine Studie von Creditreform zeigt einen starken Anstieg bei den Privatinsolvenzen und eine schwache Ertragslage vieler Unternehmen, vor allem im Handel und Gastgewerbe. Für Handwerker bedeutet das: Machen Sie sich ein Bild von der finanziellen Situation Ihrer Kunden – entweder im Gespräch oder über die Schufa. Handwerksunternehmer sichern sich so ihre Liquidität.

Damit die Zahlungsschwierigkeiten der anderen nicht zu Liquiditätsengpässen im eigenen Betrieb führen.
Damit die Zahlungsschwierigkeiten der anderen nicht zu Liquiditätsengpässen im eigenen Betrieb führen. – © Romolo Tavani – stock.adobe.com

Die Privatinsolvenzen sind im ersten Halbjahr 2021 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2020 um enorme 62,9 Prozent gestiegen. „Die Änderung des Verbraucherinsolvenzrechts zum Oktober 2020 hat mit der verkürzten Restschuldbefreiung deutliche Erleichterungen für überschuldete Privatpersonen gebracht. Das führte zu einem Dammbruch bei den Anträgen“, fasst Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung eines der Ergebniss der jüngsten Studie seines Unternehmens zusammen. Rund 46.000 Fälle verzeichnete Creditreform. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren es 28.240 Fälle . Hantzsch ist überzeugt: Im zweiten Halbjahr 2020 warteten zahlungsunfähige Verbraucher in Erwartung der kommenden Rechtsänderung mit dem Insolvenzantrag.  Zusammen mit den „sonstigen“ Insolvenzen beläuft sich die Gesamtzahl der angemeldeten Insolvenzverfahren im 1. Halbjahr 2021 auf 65.700 (1. Halbjahr 2020: 47.970). Zuletzt wurde vor sieben Jahren ein höherer Wert registriert.

Die eigene Liquidität sichern

Für Handwerker bedeutet das: Machen Sie sich ein Bild von der finanziellen Situation Ihrer privaten Kunden – entweder im Gespräch oder über die Schufa. Auch das Einschalten eines Inkassobüros kann helfen, säumige Zahler frühzeitig in einen strukturierten Prozess einzubinden, der die Zahlung wahrscheinlicher macht. Im Zweifelsfall ist bei Neuaufträgen auch eine Anzahlung ein gutes Mittel, um die eigene Liquidität zu sichern.

Viele Kleinstunternehmen geben auf

Vorrangig waren im 1. Halbjahr 2021 Insolvenzen von Kleinstunternehmen zu verzeichnen. In der Größenklasse bis 250.000 Euro Jahresumsatz stiegen die Fallzahlen gegen den Trend zweistellig. Insgesamt entfiel mehr als die Hälfte aller Firmeninsolenzen des 1. Halbjahres (54,1 Prozent) auf diese Umsatzgrößenklasse, die sich hauptsächlich aus Einzelunternehmen und Freiberuflern zusammensetzt. Erhöht hat sich das Insolvenzaufkommen bei der Rechtsform der Unternehmergesellschaft (UG). Deren Anteil betrug im 1. Halbjahr 2021 rund 10,8 Prozent. 38,6 Prozent der insolventen Unternehmen sind der Rechtsform der GmbH zuzurechnen.

Ertragslage durch Krise zusätzlich unter Druck

Eine Auswertung der Jahresabschlüsse von rund 26.000 deutschen Unternehmen durch die Creditreform Wirtschaftsforschung zeigt, dass jedes siebte Unternehmen hierzulande (14,5 Prozent) mit einem negativen Ergebnis vor Steuern in die Corona-Krise gegangen ist. Weitere 27,2 Prozent der untersuchten Unternehmen wiesen 2019 eine sehr niedrige Gewinnmarge auf (bis maximal 5 Prozent) – denkbar schlechte Voraussetzungen für einen heftigen Konjunktureinbruch, wie ihn Deutschland im letzten Jahr verkraften musste. Entsprechend hatten sich die Gewinnmargen im Jahr 2020 tendenziell weiter verschlechtert. Dünn war die Ertragssituation insbesondere im Sektor „Handel und Gastgewerbe“. Das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit ist damit deutlich erhöht.

Gewerbliche Insolvenzen auf niedrigem Niveau

 „Bei der Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen wirken weiterhin die staatlichen Corona-Hilfsmaßnahmen nach – insbesondere die Aufhebung der Insolvenzantragspflicht, die bis Ende April galt“, so Hantzsch weiter. Das Insolvenzgeschehen bei den Unternehmen sei weiter rückläufig. Im 1. Halbjahr 2021 waren es 8.800 Unternehmensinsolvenzen – ein Rückgang um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (1. Halbjahr 2020: 8.950).

Weniger Großinsolvenzen – Schäden rückläufig

Von der Insolvenz des Arbeitgebers betroffen waren im 1. Halbjahr 2021 insgesamt rund 90.000 Beschäftigte (1. Halbjahr 2020: 125.000). Grund hierfür war, dass in den ersten Monaten des laufenden Jahres weniger Großinsolvenzen zu verzeichnen waren. Die Schäden für die Gläubiger von insolventen Unternehmen beliefen sich auf geschätzt 12,0 Mrd. Euro. Auch hier gab es einen Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum (15,6 Mrd. Euro).

Verarbeitendes Gewerbe und Bau kommen gut durch die Krise

Die Wirtschaftsbereiche, die stärker vom Lockdown betroffen waren, Handel und Dienstleistungen, zeigten in den ersten sechs Monaten ein zunehmendes Insolvenzaufkommen. Der Handel verzeichnete 1.920 Insolvenzen – ein Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nach der Vielzahl an großen Insolvenzen im Handel im Vorjahr (z. B. GALERIA Karstadt Kaufhof) traf es nun vermehrt kleine und mittlere Firmen. Im Dienstleistungsgewerbe gab es 5.120 Insolvenzen.

Auch das war ein leichter Anstieg (plus 0,2 Prozent). Im Verarbeitenden Gewerbe war hingegen ein Rückgang festzustellen (minus 23,6 Prozent; 550 Fälle). Auch im Bausektor verringerte sich das Insolvenzgeschehen, wie bereits im Vorjahr. Mit 1.210 Insolvenzen verzeichnete das Baugewerbe 4,7 Prozent weniger Insolvenzen als im Vergleichszeitraum 2020.

Junge Unternehmen stabiler als ältere

Mehr als jedes zweite insolvente Unternehmen in Deutschland war älter als 10 Jahre. Damit setzte sich der Trend fort, wonach für viele Insolvenzkandidaten das Aus nicht als junges, sondern erst als etabliertes Unternehmen kommt. Lediglich bei einem Fünftel der Insolvenzen (19,5 Prozent) liegt die Gründung höchstens vier Jahre zurück. Zum Vergleich: 2012 traf es junge Unternehmen deutlich häufiger – damals lag der Anteil der Altersgruppe „0 bis 4 Jahre“ bei 34,3 Prozent aller Fälle. Hintergrund für diese Entwicklung dürfte das rückläufige Gründungsgeschehen insbesondere bei sogenannten „Notgründungen“ (beispielsweise aus der Arbeitslosigkeit) sein, die als anfälliger gelten.

Auch die fehlende Digitalisierung älterer Unternehmen mag ein Grund dafür sein, dass die jungen und stark digitalisierten Betriebe flexibler agieren und deshalb besser durch die Krise kamen.