Der Bauwendehof Düsseldorf bietet ein Reallabor für Kreislaufwirtschaft: Handwerksbetriebe und Designer kommen mitten im Industriegebiet zwischen Wertstoffhof und Müllverbrennungsanlage im Stadtteil Flingern zusammen, um auf einer Fläche von 1.600 Quadratmetern aus alten Materialien neue Produkte entstehen zu lassen. Der regenerative Ansatz soll bald zum Standard werden.

Wie wäre es, wenn alte Bauteile nicht einfach im Müll landen – sondern willkommener Wertstoff für neue Produkte wären? Das geht: Mit dem neuen Bauwendehof Düsseldorf im Stadtteil Flingern entsteht mit dem Bauwendehof ein Arbeits- und Innovationsort, der Handwerk, Planung und Materialkreisläufe unter einem Dach zusammenführt. Der Standort ist bewusst gewählt: zwischen Wertstoffhof und Müllverbrennungsanlage, mitten im Industriegebiet. Dort, wo sonst Entsorgung dominiert, rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Materialien länger im Einsatz bleiben können.
Betreiber des Bauwendehofs ist eine Genossenschaft, die unterschiedliche Perspektiven vereint. Zu den zentralen Akteuren gehören der Tischler und Interior-Experte Sven Urselmann sowie der Gründer der Werkstatt für zirkuläres Handwerk, Jonas Dühr. Zu den weiteren Mitgliedern zählen die Tischlerei Bremerich, Matterialista, Tongestaltung & 3D-Druck Pax Grünsch, 69 m² Düsseldorf und die Change- und Projektmanagerin Alena Engelhard.
Kreislaufwirtschaft als große Wirtschaftschance anerkennen
Der Bauwendehof erstreckt sich auf insgesamt 1.600 Quadratmetern und versteht sich als Reallabor für gelebte Kreislaufwirtschaft. Statt des alten Prinzips „Take, Make, Waste“ geht es hier um eine neue Denke für Bau, Handwerk und Interior Design. „In Zeiten, in denen viele von Krise sprechen, sehen wir in der konsequenten Umsetzung der Kreislaufwirtschaft die größte Wirtschaftschance unserer Generation. Wir wollen nicht abwarten, sondern handeln und diese Zukunft aktiv gestalten. Der Bauwendehof ist unser mutiger Schritt, um diesen Wandel von der Idee in die Realität zu bringen", sagt Sven Urselmann.
Konkret sieht das so aus: Eine Werkstatt mit einer Fläche von 500 Quadratmetern bildet das handwerkliche Herzstück, ergänzt durch Kommunikations- und Coworking-Flächen sowie einen Urban Mining Hub im Aufbau mit Materiallager und Ausstellungsflächen. Hier wird gearbeitet, geprüft, aufbereitet und experimentiert – vom Prototyp bis zum marktfähigen Produkt. „Bauteilbörsen gibt es bereits, aber wir haben noch Planung und Handwerk dahinter als Gesamtpaket“, beschreibt Jonas Dühr den Ansatz. Die Holzwerkstatt als verbindendes Element zwischen Gewerken sei ein zentrales Alleinstellungsmerkmal und Ausdruck der ganzheitlichen Denkweise.
Heizkörperabdeckungen werden zu Bänken
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Umdeutung von Materialien, die weiter verwendet werden können – deshalb nennt Sven Urselmann sie „Ernte“. Heizkörperabdeckungen werden zu Bänken, Metall- oder Kunststoffkonstruktionen zu neuen Bauteilen. „Form folgt der Verfügbarkeit“, beschreibt Jonas Dühr den gestalterischen Ansatz, den der Tischlermeister und Gestalter im Handwerk schon länger verfolgt. Dühr hat im Laufe seiner Arbeit in Zimmereien und Tischlereien gemerkt: "Ich würde es gern anders machen."
Schon sein Gesellenstück hat er aus einer alten Eichenzarge gebaut, 2023 gründete er mit der „Werkstatt für zirkuläres Handwerk“ sein eigenes Unternehmen. Noch brauche es Überzeugungsarbeit bei der Kundschaft und Flexibilität in den Projekten, erzählt Dühr. „Bislang ist es ein kleines Feld an Menschen und Unternehmen, die den zirkulären Ansatz teilen." Um diese zu finden nimmt er auch kleinere Aufträge in Kauf, zum Beispiel die Umarbeitung von Türen oder Küchen. Umso wichtiger ist für ihn die Kooperation mit anderen Firmen und Gewerken im Bauwendehof.
Kreislaufwirtschaft stößt auf Nachfrage im Markt
Dass sich Re-Use-Strategien und der Cradle-to-Cradle-Ansatz – also das Prinzip, dass Produkte von Anfang an so konzipiert werden, dass sie demontierbar und ihre Bestandteile wiederverwertbar sind – mit klassischen Kundenanforderungen verbinden lassen, zeigt auch Urselmann Interior bereits seit 2019 in zahlreichen Projekten und im eigenen Circular Office. Das Ziel sei kein Nischenmarkt für Idealisten, sondern ein bezahlbares, gut gestaltetes Angebot, das breite Akzeptanz findet, so Tischlermeister Sven Urselmann.
Der Bauwendehof will mit Partnern und Skalierung später auch den Bogen in den Gewerbe- und Hallenbau schlagen – dorthin, wo besonders große Materialmengen anfallen. Doch hier gibt es größere Herausforderungen – etwa, wenn es um Wetterfestigkeit, Statik oder den Nachweis von Materialien geht. Spezialist ist hier schon heute etwa das Stuttgarter Start-up Concular, Teil des erweiterten Ökosystems des Bauwendehofes.
Das Unternehmen arbeitet seit 2020 an der praktischen Umsetzung zirkulärer Bauprozesse. „Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist für über 40 Prozent der Emissionen und für rund 60 Prozent des Abfallaufkommens verantwortlich. Das treibt uns an, denn das sind wertvolle Ressourcen, die für immer verloren gehen“, sagt Concular-Mitgründer Dominik Campanella. Concular setzt dabei auf direkte Wiederverwendung statt reines Recycling.
Vom Müll zum Wertstoff: Einen Showroom in ein Industriegebäude verwandeln
Ein konkretes Beispiel liefert die Kooperation von Concular mit Triqbriq. Zusammen wurde ein 1800 Quadratmeter großes Industriegebäude, das zuvor als Showroom eines großen Discounters diente, neu gedacht. Statt klassischer Entkernung wurden Bauteile und komplette Inneneinrichtungen selektiv zurückgebaut und in eine Zweitnutzung überführt. Die Profis bauten tragende Holzelemente sorgsam aus, sortierten und lagerten sie. Teile davon flossen später in hochwertige Möbel von Urselmann Interior. Sichtbar wird hier der entscheidende Hebel für das Handwerk:
Der wirtschaftliche Mehrwert entsteht dort, wo ein Bauteil seinen Produktwert behält, weil es repariert, angepasst oder in eine neue Funktion überführt werden kann. Der Hebel dafür ist auch die digitale Transparenz. Denn damit wird Material vom Müll zum Wertstoff. Deshalb arbeitet Concular daran, Materialdaten plattformübergreifend nutzbar zu machen oder die Normung voranzutreiben. Etwa mit der DIN SPEC 91484, die die systematische Prüfung und Bewertung der Materialien eines Gebäudes ermöglicht, um ihren Wiederverwendungswert zu erfassen oder Tools wie Circular LCA, einer Software für Gebäudebilanzierung und zirkuläres Bauen.
Keine Utopie, sondern neuer Standard
Sven Urselmann ist überzeugt, dass es höchste Zeit ist, sich von der linearen Bauwirtschaft zu verabschieden. "Wir werden zeigen, dass regenerative Wirtschaft keine Utopie ist, sondern durch skalierbare Innovationen zum neuen Standard wird."

