Konjunktur und Krieg Ukraine-Krieg und Angst vor Stagflation: Was ist sie? Warum droht sie? Wie reagieren die Kapitalmärkte?

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Steigende Preise vor allem für Energie beflügeln die Inflation, die Notenbanken werden zum Handeln per Zinserhöhung getrieben – und beides zusammen würgt die Konjunktur ab. Gleichzeitig ist die Verschuldung der Staaten so groß, dass höhere Zinsen politisch nicht gewollt sind. Werden sie aber notwendig, geraten einige Länder in Zahlungsschwierigkeiten. „Wir sehen hier ein klassisches Szenario für eine Stagflation – wenn auch die Dynamik noch nicht so groß ist“, sagt Benjamin Bente, Geschäftsführer der Vates Invest GmbH.

Stagflation bedroht den Wohlstand. – © Westlight-stock.adobe.com

Stagflation ist, wenn Unternehmensgewinne und Wirtschaftsleistung sinken, während Preise und Arbeitslosigkeit steigen.

Der Blick auf die Preise

Bereits vor der Eskalation der Ukraine-Krise kam es in den vergangenen 24 Monaten zu sehr starken Ölpreisanstiegen. „Das hat sich durch den Ukraine-Krieg weiter dynamisiert, sodass wir inzwischen in einen exponentiellen Ölpreisanstieg übergegangen sind“, sagt Benjamin Bente. In den vergangenen drei Monaten stiegen Öl und Gas um rund 60 Prozent. Dies birge zunehmend Rezessionsgefahren.

Der Blick auf die Wirtschaftsleistung

Lieferengpässe, Rohstoff– und Energiepreisanstiege schwächen das Wachstum der Wirtschaft. „Darüber hinaus treiben die hohen Kosten für Energie aber auch die Inflation“, erklärt Bente. „Der aktuelle Preisanstieg trifft dabei auf eine ohnehin bereits deutlich höhere Inflation – was Öl ins Feuer gießt.“ Sollte nicht recht schnell eine – von den Notenbanken immer noch in ihren Szenarien erwartete – Abschwächung der Inflation kommen, könnte bei Fed & Co. starker Handlungsdruck entstehen. Die amerikanische Zentralbank Fed hat bereits eine erste Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte angekündigt. Es ist die erste Anhebung des Leitzinses seit 2018.

Stagflation wie in den 1970er Jahren möglich

„Spätestens, wenn zweistellige Inflationsraten drohen, besteht die Gefahr, dass die Notenbanken und da allen voran die amerikanische Fed in Panik geraten und noch schneller noch restriktiver werden, als viele Marktteilnehmer dies derzeit erwarten“, so Bente. Dies käme zur absoluten Unzeit, weil sich das Wachstum gerade sowieso durch die Rohstoffpreisanstiege abschwächt. „Hier sehen wir ein klassisches stagflationäres Szenario, das wir auch in den 1970er-Jahren erlebt haben“, sagt Bente. „Damals kam es zu zwei Rezessionen, die genauso ausgelöst wurden.“

Zwar ist dies derzeit von der Dynamik, von der Heftigkeit und auch vom Zinserhöhungspotenzial noch nicht vergleichbar und insofern für den Moment weniger dramatischer. „Deshalb messen wir mit unseren Indikatoren auch noch keine unmittelbaren Rezessionsgefahren für die USA“, so Bente. „Aber nichtsdestotrotz hat der Ölpreisanstieg eine derartige Dynamik entfaltet, dass es definitiv unangenehm werden könnte.“

Ähnlich argumentiert Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank: „Selbst wenn man in die 1970er Jahre zurückgeht, findet man keinen Jahreszuwachs der deutschen Erzeugerpreise um 25,9 Prozent wie ihn jetzt das Statistische Bundesamt für Februar gemeldet hat. Der andauernde Preisanstieg ist nicht nur den Energiepreisen geschuldet, er ist auch bei Gebrauchs-  und Verbrauchsgütern erkennbar. Der Inflationsschub gewinnt also an Breite.“

Der Blick auf die Löhne

Kreuzkamp meint: „Interessant wird es, wenn man diese Zahlen mit der Entwicklung der Lohnkosten vergleicht. Im vierten Quartal 2021 gingen die Löhne in Deutschland lediglich um 1,3 Prozent nach oben. Gleichzeitig ist die Konsumlust der Deutschen bisher noch ungebrochen, und auch die Unternehmensgewinne sprudelten weiter“. An diesem Muster müsse sich im laufenden Jahr zwangsläufig etwas ändern. Die hohen Produzentenpreise werden sich nach seiner Überzeugung irgendwann in den Konsumentenpreisen wiederfinden. Zur Inflationsrate sagt er: „Für den März würden wir für Deutschland eine sieben vor dem Komma nicht ausschließen.“ Und beim Konsumenten werde sich die Kauflaune eintrüben, wenn die Inflation nicht mit höheren Löhnen kompensiert wird. „Das Thema realer Kaufkraftverlust dürfte dieses Jahr eine Renaissance erleben“, so sein Fazit.

Der Blick auf den Arbeitsmarkt

Doch bisher ist der Arbeitsmarkt robust: „Er wird in Deutschland von zum Teil gegenläufigen Entwicklungen geprägt. Zum einen fehlt es aufgrund des demografischen Wandels an Nachwuchs – hier setzen die Unternehmen unter anderem vermehrt auf Migranten. Zum anderen arbeiten immer mehr Frauen und Ältere, was zur Entspannung der Lage beiträgt“, schreibt dDer Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd). Und Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit (BA) sagte Anfang März auf seiner monatlichen Pressekonferenz in Nürnberg: „Bis in den Februar hat der Arbeitsmarkt seinen Aufwärtstrend fortgesetzt. Allerdings ist in den aktuellen Indikatoren der Krieg in der Ukraine noch nicht abgebildet.“ Die Arbeitslosenquote ist mit 5,3 Prozent im Februar leicht rückläufig und auf niedrigem Niveau.

Wie die Aktienmärkte reagieren

Die jetzige Gemengelage an den Märkten birgt also inflationäre und monetäre Gefahren. „Wir sehen, dass die Energiepreisexplosion und weitere Inflationstreiber die Notenbanken zu schnell in Richtung Restriktion treiben könnte“, sagt Bente. Diese stagflationäre Kausalkette bedingt eine entsprechende Vorsicht an den Aktienmärkten. „Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass die US-Märkte gerade mal zehn Prozent unter Top notieren, was natürlich in einem stagflationären Umfeld noch recht überschaubar ist und deshalb Potenzial nach unten birgt“, so Bente. „Daher fahren wir seit mehreren Wochen auch eine Aktienquote von null Prozent.“

Tatsächlich hat der Krieg in der Ukraine die Börsen auf Talfahrt geschickt – auch wenn sich die Kurse in de Zwischenzeit bereits ein wenig erholt haben. Der Deutsche Aktienindex DAX startete mit 16.153 Punkten ins Jahr 2022 und gab bis zu Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 gut 13 Prozent seines Wertes auf 14.052 Punkte ab. Seinen Tiefststand in der aktuellen Krise erreichte er am 6. März mit einem Punktestand von 12.831. Das ist ein Minus von knapp 20 Prozent zum Jahresauftakt. Doch nun bewegt er sich wieder in Richtung Erholung: „Statt in Panik zu verfallen, nutzen Investoren die Schwächephase für Zukäufe“, sagt Carsten Gerlinger, Managing Director und Head of Asset Management bei der digitalen Finanzdienstleistungsplattform Moventum AM, „Das hat sich in der Vergangenheit immer wieder als der richtige Weg erwiesen.“

Die Börse ist keine Einbahnstraße und es gibt diverse Finanzexperten, die die aktuelle Kurserholung für verfrüht halten.