Branchen -

Interview zu E-Mobilität und Auto-Abo Prof. Benedikt Maier zur Lage im Kfz-Gewerbe: "Die Transformation ist kein Kometeneinschlag"

Die Autobranche befindet sich in einem massiven Umbruch. Prof. Benedikt Maier erklärt im Gespräch, wo die größten Herausforderungen liegen, wie Handwerkschefs die Trendthemen E-Mobilität und Auto-Abo für sich nutzen können und was die Zukunftswerkstatt 4.0 ist.

Topic channels: TS Elektromobilität, TS Fuhrpark, TS Leasing und TS Digitalisierung
handwerk magazin: Herr Professor Maier, das Kfz-Gewerbe kann sich künftig in Ihrer Zukunftswerkstatt 4.0 über innovative Technologien informieren. Worauf sind Sie dabei besonders stolz?

Prof. Benedikt Maier: Zunächst muss ich sagen, dass ich auf unsere Branche stolz bin. Darauf, dass sich die Branchenakteure bereiterklären, sich in dieser schwierigen Zeit in diesem Thema so umfangreich zu engagieren. Wir stoßen mit dieser Initia­tive auf riesiges Interesse – in Summe sind es schon mehr als 50 Kooperationspartner, die sich in der Zukunftswerkstatt zeigen möchten. Von kleinen Start-ups über etablierte Zulieferer oder Hersteller bis zu Prüf­organisationen. Mit weiteren 30 bis 40 Unternehmen sind wir in Gesprächen. Das Partnernetz wächst und wächst. Auch nach dem Übergang in die Betriebsphase Mitte 2021 wollen wir die Zunahme an neuen Partnern am Laufen halten. Denn: Die Zukunft ist ja auch nie abgeschlossen.

Was sind die technologischen Highlights?

Technologien, die mich faszinieren, sind beispielsweise eine automatisierte Hebebühne, ein mobiler Roboter, der einen ­digitalen Fahrzeugzustandsscan durchführt, sowie ein Radwechsel-Roboter. Wir präsentieren in Esslingen einerseits Innovationen, die heute schon in innovativen Autohausunternehmen im Einsatz sind, die aber auch weit in die Zukunft reichen. Zudem können es andererseits Lösungen sein, die noch nicht die Markt­reife haben. Diese werden dann dort getestet, geprüft oder weiterentwickelt.

Wie hoch ist der Anteil von Wissensvermittlung, wie hoch der Anteil von Ausprobieren?

Wir haben das nie getrennt. Das eine geht durch das andere – durch Ausprobieren entsteht Wissensvermittlung. Das ist auch das Alleinstellungsmerkmal unseres Konzepts. Wir spielen ja in Esslingen theoretisch einen kompletten Werkstatt- und Autokaufprozess durch. Für die einzelnen Kontaktmomente haben wir Stationen geschaffen, bei denen ich über große Touchtables Informationen abrufen, aber auch die konkrete Anwendung ausprobieren kann. Wichtig ist, dass sich mit unserem Konzept mögliche Hürden überwinden und Vorurteile abbauen lassen.

Bildet Ihre Zukunftswerkstatt den gewaltigen Umbruch in der Branche ab?

Auf rund 450 Quadratmetern die Transformation der Automobilwirtschaft komplett abzubilden wäre natürlich vermessen. Wir haben aber schon den Anspruch und das Ziel, ein Zahnrad von vielen zu sein – und den Unternehmen des Kfz-Gewerbes in dieser Transformation gewisse Leitplanken und Perspektiven aufzuzeigen. Zudem möchten wir sie dabei unterstützen, gut durch diese Transformation zu kommen. Damit sie auch weiterhin eine feste Rolle am Markt haben.

Können Sie bitte drei Punkte nennen, die in dieser Transformation besonders herausfordernd sind.

Die Transformation kommt ja nicht über Nacht, sie ist kein Kometeneinschlag, sondern eine Evolution. Aus meiner Sicht machen drei Gegensatzpaare die Transformation sehr deutlich. Erstens: massive Investitionen in neue Technologien versus Sicherung des Ertrags im bestehenden Geschäftsmodell. Zweitens: höchste Agilität und Geschwindigkeit bei Entscheidungen versus gewachsene Konzernstrukturen in großen Unternehmen. Und drittens: Ausbau von digitalen Geschäftsmodellen versus heterogene Kundenbedürfnisse. Diese Paare verdeutlichen, in welchem Spannungsfeld wir uns bewegen. Die Herausforderungen für die Entscheider in den Unternehmen sind riesig und ein Aussitzen ist keine zur Verfügung stehende Strategieoption.

Zulassungstechnisch hat die E-Mobilität 2020 einen großen Sprung gemacht. Warum sollten sich Handwerksunternehmer genau jetzt damit befassen?

Eines muss man sich vergegenwärtigen: Der Boom der Elektromobilität ist teuer erkauft, nämlich durch gewaltige Subventionen wie der Innovationsprämie oder den Herstellerrabatten. Der Gesetzgeber und die Hersteller nehmen hier ganz, ganz viel Geld in die Hand. Es bedarf jetzt keiner hellseherischen Fähigkeiten, dass auch 2021 die Neuzulassungen von E-Autos über denen von 2020 liegen werden. Wir werden in Zukunft also einen Antriebsmix haben, der sich stark von den Use Cases der Fahrzeugnutzung ableitet. Warum ist jetzt für Handwerksbetriebe ein guter Zeitpunkt für den Umstieg? Neben den Kosten, einer wichtigen Position im Entscheidungsdilemma, kann ich mich mit einer reinen E-Flotte als umweltorientiertes, nachhaltiges Unternehmen positionieren. Diesen Marketingaspekt sollte man beachten. Mein Tipp: Da man seinen Fuhrpark ja nicht über Nacht wechselt, muss man die Weichen für eine emissions­ärmere Flotte frühzeitig stellen. Zumal – je nach Branche – das CO2-Management bei der Auswahl der Lieferanten zunehmend Einzug halten wird. Auch End­kunden werden sich daran orientieren.

Kommen wir zu den Kosten.

Wer mit täglich 300 bis 400 Kilometern Reichweite hinkommt, für den kann E-Mobilität auch finanziell interessant sein. Wenn wir uns die Anschaffungskosten anschauen, liegen die E-Fahrzeuge auf einem ähnlichen Niveau wie die Verbrenner-Pendants – natürlich unter Einbezug der ganzen Förderungen. Und beim Unterhalt der E-Fahrzeuge zeigen sich finanzielle Vorteile: Der Kraftstoff ist in der Regel günstiger, die Kfz-Steuer entfällt und auch die Wartung ist günstiger. Die große Unbekannte ist aber weiterhin das Thema Restwert: Deshalb würde ich Gewerbekunden von einem Kauf abraten, sondern Leasingangebote empfehlen.

Sehen Sie in puncto Handwerkerflotten überhaupt noch Hürden?

Es gibt auf jeden Fall noch Hürden. Wenn wir uns das Modellangebot anschauen, ist das immer noch überschaubar. Gerade bei Fahrzeugen mit einer höheren Nutzlast oder bei den Aus- und Umbauten von Transportern. Handwerksunternehmer sollten also genau den Use Case prüfen, für den sie das E-Fahrzeug tatsächlich einsetzen möchten. Auch ganz wichtig: Das Laden muss in den Zeiten erfolgen, in denen ich das Fahrzeug nicht benötige – sprich überwiegend nachts. Eine weitere Hürde ist die Energieversorgung. Wenn ich die komplette Flotte auf Elektro umstelle, besteht die Gefahr, dass der Energieversorger diese Energie­bedarfe an meinem Unternehmenssitz gar nicht bereitstellen kann.

Eine relativ neue Art, Autos zu nutzen, bieten die zahlreichen Auto-Abo-Angebote. Wie stark wird sich das „Nutzen statt Besitzen“ künftig durchsetzen?

Das sich verändernde Mobilitätsverhalten der Menschen zeigt sich eben auch im Kaufverhalten. Dazu kommt, dass wir das Nutzen statt Besitzen natürlich auch aus anderen Lebensbereichen kennen, Stichwort Spotify und Netflix. Gerade wird verprobt, ob sich dieses Modell auch für die Autonutzung eignet. In der Betrachtung der Total Costs of Ownership (TCO) sehe ich diese Abomodelle durchaus kritisch. Die Raten sind meist höher als beim klassischen 36-Monate-Leasing, wobei man natürlich genau die Leistungsumfänge vergleichen muss. Zudem gebe ich zu bedenken, dass der Aufwand für den Fuhrparkbetreiber steigt, da ich den Fuhrpark deutlich schneller drehe. Im Gewerbe­bereich spricht also finanziell wenig dafür, Abomodelle einzusetzen. Aber es sprechen auch Gründe dafür.

Und die wären?

Zum Beispiel, wenn ich das Auto-Abo für mein Employer Branding, sprich meine Arbeitgeberattraktivität, und für die Mitarbeitergewinnung einsetze. Der Ansatz, im Sommer das Cabrio fahren, im Winter das SUV, kann dann durchaus ausschlaggebend sein. Auch interessant kann das Abomodell übrigens bei vorkonfigurierten Fahrzeugen sein – oder immer dann, wenn die Dauer des Fahrzeugbedarfs noch nicht absehbar ist – Stichwort Probezeit oder zeitlich befristete Spitzen.

Herr Prof. Maier, vielen Dank für das Gespräch!

Vita Prof. Dr. Benedikt Maier

Prof. Benedikt Maier

Seit Oktober 2020 hat Prof. Dr. Benedikt Maier, Jahrgang 1987, eine Professur für Automobildistribution und -vertrieb an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) inne.

Zudem kümmert sich der Branchenkenner als stellvertretender Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (ifa) um zahlreiche Forschungsaktivitäten und leitet Sonderprojekte. Dazu zählt etwa auch die Zukunftswerkstatt 4.0 – laut eigenen Angaben das Innovation-Lab für das Kfz-Gewerbe –, für die er als Geschäftsführer verantwortlich zeichnet.

© handwerk-magazin.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen