Geschäftsidee im Bereich Elektromobilität Elektrohandwerk: Neue Marktchancen durch Ladeinfrastruktur für E-Mobilität

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Elektromeister Martin Böhm fand das Thema E-Mobilität schon früh ­faszinierend – und stieg in dieses lukrative Geschäftsfeld ein. Mit Erfolg. Mehr als 2.000 Ladesäulen errichtete seine Firma bereits bundesweit. Dieses Potenzial bietet das neue Geschäftsfeld „Elektromobilität“ für Elektrohandwerker.

Elektromeister Martin Böhm
Elektromeister Martin Böhm ist im boomenden Geschäftsfeld der Ladeinfrastruktur für Elektromobilität erfolgreich. – © Markus J. Feger

Martin Böhm ist ein Hidden Champion – und zwar im boomenden Markt der E-Mobilität. Der Elektromeister aus Troisdorf setzt schon seit 2011 auf diese Karte und hat sich seitdem zu einem „heim­lichen“ Marktführer aus dem Mittelstand entwickelt. „Das Elektrohandwerk hat eindeutig die Kompetenz für das Thema E-Mobilität und ist der beste Dienstleister für alle, die in diese Richtung umsteigen wollen“, lautet die Grundüberzeugung des 47-Jährigen.

Die Unternehmenssparte Böhm E-Mobility macht heute mit 27 Mitarbeitern 70 Prozent des Umsatzes – mit der Installation, der Wartung und dem Rundum-Service von Ladesäulen für Elektroautos. Ein Jahr zuvor waren es 23 Beschäftigte und ein Umsatzanteil von weniger als der Hälfte. Das verdeutlicht die Dynamik in diesem Bereich. Bundesweit hat Böhms Unternehmen inzwischen etwa 2.000 dieser Säulen errichtet.

E-Handwerker gehen voran

Um noch schlagkräftiger zu sein und den Interessenten flächendeckend Ansprechpartner zu bieten, schloss er sich vor einem Jahr mit drei vergleichbaren Firmen aus anderen Teilen Deutschlands zusammen: in der Gesellschaft E-Mobility Netzwerk Deutschland GmbH. Sie verfügt über mehr als 400 Fachkräfte und installierte schon über 4.500 Ladepunkte. Bedeutet: Immerhin jede sechste derzeit aktive Sta­tion in Deutschland wurde von diesem Quartett aus den E-Handwerken gebaut und wird von ihm betreut. Selbst Leasing und Contracting gehören zu den Angeboten der vier.

„Ich fand das Thema faszinierend“, erinnert sich Böhm an seinen Start mit der E-Mobilität. Von Anfang an habe für ihn absolut festgestanden, dass es fachlich und von der Betriebsstruktur her zum Elektrohandwerk passt. „Warum sollten wir es also Großkonzernen, der Mineralölwirtschaft oder Quereinsteigern überlassen?“ Allerdings gibt er offen zu, anfangs für diese Überzeugung auch in Kollegenkreisen belächelt worden zu sein. Von solchen Skeptikern hat er sich allerdings nicht beirren lassen und registriert nun, dass ihm mehr und mehr Kollegen folgen, die gemerkt haben, dass es sich um ein „wahnsinnig wachsendes Geschäftsfeld“ handelt.

Industrie denkt um

Die staatliche Förderung für strombetriebene Fahrzeuge und auch für die notwendige Ladeinfrastruktur trägt dazu entscheidend bei. Mindestens ebenso viel Schub bringt nach Böhms Erfahrungen jedoch, dass „vor allem die Industrie und andere Wirtschaftsbereiche derzeit massiv umsteigen, weil ihre Compliance-Vorgaben auf eine möglichst CO2-freie Produktion und Logistik hinauslaufen und weil ihnen die fossile Energie schlichtweg zu teuer wird“.

Gerade aus diesem Bereich kämen immer mehr Anfragen und Aufträge für die E-Handwerker aus dem Kölner Umland. Umwelt- und Kostengesichtspunkte gingen dabei „Hand in Hand“. Immerhin ließen sich die Ausgaben für den Antrieb eines Fuhrparks bei Eigenstromerzeugung und -speicherung um 30 Prozent senken – gegenüber Diesel oder Benzin. Der Einsatz von E-Fahrzeugen und das Anbieten von Lademöglichkeiten werde von den Unternehmen daneben jedoch noch immer als Imagefaktor und Nachhaltigkeitsbeweis positiv „verbucht“ – gegenüber den eigenen Mitarbeitern ebenso wie gegenüber Auftraggebern und Kunden. Man denke etwa an Hotels und Tagungsstätten.

Rolle des Full-Service-Anbieters

Aufgrund der positiven Marktentwicklung baute Böhm seinen Betrieb zum Full-Servie-Dienstleister um. Das reicht von der Planung über die Installation der Anlagen bis zur Fernüberwachung und -wartung der Säulen und zur Abrechnung des Strombezugs. Auch ein Versicherungsschutz gegen Vandalismus wird angeboten. Die Kurve weist also für den Troisdorfer Unternehmer stark nach oben. Sie kam selbst in den Wochen und Monaten ohne Knick davon, als andere Wirtschaftszweige coronabedingt arge Turbulenzen überstehen mussten.

Dennoch sei das Geschäftsfeld E-Mobilität kein Selbstläufer. Es gibt immer neue Mitbewerber, die ein Stück vom Kuchen für sich ergattern wollen, und es tut sich fachlich und technisch eine Menge, nicht zuletzt, weil es sich eben um ein eher junges Geschäftsfeld handelt. „Bei der Auswahl der Partner und der Produkte, mit denen man arbeiten will, muss man sehr sorgsam vorgehen“, warnt der Unternehmer. Und man müsse dafür sorgen, dass man inhaltlich stets „up to date bleibt“. Das gilt auch für Böhm selbst: Er wirkte als Vertreter des Zentralverbands der Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) federführend daran mit, eine allgemeingültige Richtlinie für die Wartung der Ladestationen zu erarbeiten. „Da waren wir vom Handwerk mit der Industrie auf gleicher Augenhöhe“, meint er stolz. Zudem hat er im Verband eine Qualifizierung zum E-Mobilitäts-Fachbetrieb initiiert und umgesetzt.

Stromer-Flotte im Einsatz

Dass der Chef „die E-Brille aufhat“, macht selbstverständlich auch vor seiner Firma nicht halt: Zehn strombetriebene Fahrzeuge sind im Einsatz, nahezu der gesamte Fuhrpark ist weg vom klassischen Verbrenner. Zweifel über die Einsatzfähigkeit der E-Transporter lässt der 47-Jährige nicht zu. „Wir fahren quasi täglich mit ihnen Strecken bis Düsseldorf oder Aachen und wieder zurück. Insgesamt haben wir inzwischen über 500.000 Kilometer mit Strom zurückgelegt. Das ging und geht problemlos. Dementsprechend könnten viel mehr Handwerker umsteigen.“

Der „Saft“ für die Stromer kommt zu großen Teilen von einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach mit gut 38 Kilowatt Peak, also durchschnittlicher Leistung, deren Ertrag zunächst in einen Batteriespeicher mit einer Kapazität von knapp 100 Kilowattstunden fließt. Beide sollen möglichst bald vergrößert werden. Zum einen will Böhm so in Richtung Autarkie vorankommen. Das ist die Energievision für sein Unternehmen, über die er gerne spricht. Zum anderen will er so zumindest mittelfristig Geld sparen. In Planung ist darüber hinaus eine Wärmepumpe mit Wärmerückgewinnung zur Heizung und Kühlung der Betriebsräume.

Dass die Wende im Verkehrssektor kurz bevorsteht und dass sie möglich ist, steht für den Unternehmer außer Frage: „Immer mehr Autos, Transporter und bald auch Lkw stehen zur Verfügung, die Technik wird immer besser und auch die Netze können verstärkt werden. Wir müssen uns eben nur endlich für diese Schritte entscheiden. Der Klimawandel lässt uns nicht mehr viel Zeit dazu.“ Immerhin habe die Politik dies ja nun endlich verstanden und lasse entsprechende Entscheidungen folgen.

FAQ Sechs Fragen, sechs Antworten

Der heimische Elektro-Pkw-Markt befindet sich deutlich im Aufwind. So haben E-Auto-Fans in den ersten zehn Monaten dieses Jahres 252.531 neue Stromer zugelassen. Ein Anteil von 10,9 Prozent am Gesamtmarkt. Doch es gibt immer noch Fragen.

  1. Gibt es eigentlich handwerkstaugliche E-Fahrzeuge in ausreichender Auswahl?
    Wenn es um Pkw geht, ist die Palette mittlerweile recht groß – vom Kleinwagen bis hin zu Oberklasse-Autos und SUV. Typische Handwerker-Kombis und große Lkw stehen leider noch seltener stromgetrieben zur Verfügung. Immerhin wird die Auswahl nach und nach größer. Erheblich besser sieht es wiederum bei E-Transportern aus – mit ausreichend Zuladefähigkeit und auch guter Reichweite pro Aufladung.
  2. Ist die Dichte bei den Ladesäulen bereits so, dass man nicht Angst haben muss, unterwegs liegen zu bleiben?
    Im Grunde muss man diese Angst nicht mehr haben, zumal das Angebot mit weiteren zugelassenen E-Autos ständig zunimmt, auch wenn das Netz noch längst nicht die Abdeckung mit konventionellen Tankstellen erreicht hat. Über Apps kann man jedoch die nahegelegenen Säulen identifizieren.
  3. Man hört, dass es bei den Ladesäulen sehr große Unterschiede gibt hinsichtlich Anschlussmöglichkeiten und Bezahlsystem. Stimmt das auch heute noch?
    Tatsächlich existierten viele verschiedene Ladestecker und Kupplungsvarianten auf dem Markt, die untereinander zum Teil inkompatibel waren. Eine sichere und komfortable Nutzung der Ladeinfrastruktur wurde dadurch selbstverständlich behindert. Seit 2014 gilt jedoch eine EU-Richtlinie, die eine europaweit einheitliche Infrastruktur mit standardisierten Lade- beziehungsweise Steckersystemen zum Ziel hat. Sie ist durch die „Ladesäulenverordnung“ auch in deutsches Recht überführt worden. Das sogenannte Combined Charging System (CCS) ist ein offenes, universelles Ladesystem für Elektrofahrzeuge, das auf den Standards für Ladesteckverbinder aufbaut. Der fahrzeugseitige CCS-Anschluss vereint dreiphasiges Wechselstromladen (maximal 44 Kilowatt) mit der Möglichkeit zum schnellen Gleichstromladen in einem System. Auch beim Bezahlen des Stroms sind Vereinheitlichungen im Gange, um eine höhere Nutzerfreundlichkeit zu erreichen.
  4. Was muss ich beachten, wenn ich mein Haus oder mein Betriebsgebäude mit einem Ladepunkt ausrüsten möchte?
    Am bequemsten ist es natürlich, das E-Auto zu Hause zu laden. Die Betriebe des Elektrohandwerks können informieren, wie dies sicher und effizient vonstattengeht. Am besten eignen sich die sogenannten Wall-Boxen. Für diese sollte zunächst die vorhandene elektrische Anlage überprüft und gegebenenfalls verstärkt werden. Bei der Entscheidung für eine bestimmte Wall-Box bietet ein entsprechender Test des ADAC Orientierung, denn hier gibt es nicht nur preislich deutliche Unterschiede. Die Beratung hinsichtlich Zuverlässigkeit und Sicherheit kann aber nur ein E-Mobilitäts-Fachbetrieb leisten. Wollen E-Auto-Besitzer komplett emissionsfrei fahren, müssen sie das Auto mit regenerativem und schadstofffrei produziertem Strom laden. Eine klimaneutrale und kosteneffiziente Option ist Solarstrom, der über eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Wohn- oder Betriebsgebäude, der Garage oder dem Carport erzeugt werden kann. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll, denn überschüssigen Strom kann man zusätzlich im Haus nutzen, in Akkus zwischenspeichern oder vom Netzbetreiber vergüten lassen.
  5. Wie langlebig sind denn die Ladestationen und die Akkus?
    Selbst sehr stark frequentierte Ladestationen sind bereits seit zehn Jahren zuverlässig im Einsatz. Die Technik schreitet aber kontinuierlich voran, sodass auch längere Lebensdauern erzielt werden können. Akkus erreichen jetzt schon mehrere hunderttausend Fahrkilometer. An einer Lebensdauer von bis zu einer Million Kilometer sind die Entwickler dran.
  6. Wie fördert der Bund den E-Auto-Kauf?
    Aus dem Programm „Innovationsprämie“ gibt es vom Bund für E-Autos 6.000 Euro für Fahrzeuge, die netto maximal 40.000 Euro kosten, sowie 5.000 Euro für teurere Stromer (Mindesthaltedauer in beiden Fällen: sechs Monate). Bei Plug-in-Hybriden beträgt die Förderung 4.500 beziehungsweise 3.750 Euro (Mindesthaltedauer in beiden Fällen: sechs Monate). Neues gibt es in Sachen Leasing: Die Höhe der Förderung ist abhängig von der Leasingdauer. Beträgt die Laufzeit des Leasingvertrags mehr als 23 Monate, erhält man die volle Förderung. Bei kürzeren Laufzeiten sinkt sie entsprechend. Zudem lässt sich der BAFA-Umweltbonus seit dem 16. November mit folgenden Förderprogrammen kombinieren: den Förderrichtlinien Elektromobilität und Markthochlauf NIP2 des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sowie dem Sofortprogramm „Saubere Luft“ und dem Flottenaustauschprogramm „Sozial und Mobil“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU).