Zusammentreffen der Extreme Citroën Ami oder Peugeot Boxer: Wer gewinnt den Vergleich von David und Goliath bei Stellantis?

Ob Citroën Ami oder Peugeot Boxer – ob Mikro-Kasten­wagen oder großer Kipper – beide Stellantis-Extreme sind auf ihre Art und Weise für die Arbeit im Handwerk geboren. Wir haben beide Modelle getestet.

David und Goliath: Wer macht das Rennen bei den Stellantis-Nutzfahrzeugen? Peugeot Boxer oder Citroën Ami Cargo? - © Dany Heyne/Stellantis, Randolf Unruh

Das Zusammentreffen von David und Goliath hatte schon immer seinen Reiz, beginnend in bib­lischen Zeiten. Hier treten an: ein Peugeot Boxer mit Kippbrücke der franzö­sischen Marke JPM und der winzige Citroën Ami Cargo. Zwei Vertreter der größten und der kleinsten Transporter-Baureihen des Multimarkenkonzerns Stellantis, die sämtlich auch unter anderen Signets zu bekommen sind. Dass sich beide während der Arbeit begegnen, ist eher unwahrscheinlich. Aber ranklotzen, das kann der Große wie der Kleine.

Den Dreiseitenkipper liefern Peugeot und Konsorten im Rahmen der Stellantis-Initiative namens Custom Fit aus einer Hand. Er wird sogar gleich im Werk aufgebaut. Die JPM-Version kombiniert Rustikalität mit Leichtigkeit. Die Steckverbindungen von Aufbau und Hilfsrahmen wirken einschließlich ihrer Sicherungen mehr als handfest, ebenso die Verriegelungen der Bordwände – einfach leicht anheben und drehen. Oder die simplen Zurrösen – von oben gesteckt, von unten per Mutter ge­sichert. Dann wäre da die Kombination ausSchere plus kleinem Zylinder statt der anderswo verwendeten mächtigen Hubzylinder unter der Kippbrücke, eine ­materialschonende Abdeckung der ­Bordwände. Schließlich die Aluminium-Konstruktion mit einem 3,5 Millimeter starken einteiligen Boden. Diese leichte Ausführung sichert der dieselgetriebenen Doppelkabine mit 3,5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse eine Nutzlast von gut einer Tonne.

Citroën Ami oder Peugeot Boxer? Kipper ist durchzugsstark, verfügt aber über begrenzte Wendigkeit

Ungleiche Lastverteilung mit gewichtiger Fracht irritiert den Kipper nicht, auch darf es abseits der Straße gern eine Schaufel Kies mehr sein. Mit 2,1 Tonnen zulässiger Achslast vorn und 2,4 Tonnen hinten bietet er üppige Reserven. Das bedeutet im Umkehrschluss: Dieser Transporter markiert leer den harten Hund, der Boxer teilt deftige Haken aus. Gut vier Meter Radstand und Vorderradantrieb begrenzen die Wendigkeit, der Boxer tänzelt nicht im Ring, er marschiert unbeirrt geradeaus. Dabei unterstützt ihn seine geschmeidige Maschine. 2,2 Liter Hubraum und 103 kW/140 PS passen, denn das Triebwerk arbeitet sowohl kultiviert als auch bei sehr niedrigen Drehzahlen durchzugsstark. Das maximale Drehmoment von 380 Nm ist nicht von Pappe.

Etwas pappig und somit schlicht wirkt dagegen das Innenleben der Doppelkabine. Einfache Verkleidungen, viel Blech, Verzicht auf praktische Sitztruhen auf der Beifahrerseite oder unter der viersitzigen Bank im Fond – die Doka ist auf Einfachheit getrimmt. Für Kerle in Arbeitszeug und mit Stiefeln. Da sind dann ein paar Schrammen und Schrunden nicht so schlimm. Und schrullig wirkt seit fast 20 Jahren die merkwürdige Sitzposition. Dagegen ist die Bedienung mitsamt Assistenzsystemen auf der Höhe der Zeit. Da wäre die feine, elektrisch unterstützte Lenkung. Oder die Instrumente, die in analoger Grundausführung viel besser abzulesen sind als in angeblich ­höherwertigen Varianten.

Citroën Ami oder Peugeot Boxer? Instrumente sind beim elektrischen Nutz-Zwerg Fehlanzeige

Von Instrumenten kann beim Minimal-Cockpit im winzigen Citroën Ami Cargo kaum die Rede sein. Auch nicht sonderlich von Bedienung – wo fast nichts ist, gibt’s weder Lob noch Tadel zu verteilen. Der elektrisch angetriebene Zwerg ist ein Leichtfahrzeug nach Stufe L6e. Das heißt Führerschein AM für den Azubi ab 15 Jahre, Leistung 6 kW/8 PS, Maximal­tempo 45 Sachen und eine Zuladung von lediglich gut 200 Kilogramm. Alles also nur ein Bruchteil des großen Bruders. Aber in der City sind alle gleich schnell, hält der Kurze gut mit. Und mit einem Wendekreis von nur 7,2 Metern fährt er dem Riesen mühelos um die Ohren. Parkt mit nur 2,46 Meter Länge auch mal quer ein. Allein der Versuch entspräche beim großen Boxer einer Straßensperre.

Die Türen des Ami – übersetzt: Freund – sind links wie rechts identisch, die Fahrerpforte ist hinten angeschlagen, der Eingang liegt also vorn. Einfädeln ist für Großgewachsene etwas mühsam, doch wer dafür eine Schlängeltechnik ausgedacht hat und drinsitzt, wundert sich über den Platz. Und über die Sicht, dank des großen Dachfensters auch auf Ampeln. Eine Heizung mit lautstarkem Gebläse ist ebenfalls an Bord. Die Außenspiegel ähneln Monokeln. Sie sind sogar von innen verstellbar – sofern der Fahrer wie einst bei der Ente das Seitenfenster hochklappt und hinausgreift.

Was bedeutet das "Cargo" in Citroën Ami Cargo?

Das von uns getestete Cargo-Paket setzt sich aus einer Abdeckung von Sitz und Fußraum auf der Beifahrerseite sowie einer Abtrennung zum dünn gepolsterten Fahrersitz zusammen. Und jetzt bitte einladen: Werkzeugkästen und etwas Material, Weiteres passt hinter die Sitze und vorn in Ablageschalen. Dann nichts wie hinein in verkehrsberuhigte Zonen oder auch, dem Weg der Stapler folgend, in die Werkhalle zum Service an Anlagen und Maschinen. Abgase gibt’s ja keine und der Kleine nimmt schließlich kaum mehr Platz weg als zwei Industriepaletten, stört daher nicht. Federungskomfort gibt es nicht, der kleine Brummer sucht Schlaglöcher – und findet sie. Der hinten angesiedelte Antrieb arbeitet bei alldem erstaunlich laut. Schiebt aber bis gut 30 Sachen ­kräftig an.

Abends möchte man den David ­Citroën Ami Cargo am liebsten unter den Arm nehmen und ins Warme tragen. Wer käme beim Goliath, dem großen Kipper, auf diese Idee?

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