Clown Sails Segelmacherei Betriebsübernahme: Wie ein Unternehmen in der schrumpfenden Segelmacher-Branche wächst

Vor rund 15 Jahren saßen in Julius Raithels Berufsschulklasse noch 30 Schüler. Heute ist es die Hälfte – die Segelmacher-Branche schrumpft, Betriebe finden keine Nachfolger. Raithel hat sich trotzdem eine Betriebsübernahme zugetraut, einen zähen Übergabeprozess durchgestanden und führt Clown Sails in Hamburg heute mit 13 Mitarbeitern und vollen Auftragsbüchern.

Julius Raithel übernahm Clown Sails als ehemaliger Praktikant – heute führt er die Hamburger Segelmacherei mit 13 Mitarbeitenden und vollem Auftragsbuch.
Julius Raithel übernahm Clown Sails als ehemaliger Praktikant – heute führt er nach der Betriebsübernahme die Hamburger Segelmacherei mit 13 Mitarbeitern und vollem Auftragsbuch. - © Jörg Brockstedt

Vor rund 15 Jahren, als Julius Raithel an Deutschlands einziger Berufsschule für Segelmacher lernte, zählte seine Klasse 30 Schüler. Heute ist es nur noch die Hälfte. Die Branche überaltert, viele Betriebe finden keine Nachfolger. Und dann gibt es Clown Sails in Hamburg-Sülldorf – wo Raithel inzwischen Chef ist und mehr Bewerbungen bekommt, als er annehmen kann. Der 35-Jährige ist Segelmachermeister und Betriebswirt des Handwerks. Er hat den Betrieb von seinem Mentor Frank Schönfeldt übernommen – demselben Betrieb, in dem er als 16-Jähriger sein Schülerpraktikum gemacht hat. Heute beschäftigt er 13 Mitarbeitende mit einem Durchschnittsalter von Anfang 30, bildet in jedem Lehrjahr einen Azubi aus und produziert alles in Hamburg.

Betriebsübernahme mit Anlauf: Vom Praktikanten zum Chef

Die Geschichte zwischen Raithel und Clown Sails beginnt lange vor dem Notartermin. Mit 16 kam er als Schülerpraktikant – und blieb hängen. Nach dem Praktikum jobbte er in den Ferien, absolvierte seine Ausbildung zum Segelmacher, legte Meisterbrief und Betriebswirt drauf. Dann zog es ihn raus: erst zur See, dann drei Jahre auf einer selbst gestalteten Walz um den Globus. Den Kontakt zu Schönfeldt hielt er die ganze Zeit – und die Option einer Übernahme war immer im Raum, auch wenn sie lange vage blieb. Als sein Mentor schließlich konkret wurde, kam Raithel zurück. Ein gemeinsames Einarbeitungsjahr folgte, und schließlich der Abschluss: Raithel kaufte den Betrieb mit Unterstützung der Bank und übernahm CI, Räume, Team und Struktur komplett.

Warum diese Betriebsübernahme fast zu lange dauerte

Der Prozess zog sich – und das hatte Konsequenzen. Einige Mitarbeitende, denen das Warten zu lang wurde, verließen den Betrieb. Was schließlich half: ein externer Mediator, der zwischen Raithel und Schönfeldt vermittelte. Kein Anwalt, kein Steuerberater – sondern ein gemeinsamer Freund, der beide Seiten kannte und half, eine Einigung zu finden. Das Ergebnis war ein echter Schnitt: Schönfeldt trat zurück, blieb aber als Mentor erreichbar. Übergaben scheitern im Handwerk oft nicht am Geld, sondern an ungeklärten Rollen. Ein externer Vermittler, ein festes Datum, ein sauberer Vertrag – das klingt banal, macht aber den Unterschied.

Was Raithel von dieser Zeit mitbrachte, war keine Sammlung von Techniken, sondern eine Überzeugung: „People need people – das ist für mich der wichtigste Satz aus diesen drei Jahren." Im Handwerk gebe es viele Einzelkämpfer, sagt er – kleine Betriebe, ein oder zwei Angestellte, der Chef macht alles alleine. „Das macht mir keinen Spaß." Clown Sails ist bewusst anders aufgestellt: Team-Coachings zu Kommunikation und Qualität, eine Atmosphäre, die auf Instagram so wirkt, wie sie ist. „Es wirkt deswegen so gut, weil es authentisch ist."

Das Logo, das jedes Jahr die Farbe wechselt

Wer Clown Sails kennt, kennt das Logo: ein bunter Clown, der jedes Jahr in einer neuen Farbe erscheint. 44 Versionen gibt es inzwischen. Die Idee stammt von Gründer Schönfeldt – Raithel hat sie nicht angetastet. „Wahrscheinlich seine genialste Idee", sagt er. Der Nutzen geht weit über Optik hinaus: Kunden sammeln die Logos, kaufen Taschen mit dem aktuellen Clown, wollen das neueste Modell. Und Raithel sieht auf dem Wasser auf Anhieb, aus welchem Jahr ein Segel stammt. „Ich kann einem Segler aus der Ferne ansehen, dass er mal neue Segel braucht. Das ist Gold wert." Kein Gespräch nötig, kein Nachfragen – der farbige Clown sagt alles. Dreimal wurde Raithel Europameister in der Bootsklasse Pirat, jedes Mal mit dem sichtbarsten Erbe des Gründers auf dem Segel. „Wenn ich selber aktiv und erfolgreich segle, kommen die Leute deswegen zu mir."

Wirtschaftlich steht Clown Sails auf mehreren Säulen. Rund die Hälfte des Umsatzes kommt aus dem Segelbau – individuell gefertigt, für Regatten und Fahrtensegler. Den Rest teilen sich Serviceleistungen wie Bootsplanen, Sonnensegel und Gartenabspannungen sowie Taschen, die auf Wunsch in beliebigen Farben und mit eigenem Logo bestellt werden können. Rund 80 Prozent der Kundschaft sind Privatpersonen, dazu kommen Werften und Firmenkunden. Diese Breite ist kein Zufall. „Wenn weniger gesegelt wird, bauen wir halt immer noch Sachen für den Garten und die Taschen", sagt Raithel. Die aktuell etwas schwächere Konjunktur hat Clown Sails mit Verzögerung erreicht – und zeigt sich bisher vor allem in kürzeren Lieferzeiten, nicht in fehlendem Auftragsvolumen.

Recruiting: Mehr Bewerber als Plätze

Clown Sails ist auf Instagram präsent – und das nicht nebenbei. Raithel hat den Kanal bewusst professionell aufgezogen, mit einem klaren Ziel: Sichtbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Das Ergebnis: Ausbildungsanfragen kommen von alleine – zuletzt vier bis fünf für einen Platz. Mit der dritten Azubine im Herbst hat er künftig in jedem Lehrjahr eine Auszubildende. Ein junges Team, das authentisch nach außen auftritt, zieht junge Bewerber an. Dazu kommen eigenes Merch – Pullover, in der Taschenwerkstatt selbst bestickt –, Anzeigen in Segelzeitschriften und Sponsorings bei Regatten. Alles zusammen ergibt eine Sichtbarkeit, die sich nicht auf eine einzelne Maßnahme reduzieren lässt.

Größer werden will Raithel nicht. „Ich will nicht die größte Segelmacherei der Welt sein." Was er will, ist präziser formuliert: ein toller Anlaufpunkt für Segler, Kunden und Mitarbeiter – eine Marke in seinem Markt, keine Fabrik. Alle Segel werden in Hamburg individuell gefertigt, Fernostproduktion kommt nicht infrage. „Ich will ehrliches Handwerk machen und dafür eine Gegenleistung bekommen." An der Branche macht ihm eines Sorgen: In zehn Jahren wird es deutlich weniger Segelmacherbetriebe geben. Viele Inhaber übergeben nicht, weil sie niemanden finden – oder weil die Übergabe zu spät angegangen wird. „Da wurde auch viel verpasst", sagt er. Raithels Antwort darauf ist, selbst mehr auszubilden. Er kommt aus einem Lehrerhaushalt und hat echte Freude daran, jungen Menschen etwas beizubringen. „Man muss das mit Leidenschaft machen", sagt Raithel. „Sonst muss man was anderes machen."

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