Junge Gründerin Bestattungsfachkraft: Das erfolgreiche Konzept der jungen Bestatterin Annabell Wandelt

Als Frau in der Bestattungsbranche hat man es nicht immer leicht – trotzdem wagte Annabell Wandelt mit gerade einmal 20 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit. Direkt nach ihrer Ausbildung zur Bestattungsfachkraft gründete sie ihr eigenes Bestattungshaus. Mit Einfühlungsvermögen und Mut hat sie sich ihren Platz in einer von Männern dominierten Branche erarbeitet.

Bestattungsfachkraft Annabell Wandelt steht in ihrem Bestattungshaus.
Annabell Wandelt hat m April 2024 ihr Bestattungshaus eröffnet. - © Stephan Floss

„Bis ich 14 Jahre alt war, hatte ich panische Angst vor Friedhöfen“,sagt Annabell Wandelt, die mittlerweile täglich an Gräbern steht – und damit ihr Geld verdient. Nur sechs Jahre liegen zwischen dieser Angst und der Eröffnung ihres eigenen Bestattungshauses Wandelt im Jahr 2024 in Neschwitz, nahe der tschechischen Grenze. Heute kann sich die selbstständige Handwerkerin keinen anderen Beruf mehr vorstellen als den der Bestattungsfachkraft.

Eine Beerdigung als Wendepunkt

Der Wendepunkt in ihrer Geschichte war ein Familienurlaub in den Vereinigten Staaten. Wandelt wuchs in einem Haushalt auf, in dem der Umgang mit dem Tod nie ein Tabuthema war: Ihr Vater arbeitet im Rettungsdienst, ihre Mutter im Reisebüro – beide interessierten sich schon lange für Bestattungskulturen und besuchten auf Reisen regelmäßig Friedhöfe in verschiedenen Ländern.

In Miami wurde die Familie zufällig Zeuge einer Beerdigung, an die sich Annabell noch gut erinnert: „Dort war alles ganz anders, als wir es aus Deutschland kannten. Die Beisetzung war nicht so düster und traurig, die Trauergäste stießen am Grab mit Schnaps auf den Verstorbenen an und hatten vermutlich schon vorher das ein oder andere Getränk zu sich genommen." Diese Erfahrung weckte ihr Interesse für den Beruf und für Trauerbewältigung. Sie absolvierte ein Schülerpraktikum bei einem Bestatter – und von da an stand für sie fest: „Ich wollte nichts anderes mehr machen.“

Als Bestattungsfachkraft direkt in die Selbstständigkeit

Doch direkt nach ihrer Ausbildung zur Bestattungsfachkraft zu gründen, war eigentlich nicht ihr Plan: „Allerdings fand ich keinen Betrieb, der mich einstellen wollte“, erinnert sich Wandelt. Ihrer Meinung nach hatte das vor allem einen rückschrittlichen Grund: Sie ist eine Frau. „Bei uns im Osten wird die Branche noch stark von Männern dominiert. Das habe ich auch bei meinen Bewerbungen gemerkt, als Absagen kamen, weil ich kein ‚starker‘ Mann bin.“

Diese Vorurteile begleiten sie bis heute – nicht nur bei Bewerbungen, sondern auch im Arbeitsalltag. „Vor allem bei älteren Leuten muss ich mich noch beweisen. Ihnen fehlt das Vertrauen in meine Fähigkeiten – einfach, weil ich eine junge, rothaarige und vermeintlich unerfahrene Frau bin.“

Aus der Not eine Tugend gemacht

Also stand sie vor einer Entscheidung: Sollte sie in eine Großstadt wie Dresden, Leipzig oder Berlin ziehen, wo Frauen im Bestatterberuf keine Seltenheit sind? Oder sollte sie in der Lausitz bleiben und sich selbstständig machen? Sie entschied sich für Letzteres – und geht damit einen mutigen Weg.

Dass es für den Beruf keine festgelegte Zugangsvoraussetzung gibt, sieht sie kritisch. In Deutschland kann sich aktuell jeder mit einem Gewerbeschein Bestatter oder Bestatterin nennen. Der Bundesverband der Deutschen Bestatter e.V. setzt sich daher für die Wiedereinführung der Meisterpflicht ein – ein Anliegen, das Wandelt unterstützt: „Die Meisterausbildung gehe ich an, sobald mein Betrieb auf sicheren Beinen steht – alleine schon, weil ich unbedingt ausbilden möchte." Ohne Meisterbrief ist das nicht möglich.

Dass das Bestatterhandwerk laut Handwerksordnung (HWO) als Vollhandwerk (B1) gilt, wissen wohl die wenigsten. Wie vielseitig der Beruf ist, erklärt Bestattungsfachkraft Wandelt so: „Es ist zu Recht ein Handwerksberuf. Das fängt bei den verschiedenen Holzarten für Särge an und reicht bis zur Trauerpsychologie – auch das ist ein Handwerk, das man erlernen muss.“

Einfühlsame Beisetzungen statt Massenabfertigung

Und dass sie ihr Handwerk beherrscht, zeigt ihr Erfolg. Die Auftragslage ist gut, im Januar hatte sie in einer Woche sogar fünf Beisetzungen. Die Sommermonate sind dagegen oft ruhiger. Doch für sie zählt nicht nur die Quantität: „Ich will nicht einfach nur abarbeiten und abstumpfen. Deswegen muss alles in einem gesunden Maß bleiben.“

Ein besonderes Angebot, mit dem sie in der Region überzeugt, sind traditionelle sorbische Beisetzungen. Wandelt spricht fließend Sorbisch – eine westslawische Sprache, die dem Tschechischen ähnelt und vor allem in der Lausitz gesprochen wird. Diese Bestattungsform bringt besondere Herausforderungen mit sich: „Eine sorbische Beisetzung erfolgt sehr schnell. Wenn jemand mittags verstirbt, können sich die Dorfbewohner oft schon am Abend für drei Tage in der Trauerkapelle verabschieden." Zudem werden Verstorbene in traditioneller sorbischer Tracht beigesetzt, sorbische Traueranzeigen veröffentlicht und weitere überlieferte Rituale eingehalten.

Bestattungsfachkraft mit Vision

In Zukunft möchte die Bestattungsfachkraft ihren Betrieb weiter ausbauen, Ausbildungsplätze schaffen und zusätzliche Fachkräfte einstellen. Noch stemmt sie sämtliche Aufgaben allein – von der Buchhaltung über Trauergespräche bis hin zur Begleitung von Trauerfeiern. Bei Auftragsspitzen helfen ihre Eltern aus. Und für Trost in schweren Momenten sorgt eine besondere „Mitarbeiterin“: ihre „Bestatterkatze“, die den Trauernden oft auf den Schoß springt und ihnen beisteht.

Ein weiteres Highlight ihres Unternehmens ist ihr Bestattungswagen – ein Cadillac. „Mein Schätzchen“, nennt ihn die Auto-Enthusiastin liebevoll. Doch der Wagen ist nicht nur außergewöhnlich, sondern auch ein cleveres Marketinginstrument. „Damit falle ich auf, und obendrein war er deutlich günstiger als ein neuer Bestattungswagen." Der Cadillac stammt natürlich aus den USA – und wer weiß, vielleicht hat er früher ja schon Verstorbene in Miami zu den dort Schnaps trinkenden Angehörigen gebracht.

Bestattungsfachkraft Annabell Wandelt steht mit ihrem Cadillac vor ihrem Bestattungshaus.
Der Cadillac mit Baujahr 1996 vor dem Neubau von Annabell Wandelt. - © Stephan Floss

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