Überblick und Tarifvergleich Grundfähigkeits- und Berufsunfähigkeitsversicherung im Vergleich: Arbeitskraft schützen trotz steigender Prämien

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Handwerker sollten das wichtigste Gut, ihre Arbeitskraft, ­absichern. Wem die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) zu teuer ist, dem bieten sich Alternativen.

Jasmin Donat
Jasmin Donat, 29-jährige Friseurmeisterin und Visagistin mit eigenem Geschäft in Pfreimd in der Oberpfalz. – © Stephan Minx

Seit 2017 arbeitet Jasmin Donat nur noch für sich selbst. Ihre Selbstständigkeit ist für sie Glück und Wagnis in einem. Um das Risiko abzusichern, hat sie sich an einen freien Versicherungsmakler gewendet, „der ist ja auch selbstständig und weiß, was ich für einen Schutz brauche“, sagt die 29-jährige Friseurmeisterin. Ihr war wichtig, dass er auf die Angebote ganz verschiedener Versicherungen zugreifen kann, damit sie wirklich den besten Schutz zu finanzierbaren Konditionen erhält. Abgeschlossen hat sie letztlich eine Grundfähigkeitsversicherung bei der Dortmunder Lebensversicherung, einer Tochter des Volkswohlbundes: „Klar, die ist nicht so hochwertig wie eine Berufsunfähigkeitsversicherung, aber eine gute Alternative“, so die Unternehmerin. Und der Schutz sei bezahlbar: Für eine Rente in Höhe ihres Nettoeinkommens zahlt sie lediglich rund 100 Euro pro Monat. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) hätte deutlich mehr gekostet.

Prämienanstieg droht

Ein guter Zeitpunkt für den Abschluss einer Police war noch vor Silvester. Denn ab 2022 wird der Höchstrechnungszins (HRZ) von aktuell 0,9 Prozent auf 0,25 Prozent gesenkt. Der Zusammenhang: Bei Arbeitskraftschutzversicherungen bleibt die Prämie jahrelang stabil, weil die Versicherten anfänglich etwas mehr Beitrag zahlen, als ihrem Risiko entspricht. Aus diesen Beiträgen werden Rückstellungen aufgebaut, um im höheren Alter Leistungen auszahlen zu können. Sinkt der kalkulatorische Zins für diese Rückstellungen, muss die Versicherung mehr ansparen, um ihr Leistungsversprechen halten zu können, und dafür erhöht sie die Prämien – wohl um rund zehn Prozent, wie eine Schätzung der Stuttgarter Lebensversicherung zeigt. Treffen wird dies insbesondere junge Versicherungsnehmer mit riskantem Beruf, also Handwerker. Für sie wird eine Steigerung von 10,5 Prozent für die Berufs- und Grundfähigkeitsversicherung prognostiziert.

Und noch eine Veränderung pusht die Preise: Die Deutsche Aktuar Vereinigung (DAV) hat Zahlen ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen bis zu ihrem 40. Geburtstag im Vergleich zur früheren Untersuchung ein um über 30 Prozent erhöhtes BU-Risiko haben. „In dieser Versichertengruppe sind laut Daten der Rentenversicherung erheblich mehr Schadenfälle aufgrund psychischer Erkrankungen festzustellen“, erläutert der DAV-Vorsitzende Herbert Schneidemann. Die Aktuare fanden auch heraus, dass Frauen und Männer ab einem Alter von 40 Jahren weniger gefährdet sind, berufsunfähig zu werden als in jüngeren Jahren. Tendenziell werden somit BU-Policen für alle jüngeren Menschen, jedweden Geschlechts, teurer und für ältere günstiger. Denn die Lebensversicherer dürfen ihre Prämien schon lange nicht mehr nach Geschlechtern differenzieren.

Schätzung: So stark steigen die Prämien ab 1.1.2022

BU-Schutz wird durch die Senkung des Höchstrechnungszinses teurer.

Einstiegsalter20 Jahre40 Jahre
Berufsrisikogeringgeringhoch
Berufs­unfähigkeitsversicherung9,5 %4,5 %5,5 %
Grund­fähigkeits­versicherung9,0 %5,0 %5,5 %
Erwerbs­unfähigkeitsversicherung7,5 %4,0 %5,0 %
Risiskolebensversicherung8,0 %3,5 %4,5 %
Quelle: Dr. Guido Bader, Stuttgarter Lebensversicherung, 10/2021

Einstieg in jungen Jahren

Berufsunfähigkeitsversicherungen sollten dennoch möglichst in jungen Jahren abgeschlossen werden. Denn dann sind die Versicherten noch gesund und müssen nicht mit Zuschlägen oder sogar Ausschlüssen von bestimmten Krankheiten rechnen. Der Staat leistet übrigens für Selbstständige keinen Cent, wenn sie berufsunfähig werden.

Wie wichtig die Absicherung der Arbeitskraft ist, hat Markus Nickel früh erfahren. „Mich hat die schwere Krankheit meines Vaters sensibilisiert“, erzählt der Malermeister aus Herten. Er führt den Familienbetrieb in vierter Generation und kann sich gut an die schweren Zeiten erinnern, als sein Vater erkrankte: „Der Betrieb konnte nicht ganz so geführt werden, wie unter der Leitung meines Vaters und wie es heute wieder der Fall ist“, sagt Nickel. Zur Sorge um die Genesung des Vaters kamen auch finanzielle Sorgen hinzu, da der Eigenanteil aus der privaten Krankenversicherung teuer war. Nickel: „Damals wurde mir klar, dass ich mich gegen schwere Krankheit absichern muss.“

Nachdem der Handwerksmeister verschiedene Versicherer angesprochen hatte, erhielt er ein Angebot für eine Grundfähigkeitsversicherung des Signal- Iduna-Vermittlers Thomas Forell aus Recklinghausen. „Bei diesen Policen hat sich scheinbar jemand richtig Gedanken gemacht, was Handwerker benötigen und finanzieren können“, ist Nickel erfreut. Denn die Angebote für die BU waren dem Unternehmer zu teuer. Es müsse ja auch etwas zum Leben übrig bleiben. Abgesichert hat er Ende 2020 mit 35 Jahren eine Rente von 2.000 Euro. Sie wächst jährlich dynamisch und beträgt nun bereits rund 2.059 Euro. Dafür ist der Beitrag von anfänglich 99,50 Euro pro Monat auf 102,50 Euro gestiegen. Der Schutz reicht aber lange – bis zu seinem 67. Lebensjahr.

Risikoabdeckung nach Arbeitskraft-Schutz-Index (AKS-Index)

Der AKS-Index macht die Leistungen von verschiedenen Produktgattungen vergleichbar. In ihn fließen Leistungs-statistiken, Tätigkeitsstatus, Produkt-qualität und Tätigkeitsbezug ein.

VersicherungssparteBandbreite der ­Risikoabdeckung nach AKS-Index
Berufs­unfähigkeits­versicherung70 bis 90 %
Erwerbs­unfähigkeits­versicherung50 bis 70 %
Grundfähigkeit30 bis 65 %
Multi-Risk/­Unfall35 bis 55 %
Unfall10 bis 15 %
Werte in Prozent; Quelle: Franke & Bornberg, 2021

Der Tarifvergleich

Die Beispiele der Friseurmeisterin Donat und des Malermeisters Nickel zeigen: Die Grundfähigkeitspolice findet immer mehr Anhänger – die klassische Berufsunfähigkeitsversicherung ist für Handwerker oft schlicht zu teuer. Trotzdem sollten Unternehmer das Für und Wider genau abwägen.

handwerk magazin zeigt erstmals in einem kompakten Vergleich, wie unterschiedlich Grundfähigkeits- und Berufsunfähigkeitsversicherung sind. Der spartenübergreifende Vergleich (siehe Download „Berufsunfähigkeitsversicherungen: Die besten Tarife“) verdeutlicht, dass die Berufsunfähigkeit mit einer Risikoabdeckung von bis 90 Prozent aller möglichen Gründe für den Arbeitskraftverlust immer noch der Königsweg ist. Doch die Grundfähigkeitsversicherung holt auf. Sie wird durch immer neue Bausteine erweitert. Ein Beispiel für einen guten Schutz ist die „GrundfähigkeitenVersicherung Silber“ der Basler. Das Produkt erzielt den höchsten Wirkungsgrad im Vergleich der zehn Top-Angebote – es bietet also sehr viel Leistung für relativ wenig Prämie und ist so Testsieger in seinem Segment.

Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung gewinnt der „SBU, Baustein plus“ der Swiss Life, auch wenn die „Golden BU“ der LV1871 nur knapp dahinter rangiert: Sie ist günstiger, aber etwas leistungsschwächer. Der Vergleich zeigt auch: Sehr hochwertige Grundfähigkeitspolicen liegen im Preis oft bereits auf dem Niveau der Top-Berufsunfähigkeitsversicherung. Wer jedoch die preiswerteste Police im Test wählt, spart mit einer Grundfähigkeitspolice rund 40 Prozent der Prämie gegenüber dem BU-Schutz – und ist trotzdem gut versichert.

Entscheidung für die BU

Markus Vogel
Markus Vogel, 37-jähriger Zimmerer bei der Mayer Dachdecker GmbH in Günzburg. – © Jens Nieth

Manche beißen trotzdem in den sauren, aber qualitativ hochwertigeren Apfel der BU. So etwa Markus Vogel, dessen Ausbildungsleiter ihm riet, schon in der Lehre seine Arbeitskraft abzusichern. Vogel ist Zimmerer – er arbeitet in einem der unfallträchtigsten Gewerke im Handwerk. „Wenn bei uns etwas passiert, dann ist es fast immer richtig schlimm“, erzählt er. Der Handwerker wählte daher schon als Azubi eine Berufsunfähigkeitsversicherung. „Die Prämien dafür sind aber der echte Wahnsinn“, sagt Vogel, der heute im schwäbisch-bayerischen Günzburg tätig ist. Nicht nur die Prämienhöhe des ersten Angebots war aber problematisch, sondern auch die Tatsache, dass der Versicherer nur bereit war, ihn bis zum 60. Lebensjahr zu schützen. „Wenn ich etwa mit 62 Jahren berufsunfähig werde, dann sind noch lange fünf Jahre zu überbrücken, denn ich muss ja bis 67 schaffen“, meint Vogel.

Er wollte weniger Prämie und längere Laufzeit, doch das gab es nicht. Tatsächlich schloss er einen noch etwas höheren Monatsbeitrag ab, „dafür habe ich nun auch Schutz, wenn ich zwei Jahre krank ausfalle, ohne gleich berufsunfähig zu sein“, erläutert der Handwerksmeister, der bei der Mayer Dachdecker GmbH arbeitet. Abgeschlossen hat er bei der Alte Leipziger. „Nun habe ich immerhin Schutz bis zum 65. Lebensjahr“, so der heute 37-Jährige. Sollte er tatsächlich berufsunfähig werden, kann er mit seiner versicherten Rente die Raten vom Haus tragen und würde auch noch so über die Runden kommen. „Vollen Netto-Einkommensschutz kann sich nach meiner Einschätzung heute über die Berufsunfähigkeitsversicherung kein Handwerker leisten. Auf jeden Fall keiner, der in einem wirklich gefährlichen Job arbeitet“, so der Meister.

Leistung Grundfähigkeitsschutz

Wer nur seine Grundfähigkeiten absichern möchte, sollte besonders auf die Definition des Leistungsfalles achten. Denn: Ein Malermeister, der keine halbe Stunde mehr „über Kopf“ arbeiten kann, erhält laut Versicherungsvertrag meist Leistungen aus seiner BU. Maßstab ist dabei die konkrete Tätigkeit in gesunden Tagen. „Beim Grundfähigkeitsschutz erhält der Versicherte allerdings erst dann Leistungen, wenn er vielleicht gar nicht mehr beide Arme über Schulterhöhe heben kann“, warnt Makler Matthias Helberg aus Osnabrück. „Leider vermitteln viele Versicherer und Vertreter ein meines Erachtens vollkommen falsches Leistungsniveau der Grundfähigkeitsversicherung“, sagt er. Hier herrsche noch viel Intransparenz und es gebe große Unterschiede am Markt.

Deutsche Handwerker BU

Als Handwerksversicherer hat der Münchener Verein die „Deutsche Handwerker BU“ entwickelt. Im Tarif „Aktiv“ leistet er bei jeder Krankheit und bei jedem Unfall – das entspricht einem Vollschutz. Doch die Leistung ist eingeschränkt, wenn die Berufsunfähigkeit nicht durch einen Unfall oder eine Erkrankung oder Verletzung der Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln oder der Wirbelsäule und der sie umgebenden Strukturen ausgelöst wird. Wer eine „falsche Krankheit“, wie Krebs, Schlaganfall oder Herzleiden, bekommt, erhält dann nur 50 Prozent der versicherten Leistung. Besser ist der Tarif „Top-Schutz“ – doch er ist deutlich teurer.

Die BU günstiger gestalten

Es gibt Möglichkeiten, die Prämie der Berufsunfähigkeitspolice zu drücken. „Beispielsweise über die Karenzzeit“, so Makler Rainer Schamberger aus Dresden. Diese regelt bei Feststellung einer Berufsunfähigkeit, dass der Versicherer erst nach Ablauf der Karenzzeit von sechs Monaten zahlen muss. Schamberger: „Diese sechs Monate muss man dann natürlich als Rücklage parat haben.“ Auch könne man die maximalen Jahre, die eine Berufsunfähigkeitsrente nach der medizinischen Feststellung gezahlt wird, begrenzen. Schamberger: „Der Handwerksmeister kann also etwa eine Leistungsdauer auf 15 Jahre limitieren und die BU-Rentenbezugszeit zur Umorganisation nutzen.“
„Die Grundfähigkeit kann in einigen Gewerken passend sein, wie zum Beispiel bei Fliesenlegern. Sie ist aber nicht die pauschal passende günstige Alternative für Handwerker“, warnt Schamberger. Beim Gesundheits-Check gibt es zudem kaum Unterschiede zwischen Grundfähigkeits- und BU-Police. „Wenn eine Berufsunfähigkeitspolice aus gesundheitlichen Gründen nicht machbar ist, ist es eine Grundfähigkeitsversicherung meist auch nicht“, informiert Makler Helberg. Er verweist darauf, dass sich eine genaue Aufarbeitung der Gesundheitshistorie lohnen würde. So könnten notfalls fehlerhafte, zu negative Abrechnungsdiagnosen korrigiert werden. Helberg: „Seit 2016 hat jeder, der über uns einen Antrag auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung gestellt hat, auch Versicherungsschutz bekommen. Bei aussichtslosen Fällen können wir allerdings nicht zaubern.“

Fazit

Experten empfehlen weiterhin den frühzeitigen Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung. „Eltern sollten für ihre Kinder mit einer preiswerten Anwartschaft oder Option auf eine Berufsunfähigkeit beginnen“, rät Schamberger. Für Familienbetriebe mit potenziellen Nachfolgern ein wichtiger Tipp.

Berufsunfähigkeit: Tipps zum Senken der Prämie

Diese Stellschrauben, die Versicherungsmakler Matthias Helberg aus Osnabrück vorstellt, können die BU-Police günstiger machen. „Handwerker sollten aber prüfen lassen, welche Maßnahmen in ihrem Fall sinnvoll sind“, rät der Experte.

  • Exakte Beschreibung der konkreten Tätigkeit. Arbeitet der Handwerksmeister nicht 100 Prozent körperlich, sondern auch im Büro, oder überwacht er die Baustellen, wird das zu einer günstigeren Einstufung führen.
  • Vereinbarung einer Karenzzeit. Dann zahlt der BU-Versicherer beispielsweise erst nach sechs Monaten Berufsunfähigkeit.
  • Vereinbarung einer höheren Leistungsstaffel: Der Handwerksmeister bekommt seine Berufsunfähigkeitsrente in voller Höhe nicht bereits ab 50 Prozent, sondern erst ab 75 Prozent Berufsunfähigkeit.
  • Verzicht auf garantierte Rentensteigerung und Leistung bereits bei langer Arbeitsunfähigkeit.
  • Trennung von Versicherungsdauer und Leistungsdauer: So bekommt der Handwerker beispielsweise bis zum Alter von 67 Jahren seine Berufsunfähigkeitsrente, wenn die Berufsunfähigkeit vor seinem 61. Lebensjahr eingetreten ist .