Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 55. Folge VOB: Vom Baustopp zum Vergleich – so schaffen Sie den Spagat zwischen Recht und Realität

Baustart verschoben, Pläne fehlen, keiner weiß weiter – und am Ende bleiben Sie auf den Kosten sitzen? Willkommen im Alltag vieler Handwerksbetriebe. Aber es geht auch anders, wie Andreas Scheibe, VOB-Trainer, weiß. Er zeigt an einem Beispiel aus der Praxis, wie Handwerker den Spagat zwischen Recht und Realität meistern und ihre Ansprüche erfolgreich durchsetzen.

So gelingt der Spagat zwischen Recht und Realität. - © Risat Designer - stock.adobe.com

Wir sind im Gewerk Schreiner. Der Betrieb hatte zwei öffentliche Aufträge im Haus, alles vorbereitet – und trotzdem Stillstand. Warum? Ganz einfach: Der Architekt war nicht in der Lage, die Details zu liefern. Keine Angaben zu Wandanschlüssen, keine klaren Vorgaben, wie Sockelleisten laufen sollen, wie Schattenfugen geschlossen werden oder wie bauseitige Durchdringungen funktionieren sollen, wo ein bisschen Elektro und Wasser mit im Spiel sind – also klassischer Innenausbau.

Und jetzt? Als Handwerker sollten Sie solche Lücken auf keinen Fall selbst füllen. Denn wer plant, haftet. Und bezahlt werden Sie dafür vom Bauherrn meist auch nicht. Der denkt nämlich, er würde doppelt zahlen: einmal den Planer, einmal Sie.

Das Dilemma in Sachen Recht und Realität: Recht haben ist das eine, Recht bekommen das andere

Jetzt hätte man klassisch eine Behinderungsanzeige nach VOB schreiben können – sachlich, korrekt, mit allen Paragraphen. Aber das hätte erst mal nur schlechte Stimmung gebracht. Stattdessen hat der Handwerker den Spagat zwischen Recht und Realität vollzogen und das Gespräch gesucht.

Er hat den Auftraggeber angerufen, ihn auf die Baustelle geholt und gesagt: „Lieber Bauherr, wie soll ich denn bitte nach diesem Plan hier den Wandanschluss montieren?“ Und zack – der Bauherr war schachmatt. Fachfremd, keine Ahnung, was da gemeint war. Genau das war der Moment, in dem ihm klar wurde: Der Plan ist nicht ausführungsreif.

Der Wendepunkt: neuer Architekt, neues Verständnis

Nachdem der Bauherr verstanden hatte, dass es so nicht weitergehen kann, hat er reagiert. Der alte Architekt wurde aus dem Projekt genommen, ein neuer wurde beauftragt. Dieser sollte Teile der Leistungsphase 5 übernehmen und zusätzlich die Objektüberwachung.

Natürlich hat das den Baustart weiter verzögert. Insgesamt hat sich das Projekt um rund vier Monate verschoben – fast schon normal auf deutschen Baustellen. Doch eines war nun gewiss: Das Verständnis war da. Der Handwerker war mit seiner Forderung nach besseren Plänen nicht etwa der Querulant, sondern der Problemlöser. Und weil der Schreiner die Situation so klar und sachlich aufgezeigt hatte, war es für ihn anschließend viel einfacher, Bauzeitverschiebung und Nachträge beim Auftraggeber durchzusetzen. Er hatte gezeigt, dass er die Sache im Griff hat – fachlich, rechtlich und menschlich.

Fingerspitzengefühl gefragt: Dokumentation richtig aufbauen

Am Ende brauchen Sie natürlich trotzdem die Formsache: die Behinderungsanzeige. Denn nur so sichern Sie Ihre Ansprüche sauber ab. Aber sie muss wirken – und das tut sie nur, wenn sie richtig aufgebaut ist. Authentisch, aber formal sauber.

Eine Standardvorlage aus dem Internet bringt da gar nichts. Und eine KI schreibt Ihnen vielleicht was Hübsches, aber keine saubere Behinderungsanzeige. Und es fehlt das Verständnis für den Baustellenalltag. Sie brauchen Gefühl, Routine und eine gewisse Ader dafür, wie Sie solche Dinge dokumentieren – echt, aber mit Wirkung. Nur so bekommen Sie die Rechtswirkung hin, ohne sich zu verbiegen.

Spagat zwischen Recht und Realität

Der Schreiner hat’s vorgemacht: Er hat geredet, erklärt, dokumentiert – und so den Baustopp aufgelöst, ohne Streit, ohne Drohung, aber mit Haltung. Und genau das ist der Weg, wie Recht und Realität miteinander harmonieren, wie Sie Recht bekommen, nicht nur Recht haben. Am Ende kam es unkompliziert zu einem Vergleich über 50.000 Euro. Geld, das den Bauherren zwar schmerzt, aber selbst er hat verstanden, warum der Anspruch mehr als gerechtfertigt war.

Über den Autor Andreas Scheibe:
© Continu-ING GmbH - © Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (vob.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"

Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de

Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"

Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.

In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.

der-professionelle-bauablauf.de

Zugehörige Themenseiten:
Auftragsabwicklung und Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe