Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 9. Folge VOB: So wehren sich Handwerker gegen Fehlplanungen überambitionierter Architekten

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Auftragsabwicklung, Baurecht, Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe und Vergaberecht

Wie schaut wohl das Idealbild eines Bauprojekts aus? Der Auftraggeber wünscht ein Gebäude, lässt den Architekten zeichnen, den Fachplaner planen und den Handwerker bauen. Aber diese Kolumne wäre nicht diese Kolumne, wenn sich Andreas Scheibe nicht lieber die realen Fälle in der Baubranche anschauen würde. So wie folgendes Beispiel: Am Bau ist kein Fachplaner beteiligt, dafür aber ein überambitionierter „Star-Architekt“, der wie ein Superheld daherkommt, selbstbewusst die Planung des Bauvorhabens für alle Gewerke übernimmt – und dieses dann zum Leidwesen aller Beteiligten am Ende grandios ruiniert.

Architekt und Handwerker auf der Baustelle
Der „Star-Architekt“ (scheinbar) in seinem Element auf der Baustelle. Aber hat er wirklich alles unter Kontrolle? Kolumnist Andreas Scheibe hat da so seine Zweifel. – © alfa27 – stock.adobe.com

Es gibt Bauprojekte, da will sich einfach kein geeigneter Fachplaner finden. Vielleicht, weil der angefragte Ingenieur keine Zeit hat oder die gebotenen Konditionen nicht stimmen. Auch ein anderer Fachplaner muss ablehnen, weil sich die Projekte bei ihm bereits stapeln. Ein drittes Büro scheidet möglicherweise aus, weil es noch zu unerfahren ist und keinerlei Referenzen vorweisen kann. Was macht also der Auftraggeber bei so einem Dilemma? Er fragt den Architekten: „Hey, kannst Du nicht auch noch die Technik mit übernehmen? Du zeichnest doch eh schon so schön, plane das Ganze doch auch gleich noch mit! Es muss im Gebäude ja nur ein bisschen warm, hell und schick sein!“

Was kann der Fachplaner, was der Architekt nicht auch kann?

Der „Star-Architekt“, selbstbewusst wie er meist ist, ausgebildet in allen Künsten der Gebäudeerrichtung, freut sich natürlich über diese kreative Möglichkeit, endlich die Technik in Eigenregie planen zu können. Wer braucht denn schon einen Fachplaner? In der HOAI kann der „Star-Architekt“ schließlich auch herauslesen, dass die Planung ihm 100k einbringen kann. Aber was genau macht der Architekt für dieses Geld? Er kopiert wahllos irgendwelche Texte. Texte, die sich angehäuft haben aus vergangenen Projekten, eben was so rumliegt. Schließlich baut er schon seit 40 Jahren Schulen und weiß daher auch genau, was er machen muss und braucht. Er kopiert also ohne Sinn und Verstand irgendwelche Leistungstexte zusammen – aber immer nach bestem Wissen und Gewissen.

Bloß keine baubegleitende Planung

Und trotzdem ist ihm nicht klar, dass die ermittelten Mengen für den Einsatzzweck keinesfalls ausreichen können. Klar ist das im Übrigen auch dem Auftraggeber nicht. Der freut sich einfach über das hübsch aufgefüllte LV mit Massen und Preisen. 20, 30 Seiten Text, voll toll und passt so super ins Budget! „Mein ‚Star-Architekt‘ hat alles im Griff! Und weil der so ein Fuchs ist und immer flexibel reagieren kann, macht er eine baubegleitende Planung! Er ist immer für mich und meine Wünsche da.“ Baubegleitende Planung – bei diesen Worten zuckt der erfahrene Handwerker zusammen. Es handelt sich hierbei also um eine Planung, die sich ständig ändert und daher vom Handwerker höchste Flexibilität fordert.

Von der Behinderungsanzeige zur Bedenkenanzeige

Es nähert sich also der Tag der Submission, bei der einer der Bieter Fragen stellt wie etwa: „Dieses Rohr, das du ausgeschrieben hast, ist ja gar nicht geeignet für Erdreich-Verlegung. Soll das wirklich so sein?“ Der Bauherr ist daraufhin empört, ignoriert einfach was er gelesen hat und die Submission läuft durch. Alles verschweigen, Auftrag vergeben – läuft! Der Bau rollt an und plötzlich kommt da wieder was vom Handwerker: Eine Behinderungsanzeige. Spätestens jetzt drehen alle durch. Wie kann es auch sein, dass jemand den „Star-Architekten“ und sein Werk anzweifelt. Zudem hat das Ganze ja auch alles eine Stange an Geld gekostet. Prompt schlägt der nächste Blitz ein: Eine Bedenkenanzeige. Scheinbar stimmt das Zusammenkopierte nicht mit dem Plan überein und passt erst recht nicht zum Einsatzzweck. So langsam wird die Luft dünn für den „Star-Architekten“!

Kommen die Ausführungsunterlagen rechtzeitig?

Wie kann mit dieser Situation umgegangen werden? Grundlage für einen reibungslosen Ablauf auf ausführender Seite sind immer die Vorleistungen. Die Rede ist von den Ausführungsunterlagen (AFU). Nach VOB/B §3 Abs. 1 sind diese unentgeltlich und rechtzeitig zu übergeben, sodass der Bau fristgerecht starten und enden kann. Fakt ist: Wenn die AFU nicht rechtzeitig kommt, dann hat der Handwerker jedes Recht dazu, eine Behinderungsanzeige an das Team Auftraggeber/Architekt zu schicken. Andersherum hat der Handwerker auch die Pflicht mit der technischen Prüfung sicherzustellen, ob die AFU überhaupt ausführbar ist oder nicht. Erst wenn das feststeht, kann er eine Montageplanung für sein eigenes Team erstellen. Er braucht also Funktionsschemata, Strangschemata, sämtliche Berechnungen, Auslegung von Komponenten, hydraulische Berechnungen, Voreinstellwerte etc… Wenn der Planende all das nicht liefert, behindert das wiederum den Handwerker, der Bau gerät in Verzug und dann fragt auch der Auftraggeber sich, ob das mit dem Architekten wirklich so ideal läuft.

Wenn am Ende nur noch die VOB hilft

Im ungünstigsten Fall denkt sich der Bauherr jedoch: „Was will der Handwerker schon wieder? Der Kerl braucht sich gar nicht so aufzuspielen. Mein Architekt ist doch ein ‚Star-Architekt‘. Ich habe keinen Zweifel an dessen Fähigkeiten.“ In genau diesem Fall gilt es dem Bauherrn kooperativ und proaktiv reinen Wein einzuschenken. Nicht etwa mit der Kelle auf den Kopf, sondern besser mit der VOB und der VDI 6026 auf der Hand. Denn hier steht ganz genau drin, was die Planenden liefern müssen, damit der Handwerker in einem fort durcharbeiten kann. Generell gefällt es einem Bauherrn sehr gut, wenn er erkennt mit welcher Methode man Geld, Zeit und vor allem auch Nerven sparen kann. Also helft ihm, denn schließlich seid auch Ihr zwei ein Team!

Über Autor Andreas Scheibe:
Andreas Scheibe
© Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (lücken-im-lv.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

„Stark im Handwerk“ – das Buch von Andreas Scheibe

Im August 2021 ist das erste Buch „Stark im Handwerk“ von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die VOB voller Potenzial, aber auch Geld steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, „doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen“, erklärt Scheibe. „Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht!“

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte eines Handwerkers als auch auf dessen Pflichten zu sprechen. Denn genau diese stehen so im Detail in der VOB. Diese ist jedoch kompliziert und daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Forderungen sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de