Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 6. Folge VOB: Abrechnen statt Abwarten – so wird ein Stillstand am Bau für Handwerker lukrativ

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Auftragsabwicklung, Baurecht und Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe

Baubeteiligte fantasieren gern vom Idealablauf einer Baustelle. „Planung und Bau laufen wie am Schnürchen!“, heißt es da häufig. Aber in der Realität kommt es – in mindestens 80 Prozent der Fälle – an irgendeinem Zeitpunkt des Projekts zum Stillstand. Von da an geht für wenigstens ein Gewerk nichts mehr voran. Die Gründe dafür können vielfältig sein: Das Vorgewerk hat keine gute Leistung erbracht, ein elementarer Teil fehlt oder der Auftraggeber will nichts entscheiden. Und was machen viele Handwerker dann? Abwarten. Aber was könnten sie stattdessen machen? Abrechnen! Mit welcher Berechtigung man diesen Schritt gehen darf, erklärt Kolumnist Andreas Scheibe.

Kommt es zum Stillstand während eines Bauvorhabens, bleibt einem Betrieb meist nichts anderes übrig als das Team auf Abruf zu halten. Diese Wartezeit kann er sich allerdings vom Auftraggeber entlohnen lassen. Kolumnist Andreas Scheibe erklärt in „Professioneller Bauablauf“ wie das geht. – © Jelena – stock.adobe.com

Neben der VOB ist für uns Handwerker auch das BGB, das Bürgerliche Gesetzbuch, entscheidend. Unter Paragraf 642 ist hier die Rede von einer Entschädigung! Und genau die ,verpacken‘ wir in einen Bauzeitennachtrag. Generell besteht bei solchen Nachträgen für uns Handwerker das Problem, dass der Auftraggeber der Meinung ist, dass wir ja eigentlich gar keinen wirklichen Schaden hätten. Aber mit den richtigen Argumenten kommen wir ganz leicht zu unserem Recht und dann kann so ein Stillstand sogar lukrativ sein.

Leisten wollen, aber nicht können

Blicken wir auf folgenden Fall: Annahmeverzug bei 100 Prozent Stillstand. Im Grunde ist das der simpelste Fall, der passieren kann. Annahmeverzug bedeutet, dass Ihr als Auftragnehmer eine Leistung anbietet, aber der Auftraggeber diese Leistung nicht annehmen kann. Ihr wollt also leisten, könnt es aber nicht. Und genau darin liegt euer Rechtsanspruch für die Entschädigung.

Stillstand – was jetzt?

Hier mal ein Beispiel aus der Praxis zum Thema Parkettarbeiten: In diesem Fall wurde für die zu erbringende Leistung ein Zeitraum von 2 Monaten veranschlagt. Doch es kam wie es kommen musste, nämlich zum Stillstand! Der Estrich war nicht belegreif, weil er noch zu feucht war. Der neue Starttermin verzögerte sich also um vier Monate. Der Handwerker brachte berechtigterweise den Einwand, dass er für den angegebenen Zeitraum 4 Mitarbeiter mit einem Verrechnungslohn von 45 Euro pro Stunde, einkalkuliert hatte. Im Übrigen ist dies ein eher schlechter Betrag, 85 Euro sollten das Minimum für unsere Leistung sein! Wer hier noch seine Probleme hat oder die Zahl als absurd hoch empfindet, kann diesbezüglich gern mit mir in Kontakt treten und wir sprechen darüber. Der Handwerker kam in jedem Fall bei seinem Bauzeitennachtrag auf eine stolze Summe von 75.000 Euro. Dem Auftraggeber war das natürlich etwas zu viel, insbesondere, weil ja im Grunde noch überhaupt keine Leistung vollbracht worden war. Nachvollziehbarer Gedanke, aber dennoch nicht richtig!

„Zwangsbeglückung des Unternehmers“

Was passierte also? Der Fall ging vor Gericht. In erster Instanz wurden dem Handwerker 21.000 Euro zugesprochen, in zweiter sogar 47.000 Euro. Aber welche Argumente hatte der Handwerker? Die Nachweis-Strategie war in diesem Fall sehr einfach: Eine bauablaufbezogene Darstellung ist bei einem 100-prozentigen Stillstand nicht notwendig. Einen solchen Nachtrag bekommt man als Handwerker immer durch, lediglich über die Höhe muss sich geeinigt werden. Was hat also der Handwerker dem Richter gesagt? Und was haben seine Mitarbeiter, die er tatsächlich nicht an anderer Stelle unterbringen konnte, während der Zeit, in der sie darauf gewartet haben, dass der Estrich endlich trocknet, gemacht? Die Antwort für letztere Frage ist einfach: Instandsetzungsarbeiten im Lager, Renovierungsarbeiten, etc. Alle solche Tätigkeiten gelten als „Zwangsbeglückung des Unternehmers“. Zwar arbeiten die Mitarbeiter, es kommt aber keinerlei Geld rein. So konnte der Handwerker dem Richter glaubhaft darlegen, dass er seine Mannschaft warmgehalten, aber nicht verplant hat. Denn der Estrich hätte ja jederzeit belegreif sein und die Arbeit endlich losgehen können. Wer also nicht arbeiten kann, sollte nicht einfach nichts tun, sondern stattdessen aufs ,Taxameter‘ schauen und dann dementsprechend abrechnen.

Argumente für Akzeptanz

Aber was ist, wenn der Auftraggeber die Entschädigung einfach mit den Worten „Du hättest doch einen Füllauftrag annehmen können!“ abschmettert. Klassiker! Mit Widerstand muss leider immer gerechnet werden! Lasst Euch nicht unterkriegen, legt euch eure Argumente zurecht. Wenn Ihr keine habt, holt sie Euch – zum Beispiel von mir!

Und nicht vergessen, jetzt und auch zu jedem anderen Zeitpunkt während eines Projekts heißt es stets: Dokumentieren, Verhandlungsrucksack packen und dann Attacke!

Über Autor Andreas Scheibe:
© Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (lücken-im-lv.de ) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

„Stark im Handwerk“ – das Buch von Andreas Scheibe

Im August 2021 ist das erste Buch „Stark im Handwerk“ von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die VOB voller Potenzial, aber auch Geld steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, „doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen“, erklärt Scheibe. „Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht!“

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte eines Handwerkers als auch auf dessen Pflichten zu sprechen. Denn genau diese stehen so im Detail in der VOB. Diese ist jedoch kompliziert und daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Forderungen sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de