Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fehlten bundesweit zwischen Juli 2023 und Juni 2024 durchschnittlich 531.929 qualifizierte Arbeitskräfte. Der Großteil von 57,4 Prozent entfiel dabei auf Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung. Ein wichtiges Argument für eine Ausbildung kann das künftige Gehalt sein. Hier sind die 20 lukrativsten Ausbildungsberufe, die das IW ermittelt hat. Und eine Liste von Empfehlungen, wie Unternehmer dem Fachkräftemangel entgegenwirken können.
Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen. "In den vergangenen Jahren nahm die Zahl junger Menschen ohne Berufsabschluss zu; viele steigen direkt als An- und Ungelernte in den Arbeitsmarkt ein", informiert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). In einer Untersuchung kommen die Forscher des Instituts jedoch zu der Erkenntnis, dass Arbeitskräfte eine Ausbildung anstreben sollten. Das lohne sich aus finanzieller Sicht. Und dies besonders, wenn man die gesamte Lebensspanne betrachtet – dann sei das Gehalt von gelernten Fachkräften in ausgewählten Fachkraftberufen überdurchschnittlich gut.
Die Realität sieht derzeit anders aus: Zuletzt blieben 13,4 Prozent aller offiziell bei den Arbeitsagenturen gemeldeten angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt, was einen neuen Höchstwert darstellt. Laut der aktuellen Erhebung des IAB-Betriebspanels 2023 blieben jüngst sogar 35 Prozent aller tatsächlich angebotenen Ausbildungsstellen unbesetzt. Nie war der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze größer.
Die wirtschaftliche Lage
Dass Deutschland unter einem Fachkräftemangel leidet, mag man ja schon fast nicht mehr hören – oder lesen. Dass das Handwerk besonders betroffen ist, ist auch hinlänglich bekannt. "Zuletzt fehlten bundesweit zwischen Juli 2023 und Juni 2024 durchschnittlich 531.929 qualifizierte Arbeitskräfte. Der Großteil von 57,4 Prozent entfiel dabei auf Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung", so die Zahlen des IW. Alle Ausbilder sollten sich also bemühen, junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern.
Job-Entscheidung: Gehalt ist nur ein Faktor unter vielen
Um die jungen Leute aber gezielt ansprechen zu können, sollten Arbeitgeber die zahlreichen Faktoren kennen, die eine Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium beeinflussen.
Als Einflussfaktoren gelten laut Forschung nicht nur das Geschlecht und die individuellen Interessensgebiete der jungen Leute, sondern auch aus welchem Elternhaus die Jugend kommt, ob es ein Familienleben und Geschwister gab, die besuchte Schulform, der Beruf der Eltern, die Freude am Lernen und vieles mehr, wie Michael Oberste vom Centrum für Interdisziplinäre Wirtschaftsforschung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in der Zeitschrift für Ökonomische Bildung schreibt.
Weder das Gehalt noch die Karrieremöglichkeiten sind jungen Menschen herausragend wichtig, wenn sie über ihr Berufsleben nachdenken, schreiben auch die Forscher des IW. Und das, obwohl eine abgeschlossene Berufsausbildung mit einem deutlich höheren Lebenseinkommen als bei Helfertätigkeiten einhergeht. Die Ausbildung könne auch zu einem höheren Einkommen im Vergleich zu einem Studium führen. "Denn manche Beschäftigte mit Ausbildung verdienen mehr als Beschäftigte mit Hochschulabschluss", so das IW. Entscheidend sei vor allem der erlernte und ausgeübte Beruf.
So hoch ist das Gehalt in den Lehrberufen
"Im Jahr 2023 betrug das Medianentgelt von sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fachkräften mit abgeschlossener Ausbildung in Vollzeit etwas mehr als 3.500 Euro", schreibt das IW. In einigen Berufen liege dieses Medianentgelt bereits für Beschäftigte unter 40 Jahren deutlich darüber. So erhielten Fachkräfte der Technischen Forschung und Entwicklung einen Bruttomedianlohn von 5.670 Euro (Abbildung 1). In keinem anderen Fachkraftberuf lag das Median-Vollzeit-Entgelt für Beschäftigte im Alter von 20 bis 39 Jahren höher. Diese Fachkräfte sind häufig in der Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen sowie der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen tätig. Auf Platz 2 im Verdienstranking lagen junge Fachkräfte der Luft- und Raumfahrttechnik mit einem monatlichen Bruttomedianlohn von 5.108 Euro, gefolgt von Fachkräften der Versicherungs- und Finanzdienstleistungen, die mit 5.021 Euro auf dem dritten Platz rangierten.
Mit elf von 20 Berufen zählen mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Berufe mit dem höchsten Medianentgelt zu Berufen aus dem Metall- und Elektrobereich:

Besonders gutes Gehalt in der Elektrobranche und im Bau
"Die meisten der besonders lukrativen Ausbildungsberufe sind technisch ausgerichtet oder im Bau angesiedelt", informiert das IW. Und es sind unter den Top 20-Gehältern (im Median) lediglich drei kaufmännische Ausbildungsberufe (in den Bereichen Versicherungen und Finanzen) im Hinblick auf die höchsten Medianentgelte.
Auch Berufe mit überdurchschnittlichem Verdienst in jungen Berufsjahren leiden unter den Fachkräftemangel. "Dies verdeutlicht, dass der Arbeitsmarkt kein perfekter Markt ist, der die Lohnfindung ausschließlich über Angebot und Nachfrage regelt – insbesondere nicht bei Berufen für Fachkräfte. So fehlen knapp 14.000 qualifizierte Fachkräfte in der Elektrischen Betriebstechnik mit abgeschlossener Ausbildung zum Elektroniker oder Industrieelektriker", schreibt das IW. Diese Fachkräfte würden etwa in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen sowie in der Energieversorgung dringend benötigt.
Angespannt ist auch die Situation bei Technischen Servicekräften in Wartung und Instandhaltung mit abgeschlossener Ausbildung zum Automatenfachmann. "Bundesweit konnten zwischen Juli 2023 und Juni 2024 rechnerisch mehr als sechs von zehn (65,4 Prozent) offenen Stellen nicht besetzt werden", so das IW.
Branchen ohne Fachkräftemangel
Neun Berufe mit Top-Verdienst leiden tatsächlich nicht unter einem Fachkräftemangel - zumindest rechnerisch. Das IW nennt beispielsweise die Energie- und Kraftwerkstechnik, das ist der Beruf mit dem viert höchsten Medianentgelt. Hier könnten alle offenen Stellen mit vorhandenen Arbeitslosen besetzt werden. Aber: "Ob die Arbeitslosen über die aktuell erforderlichen Kompetenzen verfügen und regional mobil für eine Arbeitsaufnahme sind", sei offen.
Daher bezweifelt das IW, dass die Höhe des Gehalts in direktem Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel steht. Ein alleiniger Lohnanstiegsei keine einfache Lösung gegen den Fachkräftemangel. Vielmehr werde die Attraktivität eines Berufs und des Arbeitgebers von einer Vielzahl von Aspekten beeinflusst.
Nicht nur das Gehalt ist wichtig: Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel
Damit Deutschland den demografischen Wandel begleiten kann, ohne dass die Wirtschaft darunter leidet, müsse dem Mangel an qualifizierten Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung entgegengewirkt werden. Der Rat an die Unternehmen:
- Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe sollten noch intensiver auf sich aufmerksam machen.
- Sie sollten noch aktiver auf potenzielle Auszubildende oder Beschäftigte zugehen.
- Auch mit einem überdurchschnittlichen Gehalt können und sollten Arbeitgeber werben. Viele Schülerinnen und Schüler kennen weder einen Großteil der Ausbildungsberufe noch wüssten sie, wie hoch der Verdienst sei.
- Um die berufliche Ausbildung intensiver zu fördern, sei ein erhöhtes Engagement in der beruflichen Orientierung von jungen Menschen notwendig.
- Ausländische Fachkräfte können den Effekt des demografischen Wandels zumindest teilweise kompensieren.
- Ältere Beschäftigte über das Rentenalter hinaus im Betrieb zu halten, sei ein wichtiger Schritt, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

