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Nachhaltigkeit Klimaneutraler Gewerbebau: So lässt Sie der CO2-Preis kalt

Mit dem beschlossenen CO2-Preis wird fossiles Heizen auch für Handwerksbetriebe deutlich teurer. Sanierungen, die Energie sparen, rentieren sich damit schneller. Schon heute gibt es Handwerksbetriebe, die ihr Firmengebäude weitgehend klimaneutral bewirtschaften.

Topic channels: TS Gewerbebau, TS Energieeffizienz, TS Energiesparen, TS Stromeinkauf und TS EEG (Erneuerbare Energien Gesetz)

Wenn Olaf Höhn von seiner Eismanufaktur in Berlin abends mit seinem E-Auto nach Hause fährt, macht er sich oft einen kleinen Spaß daraus, auszuprobieren, mit wie wenig Energie er diesmal den Heimweg absolviert. „Wenn ich das geschickt anstelle, im Windschatten fahre und ein kurzes abschüssiges Stück runterlaufen lasse und dabei die Bremswirkung Energie zurückgewinnt, dann brauche ich für 27 Kilometer nur netto 11 Kilometer“, erzählt Höhn begeistert.

Diese Episode beschreibt Höhns Charakter ganz gut. Ein Tüftler, der großen Spaß daran hat, neue Dinge auszuprobieren. Dass irgendwann einmal ein Aufkleber „Ich fahre CO2-neutral“ auf seinem Auto prangen würde und seine „Florida-Eis Manufaktur“ von der Bundesregierung als Vorzeigebetrieb für klimaneutrales Wirtschaften gehandelt wird, war allerdings nicht absehbar. „Ich war ein richtiger Petrolhead, Motorsport, Flugzeuge – ich konnte gar nicht genug CO2 ausstoßen“, gibt der gelernte Maschinenbau-Ingenieur zu.

Sein Umdenken ausgelöst hat sein Sohn, der Geologie studierte. „Darüber habe ich viel mitbekommen, was bei uns in Sachen Klimaschutz so alles im Argen liegt. Das hat bei mir viel in Gang gesetzt.“ Und es hat das Unternehmen, das seit 1927 Eis handwerklich herstellt und diese traditionelle Eisherstellung als Erfolgsrezept immer in den Vordergrund stellt, nachhaltig verändert.

Abwärme effektiv genutzt

Erst habe er nur „ein bisschen grünen Strom mit einer Fotovoltaikanlage“ erzeugen wollen. „Aber dann hat mich jemand darauf hingewiesen, dass wir durch unsere Eisherstellung ja ganz viel Abwärme produzieren, die wir nutzen könnten“, erzählt der 70-Jährige. Für seinen Neubau entschied sich Höhn vor acht Jahren deswegen, eine Adsorptionskältemaschine anzuschaffen. Als Antriebsquelle nutzt Florida-Eis eine Solarthermie-Anlage sowie eine Holzpellet-Heizung und die aufgefangene Wärme eines ausgeklügelten Energierückgewinnungssystems, an das alle 50 Kältekompressoren des Betriebs gekoppelt sind. Damit laufen die Kompressoren sparsam, da sie durch die Gastechnik der Adsorptionskältemaschine etwas kühler gehalten werden als sonst üblich. „Die Hersteller garantieren eine Lebensdauer von bis zu 50 Jahren, und man muss auch nicht alle fünf Minuten ein Ersatzteil kaufen“, sagt Höhn. Der hohe Anschaffungspreis mache sich durch geringe Wartungs- und Instandsetzungskosten bezahlt.

Bei der Rückgewinnung aus dem Kreislaufsystem der Kältemittel der Adsorptionskältemaschine wird sehr viel heißes Wasser produziert, das weiter verwendet wird. „Das nutzen wir für Warmwasser für Waschbecken und Dusche, für die Fußbodenheizung und für die Warmluftheizung. Die Anfangsinvestition in die Adsorptionskältemaschine sei zwar sehr hoch gewesen, aber sie habe sich sehr wohl gelohnt. Vor dem Umzug des Betriebs in die neue Halle am Zeppelinpark in Berlin hatte Höhn nur eine kleine Produktion für seine zwei Eiscafés mit monatlichen Stromkosten in der Höhe von 10.000 Euro. „Die zahle ich heute auch noch, aber wir produzieren zehnmal so viel und beliefern den Handel“, so Höhn.

Bürokratie bei Fördermitteln

Für das Gesamtprojekt „habe ich alle staatlichen Fördermittel abgerufen, die es gibt“, sagt der Unternehmer. Dabei habe er Unterstützung von einem Freund erhalten, der sich mit dem Ausfüllen solcher Aufträge gut auskenne. „Zum Glück, denn diese Bürokratie ist wirklich mühevoll“, meint Höhn.

Der mittelständische Betrieb hat inzwischen fast hundert Mitarbeiter und versucht, nicht nur Energie besonders klimafreundlich zu erzeugen, sondern auch einzusparen. Erst kürzlich wurden nochmal alle wärmeführenden Leitungen – weit mehr als 1000 Meter – neu isoliert. „Erstens sieht das hübscher aus, was wichtig ist für einen Lebensmittelhersteller, und zweitens verhindert es Energieverluste. Und zwar so viel, dass es mich selbst noch mal überrascht hat“, so Höhn. Während Rohrisolierung sozusagen das Energiespar-Einmaleins darstellt, geht Höhn oft auch ganz neue Wege. So wurde unter der 600 Quadratmeter großen Tiefkühlzelle, in der das Speiseeis lagert, mithilfe von sogenanntem Glasschaumschotter eine Art künstlicher Permafrostboden geschaffen. Dieser rund ein Meter dicke Boden hält konstant eine Temperatur von minus 24 Grad Celsius – und hält die Zelle auch dann im Frostbereich, wenn die Energiezufuhr während der Reinigung abgeschaltet wird. Normalerweise stehen solche Tiefkühlzellen auf einem Betonboden, der fortwährend beheizt werden muss, damit er nicht platzt. „Unser Konzept ist nicht nur viel billiger als die Fußbodenheizung gewesen wäre, sondern wir sparen im Jahr auch rund 100.000 Kilowattstunden ein, die alleine zur Beheizung nötig gewesen wären. Von meinen Betriebskosten als Eishersteller entfallen nur etwa 2,5 Prozent auf die Energiekosten“, sagt Höhn.

Eine weitere Besonderheit sind die Lkw, mit denen das Eis zu den Handelspartnern ausgeliefert wird. Sie wurden mit einer speziellen Speicherkühlung ausgerüstet, die ohne den schweren Kompressor direkt am Fahrzeug auskommt.

Fossile Energien werden teurer

Sehr gut möglich, dass das Interesse an energieeffizienter Technologie im kommenden Jahr stark ansteigt. Denn mit dem Klimapaket und dem darin vorgesehenen CO2-Preis wird Heizen mit fossiler Energie deutlich teurer: Ein Liter Heizöl verteuert sich bei einem CO2-Preis von 25 Euro pro Tonne um knapp acht Cent, was einem Anstieg um zwölf Prozent entspricht. Eine Kilowattstunde Erdgas kostet etwa 0,6 Cent mehr, was rund zehn Prozent Aufschlag ausmacht. Sanierungen, die Heizenergie sparen, rentieren sich damit schneller. Zudem werden elektrisch betriebene Wärmepumpen finanziell attraktiver.

„Für Unternehmen ist es heute ganz wichtig, sich in Sachen Energie und Klimaschutz gut beraten zu lassen“, weiß Roland Wiedemann, Experte beim Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza). Denn es gehe bei der zukünftigen Energieversorgung um viel Geld und langfristige Entscheidungen für die Zukunft. „Dabei sollte man nicht auf Technologien der Vergangenheit setzen“, so der Energieberater. Die gemeinnützige eza berät Unternehmen und Privathaushalte bei erneuerbaren Energien und effizienter Energienutzung.

Mit Holzabfällen sparsam heizen

Jeder Handwerksbetrieb hat bei der Energieversorgung seine ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen. Herausforderungen, die sich in Stärken wandeln können, wie die Möbeltischlerei Artis mit ihrer Werkshalle in Berlin-Tempelhof unter Beweis stellt.

Denn was fällt bei einer Tischlerei reichlich an? Holzabfälle. Bei Artis werden sie eingelagert und bei Bedarf in einem Festbrennstoffkessel verfeuert. Hackschnitzel oder Ähnliches müssen nicht zugekauft werden. Zudem wird in der Lackiererei die entstehende Wärme, die ansonsten ungenutzt bliebe, mithilfe eines hocheffizienten Rotationswärmetauschers zurückgewonnen und für die Vorerwärmung der Zuluft genutzt. Durch diese beiden Maßnahmen wird das fast 2.000 Quadratmeter große Gebäude CO2-neutral beheizt.

Genau wie bei der Eismanufaktur Florida gilt auch für die Tischlerei: Die beste Energie ist jene, die gar nicht benötigt wird. Deswegen ist die komplett aus Holz gebaute Betriebsstätte, die Werkshalle und Büros unter einem Dach vereint, massiv gedämmt. Die Außenwände und Dächer bestehen aus weitestgehend CO2-neutralen Naturbaustoffen mit einer Cellulosedämmung. Ein begrüntes Dach sorgt für weiteren Wärmeschutz in den darunterliegenden Büroräumen und nebenbei für ein verbessertes Mikroklima in der umliegenden Siedlung.

Die Werkshalle wird in Zonen beheizt, damit eine unnötige Erwärmung von gerade nicht genutzten Arbeitsbereichen vermieden werden kann. Auch die Büroräume folgen diesem Prinzip und werden über eine Fußbodenheizung einzeln beheizt. Auf dem Dach der Werkshalle produziert eine Fotovoltaikanlage den Strom für den Grundbetrieb der elektrischen Geräte in Werkshalle und Büros komplett ohne den Einsatz von Netzstrom oder fossilen Brennstoffen.

Aus Kalt mach Warm

Die Bäckerei Zipper aus Gelsenkirchen setzt auf die Kraft des Eises. Dazu wurde ein Eisspeicher in ein rund vier Meter tiefes Loch in das Grundstück der Filiale eingelassen. Der Tank fasst rund 30.000 Liter Wasser und dient als Pufferspeicher, in den Wärmeenergie eingelagert wird. Eisspeicher machen sich eine physikalische Besonderheit zunutze: Wasser, das seinen Aggregatszustand von flüssig nach fest verändert, also zu Eis gefriert, setzt Kristallisationswärme frei. Dabei entsteht eine erhebliche Menge Energie: Wenn minus 0,1 Grad kaltes Eis in plus 0,1 Grad kaltes Wasser geschmolzen wird, steckt darin die gleiche Menge Energie, die man benötigt, um null Grad kaltes Wasser auf 81 Grad zu erwärmen. In zehn Kubikmeter gefrorenem Eis steckt ungefähr die gleiche Energie wie in 100 Litern Heizöl.

Eine Wärmepumpe entzieht dem Eiswasser die Energie, wodurch das Wasser gefriert. Die Wärmepumpe wandelt dabei die Energie im Eisspeicher in Wärmeenergie um. Aufgetaut wird der Eisspeicher durch die Solaranlage, die sich auf dem Dach des Betriebsgebäudes befindet, sowie durch Erdwärme oder auch durch warmen Regen.
Beim Schmelzen des Eises wird dem Wasser Energie zugeführt, die dann wieder von der Wärmepumpe aufgenommen und in Heizenergie umgewandelt wird. Im Sommer kann das System auch zur Kühlung der Bäckerei genutzt werden. Dann wird kaltes Wasser aus dem Eisspeicher durch eine Fußbodenheizung gepumpt und das Gebäude gekühlt. Gesteuert wird das automatisch über ein Energiemanagementsystem.

Um diese Maßnahme finanziell stemmen zu können, nutzt die Bäckerei Zipper Energie-Contracting. So werden Vorhaben bezeichnet, bei denen das ausführende Unternehmen die Energieerzeugungsanlage finanziert, betreibt und Instand hält. Die Bäckerei hat alle Komponenten rund um den Eisspeicher für 18 Jahre von einem Contracting-Geber gepachtet, Investitionskosten fielen damit nicht an.

Kompetente Beratung ist wichtig

Die Sorge um gewaltige Geldsummen, die für effiziente und umweltfreundliche Energieversorgung anfallen, kennt Eisproduzent Oliver Höhn nur zu gut. „Mich konnte anfangs niemand so richtig beraten und ich habe dafür auch Lehrgeld bezahlt. Das will ich anderen ersparen“, sagt Höhn. Geschätzt habe er bislang rund 1,1 Millionen Euro in den Umweltschutz investiert. Der quirlige Unternehmer möchte anderen den Weg zum klimaneutralen Betrieb leichter machen. Nahezu jede Woche empfängt er deswegen Gruppen aus der ganzen Welt und erzählt ihnen von seinem Weg vom Klima-Saulus zum -Paulus.

Ein Weg, der längst nicht abgeschlossen ist. Aktuell arbeitet Höhn daran, die neuen Eismaschinen direkt an die Adsorptionskältemaschine zu hängen, um noch effizienter zu arbeiten. „Das ist längst nicht das Ende der Fahnenstange, denn je mehr ich mich in dieses Thema hineinknie, desto mehr Ideen kommen heraus. Die kosten natürlich anfangs immer Geld. Aber es lohnt sich.“

Übersicht Förderprogramme für Unternehmen

Wer seinen Betrieb energetisch sanieren oder einen energieoptimierten Neubau erstellen möchte, kann eine Reihe von Förderprogrammen nutzen. Einen Überblick gibt es auf: deutschland-machts-effizient.de. Hier eine Auswahl an Programmen für Betriebe:

  • Bundesförderung für Energieberatung im Mittelstand (Zuschuss); bafa.de
  • KfW-Programm „Energieeffizient Bauen und Sanieren“ (Programme 276/277/278, Kredit mit Teilschulderlass); kfw.de
  • Marktanreizprogramm „Wärme aus erneuerbaren Energien“ (Zuschuss/Kredit mit Teilschulderlass); bafa.de
  • Heizungsoptimierung (Zuschuss); bafa.de
  • KfW-Programm „Energieeffizient Bauen und Sanieren“ Zuschuss Brennstoffzelle (433); kfw.de
  • Modellvorhaben Wärmenetze 4.0 (Zuschuss); bafa.de
  • BMWi-Wettbewerb Energieeffizienz (Zuschuss); wettbewerb-energieeffizienz.de




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