Altonaer Silber Werkstatt Silberschmiede: Wie Maxi Hänsch drei Handwerksberufe unter einen Hut bringt

In ihrer Hamburger Silberschmiede vereint Maxi Hänsch drei Handwerksberufe unter einem Dach – einzigartig in Deutschland. Die 44-Jährige arbeitet Familiensilber auf, das seit Generationen weitergegeben wird, und hat mit ihrem zweiten Standbein, der Knife Lounge, ein Umsatzwachstum von 1.500 Prozent erzielt. Eine Geschichte über Erinnerungen, mutige Entscheidungen und ein Geschäftsmodell zwischen Tradition und E-Commerce.

Maxi Hänsch führt die Altonaer Silber Werkstatt in Hamburg seit 2010. In ihrem Betrieb arbeiten drei Handwerksberufe unter einem Dach – eine Kombination, die in Deutschland einzigartig ist.
Maxi Hänsch führt die Silberschmiede "Altonaer Silber Werkstatt" in Hamburg seit 2010. In ihrem Betrieb arbeiten drei Handwerksberufe unter einem Dach – eine Kombination, die in Deutschland einzigartig ist. - © Franziska Evers

„Da stehen Menschen vor uns und erinnern sich an ihre Großeltern", sagt Maxi Hänsch. Wenn Kunden Silberleuchter, Tauflöffel oder Teekannen auf den Tresen der Altonaer Silber Werkstatt in Hamburg legen, geht es selten nur um Gegenstände. Es geht um Geschichten – und manchmal um Tränen. „Wir sehen uns als Hüter dieser Erinnerungen." Die 44-Jährige ist Oberflächenbeschichtermeisterin, früher hieß der Beruf Galvaniseurin. Sie führt den Betrieb seit 2010, gegründet hat ihn 1998 ihr Vater Friedhelm Hänsch.

Vom Studienabbruch zur Meisterin

Dass Maxi Hänsch heute hier steht, war nicht von Anfang an geplant. Eigentlich hatte die gebürtige DDR-Bürgerin ein BWL-Studium begonnen. 2002 entschied sie sich, das Studium abzubrechen und ins Handwerk zu wechseln – sie begann eine Ausbildung zur Galvaniseurin im Betrieb ihres Vaters. „Ohne handwerkliches Talent", sagt sie heute.

Doch nach einem halben Jahr stellte sich heraus: Handwerk kann man lernen. Und Hänsch konnte es offenbar gut. Nach der Ausbildung erhielt sie ein Stipendium für begabte Förderung. „Das war für mich die Bestätigung, dass man das doch lernen kann." 2008, mit 28 Jahren, legte sie ihre Meisterprüfung ab. Ein Jahr später holte ihr Vater sie in die Geschäftsführung – 2010 verstarb er, und Hänsch übernahm den Betrieb mit 29 Jahren.

Was den Generationswechsel erleichterte: Der Vater hatte rechtlich vorgesorgt, die Anteile waren in eine GmbH umgewandelt. Eine Lektion, die für viele Handwerksbetriebe gilt: Eine vorbereitete Nachfolge kann im Ernstfall den Unterschied machen, ob ein Betrieb weiterläuft oder nicht.

Die Silberschmiede bringt drei Gewerke unter ein Dach

Was die Altonaer Silber Werkstatt in Deutschland einzigartig macht: Drei Handwerksberufe arbeiten hier zusammen. Galvanik, Gold- und Silberschmiedekunst, Schneidwerkzeugmechanik (heute Präzisionswerkzeugmechanik). „Wenn wir ein altes Tafelbesteck aufarbeiten, brauchen wir alle drei Berufe", erklärt Hänsch. „Die Klingen sind aus Stahl, die rosten irgendwann durch, egal wie gut man pflegt. Das Silber dagegen hält 300, 400, 500 Jahre ohne Probleme."

Klingen ersetzen, schleifen, Griffe versilbern, Griffe löten – alles unter einem Dach, oft an einem Werktisch. Andernorts müsse man Stücke einschicken oder weitergeben. Hier passiert alles in-house. Genau das macht die emotionalen Aufträge möglich. „Wenn Kunden vorne stehen und sich an ihre Großeltern erinnern, kommen die Emotionen raus. Das passiert tatsächlich häufig. In der Werkstatt steht ein Stück, das für Hänsch über allem steht: ein Jugendstil-Tafelaufsatz, den sie gemeinsam mit ihrem Vater auf einem Antiquitätenmarkt gekauft und später aufgearbeitet hat. „Das ist das einzige Teil im Laden, das unverkäuflich ist."

Hinter jedem Stück steckt eine Familiengeschichte. Rund zehn Mitarbeitende arbeiten in der Altonaer Silber Werkstatt daran, Erinnerungen für die nächste Generation zu erhalten.
Hinter jedem Stück steckt eine Familiengeschichte. Rund zehn Mitarbeitende arbeiten in der Altonaer Silber Werkstatt daran, Erinnerungen für die nächste Generation zu erhalten. - © Franziska Evers

Vom Standortproblem zur Knife Lounge

Die Geschichte des zweiten Standbeins beginnt mit einem unangenehmen Detail: Das Ladengeschäft in Altona liegt nahe einer Methadon-Ausgabestelle. „Wir hatten Kunden, die wollten Messer zum Abstechen haben." Hänsch stand vor einer Entscheidung: das Messergeschäft komplett aufgeben – oder konsequent ins Hochpreis-Segment gehen. Sie wählte Letzteres.

So entstand die Knife Lounge. Heute importiert der Betrieb handgefertigte Sammlermesser aus aller Welt. Messermacher aus Australien, deren Stücke teils sechs Jahre Wartezeit haben. Mechanisch komplexe Taschenmesser für 1.000 bis 1.200 Euro. „Es ist eine Zielgruppe, die sammelt – manche legen die Messer 20, 30 Jahre weg. Es ist tatsächlich auch eine Wertanlage." Was nach einer Notlösung aussah, wurde zum zweiten Standbein.

Wie ein Online-Shop der Silberschmiede durch die Pandemie half

Der dazugehörige Online-Shop trug den Betrieb durch Corona. „Unser Shop war vorher fertig und hat uns in die Neuzeit katapultiert – mit einem Umsatzwachstum von 1.500 Prozent." Heute werden 80 Prozent des Knife-Lounge-Umsatzes digital generiert. Gerade hat das Unternehmen erstmals die Zwei-Millionen-Euro-Umsatzmarke geknackt.

Trotz allem Online-Erfolg: Der physische Ort in Altona bleibt zentral. „Es sind ja meistens Stücke, die nicht ersetzt werden können. Viele Kunden sagen: Ich möchte es nicht verschicken, ich komme lieber vorbei." Auch beim Messerschleifen funktioniert das Geschäft über Abgabe und Abholung. Online und stationär ergänzen sich – sie ersetzen sich nicht.

Rund zehn Mitarbeiter hat das Team heute, inklusive eines Auszubildenden. Der kam übrigens über ein Schülerpraktikum. „Wir haben gar nicht gesucht. Aber wir haben gesehen: Da ist Talent. Da brauchen wir nicht viel zu erklären." Größer wachsen will Hänsch nicht. „Ich arbeite am liebsten mit einem kleinen Team, damit ich wirklich mit jedem sprechen kann."

„Unser Problem ist nicht die Konkurrenz"

Was die Unternehmerin umtreibt, ist etwas anderes. „Unser Problem ist nicht die Konkurrenz. Unser Problem ist, dass nur wenige wissen, dass man so etwas machen kann." Deshalb setzt sie auf Sichtbarkeit – mit Blogbeiträgen, Social-Media, Podcasts, einem neuen YouTube-Kanal. „Wir haben gelernt, dass wir als Menschen nach vorne gehen müssen. Ich gehe raus mit meinem Gesicht. Das hätte ich vor 15 Jahren nicht gemacht." Gerade bei vertrauensbasierten Dienstleistungen sei das entscheidend: „Da macht es Sinn zu sehen, wer arbeitet eigentlich an meinem Familienerbstück?" Eine Erkenntnis, die längst nicht nur für Silberschmieden gilt.

Was nervt? Bürokratie. Mit dem Sprung über die Zwei-Millionen-Marke kamen neue Pflichten: Barrierefreiheit im Online-Shop, GPSR-Verordnung, Verpackungsverordnung. „Wir haben einen fünfstelligen Betrag investiert, damit unsere Kontraste geprüft werden, damit wir Alternativtexte haben. Den hätte ich gerne in die Entwicklung der App gesteckt." Die Hintergründe seien nachvollziehbar, sagt Hänsch. „Aber diese Zeit würde ich gerne für etwas anderes nutzen." Ausgleich findet sie im Ehrenamt. Noch bis Ende des Jahres ist sie Vorsitzende der Handwerksjunioren Hamburg, dann ist sie aus Altersgründen raus. Bei den Junioren fand sie Austausch und Weiterbildung – zu Themen wie Betriebswirtschaft, Marketing oder Personalführung. Die Gemeinschaft hat für sie ein besonderes Standing: „Wir sind die echten Typen. Wir machen was, wir kriegen was fertig. Wir sind die coolen Underdogs."

Aktuell entsteht das nächste Kapitel: Die Silberschmiede der Werkstatt fertigt Schmuckstücke für die Knife-Lounge-Community. Wieder eine Brücke zwischen den Welten: zwischen Familiensilber und Sammlermessern, zwischen Tradition und neuer Zielgruppe. In der Werkstatt selbst steht Hänsch heute nur noch selten. „Ich bin sehr gern an der Werkbank, aber es ist eher ein Luxusmoment für mich geworden."

Vom Tauflöffel bis zur Teekanne: Viele Stücke, die in der Altonaer Silber Werkstatt aufgearbeitet werden, wandern seit Generationen durch Familien – und werden hier fit gemacht für die nächste.
Vom Löffel bis zum Kamm: Viele Stücke, die in der Altonaer Silber Werkstatt aufgearbeitet werden, wandern seit Generationen durch Familien – und werden in der Silberschmiede fit gemacht für die nächste. - © Franziska Evers

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