Vakuuminfusionsverfahren für den biobasierten Bootsbau – dafür haben Handwerkschef Jan Brügge und sein Wissenschaftspartner Prof. Dr.-Ing. Alexander Pfriem den Nachhaltigkeits-Award des Seifriz-Preises erhalten. Eindrücke von der Delegationsreise an die Schlei.

Hier in Arnis an der Schlei, wo andere Urlaub machen, stehen die zwei Pokale auf einem rustikalen Tisch parat. Die Seifriz-Delegation ist vollzählig in Schleswig-Holstein eingetroffen, die Mitarbeiter der 2016 gegründeten Jan Brügge Bootsbau GmbH haben es sich mit Kaffee und kühlen Getränken gemütlich gemacht, die Verleihung im Handwerksbetrieb kann starten. Bootsbauermeister Jan Brügge schaut in die Sonne, nickt kurz und scheint den besonderen Augenblick hinter der Werft zu genießen. „Ich will tolle Boote bauen“, wird der Handwerksunternehmer später im Interview sagen. „Und ich wollte den Bootsbau modernisieren.“
Tolle, moderne Boote – das trifft es bei der Modellserie „Woy 26“ ziemlich gut. Hinzu kommt noch das Wörtchen preisgekrönt: Die Newcomer-Holzsegelyacht ist frisch mit einem „European Yacht of the Year 2026“-Award dekoriert. Im Fachjargon heißt die „Woy 26“ Dailysailer, ein Boot für eine bis vier Personen. Sie soll laut Brügge, der sich in seiner Bootsbau-Ausbildung damals einen Bundessieg holte, modernes Design mit Leichtigkeit und Geschwindigkeit verbinden. Dafür setzt der Unternehmer mit seinem 20-köpfigen Team auf heimische Hölzer wie Nordische Fichte oder Lärche und innovative Technik. Und auf ein Verfahren, das im Rahmen des diesjährigen Seifriz-Awards den Sonderpreis für ganzheitliche Nachhaltigkeit, dotiert von der IKK classic, abräumte.
Nachhaltige Methode Vakuuminfusionsverfahren
Brügge: „Mich berührt es, wenn das Team auch in echt stressigen Situationen Hand in Hand zusammenarbeitet.“ Zu diesem Team kann man bei der „Woy 26“ auch die Wissenschaftler der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) zählen. Denn was bei Rotorblättern von Windrädern, Raumfahrzeug-Komponenten oder Flügelhäuten in der Luftfahrt gang und gäbe ist, überzeugte sowohl die Schleswig-Holsteiner als auch Prof. Dr.-Ing. Alexander Pfriem und seine Experten für die Chemie und die Physik des Holzes: das Vakuuminfusionsverfahren. Dabei legt man Faserverbundkunststoffe wie GFK in eine Form, verdichtet den Kunststoff unter Vakuum und tränkt ihn durch den Unterdruck mit flüssigem Harz.
Wir haben ein bestehendes Verfahren, das beim Kunststoff Stand der Technik ist, auf den Holzbootsbau angewendet“, erläutert Prof. Dr.-Ing. Alexander Pfriem. Sprich für die Herstellung von Hochleistungs-Holzschalen im Yachtbau. „Ganz wichtig in diesem Prozess: Wir verwenden nur so viel biobasiertes Epoxidharz, wie wir auch wirklich für das Verkleben benötigen“, erläutert der Wissenschaftspartner, der mittlerweile an der Technischen Universität Dresden forscht und lehrt.
Tiefes Verständnis füreinander und die Herausforderungen des Projekts
21 Konferenzen, der Personalaustausch zwischen Werft und Hochschule und regelmäßige Treffen in Eberswalde oder an der Schlei – die Partner haben in der Projektphase zwischen September 2020 und Mai 2023 ein tiefes Verständnis füreinander, aber auch für die Herausforderungen des Projekts entwickelt. Die Kosten beliefen sich auf 360.000 Euro, der Entwicklungsaufwand betrug 60 Personenmonate. „Unser Projekt zeigt, dass es sich auch für kleinere Handwerksbetriebe lohnen kann, in die Entwicklung zu investieren und so branchenweite Innovationen zu schaffen“, freut sich Bootsbauermeister Brügge.
Hintergrund: Das ist der „Seifriz“
Praktisches Können und wissenschaftliche Expertise: Der renommierte „Seifriz-Preis – Transfer Handwerk + Wissenschaft“ wird unter der Federführung von Handwerk BW durch den Verein Technologietransfer Handwerk e. V. in Zusammenarbeit mit handwerk magazin vergeben. Partner des Preises sind die Holzmann Medien Gruppe sowie die Signal Iduna Gruppe für Versicherungen und Finanzen, die die Hauptpreise stiften. Der Sonderpreis wird von der IKK classic dotiert. Die Auszeichnung umfasst Preisgelder von insgesamt bis zu 25.000 Euro sowie die Teilnahme am Branchenevent „Zukunft Handwerk“, das am 4. und 5. März 2026 in München stattgefunden hat.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Jan Brügge und sein Team fertigen nun ihre Holzrümpfe schnell, effizient und nachhaltig – ein potenziell wegweisender Ansatz für das gesamte Gewerk. Aber auch die Umwelt und der Arbeitsschutz profitieren. Stichwort Epoxid, mit dem die Mitarbeitenden laut dem Bootsbauer nur noch geringfügig in Berührung kommen. „Auch führt unser Verfahren zu weniger Schleifarbeiten, da alle Lagen auf einmal gelegt und vakuumiert werden, was die Belastung der Mitarbeiter reduziert und Zeit einspart.“
Vakuuminfusionsverfahren im Bootsbau ist eine "echte Pionierleistung"
Was hier gelungen ist, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es geht um eine Innovation, die aus dem Handwerk heraus entsteht und dennoch weit über den einzelnen Handwerksbetrieb hinausgeht“, betont Raissa Gröschl, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Flensburg, in ihrer Laudatio in Arnis. „Dass dieses Verfahren zum Patent angemeldet worden ist, ist ein sehr starkes Signal, denn hier wird nicht nur gearbeitet, sondern auch Zukunft gestaltet.“ Zudem werde das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich gedacht und praktisch umgesetzt. Und Gröschl weiter: „Mit dem neuen Verfahren wird Bootsbau mit heimischen Hölzern möglich und auch wirtschaftlich attraktiver. Das, lieber Herr Brügge, ist eine echte Pionierleistung.“
Ganz wichtig für die angesprochene Pionierleistung: der Austausch mit dem Wissenschaftspartner auf Augenhöhe und die klare Aufgabenverteilung. Während die Bootsbauer unter anderem die Anwendung definierten, den Formenbau erstellten sowie die Probekörper und das Vakuuminfusionsverfahren auf den Werkstoff Holz adaptierten, legten die HNEE-Forscher die Methoden fest und analysierten die Probekörper. „Nur durch die Zusammenarbeit konnten einerseits wissenschaftliche Methoden und fundiertes Materialwissen und andererseits die Besonderheiten des Bootsbaus und die fachgerechte Herstellung der Materialschichtverbunde zusammengeführt werden“, schrieben die Projektpartner in den Seifriz-Teilnahmebogen.
"Toller Moment, wenn das Boot zu Wasser gelassen wird"
Natürlich stellte sich dann auch irgendwann die Frage: Funktioniert das überhaupt? „Es ist für uns immer ein toller Moment, wenn das Boot das erste Mal zu Wasser gelassen wird“, sagt Brügge, während er auf die Schlei zeigt. Genau an diesem Ort sei das gewesen. „Und: Es hat natürlich sehr gut funktioniert.“

