Auszeichnung des ZDH Preis für Handwerksgeschichte 2026: Große Bühne für die Historie

Mit dem "Preis für Handwerksgeschichte 2026" hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zum zweiten Mal diese Auszeichnung vergeben. Bei der Preisverleihung in Berlin standen die vier prämierten Projekte von Unternehmen und Organisationen im Mittelpunkt. Impressionen aus dem Meistersaal des ZDH.

Bekamen 2026 die Urkunden (v. l. n. r.): Rainer W. Leonhardt, Hermann Klos und Heike Notz für die Zeitschrift „Restaurator im Handwerk“, Theresa Wedemeyer für die Ausstellung „Meisterhafte Unikate – 100 Jahre Einbandkunst“, Theodor Mahr für „182 Jahre Mahr – Aufbau eines Archivs zur Dokumentation von Projekten und Unternehmensgeschichte“ und Heidi Brenner für die Quellenedition „Das Tagebuch von Heinrich Essig“.
Bekamen die Urkunden für den "Preis für Handwerksgeschichte 2026": (v. l. n. r.): Rainer W. Leonhardt, Hermann Klos und Heike Notz für die Zeitschrift „Restaurator im Handwerk“, Theresa Wedemeyer für die Ausstellung „Meisterhafte Unikate – 100 Jahre Einbandkunst“, Theodor Mahr für „182 Jahre Mahr – Aufbau eines Archivs zur Dokumentation von Projekten und Unternehmensgeschichte“ und Heidi Brenner für die Quellenedition „Das Tagebuch von Heinrich Essig“. - © ZDH/BILDSCHÖN/Boris Trenkel

Preis für Handwerksgeschichte 2026: Die vier Siegerprojekte im Kurzporträt:

Theresa Wedemeyer, Theodor Mahr und Heidi Brenner sowie das Team um Rainer W. Leonhardt, Hermann Klos und Heike Notz erhielten den Preis für Handwerksgeschichte 2026. Die vier Siegerprojekte im Kurzporträt:

Theod. Mahr Söhne GmbH: Öfen, Luftheizungen und eine Madonna

Mit ihrem beeindruckenden Firmenarchiv hat die Theod. Mahr Söhne GmbH aus Aachen die Fachjury überzeugt.

Auf die Vorfahren ist Verlass. „Sie haben für unser Archiv viel Vorarbeit geleistet“, erklärt Theodor Mahr, der seit 2019 in sechster Generation die Geschäfte der Theod. Mahr Söhne GmbH aus Aachen führt – und somit die Geschäfte der ältesten Heizungsfirma Deutschlands.

Zumal sich diese Vorarbeit sehen lassen kann: Aktuell umfasst das Archiv des rund 200 Mitarbeiter großen Handwerks­betriebs mehr als 20.000 Aktenzeichen in Deutschland, den Benelux und in Nachbarländern wie Frankreich, Italien oder Österreich. Angebote, Briefe, Rechnungen, Aufmaße und Zeichnungen – über eine Million Seiten stecken feinsäuberlich sortiert in den klassischen Archivmappen mit dem passenden Aktenzeichen, vieles liegt mittlerweile in digitalisierter Form vor.

Beeindruckender Quellenschatz

„Das Archiv ist über die Generationen gewachsen“, schildert es Handwerkschef Theodor Mahr im Videocall. Eine Teilzeitmitarbeiterin kümmert sich bei den Profis für Heizung, Sanitär, Klima und Kälte darum. So ist hier ein beeindruckender Quellenschatz entstanden, für den das Unternehmen jetzt mit dem "Preis für Handwerksgeschichte 2026" ausgezeichnet wurde.

Doch noch einmal zurück zu den Vorfahren. Am 1. März 1841 hatte Schlosser­meister Theodor Mahr eine Ofen- und Herdschlosserei in Aachen gegründet. Mit den sogenannten Luftöfen und Luftheizungen machte sich der Familienbetrieb schnell überregional einen Namen, seit rund 150 Jahren sind die Aachener als Spezialisten für die Installation von Heizungssystemen in Kirchen und denkmalwerten Gebäuden bekannt. Die erste Kirchenheizungsanlage befindet sich übrigens seit 1871 in der Aachener Annakirche. Auch heute noch trage die Kirchen-Sparte 30 Prozent zum­ ­Jahresumsatz in Höhe von 30 Millionen Euro bei, wie Prokurist Markus Kaufer erklärt. Der Großteil des Umsatzes entfällt mittlerweile auf den Anlagenbau und den Service für große Industrie- und Privatkunden.

© Theod. Mahr Söhne GmbH
Fokus auf CO2-Neutralität

Doch der Blick zurück bedeutet nicht, dass das Handwerksunternehmen nicht auf die Zukunft setzt – gerade auch bei Kirchen und sakralen Gebäuden. „Als Heizungs­bauer und -hersteller haben wir uns der CO2-Neutralität verschrieben“, so Theodor Mahr.

Als Partner der Bistümer spreche man auch über erneuerbare Energien, Photovoltaik und Wärmepumpen. Zudem stellt man mit dem Tool „Daten-Connect“ eine innovative Monitoring-Lösung für mehrere Hundert Kirchengebäude zur Verfügung, um Raumklimawerte, Energieverbräuche und den Anlagenbetrieb immer im Blick zu behalten.

Ob es am engen Kontakt zur Kirche oder an einer Madonnenfigur am Firmen­schornstein liegt, dass das Archiv im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verschont blieb? Theodor Mahr und Markus Kaufer schmunzeln – ja, auf die Madonna sei eben auch Verlass.


Kathedralen aus ­Leder und Papier

Der Verein „Meister der Einbandkunst“ (MDE) macht Buchgeschichte für viele Interessenten greifbar.

Ein Buch ist meistens ein Gebrauchsgegenstand, ein „Wissensesel“, wie Theresa Wedemeyer es liebevoll nennt. Es trägt Informationen, muss funktionieren und ins Regal passen. Doch dann gibt es Bücher, die sind anders. Sie sind ­Architektur im ­Kleinen, Kunstwerke, die den Geist des Textes in eine physische Form gießen. Genau dieser Nische widmet sich der Verein Meister der Einbandkunst (MDE), der 1923 in Leipzig gegründet wurde und inzwischen auf über 100 Jahre Geschichte zurückblickt.

Für die Jubiläumsausstellung Meisterhafte Unikate – 100 Jahre Einbandkunst, die als Wanderausstellung unter anderem in Leipzig und Hamburg zu sehen war, erhielt der Verein nun den „Preis für Handwerksgeschichte“. „Das ist für uns eine ganz tolle Möglichkeit, unser ehrenamtliches Engagement sichtbar zu machen“, freut sich Theresa Wedemeyer, Buchbindermeisterin und Vorsitzende des MDE. Denn hinter der Schau, die die Entwicklung von Jugendstil über Neue Sachlichkeit bis zur experimentellen Gegenwartskunst nachzeichnet, stecken viele Stunden freiwilliger Arbeit.

© Burkard Meyendriesch
Eine andere Ebene der Materialität und Ausgestaltung

Was macht die Faszination dieser Handwerkskunst in Zeiten der Digitalisierung ­heute noch aus? Wedemeyer erklärt es am Beispiel von bloßem Wohnen und ­Baukunst: „Wir kennen alle das Reihen- oder Mehrfamilienhaus – wichtig und richtig zum Wohnen. Aber der künstlerische Handeinband ist eher wie der Kölner Dom.“ Es geht um eine andere Ebene der Materialität und Ausgestaltung.

Wer heute einen solchen Einband fertigt, arbeitet oft an einem Einzelstück, der ­„Auflage 1“. Es ist ein Beruf, der Geduld verlangt. „Es ist ein bisschen wie Tanzen“, beschreibt Wedemeyer den Prozess. „Man muss die Technik erst perfekt beherrschen, um sie dann zu vergessen und daraus Kunst zu machen.“ Aktuell kooperiert der MDE mit dem „Verein für die Schwarze Kunst“ für das Projekt „Morgenstern“ – eine Symbiose aus Handsatz, Buchdruck und Einbandkunst. ­Termine: mde-einbandkunst.eu/termine.


Lesestoff für ­Denkmalpfleger

Restauratoren im Handwerk geben gewerkeübergreifende Einblicke in historische Arbeitsweisen.

Die Zeitschrift „Restaurator im Handwerk“ stellt traditionelle handwerkliche Tätigkeiten im kulturgeschichtlichen Kontext dar. So ist das Fachmagazin des gleich­namigen Dachverbandes zu einer wichtigen Quelle für Fachhand­werker, Architekten und Denkmalpfleger geworden. „Wir werden in allen Denk­mal­ämtern gelesen“, sagt Chefredakteur Rainer W. Leonhardt, nach dessen Konzept die Publikation seit 2009 vierteljährlich in einer Auflage von 3.000 Exemplaren erscheint.

Jedes Heft widmet sich einem Schwerpunktvon Mauerziegeln über historische Haustechnik oder Metall- und Holzrestaurierung bis hin zu Treppen. Dabei folgt die Redaktion zwei Grundsätzen: keine PR-Artikel und kein Fachchinesisch. „Alle ­Beiträge stammen von Praktikern. Unsere Autoren stehen selbst auf dem Gerüst oder sind Forscher mit einem tiefen Einblick in die Praxis“, betont Leonhardt. Vor­gestellt werden traditionelle Handwerks­techniken sowie die dabei verwendeten Werk­zeuge und Materialien. So stärkt die Zeitschrift das Bewusstsein für die Geschichte des Handwerks und trägt zur Bewahrung dieses immateriellen Kulturguts bei.

© RiH
Redaktion arbeitet ehrenamtlich

Die sieben Redaktionsmitglieder, alle mit einer handwerklichen Ausbildung aus verschiedenen Branchen, arbeiten ehrenamtlich und werden von einem wissenschaf­tlichen Beirat aus elf Personen beraten. Erfolgreichste Ausgabe war bislang das Heft über Glocken. „Das ist leider vergriffen, aber es gibt noch das E-Paper“, sagt Leonhardt. Seit sieben Jahren wird die Zeitschrift auch elektronisch angeboten. Die Nachfrage bleibe aber gering. Restaurieren geht ja auch nicht virtuell. Der Handwerker will eben alles in der Hand haben“, so der Chefredakteur.

Im aktuellen Heft geht es um Bibliotheken. Und das nicht grundlos. Im März soll in den Redaktions­räumen in Berlin die erste „Bibliothek des Handwerks“ öffnen. Dafür wurden in den vergangenen drei Jahren 15.000 Fachbücher gespendet. Konser­vierte Geschichte, die es zu bewahren gilt.


Ein „Schatz“ für die Handwerksgeschichte

1880 bis 1933: Das Tagebuch des Flaschner-Meisters Heinrich Essig gewährt Einblicke in bewegte Zeiten.

"Es ist für mich wie ein Schatz, der da aufgetaucht ist“, spricht Heidi Brenner über das Tagebuch ihres Urgroßvaters Heinrich Essig. Der Flaschner-Meister und Unternehmer lebte von 1862 bis 1934 in Calw und gibt mit seinen ­Aufzeichnungen Einblicke in eine bewegte Zeit. Einblicke in die Geschichte eines Mannes mit Familie, eines Unternehmens, einer ganzen Stadt und seines ­Handwerksberufs.

Bei der Veröffentlichung half der Zufall gleich mehrfach. Ein entferntes Fami­lienmitglied hatte auf dem Dachboden eine Kiste alter Familienfotos aus­ge­graben und sich an Heidi Brenner gewandt. „Ich habe irgendwie gespürt, dass es einen hochinteressanten Eindruck macht“, erinnert sich Brenner. Denn lesen konnte sie das Tagebuch zunächst nicht – es war in Sütterlin verfasst. Wie gut, dass sie zufällig kurz zuvor jemanden kennenlernte, der ihr beim Verstehen helfen konnte: der frühere Kreisarchivar Jürgen Rauser. Er übertrug das Tagebuch in die lateinische Schrift.

© privat
Vom Militärdienst über den Ersten Weltkrieg bis hin zur Inflation der Weimarer Republik

Das Tagebuch dokumentiert das Leben eines Handwerksmeisters zwischen 1880 und 1933: die alleinige Wanderschaft als 17-Jähriger durch ganz Deutschland, den dreijährigen Militärdienst, die Firmengründung, den Ersten Weltkrieg und die Inflation der Weimarer Republik. Besonders eindringlich ist Heidi Brenner die Passage zur Geldentwertung im Kopf: Heinrich Essig erhielt eine Lebensversicherung ausbezahlt, in die er jahrzehntelang eingezahlt hatte – und konnte sich dafür nicht einmal mehr ein Pfund Fleisch kaufen. „Das Einzige, was uns jetzt bleibt, ist eigentlich die Arbeitskraft und das Verkönnen mit den Händen“, notierte er damals.

Die Jury würdigte das Projekt mit einer besonderen Erwähnung für handwerksgeschichtliches Engagement. Der Kreisgeschichtsverein Calw veröffentlichte das Tagebuch als Buch, ergänzt um historische Familienfotos. Die Firma wird in fünfter Generation von ihrer Tochter Jana Brenner geführt.

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