Kanalservice David Grün Mitarbeiterbindung: Wie ein Chef mit Top-Personalführung glänzt

David Grün hat seinen Kanalservice mit 24 alleine gegründet. 15 Jahre später beschäftigt er 32 Mitarbeiter an drei Standorten in Rheinland-Pfalz – und kaum jemand kündigt. Sein Rezept für Mitarbeiterbindung: kein Bereitschaftsdienst, digitale Abläufe, echte Flexibilität. Und ein Grundsatz, den sein Team jeden Tag spürt.

David Grün setzt bei der Mitarbeiterbindung auf Flexibilität statt Druck – mit Erfolg: 32 Mitarbeiter, kaum Fluktuation.
David Grün setzt bei der Mitarbeiterbindung auf Flexibilität statt Druck – mit Erfolg: 32 Mitarbeiter, kaum Fluktuation. - © Tim Wegner

Die ersten drei Jahre nach der Gründung 2010 fuhr David Grün solo raus. Jeden Tag fünf bis acht Kunden, jeder ein anderes Problem. Mal ein verstopftes Waschbecken, mal eine komplette Grundleitung. „Es war nie langweilig, weil es immer anders war." Dann kamen die ersten Mitarbeiter. Zu viert, zu fünft – „da war eigentlich das schönste Leben", erinnert sich Grün.

Die Qualität sprach sich herum, die Anfragen wurden mehr – und mit ihnen der Druck. Wer in der Kanalreinigung Kunden abweist, verliert sie an die Konkurrenz. Und wer sie einmal verloren hat, bekommt sie selten zurück. „Entweder du sagst ab und bist alles los – oder du machst weiter." Grün machte weiter und sein Betrieb wuchs.

Von der Peitsche hin zur Mitarbeiterbindung

Hätte ihm mit 24 jemand erzählt, dass er mal 32 Mitarbeiter führen würde, er hätte es nicht geglaubt. Auch weil er damals gar nicht wusste, was es bedeutet, so viele Leute zu führen. „Früher haben wir mit der Peitsche dagestanden und die Leute gestriezt, dass es vorwärtsgeht." Die Quittung kam: Mitarbeiter gingen, die Stimmung litt. „Irgendwann muss man umdenken, wenn die Leute sich nicht wohlfühlen."

Grün hat umgestellt – und zwar nicht ein bisschen. Seit drei Jahren gibt es keinen Bereitschaftsdienst mehr, obwohl Notdienst in der Branche fast Standard ist. Die Arbeitsabläufe sind komplett digital: Aufträge kommen aufs iPad, Dokumentationen werden diktiert statt geschrieben. Und wenn jemand ein privates Problem hat? „Kümmere dich darum – und komm wieder, wenn es gelöst ist." Kein Antrag, kein Misstrauen. Drei Maßnahmen, die einfach klingen – aber in einer Branche, in der viele Altbetriebe laut Grün ein Durchschnittsalter von fast 60 haben und sich wenig bewegen, alles andere als selbstverständlich sind.

Warum Mitarbeiterbindung bei Grün funktioniert

Ein Mitarbeiter hatte den Betrieb zwischenzeitlich verlassen, um woanders sein Glück zu versuchen. Er kam zurück. Ein anderer wurde von seinem früheren Chef aktiv umworben – und lehnte ab: „Ich bleibe bei David, da fühle ich mich wohl." Was beide betonen: Bei Grün zählt nicht nur die Arbeit. „Dass man hier auch menschlich angenommen wird – das findest du bei wenigen Betrieben."

Grün kennt die Familien seiner Leute, weiß von Partnern, Kindern, persönlichen Situationen. „Das hatte ich mit 24 auch nicht, dass ich mir darüber Gedanken gemacht habe, ob das Kind die Schulbücher bezahlt kriegt." Heute trägt er die Verantwortung für 32 Familien. Würde er sich darüber ständig den Kopf zerbrechen, sagt er, würde er sich selbst kaputt machen. Aber eines ist ihm wichtig: „Wir waren nie in der Situation, dass wir Löhne nicht zahlen konnten."

Mitarbeiter, die mit Menschen können

Ausgebildet wird bei Grün nicht. Die Berufsschule liegt im drei Autostunden entfernten Dortmund, Blockunterricht, und der Ausbildungsberuf umfasst auch den Industrieservice, den sein Betrieb gar nicht anbietet. „Wenn ich was mache, dann 100 Prozent. Und das kann ich da nicht gewährleisten." Stattdessen setzt er auf Quereinsteiger – viele davon aus der Gastronomie. „Das sind mit die Besten, die wir haben." Nicht wegen fachlicher Vorkenntnisse, sondern weil sie mit Menschen können. Grüns Mitarbeiter sind jeden Tag bei mehreren Kunden zu Hause, bauen persönliche Beziehungen auf. Da braucht es Sympathie und Menschenkenntnis – und die bringen ehemalige Gastro-Leute mit. Das Team ist bewusst gemischt: alt und jung zusammen.

Krisensicher in der Nische

Die Auftragslage ist hervorragend – auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. „Wir sind krisensicher", sagt Grün. „Wenn es nicht läuft, läuft es nicht – dann muss es gemacht werden." Der Neubau schwächelt, aber das war nie die tragende Säule. Seine Nische ist die Instandhaltung: „Der Hausbesitzer hält seinen Kram instand, bevor er neu baut. Und da sind wir." Das Spektrum reicht von Kanalreinigung über TV-Inspektion bis zu Tiefbau und Rohrsanierung. Und weil Grün nicht stillsitzen kann, gibt es seit letztem Jahr eine zweite Firma für Wasserschadens- und Brandschadenssanierung – mit sechs Mitarbeitern. Entstanden, als er sich den Fuß brach: „Da war mir langweilig, da habe ich noch eine Firma gegründet."

„Alle Arbeiten, die wir ausführen, würde ich auch ausführen"

Grün selbst ist kaum noch draußen. Manchmal fehlt ihm das. „Diese Freiheit ohne Telefon zu arbeiten – dafür würde ich heute alles geben." Stattdessen: ständige Erreichbarkeit, Verantwortung, Rückfragen. In 15 Jahren war er vielleicht dreimal im Urlaub. Seinen Ausgleich findet er auf dem Hochsitz – Grün ist Jäger. „Da entstehen die besten Ideen." Auch auf Social Media setzt der Betrieb mittlerweile – aber nicht zur Kundengewinnung. „Da geht es darum, das Team bei Laune zu halten." Mitarbeiter werden in Videos eingebunden, sichtbar gemacht. „Wenn die abends ihren Frauen oder Kindern zeigen können: Hier, guck mal da – dann hat das funktioniert."

Würde er heute nochmal so gründen? Grün überlegt kurz. „Nein. Weil das Schwierigste von allem das Personal ist. Leute zu finden, die den Weg mitgehen wollen – das war damals schon hart. Heute wäre es noch härter." Dass er es trotzdem geschafft hat, liegt an einer Haltung, die Mitarbeiterbindung erst möglich macht: „Ich würde nie etwas verlangen von einem Mitarbeiter, was ich selber nicht leisten könnte. Alle Arbeiten, die wir ausführen, würde ich auch ausführen." Deshalb bleiben sie. Deshalb kommen sie zurück.

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