Fahrbericht Mercedes-Benz eSprinter: Autobauer verheiratet Fahrgestell und Junge-Kofferaufbau aus einer Hand

Mercedes-Benz eSprinter plus Junge-­Koffer – das ergibt eine harmonische Zweierbeziehung aus einer Hand. Was bietet das Duo dem Handwerk?

Innige Verbindung: Mercedes-Benz eSprinter plus Kofferaufbau.
Innige Verbindung: Mercedes-Benz eSprinter plus Kofferaufbau von Junge. - © Randolf Unruh

Aufbauer nennen es Hochzeit: Wenn der Aufbau aufs Fahrgestell gesetzt wird, gehen beide eine innige Verbindung ein. Hier ist die Kombination noch enger, denn es gibt sie von Mercedes-Benz im Modell Van Solution aus einer Hand. In diesem Fall ist’s ein 3,5-Tonner mit Standard-Radstand, mittlerer Batterie von 81 kWh Kapazität und der kräftigeren E-Maschine mit 150 kW/204 PS Leistung. Obendrauf sitzt ein 3,6 Meter langer Koffer namens Lightstar und Ecobox.

Aluminiumprofile schützen die Batterie

Der Blick ins Untergeschoss zeigt mittig links wie rechts breite, schützende Aluminiumprofile vor dem ­Batteriekasten. Gut zu erkennen ist ebenfalls das Heckmodul des eSprinter mit Vierpunkt-Aufhängung aus Aluminium, E-Motor, starrer, aber veredelter De-Dion-Hinterachse sowie GfK-Blatt­feder. Ein technischer Leckerbissen.

Mercedes-Benz eSprinter pur: Hochwertig, viel Platz und klassische Instrumente

Also einsteigen – wer hat sich die verquere Position des Haltegriffs an der Tür ausgedacht? Der Eindruck drinnen: Sprinter pur. Viel Platz, auch für den arbeitslosen Kupplungsfuß. Hochwertige und vielfach verstellbare Sitze. Eine überkandidelte Lenkradtastatur, klassische und prima ablesbare Instrumente, elektronische Feststellbremse, praktischer DNR-Wählhebel am Lenkrad für die Fahrtrichtung. Eigenwillig ist die Doppeltaste für Start/Stopp und den Fahrmodus. Es folgt eine Kontaktaufnahme mit dem ­eSprinter über das Infotainmentsystem MBUX. „Hallo Mercedes.“ Antwort: „Was kann ich für Dich tun?“ Frage: „Wie geht es Dir?“ „Bei mir läuft’s.“ Dann mal los.

Gut geschützt: Seitliche Aluminiumprofile sichern die Batterie ab.
Gut geschützt: Seitliche Aluminiumprofile sichern die Batterie ab. - © Randolf Unruh
Viel Durchblick: GfK-Blattfeder, De-Dion-Achsführung, Aluminium-Aufhängung.
Viel Durchblick: GfK-Blattfeder, De-Dion-Achsführung, Aluminium-Aufhängung. - © Randolf Unruh

Fahreindruck: Satt und sicher

Der Testwagen fährt beladen vor, das ist ihm weder anzusehen noch beim Fahren anzumerken. Das Sprinter-Kreuz ist gerade durchgedrückt, das Fahrverhalten unter Ballast komfortabel.

Wenn auch nicht gar so flauschig wie beim Kastenwagen, denn die Vorderachse trägt bis zu 1,86 Tonnen, die Stabilisierung ist verstärkt, ebenso die Feder der Hinterachse. Trotz höheren Schwerpunkts liegt der eSprinter mit Koffer satt und sicher, neigt sich in Kurven nicht unangenehm.

Verlangt Gewöhnung: klassische Instrumente, aber komplexe Lenkradtasten.
Verlangt Gewöhnung: klassische Instrumente, aber komplexe Lenkradtasten. - © Randolf Unruh
Reichlich Informationen: Das mittige Display unterstützt mit Anzeigen und Wahlmöglichkeiten.
Reichlich Informationen: Das mittige Display unterstützt mit Anzeigen und Wahlmöglichkeiten. - © Randolf Unruh
Typisch Mercedes: Das Ladekabel ist bestens geordnet am Fahrersitz montiert.
Typisch Mercedes: Das Ladekabel ist bestens geordnet am Fahrersitz montiert. - © Randolf Unruh

Gewöhnung verlangt die etwas gefühllose Lenkung. Und in voller Fahrt geht dem Testwagen bei kleinen Lenkbewegungen etwas die Richtungsstabilität ab. Raus mit dem Ballast, jetzt fährt der Stromer stramm, aber nicht hart, teilt Löcher deutlich mit.

Prompt meldet sich die fürsorgliche MBUX-Begleiterin während einer Tour: „Achtung, Schlagloch“. Weibliche Intuition? Alles in ­allem entpuppt sich der Mercedes auch mit Koffer als angenehmer Geselle.

Mercedes-Benz eSprinter verfügt über Dynamikstufen "C", "E" und "MR"

Der bevorzugt beim Start die Dynamikstufe „C“. Das bedeutet volle Lendenkraft und einen deftigen, wenn auch nicht explosiven Schub. Der ­eSprinter fährt ohne Krawall stilvoll an, macht mit knapp zwölf Sekunden für den Standardsprint auf 100 Sachen und druckvoller Zwischenbeschleunigung seinem Namen alle Ehre. Darf’s weniger sein? Das heißt Stufe „E“, maximal 75 Prozent Kraft, genügt ebenfalls. Rückt Minimalverbrauch in den Mittelpunkt, heißt die Wahl „MR“, maximale Reichweite. Die Power sinkt auf höchstens 50 Prozent, der E-Transporter fährt nicht an, er legt ab. Genug für Flachetappen und Leerfahrten.

Voll geladen: Sieht nach wenig aus, sind aber rund 650 Kilo Ballast.
Voll geladen: Sieht nach wenig aus, sind aber rund 650 Kilo Ballast. - © Randolf Unruh

Rückfahrkamera des Mercedes-Benz eSprinter hilft nur begrenzt

Eingeschränkten Rücksicht: Ob Spiegel oder Kamera, das geht besser.
© Randolf Unruh

Zur Wahl stehen ebenfalls Rekupera­tionsstufen. Der eSprinter legt die mittlere Variante namens „D“ ein, das entspricht gefühlt der Bremswirkung in einem nicht zu hohen Gang. Und kann segensreich sein, denn eine Segeltour des leicht rollenden Transporters führt nach Tempobegrenzungen zu ungewollten Foto-Aktionen per Blitzer. Achtung verlangt ebenfalls der Blick zurück durch die arg eng anliegenden Außenspiegel. Auch die seitens Junge montierte Rückfahrkamera hilft nur begrenzt, es fehlen beim Rangieren die Hilfslinien.

Verbrauch: 32 kWh im Test

Im C-Modus und mit Standard-­Rekuperation absolvierte der Mercedes die anspruchsvolle, standardisierte Teststrecke beladen mit einem Schnitt von 32 kWh. Der vergleichbare Kastenwagen begnügte sich mit lediglich 25 kWh. Rund zehn Prozent beträgt der Zuschlag auf der Kurzstrecke. Er steigt im reinen Überlandeinsatz auf etwa 15 Prozent und bei gelassener Autobahnfahrt mit Tempo 100 auf gut 20 Prozent. Drüber geht die Schere auf: In beiden Fällen ist bei 120 km/h Schluss, aber in voller Fahrt schießt der Verbrauch des Koffers auf knapp 50 kWh empor. Ein Drittel mehr als beim Kasten. Klar, üppige Stirnfläche, zwischen den Achsen reichlich Angriffspunkte.

Dachspoiler von Junge: Lohnendes Invest

Dabei gibt sich Junge mit der Aero­dynamik Mühe, Stichwort Ecobox. Da wäre ein gekonnt angepasster Dachspoiler, 19 Kilo Mehrgewicht, die sich lohnen. Der Koffer selbst zeigt auf der Stirnseite abgerundete Profile. Den Abschluss bildet ein angedeuteter Heckspoiler. Koffer-Kenner schätzen die Qualitäten des quaderförmigen Aufbaus mit knapp 16 Kubikmetern ­Volumen. Eine Riesensache angesichts der Gesamtlänge von lediglich 6,25 Metern. Der knapp sechs Meter lange Kastenwagen fasst lediglich 10,5 Kubik­meter. Sinnvoll: LED-Lichtleisten links und rechts unter dem durchscheinenden GfK-Dach, seitliche Scheuerleisten, vorne einen Rammschutz, von Kopf bis Fuß Zurrleisten. Indes passt der Zugang mit zwei Flügeltüren hinten nicht zu jeder Transportaufgabe, und die sperrige, ausziehbare Leiter sowie die Türverriegelung links verlangen nach Kraft. Der Laderaum liegt leer einen Meter über der Fahrbahn, beladen 50 Millimeter weniger. Hilfsmittel: breite Trittstufen oder Ladebordwände.

Extras aber heißen Kilos. Wobei der Junge-Koffer zu den Fliegengewichten zählt. Lightstar mit zusätzlichem Leichtbaupaket bedeutet Hilfsrahmen und Außenrahmen aus Aluminium, 14 Millimeter dünne Wände mit einer Wabenkonstruktion aus Polypropylen (PP) und ein PP-Boden mit rutsch­hemmendem Belag. Das Ergebnis: ein superleichter Raumriese mit lediglich rund 400 Kilo Gewicht. Das komplette Kampfgewicht liegt sogar minimal unterhalb des eSprinter als Kasten­wagen. Macht beim Testwagen gewogene 2,74 Tonnen, für Fahrer und Fracht bleiben lediglich 760 Kilo Luft.

Mercedes-Benz eSprinter gibt es auch mit kleinerer und leichterer Batterie

Das aber genügt ja für eine ganze Reihe Einsätze. Auch gibt es die Option einer kleineren und leichteren Batterie bei Kurzstreckenbetrieb, dazu die Möglichkeit einer gewichtigen Ausführung mit den bekannten Einschränkungen.

Eine kurze Konferenz mit MBUX schließt den Test ab. „Hallo Mercedes.“ „Was kann ich für Dich tun?“ „Magst Du mich als Fahrer?“ „Ich finde Dich super.“ Nun aber Stopp, sonst folgt gleich ein Heiratsantrag.

Mercedes-Benz eSprinter/Junge-Koffer
  • Abmessungen (L/B/H): 6.250/2.150/3.200 mm
  • Radstand: 3.665 mm
  • Wendekreis: 13.400 mm
  • Laderaum (L/B/H): 3.570/2.110/2.100 mm
  • Breite zw. den Radkästen:
  • Ladekapazität: 15,8 m³
  • Leergewicht Testwagen: 2.740 kg
  • Nutzlast: 760 kg
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 3.500 kg
  • Anhängelast bei 12 % Steigung: 1.500 kg
  • Zul. Zuggesamtgewicht: 5.000 kg
  • Batterie: Lithium-Eisenphosphat, netto 81 kWh
  • Aufladung: Wallbox 11 kW, Schnellladung maximal 115 kW
  • Motor: E-Motor hinten eingebaut
  • Leistung: 150 kW/204 PS
  • Drehmoment: 400 Nm
  • Getriebe: Einganggetriebe, feste Übersetzung
  • Höchstgeschwindigkeit: begrenzt auf 120 km/h
  • Verbrauch: k.  A.
  • CO2-Emission: 0 g/km
  • Teststrecke beladen: 32 kWh/100 km
  • Testverbrauch min./max.: 21–47 kWh/100 km
  • Grundpreis: 55.854 Euro netto

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