Nik Huber Guitars Marke aufbauen: Wie ein Gitarrenbauer Rockstars zu Kunden macht

Seit 30 Jahren gehen Gitarren aus Rodgau auf die größten Bühnen der Welt, Kunden warten bis zu einem Jahr auf ihr Instrument. In dieser Zeit konnte Nik Huber mit seinen Nik Huber Guitars eine Marke aufbauen, der Händler und Sammler weltweit vertrauen. Wachsen will der Betrieb trotzdem nicht in Stückzahlen, sondern in Doppelbesetzungen, Rücklagen und Strukturen.

Bevor eine Gitarre die Werkstatt verlässt, landet sie bei Nik Huber. Die Endkontrolle übernimmt der Chef selbst, denn er hat die Marke aufgebaut.
Eine Marke aufbauen? Nik Huber weiß wie! Bevor eine Gitarre seine Werkstatt verlässt, landet sie bei ihm. Die Endkontrolle übernimmt der Chef selbst. - © Bert Bostelmann

Sein Name steht auf jeder Gitarre, die seine Werkstatt in Rodgau verlässt. Auch auf denen von Metallica, den Scorpions oder den Foo Fighters. Nik Huber. Und ausgerechnet er arbeitet daran, dass sein Betrieb ohne ihn auskommt. Der Weg dorthin begann mit einem Verzicht und führte über eine Rolle, die Huber erst lernen musste.

Wie seine eigene Marke aufbauen? Vom Rockstar-Traum zur eigenen Werkstatt

Eigentlich wollte Huber Musiker werden. Das Handwerk lag trotzdem nahe: Urgroßvater, Großvater und Vater hatten Schreiner gelernt, und auch er machte nach dem Abitur eine Schreinerlehre. Dann brachte sein Vater von einem Gitarrenbaukurs eine selbst gebaute E-Gitarre mit nach Hause. Der Sohn war so begeistert, dass er 1993 denselben Kurs belegte. Danach war für ihn klar: „Das ist es. Das will ich machen."

1996 gründete er Nik Huber Guitars, in einem 50 Quadratmeter großen Laden mit Reparaturwerkstatt. Unter der Woche reparierte er Instrumente und baute im Keller seiner Eltern die ersten eigenen Gitarren. Am Wochenende stand er mit Party-Coverbands auf der Bühne. „Montags habe ich die Gage an meine Mitarbeiter verteilt, weil der Laden noch nicht genug abgeworfen hat."

Marke aufbauen heißt zuerst verzichten

Mit Reparaturen machte sich der junge Betrieb schnell einen Namen, sie brachten jeden Tag Geld. Trotzdem zog Huber irgendwann einen harten Schnitt: keine Reparaturen mehr, nur noch eigene Gitarren. „Im Nachhinein war das nicht unmutig", sagt er heute. Auch beim Produkt legte er sich fest, nur E-Gitarren, keine Akustikinstrumente. „Lieber weniger Menschen gefallen, dafür eine klare Zielgruppe haben."

Mit dem eigenen Produkt begann eine andere Arbeit. „Jetzt musst du klappern und hausieren gehen." Huber zog früh auf internationale Messen, 1997 nach Frankfurt, 2001 erstmals zur NAMM Show nach Los Angeles. Dort war er der Neue aus Deutschland, den niemand kannte. Es dauerte einige Jahre, bis die Händler Bedarf anmeldeten. Seitdem reichen die Bestellungen rund ein Jahr voraus.

Warum Kunden bis zu einem Jahr warten

Heute arbeiten 20 Menschen für Nik Huber Guitars. Rund 350 Instrumente entstehen im Jahr, fast alle gehen über Händler nach Asien, Australien, Amerika und quer durch Europa. Aufwendige Modelle kosten bis zu 14.000 Euro, eine Huber ist etwa doppelt so teuer wie eine Gitarre der großen Hersteller. Auf ihr Instrument warten Käufer acht bis zwölf Monate.

Der Grund ist der Anspruch. Das Holz sucht Huber selbst aus, manchmal kauft er gleich einen ganzen Mahagonistamm. Einlagen aus Perlmutt, Silber oder Gold sind „fast schon Juwelierarbeit", und am Ende geht jede Gitarre zur Endkontrolle über seinen Tisch. Mehr zu bauen, ist nicht das Ziel. Jedes Instrument soll besser werden. „Wir nehmen uns alle Zeit, um das Produkt so gut wie möglich zu machen. Hier gibt es keine Abkürzungen."

Dass die Rechnung aufgeht, zeigt der Gebrauchtmarkt. Sammler kaufen Huber-Gitarren als Wertanlage, ein Modell aus einer limitierten Serie entdeckte er kürzlich im Netz zum doppelten Preis. „Wir haben über 30 Jahre eine Marke geschaffen, und da ist sehr viel Emotion dabei." Seine Regel dafür ist einfach: „Geld geht immer dahin, wo Mehrwert geboten wird."

Warum auch Rockstars für ihre Gitarre bezahlen

Bei so prominenten Kunden liegt der Verdacht nahe, dahinter stecke ein großes Sponsoringbudget. Gibt es nicht. „Wir sind nicht wie Adidas, die Fußballern die Schuhe sponsern." Auch Stars kaufen ihre Gitarre, allerdings zu einem eigenen Artist-Preis. Im Gegenzug bekommt der Betrieb ein Foto von der Bühne, ein Statement für die Website oder einen Beitrag in den sozialen Medien.

Die Kontakte entstehen auf Messen, Festivals und über Bekannte. Den Bassisten der Rolling Stones sprach Huber auf einem Händler-Event in Hamburg einfach an, auf der letzten Tour spielte er einen Bass aus Rodgau. „Dass die Rockstars hier Schlange stehen, ist nicht so. Man muss sich schon kümmern." Belohnt wird das mit Momenten wie diesem: Mit 15 übte Huber die Songs der Scorpions, im vergangenen Jahr bestellte Sänger Klaus Meine eine Gitarre. Während sie entstand, hörte Huber wochenlang Scorpions. Als er davon erzählt, korrigiert er sich mitten im Satz: „Ich habe gesagt, ich habe die Gitarre gebaut. Das ist falsch. Mein Team und ich haben sie gebaut. Das ist eine Wir-Firma, keine Ich-Firma." Inzwischen stand er zweimal neben der Bühne und sah die Gitarre in den Händen des Sängers. „Das sind schon sehr belohnende Momente."

Vom Gitarrenbauer zum Unternehmer

Mit dem Betrieb wuchs eine Aufgabe, auf die Huber niemand vorbereitet hatte. „Arbeitgeber zu werden, hat sich ein bisschen wie ein Berufswechsel angefühlt." Kalkulation, Finanzen und Führung kamen in seiner Lehre nicht vor, und der Freigeist schob das Thema lange vor sich her. „Ich habe zu spät angefangen, mich beraten zu lassen." Erst mit fast 40 setzte er sich ernsthaft mit Zahlen auseinander, seit zehn Jahren besucht er Coachings und Seminare.

Gelernt hat er dabei vor allem, abzugeben. Inzwischen gibt es eine Assistenz, ein Büro und einen Verkauf. „Man kann seine Schwächen wegdelegieren und sich auf die Stärken konzentrieren." Für Huber heißt das: zurück an die Werkbank, wo er mit den CNC-Spezialisten im Team neue Modelle entwickelt. Was er am liebsten macht, ist eben auch das, was er am besten kann.

Marke aufbauen und Wachstum heißt Stabilität, nicht Stückzahl

An Aufträgen mangelt es nicht, an Bewerbungen auch nicht. Gitarrenmagazine bis in die USA bringen Huber-Gitarren aufs Cover, ohne dass er dafür bezahlt. Würde er auf Social Media einen Azubi suchen, kämen die Bewerbungen von selbst, ist er sicher. Die Herausforderung sieht Huber im eigenen Haus: Prozesse, Organisation, Führung. „Wenn nicht jeder Bereich eine Vertretung hat, wackelt das ganze System ganz schnell."

Stehen bleiben will Huber deshalb nicht. Nur misst er Wachstum nicht in Stückzahlen: „Intern besser werden, ein besserer Arbeitgeber sein, besser bezahlen, ein schöneres Umfeld schaffen. Das ist alles Wachstum." Jede Schlüsselposition soll doppelt besetzt sein, Rücklagen sollen die Firma auch durch eine längere Krise tragen.

Übergabefertig, aber noch lange nicht weg

Ans Aufhören denkt Huber nicht. Der Betrieb soll trotzdem ohne ihn funktionieren. „Ein Unternehmen ist dann das beste, wenn es übergabefertig ist." Viele seiner Leute sind Ende 20 oder Anfang 30, sie sollen auch dann noch arbeiten können, wenn er nicht mehr kann. Wenig hält er von Inhabern, die sich unverzichtbar machen und lieber alles selbst erledigen. Wer ein Team führt, müsse erklären, was er erwartet, und Fehler aushalten. „Die sollte man sogar als Lernkurve feiern." Er selbst spielt noch in zwei Bands aber wenn am Wochenende nichts ansteht, fährt er am liebsten in die Werkstatt. Der junge Mann, der Rockstar werden wollte, ist Gitarrenbauer geworden und der Gitarrenbauer Unternehmer. Was früher Traum war und dann Beruf, macht er heute in seiner Freizeit. „Gitarrenbauen ist jetzt mein liebstes Hobby."

Zugehörige Themenseiten:
Betrieb des Monats, Direktmarketing, Kundenbindung und Social Media