Studie des Instituts für Arbeitsschutz Manipulation an Maschinen: Jeder zweite Chef duldet das Abmontieren von Schutzeinrichtungen

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Laut Umfrage des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) weiß rund die Hälfte der Führungskräfte in Unternehmen, dass die Mitarbeiter eigenmächtig Schutzfunktionen von Maschinen abmontieren oder austricksen. Ein fataler Trend, der nach Schätzung der IFA-Experten jährlich 10.000 tödliche Arbeitsunfälle nach sich zieht. Wann eine Manipulation vorliegt und warum Chefs nicht länger wegschauen dürfen.  

Maschinenmanipulation
Mehr als ein Viertel aller Maschinen werden manipuliert, teils sogar dauerhaft und mit Wissen der Vorgesetzten. – © olehslepchenko – stock.adobe.com

Am Pfingstsonntag 2021 verloren beim Seilbahnunglück am Lago Maggiore 14 Menschen ihr Leben, weil die Verantwortlichen der Seilbahn die Notbremse der Kabine bewusst außer Kraft gesetzt hatten. Eine tragische Schlamperei, die es so in Deutschland nicht geben könnte? Von wegen. Wie die zwischen Ende 2019 und Sommer 2022 durchgeführte Befragung des bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) angesiedelten Instituts für Arbeitsschutz (IFA) bei mehr als 800 betrieblichen Arbeitsschutzexperten zeigt, weiß die Hälfte der deutschen Chefs von Manipulationen an Maschinen in ihrem Unternehmen – und toleriert dieses Verhalten

Fakt: Mehr als ein Viertel der Maschinen werden manipuliert

„Die Antworten aus der Praxis zeigen, dass mehr als ein Viertel aller Maschinen manipuliert werden, teils sogar dauerhaft“, sagt Stefan Otto, Experte für Maschinensicherheit im IFA. Was noch viel erschreckender ist: „Die Hälfte der Befragten gab an, dass die Vorgesetzten von Manipulationen an den Maschinen wissen. Wenn Führungskräfte sich so verhalten, nehmen sie damit in Kauf, dass ihre Beschäftigten Leib und Leben riskieren.“

Begriffsklärung: Ab wann genau beginnt eine Manipulation

Der oft gehörte Begriff Maschinenmanipulation ist missverständlich. Denn es geht meist nicht um Manipulationen, sprich Veränderungen, an der Funktionsweise der Maschine wie eine höhere Drehzahl oder ein neues Werkzeug, sondern um das Verändern einer Schutzeinrichtung. Laut IFA-Institut ist mit Manipulation „das Außerkraftsetzen und Unwirksammachen von Schutzeinrichtungen an Maschinen“ gemeint.

Beispiele: Hier wird in der Praxis kräftig getrickst

Dieses Manipulieren ist kein technisch einheitlicher Vorgang, sondern kann – je nach Maschinentyp und Sicherheitsfunktion – auf unterschiedliche Weise erfolgen:

  • Verkleidungen, Einhausungen oder Schutzzäune werden abmontiert.
  • Schutztürschalter werden überbrückt und etwa durch Ersatzbetätiger umgangen, so dass eine Maschine auch bei geöffneter Tür weiterläuft.
  • Lichtschranken oder Lichtgitter werden abgeklebt oder überbrückt.
  • Zweihandschaltungen oder Zustimmtaster werden ausgetrickst.

Das Ziel einer solchen Manipulation ist meist, dass die Maschine auch ohne die Schutzeinrichtungen weiterläuft. Ob Bequemlichkeit, bessere Sicht, besserer Zugang oder ein schnelleres Beheben von Störungen, solche und ähnliche Vorwände werden meist schnell gefunden. In etwa jedem dritten Betrieb werden laut der aktuellen Umfrage solche Manipulationen durch die Vorgesetzten geduldet.

Die Unfallhäufigkeit steigt, wenn Vorgesetzte wegschauen

In etwa der Hälfte der befragten Unternehmen gab es bereits Unfälle, die auf ein Manipulieren einer Schutzeinrichtung zurückgeführt werden konnten. Diese Unfallhäufigkeit war in Betrieben, in denen Vorgesetzte die Manipulationen dulden, deutlich höher. Wer es genauer wissen will, kann die Auswertung der Umfrage online nachlesen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jeder vierte Unfall an einer Maschine durch Manipulieren von Schutzeinrichtungen verursacht wird.

Unmissverständlich klar sein sollte daher: Jedwedes eigenmächtige Verändern und Herumbasteln an einer herstellerseitig vorgesehenen Schutzeinrichtung, ob Überbrücken, Umgehen, Abmontieren, Außerkraftsetzen, Austricksen oder was auch immer, einer Maschine ist unzulässig und strengstens verboten.

Chart Maschinenmanipulation
© Institut für Arbeitsschutz (IFA)

Vorbeugen: Schutzeinrichtungen sollten keine Manipulationsanreize bieten

Die Schutzeinrichtungen an einer Maschine oder Anlagen sind vom Hersteller vorgesehen. Ohne diese und weitere Sicherheitsfunktionen dürfte die Maschine in aller Regel gar nicht in Verkehr gebracht und betrieben werden:

  • Schutzeinrichtungen sollten möglichst schwer zu manipulieren sein. Dies ist bereits Aufgabe des Konstrukteurs der Maschine, der etwa an heiklen Stellen Nieten statt Schrauben vorsieht.
  • Schutzeinrichtungen sollten das Bedienen oder Beschicken der Maschine und damit verbundene Arbeitsvorgänge so wenig wie möglich einschränken. Wo eine Schutzeinrichtung die Arbeit deutlich erschwert, sollte der Hersteller kontaktiert werden.
  • Schutzeinrichtungen sollten auf dem Stand der Technik gehalten werden. Das heißt, es kann bei älteren Maschinen, die schon Jahre oder Jahrzehnte in Betrieb ist, notwendig werden, neuere Sicherheitstechniken nachzurüsten.

Prüfliste: Diese Anzeichen deuten auf Maschinenmanipulation hin

Wenn Chefs und Führungskräfte mit offenen Augen durch den Betrieb gehen, können sie durchaus Hinweise entdecken, die darauf hindeuten, dass jemand eine Schutzfunktion deaktivieren wollte. Wer seinen Maschinenpark kennt und aufmerksam durch den Betrieb geht, sollte aufmerken, wenn

  • in der Nähe von Maschinen Materialien oder gar Kleinwerkzeuge herumliegen, für die es dort keinen Grund gibt wie etwa Drähte, Metallstifte, Kabelbinder, Alufolien, Paketband, Münzen oder auch Zangen, Taschenmesser oder Flaschenöffner.
  • sich Beschädigungen wie Kratzer, Lackschäden, verbogene Bleche an Stellen zeigen, an denen sie nicht erklärbar sind.
  • Sicherheits- und Schutzeinrichtungen überraschend schnell verschleißen oder häufig repariert werden müssen.
  • die jeweiligen Spezialschlüssel oder Ersatzbetätiger in der Belegschaft kursieren, statt sich am festgelegten Platz zu befinden.

Wichtig: Auch Software lässt sich manipulieren

Um Schutzfunktionen wie etwa Warntöne auszuschalten wird oft über die Software versucht, Änderungen an der Maschinensteuerung vorzunehmen. Auch hier sollten Vorgesetzte einschreiten und keinesfalls tolerieren, dass der Alarm einfach deaktiviert wird. Besser ist es, in Absprache mit dem Maschinenhersteller oder auch durch den Hersteller selbst die Position oder die Empfindlichkeit der Sensoren anzupassen, damit etwa der nervige Warnton nur wirklich noch im Gefahrenfall zu hören ist!