Die Abschaffung von Minijobs wird gern in Diskussionen als Garant künftiger sicherer Alterseinkünfte hochstilisiert. Dies scheint eher dem politischen Wunsch als der Realität geschuldet zu sein. Unsere Kolumnistin Ruth Baumann betont: Die aktuell ächzende Rentenkasse wird durch die (Zwangs-)Beglückung der Arbeitnehmer mit Vollarbeitszeit die Finanzlage nicht nachhaltig und generell sanieren. Mehr zu ihren Gedanken zu diesem Thema lesen Sie in dieser Folge von „Neues von der Baustelle“.

Aktuell wird in vielen Firmen Personal abgebaut bzw. freigesetzt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht unbedingt nachvollziehbar, weshalb nun die Diskussion um die Abschaffung der Minijobs wieder ordentlich an Fahrt aufnimmt. War dieses Thema in den letzten Jahren nur noch „niederschwellig“ präsent – mit dem einen oder anderen Versuchsballon an unterschiedlicher Stelle – scheint jetzt die Musik neu aufzuspielen.
Es gibt viele Facetten in der Abwägung ob pro oder contra, aber einige finde ich, um es vorsichtig auszudrücken, eher „gewöhnungsbedürftig“. Man will die Frauen, die oftmals in Mini-Jobs arbeiten, mit einer Vollzeitstelle „zwangsbeglücken“, damit sie vor Altersarmut geschützt sind. Gibt man hier nicht Versprechen, die eigentlich überhaupt nicht haltbar sind? Schon heute könnte man die Rentenbeiträge der Arbeitgeber, teilweise auch aufgestockt durch die Arbeitnehmer, als Absicherung verwenden. Bei einer Staatsquote von 52 Prozent mit jährlich zusätzlichen Abgaben oder Steuern (Energie, Tabak, Plastik, Zucker … weitere werden folgen) sollte der Lebensabend gesichert sein. Ergänzt durch Wohnungseigentum, das erarbeitet wurde und nicht durch ständig ändernde Vorgaben im Wert geschliffen wird.
Die Abschaffung von Minijobs nimmt vielen Familien eine zusätzliche, verlässliche Einkommensquelle
Nach Jahren der Work-Life-Ballance mit woken Arbeitszeiten jetzt also wieder die Rolle rückwärts, die alles retten soll. Der Minijob war und ist für viele Familien eine zusätzliche und verlässliche Einkommensquelle. Geld mit dem man jeden Monat fest rechnet. Ein Zubrot für Urlaub, Anschaffungen oder Konsum. Und für Arbeitgeber die Möglichkeit auf Stoß- und Saisonzeiten flexibel, nicht kostengünstig (bei Zusatzkosten über 30 Prozent) zu reagieren.
Es gibt in meinem Umfeld auch zahlreiche Betriebe, denen eine Vollzeittätigkeit ihrer Mitarbeiter helfen würde, aber: Man kann diese nicht zwingen. Müssen Mütter/Väter künftig den Staat fragen, ob und wie lang sie zu Hause bleiben dürfen? Was ist mit der Pflege von Angehörigen? Ist der Mensch ein zu betreuendes Wesen oder hat er Gestaltungshoheit über sein Leben? Wer länger arbeitet und für sein Alter Vorsorge trifft, macht dies in der Hoffnung, dass er auch die Früchte dafür ernten kann. Wenn aber in der Erwerbsphase Inflation, Teuerungen, Abgaben (Stichwort: Familienversicherung) usw. endlos wachsen, muss man dann die Freiheit der Lebensplanung zugunsten der staatlichen Defizite opfern? Erfährt die Familie, egal wie sie sich zusammensetzt, eine Abwertung?
Wird nach der Abschaffung von Minijobs aus jedem Mini-Job eine Vollzeitstelle?
Glaubt man allen Ernstes, dass aus jedem Mini-Job eine Vollzeitstelle werden könne? Bei einer Privilegierung von Studenten und Schülern gegenüber der Mutter, die noch „jobbt“? Es ist nicht nur der Einzelhandel, die Gastronomie, die Landwirtschaft oder die Gebäudereiniger, die oft noch einen „Minijob“ ausüben. Die Arbeitgeber sind auch Kliniken, Mandatsträger, Kindergärten, Schulmensen, Ehrenämtler, die öffentliche Hand, die diese Tätigkeiten so anbieten bzw. nachfragen. Sollen dort dann wieder „besondere“ Spielregeln gelten?
Wenn die wirtschaftliche Leistung einer Gesellschaft schwächelt, kann man nicht von „oben“ Vollzeit verordnen, wo keine ist. Nicht jeder will sich vorschreiben lassen, dass er Home-Care einkaufen muss und nicht selbst ausüben darf. Manche, so auch schon Rückmeldungen von Mitarbeitern gegenüber ihren Arbeitgebern, entziehen sich dann lieber komplett dem Arbeitsmarkt.
Endstation: Schmuddelecke?
Mitunter sind es gerade einzelne Stunden, die eine angemeldete Haushaltshilfe bei betagten Personen leistet, die diese dann vor einem Heimplatz bewahren. Will man diese angemeldeten und beitragspflichtigen Arbeitsverhältnisse in die „Schmuddelecke“ drücken? Die Altersarmut droht doch auch, wenn das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsbeziehern zu stark auseinanderdriftet. Die bisherige Praxis des Minijobs ist hier sicherlich nicht die Ursache. Viele wollen nicht durch den Staat gerettet, sondern vor dem ausufernden Staat geschützt werden.
Nur zur Erinnerung: Bei einer niedrigeren Staatsquote war es möglich, dass ein Alleinverdiener eine Familie mit Kindern ernähren und zugleich „Betongold“ (Wohnungseigentum) als Altersabsicherung erschaffen konnte. Wäre dies für die aktuellen Probleme ggf. ein Lösungsansatz? Denken Sie mal darüber nach.
Über Autorin Ruth Baumann:
Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.
Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben.
