Datenhoheit und -infrastruktur Interview mit Holger Schwannecke: „Betriebe brauchen Zugriff auf handwerksrelevante Daten“

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Um dem Kunden Mehrwert zu bieten, setzen Handwerksbetriebe auf digitale Anlagen und Tools. Holger Schwannecke, Generalsekretär beim Zentralverband Deutsches Handwerk (ZDH), erklärt, warum es sowohl für die Sicherheit als auch für die Effizienz im Kundenservice wichtig ist, dass die Betriebe jederzeit Zugriff auf die erhobenen Daten behalten.

Holger Schwannecke
Holger Schwannecke, Generalsekretär des ­Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. – © ZDH/Stegner
Für das Handwerk fordern Sie den Zugang zu Daten über offene Schnittstellen, um aus einer Palette an industriell hergestellten und standardisierten Produkten für Kunden ein passgenaues Dienstleistungsangebot erstellen zu können. Was schwebt Ihnen dabei zum Beispiel vor?

Holger Schwannecke: Handwerkerinnen und Handwerker setzen in vielen Bereichen Dienstleistungen für Kunden um, die dazu beitragen, das persönliche Umfeld „smarter“ zu gestalten, im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes weniger Energie zu verbrauchen oder ihnen allgemein einen ganzheitlicheren Service zu bieten. Dabei kommen immer stärker Systeme, Geräte und Anlagen zum Einsatz, die über Sensorik Daten in Echtzeit generieren. Diese Daten können unseren Betrieben dabei helfen, ihren Service für ihre Kunden zu verbessern: Über die Daten erhalten sie etwa Hinweise zu akutem oder anstehendem Wartungsbedarf einer Anlage oder eines Fahrzeugs und können dann umgehend und vorbeugend im Sinne ihrer Kunden aktiv werden. Dieser Service wird aber nur dann möglich, wenn Handwerksbetriebe auch den Zugang zu diesen Daten erhalten und diese grundsätzlich auswerten können. So werden vorausschauende oder Fern-Wartungen nicht nur im Kfz-Bereich und bei Bau- und Landmaschinen möglich. Auch in haustechnischen Anlagen stellen beide Formen der Wartung einen immer wichtigeren Service für Kunden dar, etwa wenn es darum geht, die Stromversorgung in Wohnhäusern oder Betriebsstätten effizienter auszurichten oder bei komplexen Anwendungen im Bereich Smart-Home. Gleiches gilt für den Produktionsbereich, also für Produktionsanlagen oder die produktionstechnische Infrastruktur für Kühlung, Heizung, Druckluft oder auch Strom. Ohne den Zugriff auf entsprechend erhobene Daten werden Handwerksbetriebe von zusätzlichen Dienstleistungsangeboten an ihre Kunden in diesen Bereichen ausgeschlossen.

Woran hapert es noch – und welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?

Die Politik hat die Problematik erkannt. Mit der jüngsten Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen im vergangenen Jahr hat der Gesetzgeber im deutschen Recht sichergestellt, dass Handwerksbetriebe für diese handwerksrelevanten Daten ein grundsätzliches Zugangsrecht erhalten. Auf europäischer Ebene sind wir da leider noch nicht ganz so weit. Denn in Brüssel konzentriert man sich bei der notwendigen Anpassung des Wettbewerbsrechts bislang ausschließlich auf nicht-personenbezogene Daten. Das bringt Handwerkerinnen und Handwerker nicht weiter, denn es liegt in der Natur ihrer Dienstleistung, dass sie darauf angewiesen sind, ihre Kunden und damit Datenerzeuger persönlich zu kennen. Wenn Nutzungsdaten bei ihren Kunden erhoben werden, sind diese immer personenbezogen. Für uns im Handwerk ist es zudem eine Selbstverständlichkeit, dass personenbezogenen Daten strikt nach den Regeln der Datenschutzgrundverordnung genutzt werden. Smarte Geräte sollten zudem nur dann im EU-Binnenmarkt zugelassen werden dürfen, wenn sie über grundsätzlich offene Datenschnittstellen verfügen. Dafür müssen die rechtlichen Voraussetzungen erst noch geschaffen werden. Dass so etwas grundsätzlich geht, zeigt der EU-Finanzmarkt: Nur weil dort solche Datenschnittstellen bereits vorgegeben werden, konnten sich auf deren Grundlage die unterschiedlichsten Dienstleistungsangebote der sogenannten Fin-Techs entwickeln. Wenn es darum geht, in der EU und in Deutschland Datenformate und Schnittstellen anderer Bereiche zu standardisieren und zu normieren, bleibt aus Sicht des Handwerks gleichwohl essenziell, dass die Belange und Möglichkeiten des mittelständischen Handwerks in diese Prozesse originär und von Anfang an mit einbezogen werden.

Was können Handwerksbetriebe selbst tun, um diese Ziele voranzutreiben?

Reine Daten sind noch keine Erkenntnis. Um wirklich nutzenbringende Informationen zu erhalten, muss erst einmal herausgefiltert werden, was überhaupt relevant ist. Das wird bei den Unmengen von Daten, die auch mit Blick auf die Zukunft immer umfassender erhoben werden und nutzbar sind, ab einem bestimmten Punkt ohne „künstliche Intelligenz“ (KI) nicht mehr gehen. KI braucht wiederum riesige Datenmengen, um maschinell „lernen“ und etwa Muster erkennen zu können. Über diese Datenmengen wird kein mittelständisches Handwerksunternehmen für sich allein verfügen. Es wird zudem kaum ein Handwerksunternehmen in der Lagesein, selbst KI-Lösungen zu entwickeln, die auf seine spezifischen Erfordernisse hin punktgenau ausgerichtet sind. Hier ist und bleibt das Handwerk auf externe Kompetenzen angewiesen. Zielführend können daher nur Modellesein, in denen Daten gewerkespezifisch gesammelt und ausgewertet werden, etwa durch einen kooperativen oder auch verbandsgestützten Ansatz. Passfähigere KI-Lösungen könnten dann für einen ganzen Bereich hinzugekauft werden. Diese handwerksspezifischen Dimensionen von KI werden auch ein zentraler Baustein der Arbeit unseres Kompetenzzentrums Digitales Handwerk (KDH) sein, um die Handwerkswirtschaft künftig mit passgenauen Angeboten unterstützen zu können.