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Nachhaltigkeit Innovative Bauweise: Grüne Architektur erobert das "Blätterwerk" der Großstädte

Es grünt so grün – nicht nur im Wald. In den Städten entstehen auch immer mehr Biotope auf Dächern und Fassaden. Die Bauweise mit Pflanzen soll die steigenden Temperaturen drosseln und ein gesundes Leben fördern.

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Die einen lassen ihre üppige grüne Pracht gen Boden fallen, andere strecken sich stolz nach oben zum Himmel, entlang der steinernen Fassade, und verhüllen das Wohnhochhaus dahinter. Durch die vielen Pflanzen ist das graue Mauerwerk des Bosco Verticale in Mailand nicht nur hübsch dekoriert: Es wird auch –­ und darauf kommt es an – geschützt und gekühlt. Besonders im Sommer fühlt sich das für die Bewohner der beiden Türme angenehm an. Grüne Architektur ist ein Trend, der künftig noch zunehmen wird. Der Ansicht ist Gunter Mann, Präsident beim Bundesverband GebäudeGrün (BuGG) in Berlin: „Weil die Städte immer dichter besiedelt werden, steigen dort die Temperaturen an.“ Ein Problem, das die Natur lösen soll – und kann.

Pflanzen senken die Temperatur, spenden Schatten und geben bei der Fotosynthese außerdem Feuchtigkeit ab. Eine bewachsene Fassade kann daher bis zu zehn Grad kühler sein als eine nicht bewachsene, reinigt die Luft, dämmt den Verkehrslärm. Von Shanghai und Singapur bis nach Mailand, Rotterdam und Paris beziehen Architekten und Bauherren daher schon vor Baubeginn die Bepflanzung von Dächern und Fassaden ein.

Kö-Bogen II in Düsseldorf: Hainbuchen kühlen und reinigen

Kö-Bogen II in Düsseldorf

Auch in Deutschland, wo die Siedlungs- und Verkehrsfläche 14 Prozent beträgt, entstehen derzeit immer mehr begrünte Vorzeigeobjekte. Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie sieht vor, bis 2050 überhaupt keine neuen Flächen mehr zu verbrauchen. Die steinernen Städte müssen sich daher mit der Natur verbinden.

Düsseldorf macht es vor: In der Stadt am Rhein sind etwa drei Prozent der gesamten Dachflächen begrünt. Dazu zählt seit diesem Jahr auch der Kö-Bogen II. Das fünfgeschossige Gebäude beherbergt Büros und Geschäfte – und gilt als bisher größte Grünfassade Europas.

An der Fassade und auf dem Schrägdach sind Hainbuchen angelegt. Deren Blattwerk kühlt über die Verdunstung die Umgebungstemperatur. Die Laubfläche wandelt fast die Hälfte der Sonnenenergie in Wasserdampf. Daneben bindet sie Feinstaub, nimmt Kohlenstoffdioxid auf und produziert Sauerstoff. Und ist nett anzusehen: Die Hainbuchenhecke ändert ihr Äußeres nach den Jahreszeiten. Befestigt sind die Hainbuchen auf Plattenwegen und Hochbeeteinfassungen, wo sie genügend Wurzelraum haben.

Neckarpark in Stuttgart: 30 Prozent Grüne Fassaden

Neckarpark in Stuttgart

In Stuttgart entsteht derzeit der Neckarpark, ein neues, 22 Hektar großes Wohn- und Gewerbequartier auf dem Areal des alten Güterbahnhofs. Ab kommendem Jahr sollen dort mehr als 2.000 Menschen leben und arbeiten, mit 850 Wohneinheiten, Gewerbeflächen, Parks und Plätzen, die in 22 Quartiere aufgeteilt sind.

Für den gesamten Neckarpark sind zahlreiche Maßnahmen zum Klimaschutz und Regenwasser-Management geplant: Die Dächer aller Gebäude werden begrünt, genauso wie gut 30 Prozent der Fassadenflächen. Die Volksbank Stuttgart hat mit Quartier 4 und 7 bereits die ersten nachhaltigen Neubauten für 400 Mitarbeiter errichtet. Deren Vertikalbegrünungen werden über Tropf­rohre zur Tröpfchenbewässerung versorgt.

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Prinz-Eugen-Park und Arabellastraße 26 in München

Arabellastrasse 26, München

Ehemals eine Kaserne, heute ein Quartier mit rund 1.800 Wohnungen inmitten von Grünflächen mit Biotopen: Im Prinz-Eugen-Park im Münchner Stadtteil Bogenhausen ist der alte Baumbestand des Areals integriert. Zusätzlich sind auch die Dachflächen intensiv begrünt. „Die Pflanzen schützen das Dach besser als beispielsweise Kies und halten es länger intakt“, erklärt Wolfgang Heidenreich, Landschaftsarchitekt beim Münchener Verein GreenCity, der sich für ein grünes München stark macht. Im Gegensatz zu anderen Städten, in denen auch Fassaden begrünt werden, stellt Heidenreich in der bayerischen Landeshauptstadt noch große Zurückhaltung fest. „Es herrscht noch häufig die Meinung vor, dass die Pflanzen der Fassade schaden, dabei ist das Gegenteil der Fall.“
Wichtig ist: Die grüne Bauart muss jeder von Anfang an mitdenken – vom Architekten bis hin zum Handwerksbetrieb. Denn die Bepflanzung bestimmt die Bauweise. Das zeigt demnächst das Projekt Arabellastraße 26. Im Jahr 2011 hat Aika Schluchtmann den ersten Entwurf für den 52 Meter hohen Turm mit 16 Stockwerken samt eines gemeinschaftlichen Dachgartens vorgelegt: Für 2022, elf Jahre später, fällt nun endlich der Startschuss. Die Fassade des abgestaffelten Baus soll dann von unten bis oben vollständig mit robusten Kletterpflanzen begrünt werden. Um sie zu stützen, sind Edelstahlnetze vorgesehen, die mit 1,50 Meter Abstand zur Fassade errichtet werden. „So können die Pflanzen von jedem Geschoss aus gepflegt werden“, sagt Schluchtmann.
Dass die Städte weltweit mehr Natur benötigen, hat für die Architektin auch der Ausbruch der Corona-Pandemie gezeigt. Die Begrünung in der Arabellastraße ist daher auch der Versuch, mehr Lebensqualität in die Stadt zu bringen – und Gesundheit.

Die Förderungen

Jede Stadt hat ihre eigenen Förderungsbedingungen. Dazu informiert der „BuGG-Marktreport Gebäudegrün 2020“ mit seiner Städteumfrage zu den direkten und indirekten Förderungen von Dach- und Fassadenbegrünungen.

Grüne Vorteile

Kleine Blätter, große Wirkung: Je nach Begrünungsform können Pflanzen einiges leisten.

  1. Regenwasserbewirtschaftung
    Gründächer sorgen für Regenwasserrückhalt, minimieren Niederschlagsabflussspitzen und entlasten damit die Kanalisation.
  2. Gebäudeerhaltung und Gebäudeschutz
    Längere Lebensdauer der Dachabdichtung durch Schutz vor Witterungseinflüssen, Temperaturdifferenzen oder UV-Strahlung. Extensivbegrünung kommt einer „harten Bedachung“ gleich und leistet Widerstand gegen Flugfeuer und strahlende Wärme.
  3. Energieeinsparung
    Wärmedämmung im Winter und Hitzeschild durch Verschattung und Kühlung im Sommer.
  4. Artenschutz und Erhalt der Biodiversität
    Minderung von Eingriffen in Natur und Landschaft und Schaffung von Ersatzlebensräumen, Erhaltung der Artenvielfalt und Erweiterung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere.
  5. Optimierung des Mikroklimas und der Luftqualität
    Durch Beschattung und Verdunstung des gespeicherten Wassers ergibt sich ein angenehmeres kühleres und luftbefeuchtetes Umgebungsklima. Zudem werden Staub und Luftschadstoffe gebunden und gefiltert.
  6. Lärm- und Schallschutz
    Luftschalldämmung und Minderung der Schallreflexion – außen und innen.
  7. Zeitgemäße Stadt- und Raumplanung
    Verbesserung des Arbeits- und Wohnumfelds, großflächig einsetzbares Gestaltungselement der Städte- und Landschaftsplanung. Innenraum­begrünung als Raumteiler und attraktiver Blickschutz. Wertsteigerung der Immobilie und des Wohngebiets.
  8. Zusätzliche Nutzflächen
    Weitere Nutzung des schon bezahlten Grundstücks auch auf dem Dach mit multifunktional nutzbaren Flächen, im Idealfall als zusätzlicher Freizeit- und Wohnraum.
  9. Gesundheit
    Begrünungen fördern das Wohlbefinden, die Entspannung und Kreativität.

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