Haltung schafft Struktur Gleichstellung: Wie die Tischleria Frauen im Handwerk hält

In der Tischlerei "Tischleria" in Berlin arbeiten ausschließlich Frauen und non-binäre Personen. Die Gründerinnen zeigen, wie ein anderer Umgang im Handwerk gelingt – wirtschaftlich, nachhaltig und menschlich. Der Betrieb steht für gelebte Gleichstellung im Arbeitsalltag und beweist, dass alternative Strukturen im Handwerk tragfähig sein können.

Das Team der Tischleria GmbH aus Berlin.
Das Team der Tischleria GmbH aus Berlin. - © Fabian Zapatka

„Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Frauen im Handwerk nicht nur ausgebildet werden, sondern auch bleiben.“ Mit diesem Anspruch gründeten die Tischlermeisterinnen Jule Kürschner und Christina Pech im Jahr 2016 die Tischleria GmbH – einen Betrieb, der ausschließlich Frauen und queere Menschen beschäftigt.

Der Grund: Viele Frauen steigen nach der Ausbildung wieder aus – nicht, weil es am Handwerk fehlt, sondern an der Atmosphäre in klassischen Betrieben. „Wir wollten das ändern“, sagt Kürschner. Ihr eigener Weg zeigt, wie es auch anders geht: Ausbildung bei der Berliner S-Bahn, danach Stationen in einer Kontrabasswerkstatt und auf Baustellen. Mit wachsender Erfahrung wuchs auch der Wunsch, selbst auszubilden – und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das langfristig trägt.

Ein Ort, an dem Frauen bleiben

Heute arbeiten in der Tischleria acht Frauen: zwei Meisterinnen, vier Gesellinnen und zwei Auszubildende. Die Ausbildung ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern fester Bestandteil des Geschäftsmodells. Viele der Ausgelernten bleiben – oder machen sich selbstständig. Entscheidend sei, so Kürschner, dass sie dem Handwerk erhalten bleiben: „Wir wollen jungen Frauen zeigen, dass es Orte gibt, an denen sie geschätzt werden – fachlich und persönlich.“

Die Tischleria setzt bewusst auf klare Strukturen. Das Team ist überschaubar – sieben bis acht Personen ist die Wunschgröße. „So bleibt die Kommunikation direkt, und wir wissen, was im Betrieb passiert.“ Neben einer familiären Betriebsgröße versuchen die Gründerinnen auch, Mitarbeiterinnen entgegenzukommen – zum Beispiel mit dem Angebot einer Vier-Tage-Woche für Gesellinnen. Gefertigt wird vieles auf Maß: Küchen, Einbaumöbel, Fenster und Türen. Besonders im Fokus: langlebige, ökologisch gedachte Möbel, die auch reparierbar bleiben.

Die Tischleria GmbH auf einen Blick

Gründung2016 (als GmbH), zuvor Einzelunternehmen seit 2005
StandortBerlin, genossenschaftlich organisierter Handwerkshof
Team2 Meisterinnen, 4 Gesellinnen, 2 Auszubildende
SchwerpunktMaßgefertigte Möbel, Küchen, Fenster- und Türensanierung
BesonderheitBeschäftigt ausschließlich Frauen und queere Menschen
ArbeitsmodellKleine Teamgröße, bei Gesellinnen Vier-Tage-Woche möglich
AusbildungRegelmäßig, hohe Bindungsquote oder spätere Selbstständigkeit

"Wir sind kein gesellschaftliches Projekt!"

Trotz wirtschaftlicher Stabilität und hoher Auslastung wird der Betrieb oft als Sonderfall betrachtet. „Weil wir nur Frauen sind, sehen uns viele als Projekt“, sagt Kürschner. Als wäre wirtschaftlicher Erfolg bei einem nicht-männlichen Team weniger glaubwürdig. Diese Haltung zeigt sich auch im Alltag: etwa wenn Kunden handwerkliche Leistungen zu Projektpreisen erwarten – oder davon ausgehen, dass Azubis ganze Möbelstücke kostenlos fertigen. Doch: „Wir sind ein normaler Handwerksbetrieb mit den gleichen Herausforderungen wie jeder andere.“

Der unternehmerische Alltag bleibt fordernd. Zwei Umzüge in kurzer Zeit – erzwungen durch die Berliner Immobilienlage – haben Kraft und Geld gekostet. Investitionen in neue Werkstätten, Technik und Infrastruktur mussten mehrfach gestemmt werden. „Das ist Geld, das nicht in Mitarbeitende oder Maschinen fließt – sondern einfach verpufft.“ Seit dem Einzug in den selbst mitinitiierten genossenschaftlichen Handwerkshof sei erstmals langfristige Planung möglich – „mindestens für die nächsten 35 Jahre“. Doch auch alltägliche Themen wie Bürokratie und steigende Materialpreise binden Ressourcen. Hinzu kommt ein gesellschaftliches Problem: Die Wertschätzung für handgefertigte, langlebige Produkte sinkt – besonders im Vergleich zu kurzlebigem Konsum wie Autos oder Elektronik.

Gleichstellung ist im Handwerk nicht nur möglich, sondern sinnvoll

Die Tischleria verfolgt ihr Konzept nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung – und mit betriebswirtschaftlicher Konsequenz. Gleichstellung ist hier kein Ziel auf dem Papier, sondern Alltag in der Werkstatt. „Wenn das Arbeitsumfeld stimmt, bleiben Menschen im Handwerk – oder sie gründen selbst“, sagt Kürschner. Damit das gelingt, brauche es sichtbare Beispiele.

Genau das will die Tischleria sein: ein Beweis dafür, dass Gleichstellung im Handwerk nicht nur funktioniert, sondern auch wirtschaftlich tragfähig ist. Kürschner und Pech beweisen, wie ein Betrieb mit klarer Haltung, durchdachter Struktur und qualitativem Anspruch Fachkräfte langfristig binden kann – und gleichzeitig ein gesellschaftliches Signal setzt.

Die Tischlermeisterinnen führen zusammen die Tischleria GmbH und leben Gleichstellung im Handwerk.
Die Tischlermeisterinnen Christina Pech (r.) und Jule Kürschner (l.) führen zusammen die Tischleria GmbH.
Zugehörige Themenseiten:
Ausbildung, Betrieb des Monats, Fachkräftemangel und Frauen im Handwerk