Mauern wie vor 200 Jahren – das beherrschen in Deutschland nur noch wenige. Anton Gröll aus Waging am See hat sich vor über 20 Jahren komplett auf Gewölbebau spezialisiert und sich damit einen Namen gemacht, den heute Statiker, Gutachter und Denkmalpfleger kennen. Wie er seinen Betrieb bewusst klein hält und trotzdem die spektakulärsten Projekte bekommt.

Nach Meister- und Technikerschule hätte Anton Gröll den bequemen Weg gehen können: eine Stelle als Bauleiter, geregelter Job, sichere Perspektive. Für den Maurermeister und Hochbautechniker war aber klar: „Wenn ich Bauleiter werde, dann ist der Gewölbebau gestorben." Also machte er sich 2001 selbstständig und gründete die Gröll Gewölbebau GmbH & Co. KG in Waging am See – mit einer Spezialisierung, die kaum noch jemand beherrscht.
Wie ein Praktikum die Pläne über den Haufen warf
Eigentlich wollte Gröll Zimmerer werden. Dann kam ein Praktikum bei einer Baufirma. Eine Woche verbrachte er auf einem Rohbau, eine weitere auf einer Gewölbebaustelle. „Da war für mich klar: Wenn ich bei dem Betrieb im Gewölbebau eingesetzt werde, dann lerne ich mauern."
Der Chef vertraute ihm schnell große Aufgaben an. „Ich habe dort schon Ende des zweiten, Anfang des dritten Lehrjahres die Gewölbebaustellen geleitet. Das war natürlich eine Herausforderung, aber dadurch habe ich früh gelernt, selbstständig zu arbeiten." Ein Vorteil, der später beim Sprung in die eigene Firma zählen sollte.
Die zähen ersten Jahre im Gewölbebau
Die Startphase war schwierig. Gegen etablierte österreichische Spezialbetriebe musste sich der unbekannte Handwerker erst behaupten. Er besuchte Wein- und Denkmalmessen, wartete auf seine Chance. Der erste größere Weinkeller-Auftrag wurde zum Türöffner.
Dann kam 2003 – ein Jahr fast ohne Gewölbeaufträge. Dass er diese Phase überstand, verdankt er seiner schlanken Struktur: keine Angestellten, kaum Fixkosten, jederzeit die Möglichkeit, im normalen Baugewerbe zu arbeiten. „Letztendlich hatte ich nichts zu verlieren." Der nächste Meilenstein kam 2006 mit dem eigenen Firmengebäude, das gleichzeitig als Ausstellungsfläche für verschiedene Gewölbearten dient. „Von dem Zeitpunkt an konnten wir Kunden zu uns einladen. Sie konnten sehen, wie wir arbeiten. Das war ein wichtiger Schritt für uns."
Alte Gewölbe als Lehrbücher aus Stein
Heute rufen Statiker, Denkmalpfleger und Gutachter bei Gröll an, wenn sie bei kniffligen Fällen nicht weiterwissen. Diesen Ruf hat er sich mit einer klaren Haltung erarbeitet: „Saubere Arbeit, der Kunde muss zufrieden sein." Gewinnmaximierung dürfe gerade am Anfang nicht im Vordergrund stehen. Wenn ein Kunde sich Jahre später noch freue, dass die Arbeit so ausgeführt wurde, habe man vieles richtig gemacht.
Was Gröll an seiner Arbeit fasziniert, sind vor allem historische Bauwerke – römische Aquädukte, das Kolosseum, nicht zuletzt das Ulmer Münster. „Die Konstruktion und die Statik sind irre." An alten Gewölben lässt sich für ihn ablesen, wie frühere Generationen gearbeitet haben: Schichtverläufe, Konstruktionen, Lösungen für komplizierte Grundrisse. „Man sieht, wie die gemauert haben." Genau solche Projekte reizen ihn am meisten. „Wenn alle sagen: Das geht nicht, da kann man nichts machen – und am Ende entsteht etwas Einzigartiges, das ist schon etwas Besonderes."
Warum Gröll beim Gewölbebau bewusst auf festes Personal verzichtet
Wachstum um jeden Preis? Nicht mit Gröll. Statt fest angestellter Mitarbeiter arbeitet er mit einem Netzwerk selbstständiger Spezialisten. Einer davon begleitet ihn bereits seit über 20 Jahren. „Ich weiß, dass die Zusammenarbeit mit Freiberuflern politisch nicht immer gern gesehen wird. Ich sehe das allerdings anders, weil man dadurch flexibel bleibt. Vor allem nimmt es mir den Druck, ständig genügend Arbeit für fest angestellte Mitarbeiter beschaffen zu müssen."
Eigene Auszubildende hat er nicht – die wechselnden Einsatzorte und Arbeitszeiten machen es schwer. Sein Wissen gibt er trotzdem weiter. „Im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam mit der Innung in Mühldorf einen Gewölbebaukurs angeboten. Die Initiative kam von der Innung, und der Kurs wurde sehr gut angenommen." Konkurrenzdenken kennt er kaum: „Man kann miteinander reden und sich austauschen. Man muss sich das Geschäft nicht gegenseitig schlecht machen."
Klare Worte zur Berufswahl – und ein offener Nachfolgeplan
Ein Thema treibt Gröll besonders um: die Berufswahl junger Menschen. Zu viele würden heute in Richtung Studium gedrängt. „Es wird ja oft so vermittelt: mindestens mittlere Reife, am besten Abitur, und dann studieren. Nur ist das eben nicht für jeden der richtige Weg." Das Handwerk sei eigentlich etwas sehr Schönes. Statt junge Leute in vorgezeichnete Bahnen zu drängen, sollte man ihnen die Wahl lassen.
Wie diese Wahl aussehen kann, zeigt sich gerade in seiner eigenen Familie: Sein Sohn macht derzeit eine Maurerlehre. Ob er den Betrieb eines Tages übernimmt, ist offen – falls nicht, soll irgendwann jemand anderes weitermachen. Große Expansionspläne verfolgt Gröll ohnehin nicht. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, Projekte für das kommende Jahr bereits in Planung. „Ich bin zufrieden, wie es läuft." Nach 25 Jahren im Gewölbebau weiß er: Der eigene Name in einer Nische ist mühsam erarbeitet – und zu wertvoll, um mit dem Chef in Rente zu gehen.
