Erwartungen an Azubis: Was gehört am ersten Tag auf den Tisch, Frau Eigel?

Andrea Eigel leitet zahlreiche Erfa-Gruppen – und ist somit ganz nah dran am Handwerk. In ihrer Kolumne beantwortet die Beraterin Fragestellungen aus der Praxis. Folge 31: Warum gutes Onboarding bei Werkzeug, Lager und Willkommensgeschenk nicht aufhören darf – und weshalb klare Erwartungen an Azubis vom ersten Tag an für beide Seiten Gold wert sind.

Werkzeug, Lager, Willkommenspaket – und dann? Wer seine Erwartungen an Azubis früh ausspricht, erspart sich und den jungen Leuten später viel Frust.
Werkzeug, Lager, Willkommenspaket – und dann? Wer seine Erwartungen an Azubis früh ausspricht, erspart sich und den jungen Leuten später viel Frust. - © roundsquid - stock.adobe.com

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Nun ja. Bei diesem angestaubten Spruch hört man förmlich die pädagogische Mottenkiste knarzen. Einen Gedanken würde ich trotzdem gern retten: Der gute Anfang zählt. Und zwar gerade in der Ausbildung. Denn viel zu viele Ausbildungsverträge werden vorzeitig gelöst. Einen Azubi zu finden ist also das eine. Ihn erfolgreich durch die Ausbildung zu bringen, das andere.

Viele Handwerksbetriebe haben darauf längst mit „Onboarding" reagiert: Neue Azubis werden willkommen geheißen, bekommen Arbeitskleidung, lernen Team, Werkstatt, Lager und Maschinen kennen. Vielleicht gibt es noch ein Willkommenspaket obendrauf. Prima.

Doch reicht das bereits aus? Oder bleiben entscheidende Fragen offen? Zum Beispiel: Wie tickt dieses Unternehmen? Was ist hier wichtig? Was gilt als gutes Verhalten? Woran wird ein Azubi gemessen? Was heißt eigentlich „Interesse zeigen", „mitdenken" oder „zuverlässig sein"? Über diese Erwartungen an Azubis wird erstaunlich wenig gesprochen. Bis irgendwann der Satz fällt: „Der Azubi ist eigentlich ganz nett – aber irgendwie passt er nicht zum Betrieb."

Aus meiner Beratung: Wenn Erwartungen an Azubis unausgesprochen bleiben

Genau an diesem Punkt stand eine Zimmerei, mit der ich gearbeitet habe. Der Betrieb bekam Azubis und kümmerte sich auch gut um sie. Es gab eine vernünftige Einführung und geschulte Ansprechpersonen. Die jungen Leute wurden nicht einfach am ersten Morgen mit dem lapidaren Hinweis „Da hinten ist die Werkstatt" sich selbst überlassen. Trotzdem hakte es im Laufe der Ausbildung immer wieder. Die Azubis waren nicht richtig zufrieden. Die Mitarbeitenden waren es nicht. Und der Inhaber ebenfalls nicht.

Interessant war: Es gab gar nicht den einen großen Konflikt. Vielmehr summierten sich kleine Irritationen. Ein Azubi wartete nach einer erledigten Aufgabe darauf, dass ihm jemand die nächste gab. Der Geselle dachte: „Warum fragt der nicht?" Ein anderer setzte eine Anweisung zwar um, aber nicht so zuverlässig, wie es erwartet wurde. Wieder einer wirkte wenig interessiert – zumindest aus Sicht der Ausbilder. Und irgendwann standen Bewertungen im Raum wie „zu wenig Eigeninitiative", „nicht engagiert genug" oder „müsste interessierter sein". Da lohnt sich eine einfache Gegenfrage: Woher sollte der Azubi eigentlich wissen, dass genau das von ihm erwartet wird?

Damit waren wir am entscheidenden Punkt. Der Betrieb hatte den jungen Menschen erklärt, wie der Arbeitsalltag organisiert ist. Aber nicht ausreichend transparent gemacht, nach welchen weichen Faktoren und ungeschriebenen Regeln er funktioniert. Also haben wir diese Regeln sichtbar gemacht.

Erwartungen an Azubis offenlegen – der Weg zur Klarheit für alle Seiten

Ich nenne das gern „die Azubis betriebsfit machen". Das klingt weniger nach Willkommenspaket und mehr nach dem eigentlichen Ziel: Ein junger Mensch soll möglichst schnell verstehen, wie er sich in diesem Betrieb gut bewegen und entwickeln kann. Dafür braucht es aus meiner Sicht mehrere Bausteine:

  1. Praktisch ankommen lassen – Teamsache: Natürlich beginnt alles mit den Basics: Wo finde ich was? Wer ist für mich zuständig? Wie laufen Pausen, Materialausgabe oder Werkzeugpflege? Dafür muss nicht überall der Chef persönlich den Fremdenführer geben. In der Zimmerei wurden auch ältere Azubis einbezogen. Das funktioniert oft hervorragend: Sie wissen noch ziemlich genau, welche praktischen Fragen man am Anfang hat – und welche man sich vielleicht nicht zu stellen traut.
  2. Die eigene Betriebskultur übersetzen – Chefsache: Danach wird es interessanter. Der Inhaber stellte den jungen Leuten den Betrieb aus einer anderen Perspektive vor: Wer sind wir eigentlich? Wie wollen wir von unseren Kunden wahrgenommen werden? Was zeichnet uns aus? Wie gehen wir im Team miteinander um? Damit werden abstrakte „Unternehmenswerte" plötzlich alltagstauglich. Aus „Qualität" wird zum Beispiel die Frage, wie eine Baustelle verlassen wird. Aus „Kundenorientierung" wird die Art, wie man grüßt, zuhört oder mit einer Reklamation umgeht.
  3. Den „geheimen" Bewertungsbogen offenlegen: Jetzt kommt für mich der wichtigste Punkt. In jedem Betrieb werden Azubis nicht nur fachlich beurteilt. Auch Zuverlässigkeit, Interesse, Lernbereitschaft, Eigeninitiative oder Verhalten im Team spielen eine Rolle. Nur stehen diese Kriterien häufig nirgends. Genau das sollte sich ändern. Wer später sagt „Du fragst zu wenig nach", muss vorher deutlich gemacht haben, dass Nachfragen erwünscht ist. Wer Selbstständigkeit erwartet, sollte erklären, wie diese im ersten, zweiten oder dritten Lehrjahr aussehen kann. Alles andere ist ein bisschen wie eine Prüfung, bei der die Aufgabenstellung erst hinterher bekannt gegeben wird.
  4. Ältere Azubis zu Mitspielern machen: In einem Betrieb beschrieb ein älterer Azubi dem neuen Lehrling einen erfahrenen Kollegen sinngemäß so: „Mit dem mitzugehen ist kein Zuckerschlecken – aber da lernst du was." Wunderbar. Genau solche Sätze vermitteln jungen Menschen mehr über Ausbildungskultur als manche Hochglanzbroschüre. Ältere Azubis können den Neuen Orientierung geben, Erfahrungen weiterreichen und gleichzeitig selbst Verantwortung übernehmen.
  5. Einen festen Azubi-Einführungstermin schaffen: All diese Punkte lassen sich gut in einem eigenen Azubi-Tag oder -Vormittag bündeln. Ein Betrieb, den ich kenne, nutzt dafür beispielsweise einen Freitag: Die Neuen erfahren, wofür der Betrieb steht, wie er von Kunden gesehen werden möchte, was im Umgang miteinander zählt und nach welchen Eckpfeilern ihre Entwicklung beurteilt wird. Das muss keine Motivationsshow mit Beamer und Häppchen werden. Es braucht vor allem ein vernünftiges Gespräch. Am besten ganz zu Beginn der Ausbildung. Aber auch nach vier Wochen gilt: besser etwas später als nie.

Wie die Zimmerei Soft Facts heute einbezieht – ohne Azubi-Kuschelkurs

Die Zimmerei hat ihr neues Azubi-Konzept inzwischen zum ersten Mal eingesetzt. Für ein abschließendes Urteil ist es noch zu früh, aber ein Effekt war sofort zu spüren: Es herrscht mehr Klarheit bei allen Beteiligten. Fast noch spannender finde ich, was der Erarbeitungsprozess mit den an der Ausbildung beteiligten Führungskräften selbst gemacht hat. Denn sobald ein Betrieb beantworten soll, was für ihn einen guten Azubi ausmacht, muss er sich erst einmal selbst einigen. Was erwarten wir eigentlich? Was ist uns wirklich wichtig? Wo ziehen wir an einem Strang – und wo hat bislang jeder Ausbilder seine eigenen Maßstäbe angelegt? Allein diese Diskussion kann ausgesprochen wertvoll sein.

Und nein: All das bedeutet nicht, jungen Menschen die Ausbildung möglichst kuschelig zu machen. Es geht nicht ums Werfen weiterer Wattebällchen, um Dauerlob oder das nächste Willkommens-Goodie. Ausbildung darf fordern. Junge Menschen sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich anzustrengen und auch einmal durchzuhalten, wenn etwas nicht auf Anhieb Spaß macht. Aber wer Leistung erwartet, sollte auch sagen, welche Leistung er erwartet. Wer Engagement beurteilt, sollte erklären, woran er Engagement erkennt. Und wer möchte, dass junge Menschen sich mit dem Betrieb identifizieren, sollte ihnen zeigen, womit sie sich eigentlich identifizieren sollen.

Fazit: Erwartungen an Azubis gehören von Anfang an auf den Tisch

So viel Fairness muss für die Hänschen von heute allemal gelten: Was ein Azubi zu Beginn seiner Lehre nicht erfährt, kann man ihm später schlecht zum Vorwurf machen. Also lautet mein Rat an alle Betriebe, die ihre Ausbildung spürbar erfolgreicher gestalten möchten: Sprechen Sie Erwartungen offen und klar aus – deutlich und von Anfang an!

Wie starten Ihre Azubis in die Ausbildung? Wissen die jungen Leute nicht nur, wo Werkzeug und Material liegen, sondern auch, was Ihr Betrieb von ihnen erwartet und woran ihre Entwicklung gemessen wird? Schreiben Sie mir!

Über Kolumnistin Andrea Eigel:

Andrea Eigel unterstützt Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte im Handwerk dabei, Kunden und Mitarbeitende zu gewinnen und nachhaltig zu binden – und dabei auch selbst bei Lust und Laune zu bleiben.

Sie hält Vorträge, macht Workshops und Coachings, moderiert Veranstaltungen und leitet seit vielen Jahren Erfa-Gruppen. Nebenberuflich ist sie Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Andrea Eigel schreibt die Kolumne "Eigels Erfa-Erkenntnisse"
Andrea Eigel schreibt die Kolumne "Eigels Erfa-Erkenntnisse" - © Kaleidoskop Marketing-Service GmbH
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