Andrea Eigel leitet zahlreiche Erfa-Gruppen – und ist somit ganz nah dran am Handwerk. In ihrer Kolumne beantwortet die Beraterin Fragestellungen aus der Praxis. Folge 21: Es gibt Blaumacher und jene, die wirklich krank sind. Wie man auf gesunde Art Drückebergertum einschränkt, aber auch Übermotivierte vor sich selbst schützt.

Es gibt bei Handwerksmitarbeitenden Erkrankungen, über die wir nicht diskutieren müssen: Bei Rücken- und Gelenkbeschwerden oder einem dicken Atemwegsinfekt ist der Krankenschein angezeigt und berechtigt. Gut, manch einer bleibt bei geringstem Hüsteln zu Hause. Andere hingegen kommen zur Arbeit, obwohl man ihnen ansieht, dass sie eigentlich kaum laufen können. Und dann gibt es noch diese Fälle: Leute, die regelmäßig montags „etwas ausbrüten“, freitags „lädiert“ sind und/oder sich fünf Minuten vor Arbeitsbeginn per kurzer Nachricht abmelden.
Es gibt Fälle, bei denen das Bauchgefühl ganz klar sagt: Hier stimmt etwas nicht. In vielen Betrieben sorgt genau dieser Typus „Freitagsschnupfen“ und „Montagsmigräne“ für Frust – nicht nur bei der Führungskraft, sondern bei den Teamkolleginnen und -kollegen, die das Fehlen ausbaden müssen. Darum lohnt es sich, hinzuschauen. Nicht pauschalisierend. Nicht misstrauisch. Aber offen, klar und strukturiert.
Ein junger Mitarbeiter und viele genervte Kolleginnen und Kollegen
In einer meiner Erfa-Gruppen brachte eine Teilnehmerin das Thema sehr konkret auf den Tisch: Ein junger Mitarbeiter war der Unternehmerin seit Monaten mit spontanen, jeweils kurzen Krankheitsausfällen aufgefallen – und zwar immer rund ums Wochenende. Offensichtlich steckte keine ernste gesundheitliche Einschränkung jeweils dahinter. Eher, so der Eindruck der Chefin, hatte der Mitarbeiter keine Lust, zur Arbeit zu erscheinen, und gab nur vor, erkrankt zu sein.
Natürlich ist das zunächst ein Verdacht – und er ist heikel. Und selbstverständlich darf man solche Fälle nicht in einen Topf werfen mit denjenigen, die ernsthaft krank sind. Doch genau wegen dieses einen auffälligen Mitarbeiters begann die Gruppe intensiver über das Thema zu sprechen. Und schnell merkten alle: Solche Fälle gibt es zuhauf. Fast jeder Betrieb hat mindestens eine Person, bei der Unwohlsein kurz vor oder nach dem Wochenende, kurzfristige Krankmeldung und wenig überzeugende Begründungen ein Muster ergeben.
Und gleichzeitig hat jeder Betrieb auch die anderen Extreme: die Übermotivierten, die sich trotz offensichtlicher Erkrankung weiter zur Arbeit schleppen, statt einen Arzt aufzusuchen und zu Hause zu bleiben. Beide Extreme schaden nicht nur dem Betrieb, sondern belasten die anderen im Team mit. Was also tun?
Wie bremse ich Blaumacher aus und schütze Übermotivierte vor sich selbst?
In der Erfa-Gruppe haben wir konkrete Ansätze gesammelt, die sich im Handwerksalltag schnell umsetzen lassen:
- Krankmeldung nur noch telefonisch – nicht per Nachricht: Die Teilnehmerin aus dem Beispiel hat sofort umgestellt: Krankmeldungen gibt es bei ihr nur noch per Anruf, nicht mehr per WhatsApp oder Kurzmitteilung. Im Gespräch verrät sich oft, ob jemand ernsthaft beeinträchtigt ist oder einfach nur „durchhängt“. Die Hemmschwelle, sich ohne triftigen Grund abzumelden, steigt verglichen mit einer Krankmeldung per Textnachricht deutlich. Gerade notorische Kurzzeit-Kranke geraten so ins Nachdenken.
- Klare Regeln für den Ablauf der Krankmeldung: Viele Probleme entstehen durch Unklarheit. Deshalb: Legen Sie Fristen, bis wann eine Krankmeldung erfolgen muss, und fixe Ansprechpersonen dafür fest. Dann ist das „Fünf-Minuten-vor-Arbeitsbeginn“-Krankmeldungschaos eingedämmt. Wer weiß, wie die Regeln sind, hält sie eher ein. Und das Team kann verlässlich planen.
- Rückkehrgespräche – das wirksamste Mittel gegen Ein-Tages-Ausfälle: Ein fünfminütiges Gespräch mit Ihnen als Führungskraft nach jeder Krankheitsfehlzeit – auch wenn es nur ein Tag war – zeigt zweierlei: erstens echtes Interesse („Wie geht es dir wirklich? Bist Du noch eingeschränkt – müssen wir etwas bei Deinen Arbeitseinsätzen beachten?“). Und zweitens fördert es Verantwortlichkeit beim betreffenden Mitarbeitenden, wenn er zu den „Drückebergern“ zählt. Wer im Rückkehrgespräch persönlich sanft konfrontiert wird, hat künftig eher Hemmungen, einfach blau zu machen.
- Krankheitskalender im Jahresgespräch – Realität sichtbar machen: Die Chefin aus unserem Beispiel nutzt eine simple, aber sehr wirkungsvolle Methode: Sie legt dem Mitarbeitenden im jährlichen Mitarbeitergespräch den Jahreskalender vor. Darin stehen Arbeitszeiten, Urlaube und Krankheitstage. Allein der Blick darauf wirkt: Viele Mitarbeitende sind überrascht, wie auffällig ihre Muster sind. Die Führungskraft fragt wertschätzend: „Was steckt dahinter? Wie war dein Jahr? Was brauchst du, damit es besser läuft?“ Plötzlich wird aus „Ich war halt ein paar Mal krank“ ein echtes Gespräch über Gewohnheiten, Stress, Gesundheit und Verhalten. Manchmal kommt man dabei anderen Belastungen – wie Problemen im Team oder im Privatleben – zusätzlich auf die Spur und kann agieren. Zusatztipp: Ist eine definierte Schwelle an Krankheitstagen schon vor dem Jahresgespräch überschritten, kann dieser Dialog auch unterm Jahr stattfinden.
- Die Heldinnen und Helden bremsen – bevor sie umfallen: Handwerkerinnen und Handwerker, die sich ernsthaft krank zur Arbeit schleppen, sind kein Gewinn. Sie stecken Kolleginnen und Kollegen an, machen Fehler, überlasten sich und fallen im schlimmsten Fall wochenlang komplett aus. Wer sichtbar angeschlagen ist, wird nach Hause geschickt. Mit klarer Botschaft: „Wir brauchen dich gesund, nicht halb kaputt.“ Das stärkt auch die Vorbildfunktion im Team.
Fazit: Wer genau hinschaut, führt gerechter – und gesünder
Blaumacher gibt es – und sie richten im Betrieb und im Team echten Schaden an. Deshalb müssen wir sie klar erkennen und ansprechen. Aber: Nicht jeder, der fehlt, ist ein Blaumacher. Nicht jeder, der regelmäßig ausfällt, ist unmotiviert. Und nicht jeder, der kommt, obwohl er kaum laufen kann, ist ein Held. Wir brauchen auch in Bezug aufs Kranksein im Betrieb eine Führungskultur, die weder misstrauisch pauschalisiert noch naive Großzügigkeit zeigt. Regeln für Krankmeldungen geben Halt. Gespräche über Krankheitstage schaffen Klarheit. Und kluges Hinschauen verhindert, dass wir die Falschen maßregeln und die Richtigen übersehen.
Was bringt Sie beim Krankenstand im Betrieb auf die Palme? Wie hegen Sie den Missbrauch von Krankmeldungen ein?Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Lösungsansätze mit mir!
Über Kolumnistin Andrea Eigel:
Andrea Eigel unterstützt Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte im Handwerk dabei, Kunden und Mitarbeitende zu gewinnen und nachhaltig zu binden – und dabei auch selbst bei Lust und Laune zu bleiben.
Sie hält Vorträge, macht Workshops und Coachings, moderiert Veranstaltungen und leitet seit vielen Jahren Erfa-Gruppen. Nebenberuflich ist sie Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

