Bisher gelang es Deutschland aus jeder Krise gestärkt hervorzugehen. Diese Fähigkeit hat das Land laut Kolumnistin Ruth Baumann angesichts der aktuellen Wirtschaftszahlen wohl eingebüßt. Der europäische, wie auch der internationale, Vergleich zeigten, dass unser Wirtschaftsstandort immer noch kränkelt und Appelle wie Versprechen keine Linderung bringen. Wie Wirtschaftsaufschwung und weniger Bürokratie gelingen können – und was das mit dem chinesischen "Feuerpferd" zu tun hat, lesen Sie in dieser Folge von "Neues von der Werkbank".

Das Jahr 2026 steht im chinesischen Kalender für das Feuerpferd, das Energie, Wandel und Dynamik verheißt. Die gegenwärtigen Entwicklungen und Wirtschaftszahlen vermitteln aber den Eindruck, dass es bis dato an uns vorbeigaloppiert ist.
Auf der Internationalen Handwerkermesse, die kürzlich in München stattgefunden hat, verkündete die Wirtschaft, dass man mit Mut aus der Standortkrise will und forderte – nicht bettelte – um ein Jahr der erlebbaren Reformen. Vier Wirtschaftsverbände, darunter BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände), BDI (Bundesverband der Industrie), DIHK (Deutsche Industrie- und Handelskammer) sowie der ZDH (Zentralverband des Deutschen Handwerks) benannten in klarer und deutlicher Sprache erneut, was umzusetzen ist. Die Wirtschaft erreicht einen Kipppunkt, der spürbare Veränderungen statt weiterer Ankündigungen auf Papier dringend braucht. Was sie fordern, zahlen sie zugleich selbst: durch Steuern und Abgaben.
Bei der Sozialversicherung dürfen Einschnitte und Steuerzuschüsse kein Tabu mehr sein
Die sozialen Sicherungssysteme ächzen schon seit Jahren unter den Belastungen. Gesundheits- und Pflegeversicherung, Renten oder die Lohnnebenkosten, jeder Blick darauf zeigt, dass das, was uns lieb und teuer ist, dysfunktional ist. Bei Gesundheit, Pflege und Rente gilt es endlich, sich der zahlenmäßigen Diskrepanz zwischen Zahlern und Empfängern zu stellen. Einschnitte und Steuerzuschüsse (aber nur mit effektiven Kosteneinsparungen an anderer Stelle) dürfen kein Tabu mehr sein. Wie soll sich Arbeit lohnen, wenn ein Handwerker fünf Stunden arbeiten muss, um einen anderen Handwerker für 1 Stunde beauftragen und bezahlen zu können? Ersparen wir uns weitere Kommentare und Analysen, verlangen wir greifbare Konzepte.
Die Bezeichnung "Hochsteuerland" für Deutschland ist weder ein Prädikat, noch ein Gütesiegel: Es ist ein Alarmzeichen. Diskussionen über Erhöhungen bei Körperschafts-, Einkommens- oder Erbschaftsteuer schrecken mehr ab als dass sie Investitionen und Betriebsgründungen fördern. Das Wissen, dass irgendwann einmal Steuererleichterungen kommen sollen, tröstet sterbende Firmen oder Arbeitssuchende wenig.
Bürokratie bindet Potenziale, die an anderer Stelle nötiger wären
Die Auswüchse der Bürokratie füllen mit ihren Dokumentations-, Auskunfts- und Berichtspflichten ganze (leere) Fabrikhallen. Tariftreue und Entgelttransparenzgesetz werden noch als „Sahnehäubchen“ obendrauf kommen. Glaubt man allen Ernstes, hierdurch die Wirtschaft zu entfesseln? Wer so abhängig von Lieferketten und Rohstoffen ist wie wir, bindet durch derartige Bürokratie Potenziale, die an anderer Stelle nötiger wären. Innovation, Transformation und wirtschaftlicher Erfolg entstehen nicht im Kampf mit Papier, sondern durch Entscheidungen.
Wer Energie und Mobilität als Luxusgut etablieren will, vergisst, dass ihm am Ende selbst in die Tasche gegriffen wird. Die Verknappung (Arbeiten und Heizen nur bei Sonne oder Wind) und ideologische Umwidmung (ÖPNV statt Individualverkehr) hat jeweils einen Preis, den man sich auch leisten können muss. Nicht jeder braucht Sprit, um Pasteten zu kaufen, viele fahren noch einfach nur zur Arbeit.
Weniger Bürokratie erfordert ein EU-Omnibus-Paket im Formel-1-Tempo
Bei der Versorgung mit Breitband oder einem einfachen Bauvorhaben kann man erleben, wie lang manche Entscheidungswege sein können. Es ist nicht die deutsche Gründlichkeit, sondern vielmehr dielangatmigen Planungs- und Genehmigungsverfahren. Um international wettbewerbsfähig und interessant zu sein, muss alles schneller werden. Katastrophenschutz oder Cyberangriffe werden nicht auf das gegenwärtige Tempo Rücksicht nehmen. Es braucht Ertüchtigung und die Widerstandsfähigkeit unserer Infrastruktur, gepaart mit der Freiheit für Innovationen. Der bürokratieentlastende EU-Omnibus muss zu einem Formel-1-Rennwagen werden und die Rahmenbedingungen knapp, übersichtlich und verlässlich sein. Nicht auf dem Papier, sondern spürbar in einer mutigen Dynamik.
Es ist nun an der Zeit, Probleme und Missstände endlich anzugehen und Lösungen umzusetzen. Wenn man plötzlich um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen will, während man zuvor tatenlos zugesehen hat, wie 10.000 oder gar 100.000 Arbeitsplätze abgebaut oder Betriebe verlagert und geschlossen wurden bzw. in die Insolvenz gingen, bleibt ein schaler Beigeschmack. Ausführungen wie "Betriebe sind nicht insolvent, die machen nur mal Pause" oder "Arbeitsplätze sind nicht verloren, sondern nur an anderen Orten" schrecken nicht nur das Feuerpferd. Sie schrecken auch Bürger und Wähler.
Über Autorin Ruth Baumann:
Bei Ruth Baumann war es ein zart gehauchtes "Ja", das sie in einen mittelständischen Straßenbaubetrieb und damit ins Handwerk brachte: Seit ihrer Hochzeit führt sie gemeinsam mit Ehemann Martin Baumann die Baumann & Co. Straßenbaugesellschaft mbH in Freiburg. Trotz ihres abgeschlossenen Hochschulstudiums entschied sie sich damals bewusst, in den Familienbetrieb einzusteigen und bekräftigte dies durch eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau. Zunächst im Ehrenamt bei den Unternehmerfrauen im Handwerk Freiburg, später als Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg, war es ihr immer ein besonderes Anliegen, die Mitglieder mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Stolz auf das Handwerk auszustatten. Sie sieht die Unternehmerfrauen als Wirtschaftsverband und vertritt dies auch in der Öffentlichkeit.
Ihre betriebliche Erfahrung wurde in der Folgezeit auch verstärkt in der politischen Theorie nachgefragt und stieß – zu ihrer eigenen Überraschung – auf immer mehr Resonanz. Es folgten unterschiedliche Kommissionen und Funktionen in der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, die sie mittlerweile auch auf Bundesebene ausführt. In Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen rund um das Handwerk gibt sie parteiübergreifend Einblicke in die Sorgen und Nöte von Familienbetrieben. Bis Februar 2026 war sie Mitglied des Bundesvorstands der CDU und fungierte dort als Vertreterin des Handwerks sowie Unternehmerin zwischen all den Parlamentariern als Mittler der unterschiedlichen Welten.
