Selbstständig sein hat nichts mit Selbstausbeutung zu tun. In der Kolumne "Gründen für Frauen" gibt Caroline Pastor fünf Impulse, wie Handwerkschefinnen von Anfang an Grenzen ziehen für klare Arbeitszeiten, echte Pausen und mehr Energie.

„Mach dich selbständig, dann bist du ungebunden und triffst deine eigenen Entscheidungen.“ Solche Ratschläge klingen gut, doch sieht die Realität als Gründerin oft anders aus: Zwölf-Stunden-Tage und am Wochenende die liegengebliebenen Schreibtischarbeiten durchackern. Dabei war die Idee doch, die eigene Chefin zu sein. Die Freiheit, die Sie sich so gewünscht haben, fühlt sich plötzlich wie ein goldener Käfig an. So haben Sie sich das nicht vorgestellt, oder?
Sie sind nicht angetreten, um Selbstausbeutung zu betreiben. Nicht, um sich zwischen Kundenterminen, Papierkram und Familienlogistik selbst zu verlieren. Es ist Zeit, die Reißleine zu ziehen. Fangen Sie heute an, Ihre Selbstständigkeit wieder nach Ihren Regeln zu gestalten. Ich zeige Ihnen fünf konkrete Wege, wie Sie ab sofort Grenzen setzen – und Ihre Selbstständigkeit wieder in Balance bringen:
1. Gegen Selbstausbeutung klare Grenzen ziehen
- Ein „Nein, ich habe keine Zeit“ gegenüber anderen auszusprechen, bedeutet ein „Ja, ich kümmere mich um die Sache, die mir persönlich jetzt am wichtigsten ist.“ Sie sagen damit ja zu Ihrer Freiheit und Gesundheit.
- E-Mails nach 18:00 Uhr werden ab sofort nicht mehr bearbeitet. Ohne wenn und aber.
- Abwesenheitsnotiz bei Krankheit, Urlaub oder einfach weil gerade zu viel los ist. Das ist der neue Standard.
- Schaffen Sie für sich mehr Überblick: Maximal zwei Kommunikationskanäle, z.B. E-Mail und Telefon, keine Nachrichten auf Social-Media-Kanälen mit Ihren Kunden oder Geschäftspartnern. Ihre Zeit ist zu wertvoll für digitale Dauerverfügbarkeit auf allen Kanälen.
2. Täglich etwas tun, das nur Ihnen gehört
Sie fühlen sich nicht mehr Herrin der Lage: Kunden und Kundinnen, die Ihnen Druck machen, familiäre Verpflichtungen, Reklamationen, zu viele E-Mails oder anderes, was Sie nicht auf die Schnelle ändern können. Damit Sie Ihre Selbstwirksamkeit wieder zurückgewinnen, unternehmen Sie einmal am Tag eine Sache, die Ihnen am Herzen liegt, nur für sich: Abends drei Seiten im Lieblingsbuch lesen, eine Abendrunde um den Block, eine ruhige Minute mit einer Tasse heißem Tee. Es geht nicht um etwas Großes, sondern ums tägliche Dranbleiben. Schenken Sie sich jeden Tag einen schönen Moment, der nur Ihnen gehört.
3. Die Nicht-Mehr-Machen-Liste gegen Selbstausbeutung
Schreiben Sie auf, was Sie ab sofort nicht mehr tun wollen: etwa Aufträge abarbeiten, die Ihnen Bauchschmerzen bereiten oder Termine annehmen, die Sie für nicht wirklich wichtig halten. Sagen Sie ab, sortieren Sie aus und lassen los. Jede Aufgabe, die Sie streichen, bringt Ihnen ein Stück Freiheit und Leichtigkeit zurück.
4. Energy-Audit
Welche Personen, Situationen, Räume rauben Ihnen Energie? Und welche geben Ihnen Energie?
- Nehmen Sie drei Blätter und schreiben je eine Überschrift: Energiegeber, Energienehmer und Aktionsplan.
- Nun dürfen Sie auf das erste Blatt alles notieren, was Ihnen Energie schenkt: Das kann der Waldspaziergang sein, das Telefonat mit einer Freundin führen, die Lieblingsserie, das Sporttraining, meditatives Putzen, Ihr Hund oder Ihre Katze sein.
- Schreiben Sie danach auf das andere Blatt alles auf, was Ihnen Energie nimmt: das vollbesetzte Zugabteil am Morgen, Kunde A, Bekannte B, die Ihnen immer wieder von ihren Problemen erzählt, das Projekt C, das gerade stillsteht, etc.
- Nehmen Sie nun ein drittes Blatt, den Aktionsplan, und schreiben zu jedem Punkt, der Ihnen Energie raubt: Was kann ich anstatt dessen tun? Wer könnte mich dabei unterstützen? Mit welchem kleinen Schritt beginne ich?
- Nun kommen wir zu dem schönsten Teil: Nehmen Sie das Blatt mit dem Titel „Energienehmer“ und zerreißen es in viele kleine Stücke. Sie werden merken, das fühlt sich so gut an.
- Hängen Sie nun die Energiegeber an eine gut sichtbare Stelle wie dem Kühlschrank. Notieren Sie sich Erinnerungen oder setzen Sie Reminder in Ihren digitalen Kalender für die Aktionen gegen die Energienehmer. Überlegen Sie sich, wann Sie Ihre Unterstützer innerhalb der nächsten Woche kontaktieren, damit Ihre Energiefresser verhungern.
5. Im Quadrat atmen
Wenn das Stresslevel steigt, atmen wir schneller und flacher. Durch die Box-Atmung werden wir wieder fokussierter, können uns besser konzentrieren, besser Prioritäten setzen und das Nervensystem kann sich wieder entspannen. Diese einfache Technik hilft:
- Atmen Sie tief durch die Nase vier Sekunden lang ein, halten vier Sekunden, lassen die Luft durch den Mund wieder vollständig ausströmen und zählen auch hier bis vier. Halten Sie danach die Luft wieder an, während Sie nochmal bis vier zählen. Wiederholen Sie diese Atemtechnik fünf bis sechs Mal.
- Ein sehr einfaches Mittel, das Sie überall an der Ampel, im Stau, im überfüllten Zugabteil oder im täglichen Chaos praktizieren können. Box-Atmung beruhigt und bringt Sie zurück zu sich und Ihrer Energie.
Sie haben sich als Gründerin bewusst für Ihre Selbständigkeit entschieden, weil Sie unabhängig sein wollten. Holen Sie sich Ihre Freiheit zurück. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern strategisches Management Ihrer Zeit und Kapazität, damit Ihre Selbstständigkeit gesund und erfolgreich wachsen kann. Und: Passen Sie gut auf sich auf, Sie sind Ihr wichtigstes Projekt.
Über die Kolumnistin Caroline Pastor:
Die Markenexpertin und systemischer Business Coach Caroline Pastor konzipiert und leitet Workshops zu Positionierung, Vision, Mission und Werteentwicklung. Sie setzt sich für Marken mit Haltung ein. Mit ihrer Beratung Kernform unterstützt sie Gründerinnen, Gründer und Unternehmen, ihre Kultur und Markenidentität mit einer klaren Strategie und Kommunikation zu formulieren. Caroline Pastor ist davon überzeugt, dass Menschlichkeit, Respekt, Offenheit und Ästhetik wegweisende Wachstumstreiber für Unternehmen und Marken sind.

