Wenn der Bau stockt, liegt es selten nur am Handwerk. In der aktuellen Kolumne von „Der professionelle Bauablauf“ zeigt VOB-Experte Andreas Scheibe, warum der eigentliche Engpass beim Bauherr liegt, wie es zu diesem Systemfehler kommt – und warum Handwerker deshalb erst recht ihr Geld einfordern sollten.

Von außen sieht es immer gleich aus: Der Fachkräftemangel lähmt die Baustellen, Handwerker bekommen ihre Kolonnen nicht voll, die Projekte kommen nicht voran. Das ist die Erzählung, die die Branche kennt – und die auch in den Medien ständig wiederholt wird. Doch schauen wir mal hinter die Kulissen und sprechen den einen Engpass an, den sonst kaum jemand sieht: Der eigentliche Flaschenhals sitzt auf der Auftraggeberseite. Und der sorgt für die meisten Störungen im Bauablauf – mit massiven Folgen für Handwerker.
Der Bauherr als Schwachstelle: Fachkräftemangel und fehlende Kompetenz
Viele öffentliche Auftraggeber sind schlicht überfordert. Das Problem beginnt bereits bei der Planung: Der Mitarbeiter (oder Sachbearbeiter) im Bauamt, der die Verträge unterschreibt und die Pläne freigibt, hat oft nie selbst auf einer Baustelle gearbeitet. Er kennt die Abläufe nicht, weiß nicht, was die Fachplanung tut und liefern muss – und kann mangelhafte Pläne gar nicht erkennen, geschweige denn beanstanden. Das ist kein böser Wille, sondern ein strukturelles Problem.
Das Ergebnis: Mangelhafte Pläne und unklare Leistungsverzeichnisse für den Auftrag nehmenden Handwerker. Massive Probleme im Bauablauf. Verschiebungen über Monaten und Jahre. Diese Kausalkette liest sich in keiner Zeitung.
Leider sind wir nicht im Profifußball: Dort gibt es einen Schiedsrichter, der nur eine Aufgabe hat – auf die Einhaltung der Regeln zu achten und für einen fairen Ablauf zu sorgen. Bei Milliardenprojekten im Bau hingegen fehlt dieser neutrale fachliche Kontrolleur komplett. Das ist ein Systemfehler, den es eigentlich anzugehen gilt.
Auch verschobene Baubeginne gehen auf Systemfehler zurück
Das zweite große Problem ist der Fachkräftemangel beim Bauherrn selbst. Es wird zwar viel über fehlende Handwerker gesprochen und auch, dass keiner mehr Ingenieur werden will – aber kaum jemand erwähnt, dass auch die Auftraggeber technisch unterbesetzt sind. Die Projektmanagement-Teams auf der Bauherrenseite sind oft ausgedünnt, überfordert und ohne ausreichende Erfahrung.
Das führt dazu, dass Bauprojekte schlecht vorbereitet sind: Wichtige Entscheidungen werden verschleppt oder aus Unwissenheit falsch getroffen. Am Ende ist es aber der Handwerker, der den Preis für diesen weiteren Systemfehler bezahlt: mit verschobenen Baubeginnen, mit unproduktiven Wartezeiten, mit kleinteiligem Arbeiten und mit ständigen Kürzungen bei Aufmaß, Rechnung und Abschlag.
Wenn Sie dem Bauherr nicht in Rechnung stellen, was Ihnen zusteht, verzichten Sie auf Geld
Deshalb ist es für Handwerker heute wichtiger denn je, ihre Vergütungsansprüche sauber und konsequent zu stellen. Wer beim Bauherr nicht abrechnet, was ihm zusteht, verliert bares Geld – und das nicht etwa, weil er schlecht gearbeitet hätte, sondern weil der Bauherr und die Fachplanung ihre Hausaufgaben nicht machen.
Es ist also an der Zeit, diese Systemfehler zu kennen und vor allem die Spielregeln neu zu verinnerlichen: Du bist nicht dafür da, den Bauherrn aus seinen eigenen Fehlern herauszupauken. Ihr Job ist es, den Werkerfolg zu sichern. Dazu gehört auch, Nachträge und Störungen richtig abzurechnen. Sonst zahlen Sie am Ende drauf, obwohl Sie gar nichts dafür können.
Über Autor Andreas Scheibe:

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!
Mit der Continu-ING GmbH (vob.de) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.
"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"
Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.
In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.
Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"
Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.
In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.
