Fahrbericht Opel Vivaro Electric: Moderne Optik, neue Elektronik und digitales Cockpit

Der Opel Vivaro Electric machte Station in der Stellantis-"Änderungsschneiderei": Neue E-Maschine, neues Cockpit und neue Assistenz­systeme! ­Was bieten er und seine Geschwister von Peugeot und Co. dem Handwerk?

Jüngst beim Änderungsschneider: der Opel Vivaro Electric.
Jüngst beim Stellantis-"Änderungsschneider": der Opel Vivaro Electric. - © Randolf Unruh

Thomas, wir müssen mal reden. Klem­mte doch plötzlich dein Kärtchen an der Seitenscheibe des Opel Vivaro Electric: „Kaufe Autos aller Art.“ Nun zählt der Rüsselsheimer nach sechs Jahren beileibe nicht zum Nachwuchs, die französischen Stammväter fahren sogar schon zwei Jahre länger. Aber mit E-Kennzeichen, entsprechender Signatur hinten und markentypisch schwarzglänzender Nase vorn – Stichwort „Vizor“ – sieht ­dieser Testwagen nicht nur opelig aus, sondern frisch und fit. Optisch ist die Sache klar: ein Transporter in der Blüte seiner Jahre. Keine Beute für die Kärtchenverteiler auf der Suche nach Altmetall.

Der Vivaro ist Teil der üppigen Stellantis-Flotte, prompt steht in seinen Papieren als Fahrzeugtyp Vivaro, als Hersteller jedoch Peugeot. Was soll’s, neben der moderneren Optik zählen zu den jüngsten Änderungen die E-Maschine, die Elektrik/Elek­tronik, das digitale Cockpit, die reichlich wie recht friedlich glucksenden Assistenzsysteme und die aufgefrischte Bedienung. Es lohnt sich, dem Opel stellvertretend für das ganze Stellantis-Transporterrudel gründlich auf den Zahn zu fühlen. Das hat, werter Altblech-Thomas, nun wirklich nichts mit dem Zahn der Zeit zu tun.

Opel Vivaro Electric wirkt aufgeräumter und frischer

Ihm tritt der Vivaro zum Beispiel mit der neu sortierten Bedienung entgegen. Das umfasst die Position der Taste für die elektronische Feststellbremse nun links in der Armaturentafel, Schaltpaddel für die Rekuperation, nun für drei Stufen. Die Anzeigen der neuen Digitalinstrumente lassen sich flott per Tastendruck wechseln, die Feinjustierung verlangt nach Gewöhnung. Auffällig ist in diesem Umfeld ein klassischer Zündschlüssel, da war der Opel schon mal weiter. Oder die tagsüber schlecht ablesbare Stellung der Rädchen für Temperatur und Gebläse. Trotzdem: Alles zusammen wirkt auf­geräumter und frischer.

Der neue Elektromotor tritt unverändert mit 100 kW/136 PS Leistung, aber nun 270 Nm Drehmoment an. Das genügt vollauf, auch beladen und an kräftigen Steigungen. Der Stellantis-Spross wählt beim Start stets die mittlere ­Temperamentsstufe. Die Dynamik ist angemessen, im Unterschied zum großen Bruder Movano Electric will der Transporter kein Blitzstarter sein. In der Eco-Stufe beschleunigt der Stromer nicht, er setzt sich in Bewegung. Im Power-Modus wirkt die Fuhre fast spritzig. Egal wo und wie – die Maschine pfeift beim Auf und Ab des Fahrpedals ein wenig düsenjettig. Die Rekuperation entspricht in der auto­matisch gewählten untersten Stufe einer Verzögerung à la Motorbremse. Ein leichtfüßiger Segelmodus ist nicht vor­gesehen, aber jetzt eine Einpedal-­Variante mit sehr kräftiger Verzögerung.

Wie gehabt nicht ganz so toll ist die Hardware: Das Cockpit spannt ein wenig. Dann wären da der etwas undefinierte Fahrersitz, mickrige Außenspiegel ohne Weitwinkelfeld, die breiten und damit sichtbehindernden A-Säulen. Umso wichtiger sind die Rückfahrkamera und die Draufsicht aus Vogelperspektive im mit­tigen Monitor beim Rangieren.

Nicht sehr üppig: schlankes Fahrerhaus mit mäßigen Sitzen.
Nicht sehr üppig: schlankes Fahrerhaus mit mäßigen Sitzen. - © Randolf Unruh
Hinweisgeber: Im mittigen Display lassen sich Fahrtipps abrufen.
Hinweisgeber: Im mittigen Display lassen sich Fahrtipps abrufen. - © Randolf Unruh

Ladegeschwindigkeit: 500 Kilometer Reichweite in einer Stunde sind unrealistisch

Angemessene Nutzlast: Der Stellantis-Spross stemmt rund 800 Kilo plus Fahrer.
Angemessene Nutzlast: Der Stellantis-Spross stemmt rund 800 Kilo plus Fahrer. - © Randolf Unruh

Unter dem Wagenboden lagert hier die größere der beiden lieferbaren Batterien mit einer nutzbaren Kapazität von 69 kWh. Das reicht je nach Einsatzprofil für eine Reichweite im Solobetrieb zwischen gut 200 und etwa 350 Kilometern. 24,2 kWh benötigte der voll ausgeladene Transporter auf der recht anspruchs­vollen Redaktions-Hausstrecke, eingeschlossen eine feurige Autobahnetappe. Das ­Ergebnis bewegt sich sogar im unteren Bereich der Normwerte nach WLTP.

Kein überschäumendes Temperament zeigt der Opel Vivaro Electric an der Ladesäule: An der Wallbox zieht er mit 11 kW. An der Schnellladesäule schafft er laut Daten maximal 100 kW, der Testwagen legte in der Spitze noch zehn Prozent drauf. Irritierend: Die Instrumente fabulieren während des Stopps am Kabel von einer Ladegeschwindigkeit mit 500 km/h. Das bedeutet übersetzt 500 Kilometer Reichweite in einer Stunde – die der Stromer aber niemals schafft. Interessanter sind Abrufe von Öko-Tipps zur stromsparenden Fahrweise oder einem Video zur Funktion von Assistenzsystemen. Und wohin mit dem bordeigenen Kabelsalat? Er ruht in einer Tasche im Frachtraum, keine Ideallösung.

Praktischer Opel Vivaro Electric überzeugt mit Variabilität

Dort hinten ist die Entriegelung der Hecktüren auf 180 Grad Öffnung mit spießigen und mitunter nicht wieder einrastenden Aufstellern nicht die schönste aller Lösungen. Aber dann: Palette quer durch die Hecktüren, Palette längs durch die Schiebetür? Passt. Stabile Zurrösen und Vollverkleidung des Laderaums inklusive Radkästen? Reicht. Gewichtige Fracht, ungleiche Verteilung? Geht. Dazu wird der lange E-Transporter bei Bedarf immer länger. Erste Stufe: Deckel raus in der Trennwand hinter dem Beifahrersitz. Zweite Stufe: Fahrersitz hochklappen. Macht dann mehr als vier Meter Platz. Mit diesem Praktiker kann manch hochmoderner und extravaganter E-Trans­porter nicht mithalten.

Man kennt es vom Vivaro und seinen Geschwistern, sie gehen unter Beladung tief in die Knie. Fahren sich mit viel Fracht, aber unproblematisch, gemütlich schaukelnd. Der Testwagen zeigte indes unter dem Ladungs- auch Leidensdruck, ächzte angestrengt. Und knapp bemessen ist mit maximal einer Tonne die An­hängelast des Elektrikers.

Nun Kärtchen-Thomas auf der Suche nach Altmetall, gib’s auf! Der Opel Vivaro Electric, frisch vom Änderungsschneider, ist noch längst nicht reif für dich.

Opel Vivaro Electric XL
  • Abmessungen (L/B/H): 5.330/1.920/1.935 mm
  • Radstand: 3.275 mm
  • Wendekreis: 12.900 mm
  • Laderaum (L/B/H): 2.862–4.026/1.628/1.235 mm
  • Breite zw. den Radkästen: 1.235 mm
  • Ladekapazität: 6,1–6,6 m³
  • Leergewicht Testwagen: 2.160 kg
  • Nutzlast: 893 kg
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 3.053 kg
  • Anhängelast bei 12 % Steigung: 1.000 kg
  • Zul. Zuggesamtgewicht: 4.044 kg
  • Batterie: Lithium-Ionen, netto 69 kWh
  • Aufladung: Wallbox 11 kW, Schnellladung max. 100 kW
  • Motor: E-Motor 100 kW/136 PS
  • Getriebe: Einganggetriebe, feste Übersetzung
  • Höchstgeschwindigkeit: begrenzt auf 135 km/h
  • Verbrauch: 24,0–26,2 kWh/100 km WLTP
  • CO2-Emission: 0 g/km kombiniert
  • Teststrecke beladen: 24,2 kWh/100 km
  • Testverbrauch min./max.: 20,8–33,5 kWh/100 km
  • Grundpreis: 45.400 Euro netto

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