Fahrbericht Ford E-Transit Custom: Vielseitiger Transporter mit vier Leistungsstufen

Ein Transporter, zwei Technologien, vier Leistungsstufen: Doch welcher neue Ford E-Transit Custom passt am besten in Ihren Handwerksfuhrpark?

Vorne bläht er die Nüstern, hinten zeigt er Flügel: die extrem leistungsstarke Variante E-Transit Custom MS-RT.
Vorne bläht er die Nüstern, hinten zeigt er Flügel: die extrem leistungsstarke Variante des Ford E-Transit Custom, "MS-RT". - © Randolf Unruh

Ford und der Transit – das ist eine ganz besondere Beziehung. Was haben die Entwickler – federführend Briten – nicht alles mit dem Transporter angestellt: zu einer riesenlangen Stretch-Limousine auseinandergezogen, Formel-1-Triebwerke eingebaut, zuletzt auf Basis des Ford E-Transit Custom einen Supervan mit rund 1.500 kW/2.000 PS auf die Räder gestellt. Begleitet von britischem Humor und viel Augenzwinkern.

Der Ford E-Transit Custom MS-RT ist der Super-Stromer

So ist wohl auch der neue E-Transit Custom MS-RT zu verstehen, optisch wie technisch ein Fest für die Sinne. Ford versucht sich hier erfolgreich als Geflügelzüchter: Ins Auge fallen neben geblähten Nüstern vorn vor allem hinten zwei Heckflügel links und rechts. Sehr exaltiert, ebenso wie der hintere Stoßfänger mit Diffusor-Optik, die Seitenschweller, die 19-Zoll-Räder mit Bereifung 235/50 und die blauen Bremssättel.

Kein Fall für Schüchterne. Auch drinnen ist der Transporter aufgehübscht, vor allem aber drunter: Die E-Maschine bringt es auf 210 kW/285 PS und 415 Nm Drehmoment – wie bei jedem Elektromotor aus dem Stand. Und wie bei jedem Ford E-Transit Custom ist die Maschine an der Hinterachse angesiedelt. Deshalb fährt der MS-RT auch nicht an, er reißt sich los. Perfekt geregelt, ohne Radierung auf dem Asphalt. Beschleunigt vehement bis hinauf auf 150 Sachen.

Knapp eine Tonne Nutzlast

Eine Fingerübung überdrehter Entwickler und Designer? Von wegen: Der Super-E trägt wie seine sanfteren E-Geschwister knapp eine Tonne Nutzlast und darf ebenso 2,3 Tonnen ziehen. Ford liefert für den Laderaum auf Wunsch Holzboden, Seitenverkleidungen, Airline-Schienen, sogar Regalsysteme. Womit sich der Fahrer in den schnellsten Monteur oder fixesten Chef unter der Sonne verwandelt. Zum Preis von netto 66.950 Euro.

Die Basisausführung des Ford E-Transit Custom ist der "Einstiegs-Elektriker"

Es geht auch anders. Die Basisausführung des E-Transit Custom steht ab netto 48.700 Euro in der Preisliste. Die E-Maschine leistet hier 100 kW/136 PS, zusammen mit dem identischen Drehmoment eine kraftvolle Kombination. Auch sie bietet einen verblüffend guten Antritt schon beim kurzen Tritt aufs Fahrpedal. Der Einstiegs-Ford geht gut, selbst mit Ballast im Heck. Zugunsten des Verbrauchs und der Reichweite beschneidet der Hersteller indes die Höchstgeschwindigkeit: Bei Tacho 115 km/h ist Schluss. Da keine Freigabe für ein höheres Tempo vor­gesehen ist, beschränkt sich das Einsatz­gebiet auf Kurz- und Überland­strecken.

Die Sport-Variante

Ausweg ist für einen Aufpreis von netto 2.000 Euro die erheblich stärkere Aus­führung mit 160 kW/218 PS Leistung. Sie geht nochmals schneidiger zur Sache, bei sehr temperamentvollen Fahrern sogar schneidiger als nötig. Ford lässt diese ­Variante 130 Sachen laufen, realistisch auch für Autobahnetappen. Auf Wunsch sind sogar 150 km/h freigegeben. Doch Vorsicht – hohes Tempo und große Reichweiten schließen sich gegenseitig aus. In der extrovertierten Sport-Ausführung mit breiten GT-Streifen und weiterem Zierrat schlägt der E-Ford die Brücke zum MS-RT, aber technisch und optisch nicht über die Stränge.

Der Ford E-Transit Custom verfügt über angenehmes Fahrverhalten

Typisch für alle vollelektrischen Transit Custom ist der eigenständige Grill. Dahinter steckt Hochvolttechnik. Es folgt im Untergrund eine Batterie von nominell 82 kWh. Nutzbar sind lediglich 64 kWh, das ist nicht üppig. Gut also, dass der Elektriker mit bis zu 125 kW an der Schnellladesäule recht flott Reich­weite sammelt. Und die serienmäßige Wärmepumpe den Stromverbrauch der Klimatisierung senkt. In der Architektur folgt im Bereich der Hinterachse der Heckmotor mit einem identischen Drehmoment von 415 Nm für alle Vollstrom-Leistungsvarianten. Allemal genug für einen kompakten Transporter.

Drinnen am Fahrerarbeitsplatz eröffnet sich durchweg die typische Transit-Custom-Landschaft: oben wie unten abgeplattetes Lenkrad. Wählhebel für die Fahrtrichtung an der Lenksäule. Eigenwillige Digitalarmaturen, schön bunt, doch schwer genießbar. Es gibt zahlreiche Ablagen einschließlich des zweiten Handschuhfachs, denn der Beifahrer-­Airbag steckt in der Dachverkleidung. Reichlich Steckdosen, auch 230 Volt zum Anzapfen der Traktionsbatterie mit Elektrowerkzeug im Heck. LED-Licht im Frachtraum, auch als Vorfeldbeleuchtung. Das Fahrverhalten ist durchaus angenehm, auch wenn der Sitz wenig Seitenhalt gibt und die elektrische Lenkung etwas gefühllos und zickig agiert, die Vorderachse ein wenig zu Nickschwingungen neigt.

Der Plug-in-Hybrid

Einer geht noch: Der Ford Transit Plug-in-Hybrid komplettiert das Stromer-Quartett. Er ist mit einem Nettopreis für den Kastenwagen ab 44.600 Euro die günstigste Möglichkeit zum Einstieg in die E-Mobilität von Ford, hier eine Teil-Elektromobilität. Im Unterschied zu den Vollelektrikern sind die Vorderräder angetrieben. Unter Transportern ein­zigartig ist die Kombination aus einem 2,5-Liter-Benziner, einem E-Motor mit einer Systemleistung von 171 kW/233 PS, dem stufenlosen CVT-Getriebe mit Gliederband sowie einer schlanken ­Batterie mit einem Nutzinhalt von 11,8 kWh. Das klingt exotisch und fährt sich gewöhnungsbedürftig. Definierbar ist die Verteilung der Antriebskraft. In Grundeinstellung fährt der Transporter rein elektrisch los, schafft um die 50 Kilometer Reichweite elek­trisch. Wahlweise verlegt der Fahrer die E-Fahrt in die Zukunft, etwa angesichts einer Sperrzone am Ankunftsort. Er kann ebenso aktiv die Batterie laden. Oder der Fahrer überlässt die Wahl des Antriebs dem Transporter.

So auch hier. Zunächst schnurrt der Ford rein elektrisch vom Hof, schleicht durch die Stadt. Ortsende, Tritt aufs Gas – hörbar schaltet sich der kräftige Benziner zu. Bei vollem Punch bollert die Maschine wie ein V8 im Mustang – dabei ist sie als Vierzylinder sowie in Hubraum und Leistung im Vergleich dazu exakt ein Halbstarker. Macht nichts, für den Transit Custom genügt der Mumm. Ob die Variante des Plug-in-Hybrid Sinn hat, muss jeder selbst entscheiden – zu viel Benzinanteil im Transporter ist ungesund fürs Portemonnaie. Erst recht als MS-RT, auch den Plug-in-Hybrid gibt es mit komplettem Flügelwerk. Immerhin 8.000 Euro günstiger als den wilden Vollstromer.

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