Kolumne "Professioneller Bauablauf" von Andreas Scheibe, 63. Folge VOB: Die 7 schlimmsten Cashflow-Fallen während eines Bauprojekts

Sie haben einen großen VOB-Auftrag gewonnen? Glückwunsch – Sie sitzen in einer der großen Cashflow-Fallen! Wochenlange Zahlungsverzögerungen, verweigerte Abnahmen, verlorene Prozesse: Der vermeintlich sichere Auftraggeber stellt sich als größter Gegner deines Cashflows heraus. Andreas Scheibe, VOB-Trainer, demonstriert die sieben kritischsten Szenarien, die Liquidität vernichten und auch die besten Leute des Handwerks vergraulen können.

Kolumne „Professioneller Bauablauf“ Folge 63, von Andreas Scheibe
In der 63. Folge von „Professioneller Bauablauf“ berichtet Andreas Scheibe von den sieben schlimmsten Cashflow-Fallen, die Handwerksbetrieben innerhalb eines Projektes begegnen können. - © Westend61 - stock.adobe.com

Jeder Handwerker kennt die Hoffnung: Ein öffentlicher oder großer VOB-Auftrag verspricht Sicherheit und Volumen. Doch die Realität gleicht oft einer Katastrophe. Wer hier unvorbereitet in Cashflow-Fallen hineinstolpert, spielt nicht nur mit seinem Gewinn, sondern mit der Existenz seines ganzen Betriebs. Das ist der absolute Worst Case, den wir in der Branche ständig sehen, nämlich eine Kette von Ereignissen, die Betriebe in die Knie zwingen können:

1. Das Planungsvakuum: Arbeiten ohne Unterlagen

Sie haben den Auftrag gewonnen, doch die Pläne fehlen. Oder aber sie sind mangelhaft, voller Fehler oder schieben Ihnen die unbezahlte Planungsverantwortung zu. Trotzdem fangen Sie an, aus Angst den Auftrag zu verlieren.

2. Der Liquiditätskiller: Zahlungsfristen werden ignoriert

Sie haben Material und Löhne bezahlt, die Leistung erbracht sowie die Rechnung gestellt. Und dann: Funkstille. Gerade bei öffentlichen Auftraggebern ist das System: Sie zahlen zu spät, zu wenig oder eben gar nicht. 85% der Verwaltungen reißen die Fristen – und zwar oft monatelang. Die Ausrede? Personalmangel! Die Folge: Ihre Kasse ist leer. Und Ihr Kredit wird teurer. Sie geraten in eine Liquiditätsfalle, die Sie mit Ihren privaten Projekten querfinanzieren müssen.

3. Der stille Killer: Verschleiß Ihrer besten Leute

Ihr Obermonteur ist frustriert, weil er auf der Baustelle nur Däumchen dreht und auf Pläne wartet. Statt zu handwerken, muss er das Chaos managen. Die Folge: Ihre besten Mitarbeiter kündigen. Sie haben keinen Bock auf schlecht laufende Projekte und suchen sich einen Betrieb, der mehr Ruhe und sichere Projekte bietet. Der Verschleiß Ihres Personals ist die schlimmste Langzeitfolge des Chaos.

4. Die Stillstandsfalle: Wochenlang unproduktiv warten

Der Bauherr oder der Planer kann sich nicht entscheiden oder liefert einfach keine Vorleistung. Ihr Bagger rollt an, die Kolonne steht bereit – und dann Stillstand für ein halbes Jahr. Die Folge: Sie haben nutzlos Personal und Maschinen bereitgehalten. Sie haben massive Allgemeine Geschäftskosten (AGK) verursacht. Wenn Sie diese Behinderung nicht sofort und formell gemeldet haben, verlieren Sie den Anspruch auf Entschädigung. Sie zahlen drauf, obwohl Sie nichts dafür können.

5. Die Nachtrags-Blockade: Nein zu den Ihnen zustehenden Vergütungen

Sie haben zusätzliche Leistungen erbracht (weil der Planer es falsch gemacht hat) und stellen nun Ihren Nachtrag. Doch dieser wird abgelehnt, weil der Planer seine eigenen Fehler kaschieren will. Die Folge: Ihr mühsam kalkulierter Gewinn schmilzt dahin. Sie arbeiten für den guten Zweck, weil Sie nicht gelernt haben, Nachträge sauber anzukündigen und wasserdicht zu verargumentieren ehe Sie die Leistung erbringen.

6. Die Abnahme-Erpressung: Mängel vorgeschoben

Das Projekt ist fertig. Sie wollen Ihr Geld. Aber der Auftraggeber verweigert die Abnahme und spricht plötzlich von angeblichen, riesigen Mängeln – nur um die Zahlung zu blockieren. Die Folge: Ihr offener Betrag wird zur Geisel. Ohne Abnahme beginnen die Gewährleistungsfristen nicht zu laufen und Sie müssen weiter bangen. Die ganze Unsicherheit vergiftet Ihre Firma.

7. Das gerichtliche Desaster: Verloren, weil Sie nicht dokumentiert haben

Sie gehen wegen der offenen Hunderttausende Euro vor Gericht. Sie haben Recht, das wissen Sie – aber Sie verlieren den Prozess, weil Ihnen eine nüchterne, vernünftige sowie störungsorientierte Dokumentation fehlt.

Alle diese Cashflow-Fallen sind definitiv vermeidbar

Der Schlüssel liegt nicht darin, dass Sie besser handwerken, sondern dass Sie strategisch härter agieren. Sie sind der Profi, der den Bauablauf retten kann. Die Macht liegt in Ihrer Hand. Wer die Spielregeln kennt und anwendet, zwingt den unprofessionellen Bauablauf zurück in die Ordnung. Das Ergebnis: Rendite rauf und zwar bis zu 15 Prozent. Ihre guten Leute bleiben, weil sie wieder Handwerk mit Freude statt Chaos und Cashflow-Fallen erleben.

Über den Autor Andreas Scheibe:
© Continu-ING GmbH - © Continu-ING GmbH

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!

Mit der Continu-ING GmbH (continu-ing.com) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.

"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"

Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.

In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.

stark-im-handwerk.de

Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"

Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.

In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.

der-professionelle-bauablauf.de

Zugehörige Themenseiten:
Auftragsabwicklung, Baurecht, Liquiditätsmanagement und Professioneller Bauablauf – Kolumne von Andreas Scheibe