Auf einmal flattert die Mängelanzeige ins Haus. Irgendwas ist nicht mehr so, wie es sein sollte, und schuld hat natürlich der Handwerksbetrieb. VOB-Trainer Andreas Scheibe erklärt, dass das nicht stimmen muss und appelliert: „Gewinnen Sie die Kontrolle über Ihre Bauprojekte zurück!“ Welche die häufigsten Fehler in der Gewährleistungsphase im Bauwesen sind und wie sich diese vermeiden lassen, unser Kolumnist verrät es Ihnen.

Stellen Sie sich einmal vor: Sie haben Ihr Team durch ein stressiges Bauprojekt gebracht. Materialengpässe, Abstimmungen mit anderen Gewerken, Last-Minute-Änderungen – Sie haben es trotzdem irgendwie gewuppt! Dann kommt die Abnahme: Sie unterschreiben, die Bauherren sind zufrieden, alle klopfen sich auf die Schulter.
Das Bauprojekt scheint geglückt. Doch dann ein paar Monate später flattert plötzlich eine Mängelanzeige rein. Ein Kratzer an der Tür. Die Heizung macht komische Geräusche. Die Verantwortung? Natürlich sollen Sie es gewesen sein. Kennen Sie das?
Ein Bauprojekt, das nicht sauber läuft
Als Handwerksunternehmer mit 20 bis 50 Mitarbeitern sind Sie längst kein Anfänger mehr. Sie wissen, wie’s läuft – und genau hier ist der Punkt: Es läuft eben oft nicht sauber. Und das liegt nicht an Ihnen, sondern an einem System, das Sie kleinhält, wenn Sie nicht aktiv gegensteuern. Höchste Zeit also, die Spielregeln neu zu setzen.
Eine Unterschrift, die bei einer Mängelanzeige das Genick brechen kann
Der erste und häufig unterschätzte Fehler: Sie unterschreiben Abnahmeprotokolle noch direkt vor Ort – und das sollten Sie ab sofort nicht mehr tun. In jenem Moment haben Sie oft gar nicht genügend Ruhe, um alles sorgsam zu prüfen. Sie wollen einfach nur schnell fertig werden, der Bauleiter drängt, der Kunde auch – und zack haben Sie ein Papier unterschrieben, das Ihnen später das Genick brechen kann.
Lassen Sie sich das Protokoll stattdessen besser per Mail schicken, nehmen Sie sich 24 bis 48 Stunden Zeit zur Prüfung, halten Sie alle offenen Punkte schriftlich fest und unterschreiben Sie erst dann, wenn wirklich alles klar ist.
Sie sind hier nicht der Detektiv
Der zweite Fehler ist nicht weniger teuer: Sie reagieren auf jede Mängelanzeige wie ein Feuerwehrmann, nämlich sofort und ohne weitere Prüfung. Doch das kostet Sie Zeit, Geld und Nerven, vor allem aber ist es nicht Ihr Job, unbezahlte Detektivarbeit zu leisten. Wer behauptet, Sie hätten bei einem Bauprojekt Mist gebaut, muss das erst mal beweisen – und nicht umgekehrt! Lassen Sie sich deshalb jede Mängelanzeige schriftlich geben, mit konkreter Beschreibung sowie Fotodokumentation. Klären Sie intern, ob es überhaupt Ihr Gewerk betrifft und verlangen Sie im Zweifel einen Nachweis, dass der Mangel tatsächlich auf Ihre Arbeit zurückzuführen ist. Ist das nicht eindeutig, berechnen Sie Recherche- und Prüfaufwand ganz normal nach Stundenlohn weiter – wie bei jedem anderen Auftrag auch.
... und da schmilzt der Gewinn dahin!
Dazu kommt ein dritter Punkt, der auf den ersten Blick harmlos wirkt, sich aber brutal summiert: Sie sind zu nett bei Nachträgen und Zusatzarbeiten. "Mach doch mal eben ..." – und schon sind zwei Leute drei Stunden beschäftigt. Ungeplant, unbezahlt. Über Monate hinweg kann das leicht einen fünfstelligen Betrag ausmachen, während Ihr Gewinn dahinschmilzt und dass, obwohl Ihr Team Vollgas gibt. Die Lösung ist daher denkbar einfach: Nichts ohne schriftliche Freigabe und keine Zusatzarbeit ohne Nachtrag. Keine lange Diskussion, sondern klare Kommunikation: „Gern, aber nur mit schriftlichem Auftrag." Wenn es drauf ankommt, stellen Sie die Arbeit ein und zwar bis Klarheit herrscht. Sie sind hier nicht der Depp vom Dienst!
Schaffen Sie Beweise gegen eine unbegründete Mängelanzeige
Und dann wäre da noch die vielleicht ärgerlichste Dynamik bei jedem Bauprojekt: Sie lassen sich zu oft den Schuh anziehen. Der Architekt, der Bauherr, der Projektsteuerer – alle spielen sie dasselbe Spiel. Und schuld sind am Ende natürlich immer die Handwerker. Dabei sind Sie derjenige, der das Ding zum Laufen bringt. Deshalb: Kommunizieren Sie schriftlich und zwar immer, auch wenn es nur eine kurze Info ist à la „Zur Info: Wir bauen nach Planstand 04/2024." Dokumentieren Sie mit Fotos, täglich wenn nötig, und schaffen Sie Beweise, bevor diese bei Mängelanzeigen gegen Sie verwendet werden. Und wenn es hart auf hart kommt, holen Sie sich rechtlichen Beistand, bevor Sie sich selbst um Kopf und Kragen reden.
Handwerker und Unternehmer sein
Wer diese Punkte konsequent umsetzt, gewinnt spürbar mehr Ruhe im Betrieb, weil das Team weiß, was Sache ist. Es bleibt mehr Geld am Monatsende, weil Sie keine Arbeitszeit mehr verschenken. Sie gewinnen mehr Respekt bei Bauprojekten, weil Sie eben nicht mehr einfach alles schlucken. Und es herrscht mehr Klarheit bei Gewährleistung und Haftung – und damit auch deutlich weniger Streit.
Natürlich können Sie auch so weitermachen wie bisher: sich über jedes neue Bauprojekt freuen und gleichzeitig innerlich hoffen, dass es halbwegs glatt läuft. Oder Sie stellen heute die Weichen für einen Betrieb, der professionell handelt, sich nicht ausnutzen lässt und wirtschaftlich auf festen Beinen steht. Sie sind nicht nur Handwerker – Sie sind auch Unternehmer.
Über den Autor Andreas Scheibe:

Andreas Scheibe hat selbst als Planer und Projektleiter in großen Firmen gearbeitet, später den väterlichen Handwerksbetrieb übernommen und umgekrempelt. Seine Erfahrung bezahlte er laut eigener Aussage mit viel „Schweiß und Blut“, aber auch viel Geld. Es entstand die Idee zum „professionellen Bauablauf“!
Mit der Continu-ING GmbH (www.continu-ing.com) verfolgt er heute als Coach und Mentor eine Mission: Das Handwerk muss wieder für seine Leistung anerkannt und entsprechend vergütet werden. Schluss mit dem „Sozialhandwerker“, der sich nicht zu wehren weiß und auf Kosten sitzen bleibt. Vom Handwerker als Getriebener zum aktiven Projekttreiber. Wichtige Fragen sollen endlich geklärt werden: Was sind meine Rechte, was meine Pflichten? Wie sieht es mit den
Pflichten anderer aus? Was kann und muss ich fordern, um störungsfrei arbeiten zu können? Wie gelingt der Sprung vom letzten, missachteten Glied im Bauablauf zu einer Position auf Augenhöhe mit Fachplaner und Auftraggeber? Andreas Scheibe möchte neue Sichtfelder für Handwerker eröffnen.
"Stark im Handwerk – das Buch für Handwerker im VOB-Projektgeschäft"
Im August 2021 ist das erste Buch "Stark im Handwerk" von Andreas Scheibe erschienen. Darin beweist der Experte, dass die in der VOB viel Potenzial und auch viel Geld für Handwerker steckt. Aus der Praxis weiß handwerk-magazin-Kolumnist Scheibe, dass das Bild, welches Auftraggeber, Architekten und Planungsbüros oft vom Handwerker haben, meist kein ruhmreiches ist. Zwar sind die ausführenden Firmen nach deutschen Standards sehr gut ausgebildet und wissen technisch bestens Bescheid, doch von einer Sache hat man Ihnen nichts erzählt: Welche Rechte sie haben! Und auch nicht, dass sie eigentlich und zuallererst auf Augenhöhe mit Auftraggeber und Fachplaner stehen. "Der Handwerker ist zwar der letzte in der Reihenfolge bezogen auf den Bauablauf, aber der letzte Depp ist er noch lange nicht", erklärt Andreas Scheibe.
In diesem Zusammenhang kommt der Autor in seinem Buch sowohl auf die Rechte und Pflichten eines Handwerkers als auch auf die Rechte und Pflichten der anderen Projektbeteiligten zu sprechen. Denn genau diese sind im Detail in der VOB geregelt. Die Formulierungen klingen jedoch oft kompliziert und die Anwendung ist daher auch sehr unbeliebt – zu Unrecht, wie der Autor findet. Das Buch von Andreas Scheibe weckt nicht nur Interesse für das Projektgeschäft, sondern auch für das Durchsetzen von Rechten und Einfordern von Pflichten, sowie den spielerischen Umgang mit Paragrafen. Das Ziel: Handwerk muss wieder Spaß machen, gerecht bezahlt werden und zu alter Stärke zurückfinden.
Neues Buch: "Der professionelle Bauablauf – Das Schritt-für-Schritt System um deine Liquidität nachhaltig zu sichern"
Im August 2023 erschien das bereits dritte Buch von Andreas Scheibe „Der professionelle Bauablauf“. In diesem Buch sind viele Jahre Erfahrung in der Durchführung und auch Beratung von hunderten Handwerksunternehmen eingeflossen. Daraus entstanden ist ein praxiserprobtes und sofort umsetzbares Schritt-für-Schritt System welches mehr Klarheit und Sicherheit im Bauablauf für Handwerker verspricht. In diesem Buch geht es um notwendige Fähigkeiten um standardisierte Ablaufpläne zu erstellen, hochprofitable Nachträge durchzusetzen und berechtigte Forderungen darzulegen, zu begründen und zu verhandeln.
In seinem Buch geht Andreas Scheibe auch auf die 47 häufigsten und teuersten Fehler in VOB-Projekten ein, und wie sich diese verhindern lassen. Am Ende geht es darum, einen standardisierten Schriftverkehr einzuführen und Projekte strukturiert und profitabel abzuwickeln. Und das nach den Spielregeln der VOB.