Gespräch mit IAA-Ausstellern Connected Cars: Telematik-Dienste bieten neue Chancen für den gewerblichen Fuhrpark

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Mithilfe von Echtzeitdaten können Handwerkschefs ihre Flotte effizienter managen. Erste Testballons helfen, gut ins Thema reinzukommen. Erkenntnisse von der IAA Transportation.

CHANCEN mit Connected Cars
Jeden Euro, den Handwerker in die richtigen Digitalisierungsmaßnahmen investieren, erhalten sie später mehrfach wieder zurück. – © SergeyBitos – stock.adobe.com

Jahrelang ist das Hannoveraner Messe­gelände die Heimat der Cebit gewesen und somit auch ein Trendsetter in Sachen IT, Software und Daten. Aber auch die IAA Transportation, die kürzlich an selber Stelle stattfand? Natürlich. Denn im Zuge der Antriebswende gewinnt das Thema Connected Cars in gewerblichen Fuhrparks rasant an Bedeutung. Weniger Sprit und Strom, effizientere Touren oder geringerer Personaleinsatz – in diesen ­herausfordernden Zeiten sind Kostendämpfungsprogramme, die Telematik-Dienste dank ihrer Daten nachweislich ermöglichen, willkommen.

Insofern die Fuhrparkbudget-Entscheider die Vorteile, die das Thema Daten bietet, überhaupt schon erkannt haben. Laut einer Befragung von Handelsblatt Research Institute und Ford Pro setzen beispielsweise 63 Prozent der Interviewten noch nicht auf Telematik-Dienstleistungen. Gründe wie Kosten, Komplexität und Datenschutz scheinen sie derzeit noch fremdeln zu lassen. Welche konkreten Vorteile das Thema für Handwerks­betriebe und ihre Fuhrparks bringt, wollten wir von drei ganz unterschiedlichen IAA-Ausstellern wissen: einem Telematik-Anbieter, einem Fahrzeugeinrichter und einem Auto­hersteller.

1. Wolfgang Schmid, Director Central DACH beim Telematik-Anbieter Webfleet

Wolfgang Schmid, Director Central DACH beim Telematik-Anbieter Webfleet
© Webfleet
handwerk magazin: Herr Schmid, mit einer professionellen Datenbasis können Gewerbekunden leichter Entscheidungen treffen. Wie holen Sie den klassischen Handwerksmeister bei diesem Thema ab?

Schmid: Indem wir zeigen, dass Digitalisierung und Daten nicht nur etwas für Großunternehmen sind, sondern auch für kleine und mittelständische Betriebe. Das Handwerk ist sehr vielfältig, doch ob Bauhandwerker, Elektro-, Sanitär- und Versorgungstechniker, oder Lebensmittelhandwerker – viele Betriebe stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Wie schaffe ich es, flexibel auch auf kurzfristige Anfragen zu reagieren, pünktlich am Auftragsort zu sein und Kunden über meinen voraussichtlichen Ankunftszeitpunkt ins Bild zu setzen? Wie verringere ich gefahrene Kilometer, verbrauchten Sprit und den Verschleiß meiner Fahrzeuge? Wie erfasse ich Arbeitszeiten und erbrachte Leistungen oder weise die Ergebnisse meiner Arbeit nach? Diese Fragen treiben das Handwerk um. Mit unserer Arbeit wollen wir ihnen zeigen: Die Antwort steckt in euren eigenen Daten, und wir helfen euch, dieses versteckte Wissen zu heben und zu nutzen.

Für viele Gewerbekunden ist das Daten-Business noch Neuland. Wie gelingt es Ihnen, die Handwerker von Anfang an mit ins Boot zu nehmen?

Es ist uns wichtig, klar die konkreten Gegenwerte aufzuzeigen, die Betriebe für ihre Investition in die eigene Digitalisierung erhalten, indem sie sich etwa unsere Standard-Telematik-Lösung Webfleet anschaffen. Ein ordentliches Daten-Management zu etablieren ist kein Selbstzweck. Es soll und muss sich für die Unternehmen finanziell lohnen. In kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben bedeutet dies zuallererst: Kosten und Zeit zu sparen, ob für Kraftstoff, durch die Ermittlung optimaler Routen, oder in der Verwaltung, wo die Mitarbeiter im Büro den Kollegen im Außendienst dank eines besseren Auftragsmanagements nicht mehr hinterhertelefonieren müssen und so Zeit für andere Aufgaben haben. Außerdem stehen wir unseren Kunden als Partner jederzeit beratend zur Seite. Als Handwerker müssen sie keine Experten in Sachen Digitalisierung werden. Wir, aber auch unsere Vertriebspartner, lassen sie bei dem Thema nicht allein und unterstützen sie bei der Wahl der für sie optimalen Lösung.

Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass Handwerksunternehmer stärker in die Digitalisierung und das Thema Daten reinkommen?

Aus zwei Gründen. Erstens: Großkonzerne und Start-ups haben eine beispiellose Digitalisierungswelle in Gang gesetzt. Digital ist das neue Normal. Das hat die Erwartungen vieler Endverbraucher verschoben. Sie empfinden es als selbstverständlich, dass Betriebe digitale Lösungen nutzen, um ihre Kundenerfahrung so zuvorkommend und einfach zu gestalten wie möglich. Diesem Trend muss das Handwerk folgen, wenn es den Anschluss nicht verlieren und weiter selbstbestimmt wirtschaften will. Zweitens: Handwerksbetriebe können selbst die größten Profiteure der Digitalisierung sein. Wie gesagt bietet ein gelungenes Management der eigenen Daten einem Unternehmen ungeahnte Chancen. Gerade kleine Betriebe schrecken vor dem initialen Aufwand zurück, doch diese Perspektive ist zu kurzfristig. Jeden Euro, den Handwerker in die richtigen Digitalisierungsmaßnahmen investieren, erhalten sie später mehrfach wieder zurück. Ich sehe nicht, warum sie sich dieses Geschäft entgehen lassen sollten.

Ihr Tipp, wie Gewerbekunden in Sachen professionelles Daten-Management am besten ins Handeln kommen?

Fangen Sie klein an. Konzentrieren Sie sich zuerst auf das, wovon Sie sich unmittelbare Vorteile versprechen und sammeln Sie so Erfahrung. Viele Unternehmen, die anfangs nur unsere Routenplanung nutzen, weiten ihre Verwendung später auch auf unsere anderen Angebote aus. Sie haben sich von unserer Leistung überzeugen können, sind in der Nutzung digitaler Tools sicherer geworden und können so deren Vorteile besser einschätzen, um sich für die Einführung genau der Lösungen zu entscheiden, die zu ihnen passen. Außerdem: Es muss nicht immer die gesamte Flotte auf einmal digitalisiert werden. Erlauben Sie sich „Testballons“. Vergleichen Sie es mit der Elektrifizierung. Elektromobilität ist aktuell einer der Megatrends im Bereich Flottenmanagement. Aber deshalb gleich den ganzen Fuhrpark gegen E-Fahrzeuge austauschen? Das gibt die Ladeinfrastruktur meist noch nicht her, und passt auch nicht in jedes Geschäftsmodell.

Webfleet analysiert die von Ihren Fahrzeugen zurückgelegten Entfernungen und erstellt Empfehlungen, welche Fahrzeuge problemlos gegen Elektrofahrzeuge ausgetauscht werden könnten – und welche nicht. Außerdem lassen sich mit Webfleet Ladevorgänge im Fuhrpark zentral planen. Fuhrparkmanager erhalten Echtzeit-Informationen zu Akkuständen, zum Ladestatus, verbleibenden Ladezeiten und Reichweiten. So können sie die Umstellung auf E-Fahrzeuge im kleinen Maßstab testen – und diese auf einer soliden Informationsbasis ausweiten, sobald die Gegebenheiten es zulassen.

2. Sortimo-Chef Reinhold Braun

Sortimo-Chef Reinhold Braun
© Sortimo
handwerk magazin: Herr Braun, mit Ihrem Fleet-Management-Services-Ansatz möchten Sie die Produktivität von Handwerksfuhrparks steigern. Wo sehen Sie hier die größten Hebel?

Braun: Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der ganzheitlichen Betrachtung des Mobilitätsbedarfs. Angefangen bei der tiefgreifenden Beratung der Kunden, um das optimale Setup aus Inventar, Einrichtung und Fahrzeug zu bestimmen, gefolgt von einer einfachen und transparenten Beschaffung bis hin zum Monitoring der Setups im Betrieb. Highlights werden hier unser Inventory Management und die Integration von Telematik-Diensten sein. Damit ermöglichen wir unseren Kunden schnell, einfach und aus einer Hand alle Informationen zur Einrichtung, Inventar und Fahrzeug zu verwalten. So können Fahrzeug- und Werkzeugverfügbarkeiten zu jeder Zeit sichergestellt und damit Leerfahrten sowie Inventarschwund verringert werden. Zeitgleich erhöht sich die Produktivität durch die Reduktion des manuellen Aufwands und die Erhöhung der Auftragserfüllungsquote direkt beim ersten Servicebesuch.

Wie groß war die Resonanz auf der IAA Transportation auf dieses Angebot?

Wir freuen uns sehr, über das enorm große Interesse des Messepublikums. Sowohl nationale als auch internationale Kunden waren von unserem Fleet-Management-Services-Programm begeistert. Das bestätigt und ermutigt uns, diesen neuen Ansatz weiterhin stringent zu verfolgen, um für unsere Kunden absolute Mehrwerte bieten zu können.

Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass Handwerksunternehmer stärker in die Digitalisierung und das Thema Daten reinkommen?

Die Digitalisierung birgt für Handwerksunternehmen enorm großes Potenzial. Es bieten sich völlig neue Wege und Ansätze, Produkte und Dienstleistungen am Markt anzubieten. Dadurch werden Unternehmen nicht nur serviceorientierter, sie bleiben vor allem wettbewerbsfähig.

Ihr Tipp, wie Gewerbekunden in Sachen professionelles Daten-Management am besten ins Handeln kommen?

Im ersten Schritt sollten sich Unternehmen einen Überblick darüber verschaffen, welche Daten zur Verfügung stehen. Eine umfangreiche Beratungs- und Analysemöglichkeit bieten wir bei Sortimo auch hier mit unserem Fleet-Management-Services-Programm an. Je nach Unternehmensstrategie werden dann relevante Felder ermittelt aus denen verwertbare Einblicke gewonnen werden sollen. Da durch unzureichendes Daten-Management Daten oft in Silos verwaltet werden, ist es wichtig mit Partnern zu arbeiten, die diese Silos aufbrechen und die Daten effizient erschließen können. Zudem ist es für Kunden sinnvoll über modulare Angebote nur die Services zu bezahlen, die auch tatsächlich genutzt werden. Ein weiterer unabdingbarer Bestandteil eines professionellen Daten-Managements ist es, mit offenen Systemen zu arbeiten, so dass perspektivisch viele weitere Datenquellen mit geringem Aufwand angeschlossen werden. Im Ergebnis können damit aus vielen verschieden Datenquellen eindeutige Schlüsse gezogen werden, die den Kunden absolute Mehrwerte bieten.

3. Claudia Vogt, Director Commercial Vehicles DACH bei Ford Werke

Claudia Vogt, Director Commercial Vehicles DACH bei Ford Werke
– © Ford
handwerk magazin: Frau Vogt, mit Ford Pro bieten Sie Gewerbekunden einen One-Stop-Shop an. Wie groß war die Resonanz auf der IAA Transportation auf dieses Angebot?

Vogt: Ford Pro als neues Vertriebs- und Kundensystem bietet eine individuell auf die Gewerbetreibenden zugeschnittene 360-Grad-Lösung, bei der alles aus einer Hand kommt: hochmoderne Transporter ebenso wie fortschrittliche Software-Lösungen und Lade-Technologien, das Handling von Wartungs- und Inspektionsservices, attraktive Finanzierungsangebote und sogar ein Netzwerk von Fahrzeug-Um- und Ausbauern, denen Ford zum Beispiel bei der Zulassung ihrer Modifikationen hilft. Dieses Programm haben wir den Besuchern auch durch unser Standkonzept nähergebracht, das auf der IAA sehr gut ankam. Speziell in der heutigen Zeit sind viele Betriebe verunsichert, was die Transformation zur Elektromobilität betrifft. Darum greifen sie gerne auf unsere Beratungsangebote im Rahmen von Ford Pro zurück, denn wir zeigen ihnen auf, wie sie den Wechsel erfolgreich zu gestalten. Auch die Ford Telematics-Dienste erfreuen sich großer Nachfrage.

Mit welchen Argumenten konnten Sie und Ihr Team auf der Messe Gewerbekunden als erstes überzeugen?

Indem wir die Wirtschaftlichkeit des Kundenfuhrparks in den Mittelpunkt rücken – denn das „Pro“ im Namen steht bei uns auch für „Produktivität“. Daher ist es unser Ziel, die Einsatzzeit der Nutzfahrzeugflotte zu steigern und die Unterhaltskosten der Fahrzeuge zu senken. Dieser ganzheitliche Ansatz ist ein überzeugendes Argument. Das Ford Liive Center zum Beispiel optimiert die Betriebszeiten der Wagen. Damit haben wir bei den leichten Nutzfahrzeugen ein Alleinstellungsmerkmal: Wir weisen den Kunden proaktiv auf technische Probleme oder Servicetermine hin und reservieren nach Rücksprache mit ihm bei der hinterlegten Werkstatt einen Termin, zu dem dann die notwendigen Ersatzteile schon bereit liegen. Auf Wunsch steht dort auch ein Ersatzfahrzeug zur Verfügung. Wir können aber auch mit unseren mobilen Service-Vans punkten. Mit ihnen kommt die Werkstatt zum Kunden und löst in 70 Prozent der Fälle die Aufgaben vor Ort.

Dank Ihrer digitalen Plattform können Gewerbekunden viele Daten sammeln und ihre Maßnahmen daraus ableiten. Warum ist das in der aktuellen Antriebswende besonders wichtig?

Zunächst einmal liegt die Erfassung von Daten allein in den Händen unserer Kunden: Sie müssen ihre Zustimmung geben, welche Informationen konkret gesammelt werden. Ob zum Beispiel über das Telematics-System die Fahrgewohnheiten der Fahrer erfasst werden, darüber entscheidet allein der Kunde und bei größeren Unternehmen auch der Betriebsrat.

Gerade in Verbindung mit der Elektromobilität können diese Daten allerdings helfen, die Firmenflotte noch effektiver einzusetzen – Stichwort Ford Pro E-Telematics. Diese Software übersetzt wesentliche Fahrzeugdaten, die etwa der neue Ford E-Transit über sein serienmäßiges FordPass Connect-Modem übermittelt, in wichtige Informationen: von der verbliebenen Restreichweite bis hin zu individuell anpassbaren Hinweisen, wenn ein zuvor festgelegtes Batterie-Ladeniveau unterschritten wird oder der Wagen nicht wie vorgesehen lädt. Detaillierte Auswertungen erlauben darüber hinaus Rückschlüsse auf die Ladegeschwindigkeit und den Stromverbrauch. Auch das Vorkonditionieren der Batterie ist möglich, damit sie bereits vor dem Beginn des eigentlichen Ladevorgangs die optimale Arbeitstemperatur erreicht. Dies verkürzt den Aufenthalt an der Ladestation und schont die Akkus. Hinzu kommen weitere Vorteile von der Routenplanung über die Steuerung der Ladesäulenkapazitäten bis hin zu Abrechnungssystemen für jene Mitarbeiter, die den Firmenwagen nach Feierabend daheim an die eigene Wallbox oder an eine öffentliche Ladestation anschließen.

Ihr Tipp, wie Gewerbekunden in Sachen professionelles Daten-Management am besten ins Handeln kommen?

Neben unseren Online-Informationsangeboten stehen hierfür unsere geschulten Mitarbeiter in den 250 Transit-Center als Ansprechpartner bereit, um die Kunden zu den einzelnen Komponenten des Ford Pro-Ökosystems zu beraten. Die Experten von Ford Pro Charging zum Beispiel können auch bei der Errichtung der Lade-Infrastruktur unterstützen. Sie übernehmen auf Wunsch das Projektmanagement inklusive des Planungsprozesses und der Inbetriebnahme der Ladestationen. Zur schlüsselfertigen Ausführung gehören auch die Konzeption sowie die Bestellung und Installation der Ladestationen. Auf diese Weise gelingt auch Betrieben mit geringen Vorkenntnissen in Sachen Elektrifizierung der Umstieg auf die nachhaltige Mobilität.